186 | Auf dem Weg

Ich war auf dem Weg
und begleitete Dich ein Stück.
Wir hakten beieinander
die kleinen Finger ein.

Der Wind hat geweht
– da auf unserem Weg
gepflastert mit Stein.

Deine Hand war so dürr
und eisig kalt
auf unserem Weg
an jenem Septembertag.

Trotzdem hat mein Herz gehüpft,
als Du neben mir schrittst
auf dem steinernen Weg,
der im Nachmittagsschatten vor uns lag.

185 | Winter

Der Winter hat den strahlenden Glanz
der Sommertage verschlungen.
Mit ihm sind auch
die bunten Blumenrabatten verschwunden.

Zu Grau gefroren ist der Himmel
über dem See.
Wir warten daraus auf das Fallen
kristallenen Schnees.

Das Gelb des Oktoberlaubs
ist zu Boden gesunken.
Schwarz ragt hinauf das Astwerk
der Strassenlinden.

Im Dezember wird man wieder
duftende Nadelzweige
zu Kränzen binden.
Bratäpfel werden mürbe
Erinnerungen bringen.

Matt und gemessen
schlägt tief unter Wurzeln
sein kaltes Herz.
In die dunklen Tage
webt er Sehnsucht und Schmerz.

184 | Wir waschen den Boden nicht blank

Am Ende vom Flur
klappt keine Tür
und Du sprichst nicht.
Kein Lied klingt herüber.

Du streichst die Locke nicht
aus meinem Gesicht
Wir waschen den Boden nicht blank.
Wir versinken nicht in einer Umarmung.

Da ist kein Bild,
das den Hunger stillt.
Wir schweigen nicht Bände.
Am Ende des Tunnels ist kein Licht.

Wir streichen nicht die grauen Wände.
Wir brechen nicht auf,
legen nicht zart dem anderen das Herz in die Hände.
Kein Ring aus Gold ziert unsere Hände.

182 | Dämonen

Über den trüben Wolken
thronen die Dämonen.
Sie schlucken das Licht.
Ihre dunklen Boten flattern
durch die Finsternis.

Kalt haucht Ihr Atem
in die Kragen.
Über die feuchten, fahlen Strassen
huschen ihre zerfledderten Schatten.

Aus längst vergangenen Tagen
hört man verlorene Seelen klagen.
Schaudernd entzündet man ihnen
einen Kerzenschein
und hofft, so finden sie heim.

181 | Hörst Du?

Hörst Du die Pappeln säuseln im Wind?
Glaubst Du, dass wir lebenslang Kinder sind?
Hörst Du die Krähen krächzen
und die Dielen unter Deinen Schritten ächzen?

Malst Du als Fotograf
Blattrispen nach?
Siehst Du der Zweige Licht- und Schattenspiele?
Riechst Du des Novembers düstere Kühle?

Steigst Du ängstlich in den finsteren Keller hinab?
Driften Deine Gedanken ab?
Schraubst Du Gläser auf mit Pflaumenkompott?
Telefonierst Du zum Vergnügen mit Gottt?

Gottt ist jetzt fünfundfünfzig
und um die Hüften etwas rundlich.
Er ist ein ganz lieber Tropf
und besitzt einen wunderbar eigensinnigen Kopf.

Ich denke, ich soll Dich von ihm grüssen.

180 | kleide bunt

Kleide bunt die Stille aus.
Hole ein wärmendes Feuer
in den Ofen Dir ins Haus.
Sperre den Schnürenregen aus.

Nimm die Farben in die Hand.
Träume Dich in ein anderes Land.
Stapfe mit den Gummistiefeln
in die nassen Pfützen.

Puste in den Dampf des Tees.
Schnupper den frischen Duft,
den ein feuchter Wind herbeiweht.
Sieh das blanke Rot der Hagebutte,
die am Weg steht.

179 | Kalter Hauch

Der kalte Hauch einer tristen Zeit
stapft eintönig auf uns zu.
Der Herzschlag aller anderen ist weit
und noch viel ferner bist mir Du.

Fröstelnd verschliesse ich die Tür
und hänge alle Fenster zu.
Die zugigen Lüfte werden ausgesperrt.
Der Wind heult vor dem Tor.

Im Dunkeln sitz ich vor dem kalten Licht
des Laptop-Monitors.
Eine Fruchtfliege kriecht
über das Glas mit dem Orangenlikör.

Auf der Strasse unten räuspert sich laut
ein vorbeigehender Passant.
Eine Autotür schlägt krachend zu.
Die Finternis steht früh am Tag ins Land.

178 | Zeitenlauf

Die Tage sind wolkenverhangen vergangen,
seitdem wir genüßlich unser Eis verschlangen.
Du machtest Deine Gegeneinladung zum Essen
bisher nicht wahr.

Ich überlege – wie können wir zueinander gelangen?
Wie streife ich den weissen Kalk aus meinem Haar?
Haben wir den rechten Zeitpunkt vergessen?
Ist ein so unterschiedliches Paar
nicht füreinander gemacht?

177 | Zeit

Hier drinnen verrinnen die Sekunden
und hinterlassen auf der Uhr keine Spur.
Im gleichmäßigen Takt wandern die Stunden-
und Minutenzeiger an den unbewegten Ziffern
des Blatts vorüber. Sie drehen
unablässig ihre Runden.
Sie drehen sich auf ihrer Zeitreise im Kreise,
immer fort und fort.
Von den Zeichen ihrer Bahn bleibt nichts stehen.
So können wir vom Vergehen
der Zeit am Ende auf der Uhr nichts sehen.