57 | Der Mond

Geliebter, so schön hell scheint der Mond.
Der Mond scheint hell.
Er ist fast voll.
Wir waren klug, drum haben wir
das Glück zu fassen bekommen.

Geliebter, wer stört das Glück?
Glück wird gestört, denn es stört
die Finsternis.
Der Unglückliche gerät unter das Joch.

Geliebter, Dir gehört mein Herz.
Mein Herz, Geliebter, gehört Dir.
Man hat mich gedrängt unters Joch zu gehen.
Unterm Joch kann ich nicht gehen.
Ich bin frei.

Fragt man ein Rotkehlchen
den Wagen zu ziehen?
Es erfreut doch mit seinem Gesang.
Du und ich, wir gehören einander.
Nur Dir gehöre ich an.
Es gibt nicht anderes,
was so schön scheint, mein Freund,
nur Liebe hat diesen Glanz.

Extrem

Im März die vergangene Reise
– eher eine Flucht.
In Skandinavien, um Asyl ersucht.
Auf dem Fahrrad im Winter,
mit der Bahn, Fähre und zu Fuß,
im Portmonaie fast kein Geld.

Nicht nur die Witterung eisig
auch viele Menschen engherzig
und zum Helfen nicht bereit.
Als blinder Passagier am Schluß
zurück, nun weiß ich,
was es heißt,
auf Freundlichkeit angewiesen zu sein.

In einem Motel auf Lolland vor Erschöpfung
nach Kilometern in Wind und Regen fast gestorben,
schon auf dem Weg heraus aus meinem Körper umgedreht.
War, als ich dort an ankam,
nass bis auf die Knochen.
Die Rechnung für die Trocknung
ist noch offen.

Gedichte aus „Nachwendezeit“: 05 | „Nachricht“, 06 | „Juli“

05 | Nachricht

Ich betrachte Dich gerne
und weiss nicht wann
oder gar ob ich Dich
eines Tages wiedersehen kann.

Ich hoffe sehr, es geht Dir gut.

Ich habe Dich gerne
und weiss nicht wie,
sich Kümmernis und Trübnis
wieder verziehen,
die bei mir eingezogen sind,
seitdem Du abschiedslos
verschwunden bist.

Ich hoffe sehr, dass Du in Sicherheit bist.

Ich denke an Dich
und blicke träumend darauf zurück,
wie wir uns wortlos verbanden
und einander verständig erspürten,
ohne dass etwas anderes
als ein ozeanischer Blick
dazu notwendig gewesen ist.

Ich wünsche Dir sehr, dass Du geborgen bist.

Ich sitze hier
und stelle mir vor,
Du kämest zu mir,
klopftest entschlossen an meine Tür
und wenn ich öffnete,
zögest Du mich wieder vergnügt
und glücklich an Dich.

Ich wünsche Dir sehr, dass Segen und Liebe Deine Begleiter sind.

06 | Juli

Zwei Regentropfen, deren Weg sich
auf einem stumpfgrauen, verzinkten Fensterblech
kreuzt, fliessen kriechend zusammen.
Sie fallen von dort, schwer leckend,
von der abgeschrägten Kante zur Erde.

Die feuchte Luft, in die Dunstschleier milchig malen,
schlägt sich auf Brillengläsern nieder.
Wangenmuskulatur und Nacken schmerzen,
weil das Schauen auf die Tastatur
in dem trüben Licht
nicht ganz leicht ist.

Autoreifen kurven laut schmatzend
durch silbrig glänzende Sommerpfützen.
Klirrend tschilpend sitzen aufgescheuchte Spatzen
im Sand auf dem Boden
unter den Kronen
regenfeuchter Linden.

Die Zeit kriecht voran und nimmt
alles mit, was aus Plänen, Träumen und Gedanken
aus gestern in diesen Tag gepflanzt ist,
bis jeder Halt darin
mit der Regennässe fortgespült ist
und nur der Augenblick
noch trägt.

Gedicht aus „Nachwendezeit“ – 04 | „In aller Munde

“

In aller Munde ist 
die Rede,
wir seien frei.
Ich verstehe solche Rede nicht.
Und nicht, dass man dann davon spricht,
als ob das Tugend sei.

Ich weiss nicht, ob Ihr folgen mögt,
ich denke so:
Des Menschen größte Freiheit ist,
dass er sein Handeln daran bemißt,
dass er sich mit seinem ganzen Bewusstsein erschliesst,
dass er unlöslich an andere
und die Natur gebunden ist.

Woraus er sich dann ebenso bewußt
zur Prüfung der Güte seiner Handlungen entschliesst,
die er aus Einsicht in das Notwendige bestimmt
und worin er die Zwecke anerkennt,
die ihm und den anderen gegeben sind.

Dass er also in Freiheit tut,
was er als das erkennt,
was ihm unter Berücksichtigung
der Pflicht
gegeben ist.

Gedichte aus „Nachwendezeit“: 01 | „Alltag“, 02 | „Spielbein“, 03 | „Schutzhütte“

01 | Alltag

Aufwachen.
Schlaf aus den Augenwinkeln kratzen.
Kaffee kochen.
Laptop aufklappen.
Nachrichten von Freunden betrachten.

Mit unserem Glück
und dem abrupten Ende befassen.
Diese Gedanken wieder loslassen.
Schwarzes Gebräu in einer goldgrünen Tasse.

Seufzer in den Himmel stossen.
Einen Riesennachtfalter an die Wand geklebt
in der Ecke unter der Zimmerdecke entdecken.
Der Bitternis des Getränks nachschmecken.

Im Schwingstuhl nervös vor und zurück wiegen.
Die Aufgaben laß ich noch ein bißchen liegen.
Werde die Zeit noch etwas umbiegen
und die Stunden, bis ich etwas Produktives schaffe,
unendlich in die Länge ziehen.

02 | Spielbein

Ich suche beharrlich jede List,
damit Du bald für ewig
mein Geliebter und Gefangener bist.
Ich überbrücke spielend alle raumzeitliche Kluft,
weil ich ihn so dringend wieder atmen muß
– Deinen kostbaren, Dir so eigenen Duft.

Mich hält kein Zweifel mehr zurück,
der mich entfernen könnte
von unserem Glück.
Ich fasse Mut mit jedem Tag
und geh voran – ganz unverzagt,
bis Du mir wieder zärtlich dumme Dinge sagst.

Das kann ich nur,
weil ich mich nicht mehr frag,
ob es richtig war,
dass ich Dich
trotz Deines bewußten, grübchen-gestützen Charmes,
so lieb gewonnen hab.

03 | Schutzhütte



In meinem windschiefen 
Haus aus
Phantasie
schöpfe ich mich aus.
Es gibt darin 
eine endlos verfügbare Zimmerflucht
aus Lust, Leidenschaft und Spiel.

Davor trägt dieser fantastische Zauberpalast
einen großzügigen, himmelragenden Balkon
für Poesie, Klang, Musik und Ton
unter dem elfenbeinschimmernden Perlmuttmond,
der hoch am sommerlichen Firmament
darüber wohnt.

Da sagt man mir nie,
Du willst zuviel.

Da ist das Viele
ganz und gar
das höchste aller Ziele.
Dort bin ich beschützt
und kenne keine Gefahr,
– denn dazu ist meine Phantasie ja da.

Gedicht 63 | Träumte ich?

Träumte ich oder war ich wach,
als Du Dich im Frühlingslicht,
mich so eindringlich bittend,
zu mir gestellt hast?
Als die schmale Neumondsichel fein und silbern
am hellen Himmel stand.

Ich glaube, wir waren an jenem Nachmittag
in einem anderen Land,
das nur aus Feingefühl und Sternenstaub bestand.
Als unser Blick verschmolz und ich mich Dir ohne Angst Weiterlesen