22 | Abend

Eingeschlagen in den dunkelblauen Satin
des Nachthimmels schwebt der zitronengelbe Mond
hoch über unseren Köpfen.
Ein lauer Wind weht milde Abendluft heran.

Das steinerne Pflaster aus Granit
zittert unter unseren Schritten.
Wir horchen auf der Amseln keckernden Gesang
am Bahndamm unter der gequerten Brücke.

Ein Band aus Eisen führt darunter zum Horizont entlang.
Der Weg darüber verliert sich
in der Strassenenge.
Der Park steht düster am steilen Hang.

193 | Zwei Schollen auf dem See

Zwei Schollen treiben in der Dämmerung
auf dem eisigen See.
Ein Silberreiher landet in der Astgabelung.
Gottt und ich stapfen
auf dem morastigen, schwarzen Weg.

Die Bude ist uns zu teuer.
Wir trinken bei mir Tee.
Ein Jahr klingt langsam aus.
Wir sprechen von Renovierungs-
und Reiseplänen.

Im nächsten Oktober
soll’s nach Sizilien gehen.
Dann sind wir hoffentlich alle geimpft
und können der Welt wieder begegnen.
Die Aussicht macht uns Lust,
ins neue Jahr zu sehen.

191 | Musik

Meine Gedanken ziehen Kreise
während ich schweige.
Kristallene Tropfen
rinnen über mein Gesicht.

Ich setze mich
und bastele ein Gedicht.
Drehe gegen die Stille
die Musik laut auf.

Ein paar Schritte
tanze ich.
Dann bin ich
besser drauf.

Ich fühl mich
nicht mehr allein.
Kann gegen den Kummer
mit den Songs anschreien.

179 | Kalter Hauch

Der kalte Hauch einer tristen Zeit
stapft eintönig auf uns zu.
Der Herzschlag aller anderen ist weit
und noch viel ferner bist mir Du.

Fröstelnd verschliesse ich die Tür
und hänge alle Fenster zu.
Die zugigen Lüfte werden ausgesperrt.
Der Wind heult vor dem Tor.

Im Dunkeln sitz ich vor dem kalten Licht
des Laptop-Monitors.
Eine Fruchtfliege kriecht
über das Glas mit dem Orangenlikör.

Auf der Strasse unten räuspert sich laut
ein vorbeigehender Passant.
Eine Autotür schlägt krachend zu.
Die Finternis steht früh am Tag ins Land.