Mondscheintrunkene Lindenblüten | Heinrich Heine

Mondscheintrunkene Lindenblüten,
Sie ergiessen ihre Düfte,
Und von Nachtigallenliedern
Sind erfüllet Laub und Lüfte:

Lieblich lässt es sich, Geliebter,
Unter dieser Linde sitzen,
Wenn die goldnen Mondeslichter
Durch des Baumes Blätter blitzen.

Sieh dies Lindenblatt! du wirst es
Wie ein Herz gestaltet finden;
Darum sitzen die Verliebten
Auch am liebsten unter Linden.

Doch du lächelst; wie verloren
In entfernten Sehnsuchtträumen –
Sprich, Geliebter, welche Wünsche
Dir im lieben Herzen keimen?

Ach, ich will es dir, Geliebte,
Gern bekennen, ach, ich möchte,
Dass ein kalter Nordwind plötzlich
Weisses Schneegestöber brächte;

Und dass wir, mit Pelz bedecket
Und im buntgeschmückten Schlitten,
Schellenklingelnd, peitschenknallend,
Über Fluss und Fluren glitten.

95 | Dort, wo die Flügel sich befanden

Dort, wo sich die Flügel an den Schulterblättern befanden,
schmerzt es.
Die Sonne steht schon flach über dem Horizont
und des Schattens Kälte lauert.
Gottt scherzt
ungehört.
Die altbekannte Melodie der Melancholie kriecht
durch das honiggoldene Herbstlicht.
Die einstigen Triumphe sind verblaßt
und wärmen nicht.
Das Haar ist fahl
und die Träume ebenfalls ergraut.
Am Morgen steh’ ich vor der Sonne auf.

94 | Verbundenheit

Mir scheint, obwohl ein jeder seine Wege geht,
verbindet uns mehr, als dass uns trennt.
Der gleiche bleiche Mond leuchtet des Nachts
auf uns herab.

Wir durchwandern denselben Staub der Welt.
Es schimmern die gleichen Sterne für uns am Himmelszelt.
Auch die Sonne gleisst auf selbe Art
vom Firmament auf uns herab.

Auch wenn wir einander nicht lächeln sehen –
die gleichen Bäume säumen die Alleen.
Trotzdem wir nicht mehr miteinander gehen,
sehen wir die gleichen Vogelschwärme herbstwärts ziehen.

D’rum wünsche ich auch Dir –
ein schönes Leben,
viel Glück und Segen,
damit wir uns – vielleicht irgendwann – in Frieden begegnen.

93 | Eines Tages

Ich denke, eines Tages wirst Du mir verraten,
was Dich so gekränkt hat,
dass wir nach dreiunddreissig Jahren
kein Wort mehr miteinander sprachen.

Was es war, das ich Dir tat,
das Dich so bitterlich enttäuscht hat.
Du mußtest gehen.
Ich liess Dich ziehen.

Von da an hast Du
in einer Fremden Arm gelegen.
Was es wohl war?
Ach, auch wenn ich’s nicht erfahr’,
wird es mir irgendwann egal.

90 | Wir gehen hinaus

Jeden Tag gehen wir zur Tür hinaus
und stellen uns dem Leben.
Zu lang haben wir im Schatten verbracht,
jetzt wollen wir vorwärts streben.

Noch sind wir der Herren Magd,
doch eines Tages wird sich ein Sturm erheben,
dann wischen wir die Knechtschaft fort
und werden schwesterlich leben.

Wir werden die Zentner Melonen verteilen
und unsere Becher zum Trinkspruch erheben.
Wir werden nicht länger im Staub verweilen
und hier auf Erden schon stolz und würdig leben.

89 | Am Abend zuvor

Mit meiner Sonne
Ofengemüse zubereiten.
Den letzten Abend vor
der ersten Schicht geniessen.

Die Sonne zieht bald weiter
in ihr eigenes Heim
und G. wird der neue
Mitbewohner sein.

Der Sommer liegt schon
in seinen letzten Zügen
und die langen Schatten
nahen wieder heran.

Die Welt wird sich drehen –
halte ich mit ihr auch nicht Schritt
und leiste stur Widerstand.
Meine Worte werden verwehen.

87 | Wir sind die, die Welt am Laufen halten.

Wir stehen vor dem Morgengrauen auf,
damit Ihr tafeln könnt.
Wir wischen den Dreck vom Boden auf,
damit sich kein Staubkorn zwischen Euren Zähnen fängt.

Wir heben die Gruben aus,
damit Euer Computer über Glasfaser die Signale empfängt.
Wir pflücken die Erdbeeren auf dem Feld,
damit Ihr sie mit Sahne in Euren Mündern versenkt.

Wir chauffieren Euch ins Konzert,
damit Ihr die Mühen des Tages vergesst.
Wir spinnen Euer Leinen und weben Euer Kattun,
damit Ihr Euch mit Luxus behängt.

Man fragt nicht nach uns,
vielleicht applaudiert Ihr mal,
wenn wir die Taschen mit Euren Waren,
die Treppen rauftragen.

Dann vergesst Ihr uns,
denn Ihr seid jung
und wir die Staffage
in Eurem billigen Film.