57 | Herzschlag

Wie der Herzschlag blinkt der Cursor.
Fordert stetig zum Verfassen frisch gereimter Zeilen auf.
Doch die Blicke wandern zum getrübten Fenster.
Mensch saugt Lindenduft aus der Sommerluft heraus.

Erfinde keine neuen Verse,
denn die ungestillte Sehnsucht treibt das Dichten aus.
Betrachte so das schweigende Smartphone.
Keine Botschaft trudelt in das abgeschiedene Haus.

Heute Morgen hüpfte vom Balkon aus
eine Spatzendame in das grosse Zimmer.
Sah sich um und flatterte dann wieder hinaus.
Lobe solche unerwarteten Besuche,
denn aus blanken Augen strahlt es vorwitzig heraus.

148 | Kupfer

Kupferrot, wie das anstehende Herbstlaub,
flammt Dein Haar.
Blau glänzt Dein Auge, das mich anstrahlt.
Verfroren betastest Du schüchtern
die Manschette Deines Hemdes,
wie ein nacktes Küken ohne Flaum.

Ich möchte Dich schützen,
– ein Nest um Dich bauen,
– Dich bergen und hegen,
– Deine kalten Finger auftauen,
– ein wärmender Mantel Dir sein.

Ich streich‘ mit den Augen
entlang Deines Gesichts.
Gebe zurück
Deinen zärtlichen Blick.
Ich greife Deine Hand
und merke, dass es piekst,
halte trotzdem still,
bis Du losläßt,
weil ich Dir ein Anker
im Sturmwind sein will.

140 | Staubkörner

Wie Staubkörnchen wirbeln wir in der Luft
– mäandern driftend in ihrem Strom.
Unsere Tage haben kein Gewicht.
Wir treiben um einander herum.

Golden erstrahlen wir im Gegenlicht.
Ein Luftzug reisst uns in die Höhe.
Wir sinken langsam herab,
als seien wir Winters Schnee.

Auf blankem Spiegel ein Sediment,
gefallen aus leichterer Dimension,
verdecken wir das Leuchten der Reflexion
und machen das Blanke stumpf.

141 | Rosenblütenblatt

Seidensamtig kräuselt sich ein rosenes Blütenblatt
im frischen, fruchtigen Strom seines Dufts.
Ein zarter Hauch durchzieht die Luft.
Es öffnet sich Herz und Geist.

Verliebt fliessen Gefühle.
Süß betören Aromen
Nase und Gaumen.
Flammend leuchtet das Blatt.

Erfreut müde Lider.
Kühlt brennende Augen.
Klärt stickige Atmosphäre.
Erfreut erschöpfte Gemüter.

131 | Strandgut

Treibholz auf dem Sand des Strandes
– verblichen und geschliffen.
Ist so weit gereist.
Kennt das Meer und seine Klippen.

Harmonisch liegt es Ton in Ton
an heller, sandiger Küste
– ihr Saum mit trockenen,
schwarzen Algen dekoriert.

Mit den Jahren gleichen
wir dem knorrigen Holz,
das ausgewaschen von der Flut
durch die Gezeiten weit gereist ist.

Befreit von Rinde
liegt blank
der Kern
im Sand
angelandet
bis zum nächsten Sturm
ruhig an einer Küste.

132 | Zeitlos

Süß und mild wie Honigtau
tropft zäh der Tag.
Ich lecke den klebrigen Sekundensaft
von den Stundenzeigern ab.

Leuchtend golden rinnt der Sirup
der Sommerweile tropfend vom Stundenglas.
Von der Holzbank weht eine Daune,
die ein Vogel dort vergaß.

Über den milchblauen Himmel
segeln getürmte, wattige Wolkenschiffe.
Hummeln brummen summend in Blütenstauden
im dunkelgrünen Gras.

Die Mittagssonne schmilzt die Luft überm klebrigen Asphalt.
Ich sehe mich um nach der kühlen Brise,
die herüberweht aus dem Schatten im dunklen Wald.
Die Zeit zergeht gelinde
und ein strahlender Tag
macht erst am Sonnenuntergang halt.

133 | Schmetterling

Lau weht der Sommerwind
und bläst lind
den Duft einer unbestimmten Sehnsucht heran.
Ich denke an diesen Schimmerschmetterling,
der für eine kurze Weile sass auf meinem Arm.

So kurz nur währte mein Glück,
schon gaukelte er davon.
Ich liess ihn ziehen,
wäre sonst zerdrückt.

Hat in seinem Tanz
mein Herz mit sich genommen.
Ich halt noch Ausschau nach ihm
— kommt er zurück? —
an jedem Sommerabend.

134 | Wo?

Welche Träume träume ich noch,
die ich umherstreif ohne Rast und Ruh?
Welch matter Glanz lockt mich fort?
Über welche Schwellen muss ich noch?
In welchem Haus wohnst Du?

Ich kenne keinen Ruheort.
Mich zieht die Sehnsucht zu Dir fort
und so seh ich den im Wind wiegenden Halmen
auf jenem Hügel zu.

Es gibt für mich
die Stille nicht.
Ich streif umher
und suche Dich
und weiß, Du liebst mich
längst nicht mehr,
doch stört mich das
genau genommen nicht so sehr,
denn die Erinnerung an Dich gibt genug zum Träumen her.

129 | Sinn II

Duftende Rosenblütenblätter sind mir die Erinnerungen an Dich.
Mit dem Gefühl des kostbaren Samts Deiner Haut
kleide ich die Träume meiner Tage aus.
Blau strahlt Dein Augenlicht
in mich zurück.

Diese eine Stunde, die wir beieinander lagen,
gibt all den anderen Sinn.
Ich gebe meine Tage mit der Rück-
schau an sie hin.

Wir schenkten einander ein zärtliches Glück,
das mein Herz auch jetzt noch vollkommen verzückt
und mich aus der monotonen Tristesse des Alltags entrückt.
Du bist mir am Horizont der hellste Stern,
trotzdem Du weilst genauso fern.

130 | Meine Tage

Ich bin auf Wanderschaft
von Ruheplatz zu Ruheplatz.
Und dann das Gleiche an jedem Ort
– ich denke mich fort.

Ich träume ständig.
Nur dann bin ich lebendig.
Von einem kleinen, ebenerdigen Haus
mit Stockrosen am Fenster draussen.

Vom Meer – glitzernd und blau
im gleissenden Sonnenlicht.
Vom Verfassen eines glühenden Liebesgedichts.
Von Deinem schönen Gesicht.

Ich blicke zu den Wattewolken hinauf
und folge mit den Augen ihrem Himmelslauf.
Das Leben hier drunten
ist ohne Zeit und Stunden.

So verstreichen meine Tage
ohne Ziel und Plan.
Was von mir zu tun ist, wird von mir getan,
worauf ich wieder träumen kann.

117 | Sonntagmorgen, 118 | George Floyd, 119 | Lamento

117 | Sonntagmorgen
Gedämpftes Licht suppt aus den Wolken.

Der Hibiskus blüht.
Auf dem Parkett – staubige Krusten.

Tote Fliegen,
die in den Spinnenweben
auf den Fensterbänken liegen.



Vom Bäcker ein Rosinenbrötchen.

Der Sonntag kriecht voran.

Verblasste Aquarelle gemalt aus Worten.

Ein zäher Morgen

dessen Verse holpern.

Der Tag hat gerade erst angefangen.

118 | George Floyd
Männer in Uniform nutzen ein Bagatelle,

um einen Zivilisten brutal zu Tode zu schikanieren.

Die ganze Welt kann das auf einem Video ansehen.

Sie kennen keine Hemmungen.


Es geht auch eine Drohung an die Zivilgesellschaft davon aus.

– Niemand ist sicher vor uniformierter Erbarmungslosigkeit und Willkür
mit der die Männer George Floyd das Recht auf Unversehrtheit nahmen.

119 | Lamento
Ein Ring von Bitterkeit und Schmerz

liegt dornig um mein einsames Herz.
Kein Honigduft kann es besänftigen.

Aus meinen Augen tropfen salzige Tränen.



Nicht Sonne, noch die hohe Luft

kann meine Einsamkeit bezwingen.

Kein Vogellied kann so schön klingen.


Ach, ich freute mich,

könnte ich doch neue, wohltönende Melodien erfinden,
– von Liebe, Frühling und Freude wollte ich Euch singen,
doch gerade das will mir nicht mehr gelingen.



Verzeiht mir bitte.

94 | Begegnung

Abends war es noch kühl,

als wir auf dem Hofgang 

unsere Runden drehten.

Eine Nachtigall jubilierte 

in die Himmelsröte.



Du warst ein junger Prinz

und schon bald verschwunden.

Die Burgruine blieb ohne Dich

öd und leer zurück.



Ich habe zwischen dem Duft der Rosen

zu Beschwörungsformeln gefunden

und besang Dein Bild
ganz in Frühjahrspoesie entrückt.



Habe Dir Gedichtebriefe nachgeschickt

und auch heute wüßte ich gerne,
was aus Dir geworden ist.