84 | Nachhall



Die Erinnerung sucht nach Dir.
Schon viele fahle Monde in Sehnsucht
von da nach hier.

Bogen Lichts von gestern
nach heute herübergespannt.
Blicke in blaue Augensterne.
Greifende, warme, pulsierende Hand.

Rotbärtiger Jüngling.
Erfahrener Don Juan.
Bald jährt sich der Zauber,
der sich zwischen uns entspann.

Ein glucksendes Bächlein der Freude,
das im Ungefähren verann.
Ein zärtlicher Kuß,
den ich so gerne besang.

Komm – wir lachen wieder zusammen.
Tanzen den Kummer fort
und machen die graue, steinerne Welt
zu einem liebenswerten, leuchtenden Ort.

80 | Fragmente

Samtschwarz schimmert feiner Ruß.

Verloschenes Glimmen roter Glut.

Fahlgrau fettige Asche.

Placken von blättrigen Schichten verkohlter Pappe.

Eines verbrannten Feuers Reste
bilden für neues Wachstum Düngerfragmente.

81 | Momentum



Kalter Nacken.

Gläserner Blick.

Staksige Äste abgeknickt.

Tropfen tropfen monoton.

Farben bleigrau monochrom.


Klickend ticken Zeiger auf der Stelle.

Unbewegt steht Dunkel vor der Schwelle.

Ruhelos streifen die Augen umher
,
finden im Ungefähren den Anker nicht mehr.

Brüllend das Schweigen.

Leer der Ton.

Ertrunken im Dämmerlicht

alle Illusion.

77 | Watt

Perlender Schaum, der Schlick benetzt.

Venusmuscheln im Sand versteckt.

Mutter Erde, die nackte Beine mit Modder bedeckt.

Angst, dass eine im Boden verborgene Auster
blosse Fußsohlen aufschlitzt.



Gesichter vom frischen Wind gerötet

und von wolkendurchbrechender Sonne erhitzt.

Meerwasserlache, die unter den Schritten aufspritzt.
Ein kleiner Seestern, der in einer flachen Pfütze festsitzt.



Am Horizont eine Hallig.

Das Watt, in dem ein Priel in der tiefstehenden Sonne blinkt.

Eine Haarsträhne, die der Wind in die Stirn bläst.

Gewaltige Wolken, die er wie Banner voran trägt.

76 | Verborgen



Verborgen hinter zugezogenen Gardinen.

Klagend über Traumverluste.
Phantasiere Wärme in vorgestellten Mienen.

Tröstende Umarmungen meines Holden suchend.

Nehme Nektar aus Goldströmen.

Pflanze Flammen in den Tag.

Möchte Widerstreitendes versöhnen.

Forme Schwüre, wie ihr’s vertragt.

Berge Düsterkeit im Zwielicht drinnen.

Tage, die ziellos verrinnen.

Greife nach Halt in Erinnerungen.

Bin in Gegenwart hineingezwungen.


Wortwolken, die das Tonlose betrachtend 

schamgesäumt verstummen.

75 | Schranken

Wenn die Schranken fielen

und wir arglos spielten,

könnten wir vielleicht glücklich sein
und uns sonnen in des anderen Schein.

Doch die Grenzen halten

und so bleibt alles beim Alten

und kein Glanz bricht
in unsere Tage hinein.


Unsere Gemüter bleiben unbewegt und starr,

wie Berge aus grauem Granitfelsstein.


So bedrückt und beschwert streift kein Licht
unsere Augen in der Dunkelheit.


Wir starren angestrengt hinein

und suchen nach etwas Sicht,
doch die finden wir

in der unbewegten Finsternis nicht.

73 | Traum



Vom Traum heute Nacht aufgewacht.

Alles darin leicht 
und mit Energie vollbracht.

Sprengte Erwartungen.

War voller Schwung.



Der Körper kribbelte.
Fühlte mich jung.

Möchte neustarten.

Frei machen vom Klammergriff

starrer Projektionen.



Im Sog freigesetzter Kraft

Veränderungen geschafft.

Hoffe dieses Bild und die Gefühle 

ragen in die Tage hinein –

geben den Schub für ein

anderes Sein.

74 | Lieber



Lieber als Kirschkernkissen

mag ich Kirschkernweitspucken.

Lieber als tropfend fallende Tränen in trübe Tassen

mag ich süße Bonbons naschen.



Lieber als schlaff herabhängende Windsäcke

betrachte ich wehende Bänder.

Statt wässrige Suppe aus tiefen Tellern zu schlürfen

blicke ich lieber über ihre Ränder.



Viel lieber als Seiten zu stechen

möchte ich mit Dir mein Brot brechen.

Und zum Schluß 

habe ich statt auf Essen

mehr Lust auf einen schmelzzarten Kuß.

71 | Winternachmittag 



An der blinden Scheibe

kriecht zögernd ein Tropfen herab.

Der Wind fährt in das kahle Geäst

und zupft an einem trockenen, braunen Blatt.



Schweigsam zieht die Dämmerung auf.

Stille liegt wie Blei auf dem Haus.

Über den Himmel gleiten die düsteren Wolken.

Des Tages Farbe heisst Grau.

Die Schultern rutschen zu den Ohren hinauf.

Die Finsternis dämpft jeden Laut.

Im Fenster gegenüber brennt ein elektrisches Licht.

Das Glimmen in Deinen Frühjahrsaugen

erkenne ich in der kalten Dunkelheit nicht.

Aber gerade deshalb erinnere ich mich,
weil ich diese Glut vermiss.

70 | Vor der Wand



Ein bleierner Ring aus Schmerz
bedrückt und beengt das Herz.

Trat’st aus unserem lichten Schein

in das samtene Schwarz der Dunkelheit hinein.

Liess Dich ziehen
und folgte Dir
in gemessener Distanz
bis das Dunkel Dich verschlang.

Blieb in der Stille zurück
stand vor einer Wand.
Habe Dich nicht mehr erkannt
und mich eine Närrin genannt.



Ein kalter Hauch

streicht über die Haut

in meinem Gesicht.

Der sprühfeine Niesel

rinnt über die Stirn.



Du bist fort.
Nichts bringt Dich zurück.

Du fehlst

Doch ich vergesse es nicht

– das Glück.

57 | Der Mond

Geliebter, so schön hell scheint der Mond.
Der Mond scheint hell.
Er ist fast voll.
Wir waren klug, drum haben wir
das Glück zu fassen bekommen.

Geliebter, wer stört das Glück?
Glück wird gestört, denn es stört
die Finsternis.
Der Unglückliche gerät unter das Joch.

Geliebter, Dir gehört mein Herz.
Mein Herz, Geliebter, gehört Dir.
Man hat mich gedrängt unters Joch zu gehen.
Unterm Joch kann ich nicht gehen.
Ich bin frei.

Fragt man ein Rotkehlchen
den Wagen zu ziehen?
Es erfreut doch mit seinem Gesang.
Du und ich, wir gehören einander.
Nur Dir gehöre ich an.
Es gibt nicht anderes,
was so schön scheint, mein Freund,
nur Liebe hat diesen Glanz.

Extrem

Im März die vergangene Reise
– eher eine Flucht.
In Skandinavien, um Asyl ersucht.
Auf dem Fahrrad im Winter,
mit der Bahn, Fähre und zu Fuß,
im Portmonaie fast kein Geld.

Nicht nur die Witterung eisig
auch viele Menschen engherzig
und zum Helfen nicht bereit.
Als blinder Passagier am Schluß
zurück, nun weiß ich,
was es heißt,
auf Freundlichkeit angewiesen zu sein.

In einem Motel auf Lolland vor Erschöpfung
nach Kilometern in Wind und Regen fast gestorben,
schon auf dem Weg heraus aus meinem Körper umgedreht.
War, als ich dort an ankam,
nass bis auf die Knochen.
Die Rechnung für die Trocknung
ist noch offen.