77 | Watt

Perlender Schaum, der Schlick benetzt.

Venusmuscheln im Sand versteckt.

Mutter Erde, die nackte Beine mit Modder bedeckt.

Angst, dass eine im Boden verborgene Auster
blosse Fußsohlen aufschlitzt.



Gesichter vom frischen Wind gerötet

und von wolkendurchbrechender Sonne erhitzt.

Meerwasserlache, die unter den Schritten aufspritzt.
Ein kleiner Seestern, der in einer flachen Pfütze festsitzt.



Am Horizont eine Hallig.

Das Watt, in dem ein Priel in der tiefstehenden Sonne blinkt.

Eine Haarsträhne, die der Wind in die Stirn bläst.

Gewaltige Wolken, die er wie Banner voran trägt.

76 | Verborgen



Verborgen hinter zugezogenen Gardinen.

Klagend über Traumverluste.
Phantasiere Wärme in vorgestellten Mienen.

Tröstende Umarmungen meines Holden suchend.

Nehme Nektar aus Goldströmen.

Pflanze Flammen in den Tag.

Möchte Widerstreitendes versöhnen.

Forme Schwüre, wie ihr’s vertragt.

Berge Düsterkeit im Zwielicht drinnen.

Tage, die ziellos verrinnen.

Greife nach Halt in Erinnerungen.

Bin in Gegenwart hineingezwungen.


Wortwolken, die das Tonlose betrachtend 

schamgesäumt verstummen.

75 | Schranken

Wenn die Schranken fielen

und wir arglos spielten,

könnten wir vielleicht glücklich sein
und uns sonnen in des anderen Schein.

Doch die Grenzen halten

und so bleibt alles beim Alten

und kein Glanz bricht
in unsere Tage hinein.


Unsere Gemüter bleiben unbewegt und starr,

wie Berge aus grauem Granitfelsstein.


So bedrückt und beschwert streift kein Licht
unsere Augen in der Dunkelheit.


Wir starren angestrengt hinein

und suchen nach etwas Sicht,
doch die finden wir

in der unbewegten Finsternis nicht.

73 | Traum



Vom Traum heute Nacht aufgewacht.

Alles darin leicht 
und mit Energie vollbracht.

Sprengte Erwartungen.

War voller Schwung.



Der Körper kribbelte.
Fühlte mich jung.

Möchte neustarten.

Frei machen vom Klammergriff

starrer Projektionen.



Im Sog freigesetzter Kraft

Veränderungen geschafft.

Hoffe dieses Bild und die Gefühle 

ragen in die Tage hinein –

geben den Schub für ein

anderes Sein.

74 | Lieber



Lieber als Kirschkernkissen

mag ich Kirschkernweitspucken.

Lieber als tropfend fallende Tränen in trübe Tassen

mag ich süße Bonbons naschen.



Lieber als schlaff herabhängende Windsäcke

betrachte ich wehende Bänder.

Statt wässrige Suppe aus tiefen Tellern zu schlürfen

blicke ich lieber über ihre Ränder.



Viel lieber als Seiten zu stechen

möchte ich mit Dir mein Brot brechen.

Und zum Schluß 

habe ich statt auf Essen

mehr Lust auf einen schmelzzarten Kuß.

72 | Wunschlied



Streiche sacht und zart
über das Gesicht.
Entzünde den Schein

wärmenden Kerzenlichts.



Schmiege Dich warm
in den bergenden Arm.

Lasse fein, Tränen perlen
in seidig glänzendes Haar.

Sei zärtlich und hold –
Ewigkeit, Tag, Nacht und Jahr.
Vergiß nicht, wie glücklich
jener lustvolle, schmelzende Kuß

zwischen uns einst war.

71 | Winternachmittag 



An der blinden Scheibe

kriecht zögernd ein Tropfen herab.

Der Wind fährt in das kahle Geäst

und zupft an einem trockenen, braunen Blatt.



Schweigsam zieht die Dämmerung auf.

Stille liegt wie Blei auf dem Haus.

Über den Himmel gleiten die düsteren Wolken.

Des Tages Farbe heisst Grau.

Die Schultern rutschen zu den Ohren hinauf.

Die Finsternis dämpft jeden Laut.

Im Fenster gegenüber brennt ein elektrisches Licht.

Das Glimmen in Deinen Frühjahrsaugen

erkenne ich in der kalten Dunkelheit nicht.

Aber gerade deshalb erinnere ich mich,
weil ich diese Glut vermiss.

70 | Vor der Wand



Ein bleierner Ring aus Schmerz
bedrückt und beengt das Herz.

Trat’st aus unserem lichten Schein

in das samtene Schwarz der Dunkelheit hinein.

Liess Dich ziehen
und folgte Dir
in gemessener Distanz
bis das Dunkel Dich verschlang.

Blieb in der Stille zurück
stand vor einer Wand.
Habe Dich nicht mehr erkannt
und mich eine Närrin genannt.



Ein kalter Hauch

streicht über die Haut

in meinem Gesicht.

Der sprühfeine Niesel

rinnt über die Stirn.



Du bist fort.
Nichts bringt Dich zurück.

Du fehlst

Doch ich vergesse es nicht

– das Glück.

69 | Narbengewebe



Treten barfuß auf einen Teppich
aus messerscharfen, funkelnden Splittern.
Zerschlitzen mit tiefen Ritzen
empfindsame Fingerspitzen.

Verbrennen samtene Haut an glühenden Flammen.
Rupfen an Knoten in verkletteten Haaren.
Spülen schorfigen Grind mit Salzwasser aus.
Qietschend knarzen klingelnde Töne aus
unseren gepeinigten Leibern heraus.

Wie der Meersaum aus dem Strandsand
löschen wir die Spuren an gleissende Freude
aus unserem Gedächtnis aus.

Und endlich erscheint uns das Leben
als das Leid, das es ist,
weil Freundschaft und Liebe
nur amorphe Schemen aus
trügerischen Fieberträumen sind.

68 | Sprache

Sprache und die in ihr ausgedrückten Gedanken

fügt Leben zu Sinn zusammen.

Sie faßt unverbundene Betrachtungen

zu einer Melodie und ahmt

mit ihren Klängen malend

Bilder zu verdichteten Epen.



Manchmal liegen ihre Farben

in schroffen Kontrasten,

ein anderes Mal in wärmender Harmonie.

Sie hilft mit beissendem Spott 

und gutmütiger Ironie.



Wir durchstreifen mit ihr die Leere

und erschaffen Gebilde

von schillerndem Glanz.

Sie ist in einer bewegten Welt 

ein Zuhause, das unsere Geschichte enthält.

Mit ihrem Feinsinn vertilgt sie elegant

wüste Öde und dumpfe Ignoranz.

67 | Warten



Der Herbst ist da,

also auf den Frühling warten.

So wie die Bäume 

durch den Winter schlafen.

Du weilst in der Ferne,

ich betäube meine Lust,

denn nur nach Dir sehne

ich mich gerne

und will nur Deine Hand

an meinem Fuß.



Ich laß den Regen

auf der Kopfhaut kitzeln

und denk mir,
dass es Deine Fingerspitzen sind.


Der Wind darf mich streicheln,

als ob Du mit sensiblen Küssen

bedeckst mein hungerndes Gesicht.