117 | Sonntagmorgen, 118 | George Floyd, 119 | Lamento

117 | Sonntagmorgen
Gedämpftes Licht suppt aus den Wolken.

Der Hibiskus blüht.
Auf dem Parkett – staubige Krusten.

Tote Fliegen,
die in den Spinnenweben
auf den Fensterbänken liegen.



Vom Bäcker ein Rosinenbrötchen.

Der Sonntag kriecht voran.

Verblasste Aquarelle gemalt aus Worten.

Ein zäher Morgen

dessen Verse holpern.

Der Tag hat gerade erst angefangen.

118 | George Floyd
Männer in Uniform nutzen ein Bagatelle,

um einen Zivilisten brutal zu Tode zu schikanieren.

Die ganze Welt kann das auf einem Video ansehen.

Sie kennen keine Hemmungen.


Es geht auch eine Drohung an die Zivilgesellschaft davon aus.

– Niemand ist sicher vor uniformierter Erbarmungslosigkeit und Willkür
mit der die Männer George Floyd das Recht auf Unversehrtheit nahmen.

119 | Lamento
Ein Ring von Bitterkeit und Schmerz

liegt dornig um mein einsames Herz.
Kein Honigduft kann es besänftigen.

Aus meinen Augen tropfen salzige Tränen.



Nicht Sonne, noch die hohe Luft

kann meine Einsamkeit bezwingen.

Kein Vogellied kann so schön klingen.


Ach, ich freute mich,

könnte ich doch neue, wohltönende Melodien erfinden,
– von Liebe, Frühling und Freude wollte ich Euch singen,
doch gerade das will mir nicht mehr gelingen.



Verzeiht mir bitte.

94 | Begegnung

Abends war es noch kühl,

als wir auf dem Hofgang 

unsere Runden drehten.

Eine Nachtigall jubilierte 

in die Himmelsröte.



Du warst ein junger Prinz

und schon bald verschwunden.

Die Burgruine blieb ohne Dich

öd und leer zurück.



Ich habe zwischen dem Duft der Rosen

zu Beschwörungsformeln gefunden

und besang Dein Bild
ganz in Frühjahrspoesie entrückt.



Habe Dir Gedichtebriefe nachgeschickt

und auch heute wüßte ich gerne,
was aus Dir geworden ist.

93 | Bande

Die Amsel sang, als Du

in der Morgendämmerung

leise Deinen ersten Atemzug tatst.

Dunkle, dichte Locken auf Deinem Köpfchen

als Du neugeboren auf meinem Bauch lagst.



Gegen Überforderung lehnst Du Dich auf,
wirst zornig und wütest gegen mich altes Haus.

In den Abenteuern des Lebens stehen wir einander bei.

Verbergen voreinander unsere Sorgen
und flüstern vorsichtig Gefährtenschaft herbei.

91 | Morgen

Üppig duftet der violette Flieder.

Die Frühjahrssonne strahlt wieder

vom hochgewölbten Himmel hernieder.

Glänzend beginnt ein neuer Tag.



Obwohl ich – ich gebe es zu – 

viel mehr Lust auf Regen hab’.

Helios löst die schmerzenden Glieder.

So verfasse ich neue jahreszeitliche Lieder,

doch angemessener wäre

ein schwelgender Trauermarsch.

92 | Locken

Wie verlockend lockte das Lächeln

in Deinem rotlockig gerahmten Gesicht.

Widmete Dir gebannt meine Aufmerksamkeit

und das eine oder andere Gedicht.



Wie hold und jung tanztest Du mit mir

über den kargen, langen Korridor.

Wir hielten im einströmenden, hellen Licht 

der Sonne den Atem an – in jenem Flur.



Du schenktest den Tagen

frohen Zauber und strahlenden Glanz

bevor Du wieder fortzogst 

von diesem öden Gang.



Ich suchte auf dem Linoleum

noch lange einen Abdruck Deiner Spur.

89 | Tagebuch III

Ich heule und wüte gequält vor mich hin,
weiss nicht, wie der wüsten Welt Sinn abringen.

Drifte auf einem Floß 

aus Treibgut auf dem Strom.



Da vor mir ein Strudel 
– reisst alles davon.

Einst ging ich geschützt unter Bäumen

auf weich bemoostem Waldboden.


Versponnen in einen Zauberkokon.


Ich nährte von Tau mich

und Blütenstaub

hatte Kraft und trug einen Kranz von Lindenlaub.



Wie bitter schmeckt heute mein Brot,

wie schal ist der Wein,

wie schmerzlich die Pein,

wie geh ich verlassen

und finde mich nicht ein.

88 | Tagebuch II

Verzeih mir bitte,

heute bin ich mutlos.

Ich seufze und räuspere mich endlos.

Kann nicht hoffen

und planen.

Ein Freund riet zu Ritualen.

Aber zu mehr als morgens Kaffeepulver mahlen,

fehlt mir der Sinn.
An dieser Beschränkung reibe ich mich.

Ich nehme sie nicht leichthin hin.

Ich wünschte, ich könnte aus meiner Haut fahren.

– Etwas begehren

käme mir gelegen.
– Dich innig und entzückt anstrahlen.

Dann würde sich der Planet wieder

in einer gleichmäßigen Umlaufbahn

bewegen.

Tagebuch

Die Sonne hat einen Spalt gefunden
durch den sie durch die Gardinen
in das abgeschirmte Innere
in die Augen fällt.

Halte fest mit dem Gedanken
an die Freunde in der Ferne,
die auch auf schwankendem Boden stehen.
Sie sind mir Fixpunkte und Anker.

Möchte mal wieder nach Emma kieken gehen.
Ja, es wird die Tage geben,
da laufe ich ihr entgegen
und werfe mich in das blaue, liebe Meer.

86 | Stimmig

Es ist ein sanftes Gleiten
vor himmlischem Azur.
Es ist ein blinkendes Flinkern
am sternbesetzten Firmament
in kühler, klarer Nacht.

Es ist ein träger, schwerer Wellenschlag
ans Ufer aus Granit,
wohin die Sehnsucht zieht.
Es ist das grüne Blätterdach,
der moosbesetzte Pfad
im schummrigen Sommerwald.

Ein zarter Nebelschleier und das Wollgras
im Gegenlicht überm Moor.
Und Dein Hauch an meinem Ohr.
Ein taubesetzter Grashalm,
wie Perlen auf einer Schnur.

Dahin werde ich gedrängt,
wenn nur Schönes zu bedenken
ich mir bestimmt –
dies sind die Bilder in denen alles stimmt
und meine Stimmungen stimmig sind.

Ich schreibe Sie in den Wind.
Damit sie wie Dünen auf Wanderung sind.

85 | Dämmer

Zurückgezogen im mittelblauen Zwielicht
hinter zugezogener Gardine
in unfreiwilliger Isolation.
Liege da und denke an gescheiterte Pläne

in denen ihr vorkamt 
– samthauchzarte Gesellen
in des Lebens Wanderung.

Geplatzte Träume ohne letzte Träne
ziehen hinein in schmerzlich aufgetürmte Leere.
Falle ins Bodenlose und erreiche keinen Grund.
Es löst sich kein Jammer aus dem Herzen,
nur Ermattung saugt mich zerschlagen
in den dunklen Schlund.

Vor den Fenstern gleisst die Sonne.
Der Frühling prallt zur Strassenseite ab.
Das kühle, dicke Gemäuer bildet die Rüstung,
wehrt die Ansprüchlichkeiten einer Welt in Strahlen ab.
Keine hoffnungsvolle Sehnsucht verhilft zur Verheissung
eines wunscherfüllenden Tags.

Bescheidene Anfrage | Mascha Kaleko

Steht mein Bild wohl noch auf deinem Tisch?
Kramst du manchmal noch in meinen Briefen?
Ist das kleine Landhaus mit dem schiefen
Bretterdach auch jetzt noch malerisch?

Geht die Haustürklingel noch so schrill
Und verklingt erschrocken immer leiser …
Bellt dein Dackel Julius noch so heiser?
Ists am Abend so wie damals still ?

Hast du immer noch kein Telephon?
Gibts auf dem Balkon noch Hängematten?
Spielt ihr manchmal noch die Schubertplatten
Auf dem altersschwachen Grammophon?

Gibts zum Tee noch immer Zuckerschnecken?
Sagt Johanna immer noch «der» Gas … ?
Darf man in das teure Gartengras
Immer noch nicht seine Beine strecken?

Weht der Seewind morgens noch so frisch?
Grinst der Mond des Nachts noch so verlegen?
Gehst du manchmal mir zur Bahn entgegen?
… Steht mein Bild wohl noch auf deinem Tisch?

Steht mein Bild …? – Ich hab’ es selbst zerrissen!
Glaub nur nicht, ich hätte deins vermißt.
Aber manchmal möcht man manches wissen,
Wenn man so mit sich alleine ist …

angeregt durch https://www.facebook.com/Textredaktion/

84 | Nachhall



Die Erinnerung sucht nach Dir.
Schon viele fahle Monde in Sehnsucht
von da nach hier.

Bogen Lichts von gestern
nach heute herübergespannt.
Blicke in blaue Augensterne.
Greifende, warme, pulsierende Hand.

Rotbärtiger Jüngling.
Erfahrener Don Juan.
Bald jährt sich der Zauber,
der sich zwischen uns entspann.

Ein glucksendes Bächlein der Freude,
das im Ungefähren verann.
Ein zärtlicher Kuß,
den ich so gerne besang.

Komm – wir lachen wieder zusammen.
Tanzen den Kummer fort
und machen die graue, steinerne Welt
zu einem liebenswerten, leuchtenden Ort.