136 | Wiedersehen

Ja, und nun habe ich Dich doch wiedergesehen.
Du hast einen Kampf verloren
und kannst weder gehen noch stehen.
Schmal und blass, in eine dunkelblaue, wollene Kapuze gehüllt,
so hast Du vor mir in einem Rollstuhl gesessen.

Ich habe in Dein schönes Auge gesehen.
Dein Gesicht erhellte ein Lächeln.
Ich möchte Dir die Welt zu Füssen legen.
Ach, könnten meine Küsse Dich heilen.

Wie gerne würde ich Dich von der Trauer befreien,
dass Du geworfen bist in Dein Schicksal.
Ich zöge Dich wieder an der Hand
in einen wiegenden Tanz
und wir vergäßen alle Schmerzen.

137 | Sommerregen
Dunkel türmen sich die Wolken
am blauen Sommerhimmel auf.
Wer dachte denn, dass am Ende
Du es bist, der stützt sich bei mir auf?

Du bist ein ätherfeiner Mensch
und gingst über Deine Grenze.
Jetzt führt kein Weg zurück.
Wie kann ich für Dich zaubern,
wie schenke ich Dir Glück?

Wie fange ich die Tropfen
vom Regenhimmel weg?
Ich möchte für Dich kämpfen
und bin darin nicht sehr geschickt.

Ich pflücke Dir zwölf Rosen
und salbe in ihrem Duft Dein Haar.
Ich möchte Dich liebkosen,
doch warte ich, bis ich’s darf.

108 | In der Stille

Wir kleideten uns in die Seide meiner Locken,

und verbargen so unsere Nacktheit vor anderer Leute Blicken.

Wir sahen hinab bis auf den Grund des anderen Aug’s

und schufen so die Zeit, uns aus der Zeit zu entrücken.



Dein frohes Lachen hallt 

noch in die Stille.

Seit Du verschwandst,

geh ich nicht mehr gern hinaus ins Helle.



Die Stunden mit Dir waren 

des Lebens reine Fülle.
Um die Erinnerungen dran zu bewahren,

warte ich auf des Herbstes Regenkühle.

100 | Dunkelheit

Dunkel umschliesst mich das Blau
der gedämpften, samtenen Nacht.
Ich tauche hinab
und vergesse, dass es Licht und Tage gab.

Von der Stirn rinnen heiss
Tropfen von strömenden Schweiss.
Fahl leuchten der Mond und die Sterne
vom finsteren Himmel herab.

Erschöpft gleitet der Abend in die Dunkelheit.
Drückend erfasst mich unruhiger Schlaf.
Selbst im leuchtenden Glanz des Frühlings
habe ich die Tage im Schatten verbracht.

101 | Als ich Dich traf
Wie auf Schwingen ging ich dahin,
als ich Dich traf – so rund, so fest und weich.
So selig war mein Mund,
als Du Deine Zunge darin bargst.

Du löschtest meinen Durst,
als Deine vollen Lippen auf meinen lagen,
als seien sie ein Brunnen
und an klarem, süßen Wasser reich.

Wie schauerte es mich wohlig,
als Dein warmer Atem
in meine Ohrmuschel drang.
Wie zärtlich war Dein liebes Wort,
das Du hinein gehaucht.

Es stand ein feiner Sichelmond
am hellen Abendhimmel
über unserem geliehenen Bett,
als Du bei mir gewohnt.

Der Klang des Nachtigallengesang
schenkte uns mit seiner Jubelmelodie
ein ganz besonderes Liebeslied,
auch wenn es bald schon Abschied nehmen hiess.

99 | Was ich nicht vergessen möchte

Deine blau geäderte, warme, samtige Milchhaut.

Das frohe Leuchten in Deinem strahlenden blauen Aug’.
Der Tanz im Sonnenlicht auf dem langen Korridor,

auch jede weitere Begegnung mit Dir auf diesem tristen Flur.

Der begeisterte Kuß auf meinen überraschten, geschlossenen Mund.

Der Hofgang mit Nachtigallengesang in der Abendstund.
Die duftenden Rosen, die ich Dir gab.

Der Brief, den ich Dir geschrieben hab.



Dein liebes lächelndes Gesicht

auf dem Kissen ruhend.

Dein Werben bei mir nach Einlass suchend.
Tag um Tag ein neues Gedicht an Dich.



Dass Du trotzdem ohne Abschied fortgegangen bist.

95 | Frühlingslächeln

So sanft glitt Deine Hand,
als sie in meine fand.
Verklärt war mir Dein Lächeln.
So zart tasteten Deine Lippen
meinen Mund,
als wir uns einen Kuß
zu trinken gaben.

Nie möchte ich das Glück,
das ich in Dir fand,
– so kurz es war – vergessen.
Verborgen im gedämpften Licht
horche ich auf das Klopfen der Tropfen.
Sie spielen die Begleitmusik,
um an Dein liebes Gesicht zu denken.

94 | Begegnung

Abends war es noch kühl,

als wir auf dem Hofgang 

unsere Runden drehten.

Eine Nachtigall jubilierte 

in die Himmelsröte.



Du warst ein junger Prinz

und schon bald verschwunden.

Die Burgruine blieb ohne Dich

öd und leer zurück.



Ich habe zwischen dem Duft der Rosen

zu Beschwörungsformeln gefunden

und besang Dein Bild
ganz in Frühjahrspoesie entrückt.



Habe Dir Gedichtebriefe nachgeschickt

und auch heute wüßte ich gerne,
was aus Dir geworden ist.

91 | Morgen

Üppig duftet der violette Flieder.

Die Frühjahrssonne strahlt wieder

vom hochgewölbten Himmel hernieder.

Glänzend beginnt ein neuer Tag.



Obwohl ich – ich gebe es zu – 

viel mehr Lust auf Regen hab’.

Helios löst die schmerzenden Glieder.

So verfasse ich neue jahreszeitliche Lieder,

doch angemessener wäre

ein schwelgender Trauermarsch.

92 | Locken

Wie verlockend lockte das Lächeln

in Deinem rotlockig gerahmten Gesicht.

Widmete Dir gebannt meine Aufmerksamkeit

und das eine oder andere Gedicht.



Wie hold und jung tanztest Du mit mir

über den kargen, langen Korridor.

Wir hielten im einströmenden, hellen Licht 

der Sonne den Atem an – in jenem Flur.



Du schenktest den Tagen

frohen Zauber und strahlenden Glanz

bevor Du wieder fortzogst 

von diesem öden Gang.



Ich suchte auf dem Linoleum

noch lange einen Abdruck Deiner Spur.

72 | Wunschlied



Streiche sacht und zart
über das Gesicht.
Entzünde den Schein

wärmenden Kerzenlichts.



Schmiege Dich warm
in den bergenden Arm.

Lasse fein, Tränen perlen
in seidig glänzendes Haar.

Sei zärtlich und hold –
Ewigkeit, Tag, Nacht und Jahr.
Vergiß nicht, wie glücklich
jener lustvolle, schmelzende Kuß

zwischen uns einst war.

70 | Vor der Wand



Ein bleierner Ring aus Schmerz
bedrückt und beengt das Herz.

Trat’st aus unserem lichten Schein

in das samtene Schwarz der Dunkelheit hinein.

Liess Dich ziehen
und folgte Dir
in gemessener Distanz
bis das Dunkel Dich verschlang.

Blieb in der Stille zurück
stand vor einer Wand.
Habe Dich nicht mehr erkannt
und mich eine Närrin genannt.



Ein kalter Hauch

streicht über die Haut

in meinem Gesicht.

Der sprühfeine Niesel

rinnt über die Stirn.



Du bist fort.
Nichts bringt Dich zurück.

Du fehlst

Doch ich vergesse es nicht

– das Glück.