44 | Gegenwart

Wenn Du zwischen gestern und morgen stehst,
wähle die Gegenwart,
nur sie ist, was Du wirklich hast.
Nur der Moment im Jetzt und Heute

ist wirklich, drum gib ihm jetzt Bedeutung.
Was war, was wird, – ist nur in Deinem Kopf,
drum reich die Hand schon jetzt dem armen Tropf.
Warte nicht auf jenseitige Vergnügen.

Nimm ganz die Gegenwart und wenn’s so ist,
dann laß Dich nicht von Deinen Gefühlen wegaddieren.
Sei achtsam mit dem, was Du gerade tust,
denn für das Leben hast Du nur den einen Versuch.

Jeder geht im Leben einsam,
das haben alle miteinander gemeinsam,
drum tue heute, was Du kannst
und warte nicht darauf,
wovon Du nicht wissen kannst.

27 | Sursuliesumm

Sursuliesumm, sehe mich nach Dir um.
Du weilst in der Ferne.
Schickte Dir Briefe so gerne,
doch bleibe ich stumm.

Ich habe von Dir keine Adresse.
So was ist für Dich nicht von Interesse.
Du wärest gerne, wie ein Vogel so frei,
ob Dich Post erreicht, ist Dir einerlei.

Sursuliesumm, verirr Dich nicht im Sumpf.
Laß‘ Dich von der Muse küssen,
bette Deinen Kopf auf saubere Kissen.
Laß‘ mich von Deinem Schicksal wissen.

Sursuliesumm, ich nehme Dir’s nicht krumm.

22 | Abend

Eingeschlagen in den dunkelblauen Satin
des Nachthimmels schwebt der zitronengelbe Mond
hoch über unseren Köpfen.
Ein lauer Wind weht milde Abendluft heran.

Das steinerne Pflaster aus Granit
zittert unter unseren Schritten.
Wir horchen auf der Amseln keckernden Gesang
am Bahndamm unter der gequerten Brücke.

Ein Band aus Eisen führt darunter zum Horizont entlang.
Der Weg darüber verliert sich
in der Strassenenge.
Der Park steht düster am steilen Hang.

193 | Zwei Schollen auf dem See

Zwei Schollen treiben in der Dämmerung
auf dem eisigen See.
Ein Silberreiher landet in der Astgabelung.
Gottt und ich stapfen
auf dem morastigen, schwarzen Weg.

Die Bude ist uns zu teuer.
Wir trinken bei mir Tee.
Ein Jahr klingt langsam aus.
Wir sprechen von Renovierungs-
und Reiseplänen.

Im nächsten Oktober
soll’s nach Sizilien gehen.
Dann sind wir hoffentlich alle geimpft
und können der Welt wieder begegnen.
Die Aussicht macht uns Lust,
ins neue Jahr zu sehen.

191 | Musik

Meine Gedanken ziehen Kreise
während ich schweige.
Kristallene Tropfen
rinnen über mein Gesicht.

Ich setze mich
und bastele ein Gedicht.
Drehe gegen die Stille
die Musik laut auf.

Ein paar Schritte
tanze ich.
Dann bin ich
besser drauf.

Ich fühl mich
nicht mehr allein.
Kann gegen den Kummer
mit den Songs anschreien.

179 | Kalter Hauch

Der kalte Hauch einer tristen Zeit
stapft eintönig auf uns zu.
Der Herzschlag aller anderen ist weit
und noch viel ferner bist mir Du.

Fröstelnd verschliesse ich die Tür
und hänge alle Fenster zu.
Die zugigen Lüfte werden ausgesperrt.
Der Wind heult vor dem Tor.

Im Dunkeln sitz ich vor dem kalten Licht
des Laptop-Monitors.
Eine Fruchtfliege kriecht
über das Glas mit dem Orangenlikör.

Auf der Strasse unten räuspert sich laut
ein vorbeigehender Passant.
Eine Autotür schlägt krachend zu.
Die Finternis steht früh am Tag ins Land.