130 | Zwischenorte

Da – in der Kälte, tropfnass vom strömenden Regen –
durchstand ich die Zeit,
weil ich an die südlichen Ufer Schwedens
dachte und dass ich bald zu ihnen zurückkehren würde.

Auch die Hitze des städtischen Sommers werde
ich erdulden, weil Kreta wartet.
Den Aufstieg unter die Dächer der alten Mietshäuser
ertrage ich, weil ich an glitzernde Küstenorte
und den Schrei der Möwen denke.

Und da ist die Solidarität und Freundlichkeit der Kolleginnen,
die mich die Härte der Dienstherren vergessen
und am Morgen gewissenhaft
wieder in aller Frühe aufstehen lassen.

129 | Frost

Morgens liegt eine dünne Eiskruste auf den Pfützen
und über dem Hügel dämmert das Morgengrau am Himmel.
Zur Arbeit sind es vier Blocks weiter.
Der kalte Fahrtwind treibt Tränen über die Wangen.

Die Halle ist hell und warm.
Alle grüssen sich,
freundlich werden ein paar Worte gewechselt,
gescherzt und geneckt.

Dann geht’s hinaus in den Wintertag
auf einem schweren, kippeligen Rad.
Eilig voran, treppab, treppauf.
Auf dem Weg – ein rotwangiges Kind, das freudig staunt.

127 | Wie gut

Wie gut schmeckt dem Hungrigen das Brot.
Wie süß löscht klares Wasser brennenden Durst.
Wie angenehm ist nach dem Tun die Rast.
Wie schön glänzt blau der Himmel nach einem trüben Tag.

Welche Freude, wenn man das Gesuchte fand.
Ein Glück, wenn sich des Rätsels Lösung zeigt.
Wie hold, wenn die Lerche wieder zum Himmel aufsteigt.
Auch, wenn der Nachtigallen Gesang nur kurze Zeit erklingt –
es ist doch bestens, dass sie in jedem Jahr auf’s Neue singt.

126 | Ich zirpte, gurrte und bettelte

Ich zirpte, gurrte und bettelte,
um ein paar Zeilen,
um einen Brief,
doch nichts erreichte Dich.

Ich klagte, sang und lockte,
doch Du schwiegst,
und nichts erweichte Dich.
Kanntest Du mich nicht?

Ich liess Dich ziehen
und kämpfte sehr darum
nicht zu verbittern.
Ja, geh’ Du nur.

Nimm alles mit.
Vergiß’ doch all’ die Lieder,
die ich Dir sang.

Es nützt ja nichts,
wenn Du’s nicht hören kannst.
Geh’ fort,
erinnere mich nie wieder.

Wirf’ all die Lieb,
die ich Dir gab,
wie Balast ab
und sei der Stein,
den nichts erreicht.

Ich aber flattere davon,
singe nicht mehr
nur für einen bloß
und danke der Sonne,
dem Mond und den Sternen,
dass sie sich ganz vorbehaltlos
von mir lieben lassen.

125 | Dunkler Spiegel

Dunkel wirft ein Pfützenspiegel
mein Bild zurück.
Ein weiteres Jahr zog
an mir vorüber.

Ich tauschte Umsicht und Lebenszeit
gegen Brot.
Kein Tau, kein Anker hält mich fest.
Von hier aus treibe ich weiter.

Der Alte, der mich haßt.
Der Mann, der sich
an die Vorstellungen
der Alten anpaßt.

Doch Freunde spenden Trost.
So glücklich haben wir am Strand verweilt
und bedeutungsvolle Bilder geteilt.
So hat mich reichlich Glück ereilt.

124 | Flammen

Sehe die Flammen züngeln.
Bin nicht gescheit,
verbrenn’ mein Geld
im Kamin,
um mich in kalter Winternacht
an Vergangenes zu erinnern.

Verständnis von den Alten,
dass ich mich stets
nach meinen Träumen richtete,
konnte ich nicht erwarten.
Sie kannten ja nur Pflicht,
doch Pflichtbewußtsein stand mir
für mich nicht zu Gebote.

Doch gab es auch die alte Frau,
die aus dem winterlichen Fenster sah
und zu mir sprach: “Ich würde so gerne
noch einen Frühling erleben.”
Sie war als junges Ding
aus der Provinz mit schöner Stimme
nach Berlin gekommen,
um ihr Glück zu machen,
doch bald schon hatte man
ihrem Gesangslehrer verboten
sie zu unterrichten, weil er Jude war.

Noch einmal möchte ich nicht jung sein.
Wenn ich auch nach meinen Träumen lebte,
so war ich doch voller Selbstzweifel und Sorgen.
Ich wollte gefallen und festhalten,
da ich ja noch nirgendwo
eine Heimat besessen hatte.
Meine Erkrankung machte mich ängstlich.
Dass alles nur auf Sand gebaut war,
mußte ich dann bitter erfahren.

Es läßt sich nicht zwingen
dieses Leben, nur nehmen.
Ja, in der Kunst kann
man Form finden
und etwas schaffen,
das von Dauer ist.
Und anderen eine Freude machen,
das geht auch.

 

Friedrich Nietzsche | Vereinsamt

Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Wohl dem, der jetzt noch – Heimat hat!

Nun stehst du starr,
Schaust rückwärts ach! wie lange schon!
Was bist du, Narr,
Vor Winters in die Welt – entflohn?

Die Welt – ein Tor
Zu tausend Wüsten stumm und kalt!
Wer das verlor,
Was du verlorst, macht nirgends Halt.

Nun stehst du bleich,
Zur Winter-Wanderschaft verflucht,
Dem Rauche gleich,
Der stets nach kältern Himmeln sucht.

Flieg‘, Vogel, schnarr‘
Dein Lied im Wüsten-Vogel-Ton! –
Versteck‘ du Narr,
Dein blutend Herz in Eis und Hohn!

Die Krähen schrei‘n
Und ziehen schwirren Flugs zur Stadt:
Bald wird es schnei‘n –
Weh dem, der keine Heimat hat!

123 | Splitter

Dein Porzellan zerschlagen,
bitter das errungene Brot,
Dein Bündel dürftig,
Dein Haupt auf Stein gebettet.
Die Welt mitleidlos und roh.

Die Glücklicheren kleben Oblaten
in Poesiealben und tragen
volle Taschen in ihr Heim.
Ihre Finger behandschuht
und Ihre Mäntel warm.

Du aber ziehst einsam
in den Winter voran.
Man schweigt und
sieht an Dir vorbei,
denn der Herren Knechte
sind ihnen einerlei.

121 | Schulden

Es haben mich gerade die enterbt
oder verlassen oder beides,
die hoch um Antwort
bei mir verschuldet sind.

Sie glaubten wohl
so könnten sie sich
für ihre ungesagten
Worte rächen

Und ihre Schulden tilgen.
All die ungetanen lieben Dinge,
die sie mir nicht taten,
dafür wollten sie mich strafen.

Ja, die Ruchlosigkeit schmerzte mich,
doch ich weiss auch, es höhlte sie
im Inneren aus.
In ihnen klafft eine Lücke

und es gibt nichts,
was sie schlösse.
Auf dunkle Taten
folgen Schatten.