Einsam

Einsam wandere ich Tag um Tag,
seitdem ich Dich verloren hab‘.
Ich stolpere auf meinem Weg voran
und finde nicht mehr zu mir nachhaus‘.

Es geht ein frostiger Wind,
seitdem wir auseinander gegangen sind.
Die Welt ist mir ein wüster Ort.
Du gingst so leichtfertig von mir fort.

Ich steh im Schatten,
die Böen rupfen an Kleid und Haar.
Weiß färbt die Asche Jahr für Jahr
mein Haupt.
Ich beuge das Schicksal nicht,
es bleibt mein Los,
dass Du in eine andere Richtung schaust.

127 | Schiffbruch

An der Klippe Deines Schweigens
bin ich im Finsteren zerschellt.

Dein verwaschenes Phantombild hat mich

in die Dunkelheit gestellt.



In der Brandung Deines Stillseins
ist mein Boot zerschlagen und gekentert.
In der Böe Deiner Sprachlosigkeit

ist mein Mast und die Takelage gebrochen.

An den Riffen Deiner wüsten Küste

sank mein Schiff mit Mann und Maus.
Ich geriet in Seenot und drifte
auf den Ozean der Einsamkeit hinaus.

126 | Sehnen

Gewitterschwüle weht schweren, süßen Lindenduft heran.

Die Strasse schallt vom Lärmen der Passanten.

Aus allen Poren quellen Tropfen des Verlangens.

Die Bäume rascheln rauschend in der Böe.

Das Herz zieht sich zusammen.

Der Puls pocht unter der Haut. Vom Sehnen 

beginnen sich die Sekunden

zu Stunden auszudehnen.

Tappe hinaus vor die Tür

– heute noch, dem Glück zu begegnen.

125 | Brennglas

Die Zeit umbrandet mich tosend.

Sie kriecht zäh und träg voran.

Sie hält mich in ihren scharfen Klauen.
Ich erfasse keinen Ankerpunkt
mit den getrübten Augen.

Schwarz rieselt das Phlegma

aus meinen Wunden.

Minuten werden mir zu Stunden.

Was einst stolz und schön gewandet war,

schleicht nun in zerschlissenen Flicken und Lumpen.



Nervös fiebere ich auf einen Gesang,

der tief getränkt von purpurner Melancholie,

anstimmt ein Lied mit schwebender Melodie.

Die feinen Töne, die in ihm wohnen,
werden gespeist aus dem Gespinst der Fantasie.

122 | Am Bach, 123 | Was Du mir seist, 124 | Mond

Es gurgelt munter ein Bach

am Grunde des Waldes.

Er plätschert lustig

über Felsen glucksend

in seinem Bett hinab.

Eine Forelle springt an 

tieferer Stelle auf
Fliegenfang heraus.

Er spült die Erlenwurzeln aus.

– Quilt murmelnd über 
das Ufer hinaus.

– Zieht an herabhängendem Gras.

– Trägt mit sich ein trockenes Blatt.

Ein Eisvogel jagt 
flink
in seinem blauen,

rostig angehauchten Kleid.

Das sprudelnde Wasser 

ruht sich von seinem schnellen Lauf

im Mühlteich
aus.

Hier wärmt es die Strahlen 
der Sommersonne auf.

123 | Was Du mir seist

Sei mir alles

oder sei mir nichts.

Sei mir Heim, Hof und Herd.

So lang wanderte suchend ich

und war von Kummer schwer.



Sei mir entzückte Lust

oder zornentbrannter Fluch.

Sei mir Tag und Nacht,

Sonne und Wind,

die süßen Sternblüten am Hollerbusch

und das beissende Chili 

im roten Curry.



Oder lass’ mich los,

damit ich mich nie mehr

zu Dir umwenden muß.

124 | Mond

Des bleichen Mondes Scheibe ist umschleiert.

Er steht rund und ruhig da oben 

– ein unbewegter Beweger.

Sein Widerschein erhellt die Zimmer fahl.

Wie oft ist er schon an uns vorbeigezogen?

Durchlief den dunklen Himmel ein ums andere Mal.

Ihn rührt nicht unser Schicksal unten.

Spendet Licht uns durch die Nacht auf unserem Pfad

indem er uns den Spiegel zum Licht der Sonne hält.

So können wir einander auch im Dunkeln finden,

weil er uns den irdischen Schatten lampengleich erhellt.

121 | Tagsüber

Wie wohltuend war
doch 
die klingende Stille

vergangener Nacht,
als ich durstig aufgewacht.

Wie anders ist das

bohrende Schweigen am Tag.



Wie nervtötend nervös tönt 

das summende Brummen 

einer mit mir gefangenen Fliege

in dem Zimmer in dem ich liege.

Wie lahm hängt mein Kiefer,
der früher zum Sprechen diente.



Wie schal ist der Geschmack,

der auf der Zunge liegt.

Wie langsam kriecht die Zeit.

Wie horche ich auf die Laute,
die vor den Mauern sind.

Wie präsent sind die Gestalten 

der Vergangenheit.

120 | Sommernachmittag

Das Krächzen einer grauschwarzen

Krähe schallt
traurig durch die Strasse.
Dunkelblaue Bitternis ballt

sich in der Magengrube.



Der motorisierte Verkehr

brandet unter dem Balkon.
Eine Spatzendame zirpt

mit blechernem Ton.

Benzindunst wabert durch die Luft.

In der linken Schulter – 

ein andauernder peinigender Schmerz,
der das Gemüt in Trauer versetzt.



Gedanken mäandern in Erinnerungen.

Die Wunden zu heilen,

finden sie keine Lösungen.

– Beenden kein Schweigen.
Stattdessen verharren wir stumm.

117 | Sonntagmorgen, 118 | George Floyd, 119 | Lamento

117 | Sonntagmorgen
Gedämpftes Licht suppt aus den Wolken.

Der Hibiskus blüht.
Auf dem Parkett – staubige Krusten.

Tote Fliegen,
die in den Spinnenweben
auf den Fensterbänken liegen.



Vom Bäcker ein Rosinenbrötchen.

Der Sonntag kriecht voran.

Verblasste Aquarelle gemalt aus Worten.

Ein zäher Morgen

dessen Verse holpern.

Der Tag hat gerade erst angefangen.

118 | George Floyd
Männer in Uniform nutzen ein Bagatelle,

um einen Zivilisten brutal zu Tode zu schikanieren.

Die ganze Welt kann das auf einem Video ansehen.

Sie kennen keine Hemmungen.


Es geht auch eine Drohung an die Zivilgesellschaft davon aus.

– Niemand ist sicher vor uniformierter Erbarmungslosigkeit und Willkür
mit der die Männer George Floyd das Recht auf Unversehrtheit nahmen.

119 | Lamento
Ein Ring von Bitterkeit und Schmerz

liegt dornig um mein einsames Herz.
Kein Honigduft kann es besänftigen.

Aus meinen Augen tropfen salzige Tränen.



Nicht Sonne, noch die hohe Luft

kann meine Einsamkeit bezwingen.

Kein Vogellied kann so schön klingen.


Ach, ich freute mich,

könnte ich doch neue, wohltönende Melodien erfinden,
– von Liebe, Frühling und Freude wollte ich Euch singen,
doch gerade das will mir nicht mehr gelingen.



Verzeiht mir bitte.

115 | Wende

Wir gingen miteinander stetig, Jahr um Jahr, voran,

bis wir an einen Abgrund gelangten.

Dort wandten wir uns zum anderen zurück,

doch rückwärts waren wir blind.



Wir konnten nicht mehr zu einander gelangen

und sind auseinander gegangen

– von da an von Schweigen umfangen.
Das Unsagbare zwischen uns haben 

wir seither sprachlos getragen.



Wir können uns nicht mehr beim Namen nennen.

– keine Glut mehr aus der Asche entfachen.

– der Stille kein Zeichen entnehmen.

Wir müssen einander gehen lassen.

116 | Benzinblues

Die Luft geschwängert vom Benzingeruch
überdeckt den zarten Hauch des Rosendufts.

Autotüren schnappen blechern ins Schloß.
Ein Brummer summt surrend im Zimmer herum.



Die tellergrossen Dolden der Holunderbüsche 

stehen im weissen Schaum ihrer Sternenblüte.

Ein Kilo Erdbeeren und Malai Kofta – Festtagsspeis.

Blechkisten rollen rauschend vorbei.



Die Vogeltränke auf dem Balkon randvoll gefüllt.
Den Tisch gewischt.

Den Laptop aufgeklappt.

Liegend die Beine angewinkelt aufgestellt.



Ein Kissen hinter den Nacken gestopft.

Platons Ideenlehre durch die Philosophiegeschichte des Herrn Precht erhellt.

Die Tomate ist noch nicht eingetopft.

Musik Vorbeifahrender schallt hallend durch die Strasse.


Ein Motorrad steuert vibrierend auf die Kreuzung zu.

Tönende Männer unterhalten sich.

Der Freund der Tochter liess sie heute im Stich.

Es ist Sonnabend vor Pfingsten.

Die Feiertage haben noch gar nicht angefangen.

112 | Morgen III

Dem Kaffee nachschmecken.

Morgenkühle von den Schultern schütteln.
Das Frühstück aufdecken.
Das Telefon annehmen.

Von den nackten Füssen her frösteln.

Nach der Morgensonne sehen.
Auf die Spatzen und Meisen lauschen.

Das Rauschen der Blechlawine hinnehmen.



Nervös die Handrücken kratzen.

Pläne für die nächste Zeit anpassen.

Verse in einem Gedicht einfassen.

Musik andrehen.



Minuten beim Vergehen zusehen.

Jobofferten anzeigen lassen.

Nachrichten verstehen.
Auf Dein Foto sehen.

113 | Unwiederbringlich

Wir haben tagelang erwartungslos leer in die Ferne geblickt.

Sind desillusioniert auseinandergerückt.

Haben die Hände nach einander ausgestreckt,

uns voneinander abgestossen und schliesslich versteckt.



Uns bringt kein Tag mehr das Verlorene zurück.

Wir streifen ruhelos umher 

und suchen sehnsüchtig das ungenannte Glück.
Erschöpft schwanken wir voran, von Bitterkeit schwer.

Könnte ich, ich würde Deine Seele einfangen.

– Durch Dein Augentor bis auf ihren Grund gelangen.
– Dich mit Sanftheit und Wärme umfangen.
Doch ich finde Dich längst nicht mehr.

114 | Damals

Als die Tage heil waren und ganz.

Als ich unter dem Schutzmantel Deiner Liebe stand.

Als der Himmel frei war und weit.

Als wir einander küßten und lachten und zum Tanz waren bereit.



Als die Möglichkeiten grenzenlos waren.

Als wir Hindernisse lernten zu umfahren.

Als wir auf schwankenden Stegen

balancierten.



– Waren wir Riesen.