54 | Schwarzer See

Der See so schwarz, so tief und still.
Er gleicht der dunklen Erinnerung.
Nur Schweigen steigt herauf von seinem Grund.
Das Wasser schwer. Kein Lüftchen weht.

Der Wald um seine Ufer steht.
Vor seinem Horizont die grüne Wand.
Er ist mit meiner düsteren Phantasie verwandt.
Es zieht darauf kein Schwanenpaar.

Kein Froschgequak.
Nur schwarz und tief und still.
Und lautlos jagende Libellen.
Und Mückenwolken sirren.

53 | Sentimental

Es kommt Fisch auf den Tisch.
Die Forellen blicken stumm
aus glasklaren Augen im Zimmer herum.
Silbrig glänzen Ihre Leiber.

Im Ofen ziehen sie Saft
mit Zitronen rundet sich der Geschmack,
dazu fliesst gekühlter Riesling.
Es senkt sich eine Sommernacht.

Die Schwalben zirpen am Himmel tief.
Gottt geht mit den Glaubensbrüdern ins Gericht.
Mir fügt sich das Leben mit seinen Trennungen nicht.
Es ist mir noch ungewohnt – mein Bild als Solist.

52 | Kälte

Es ist mir kalt in dieser kalten Welt,
wie einem aus dem Nest
gefallenen Vogel – noch nackt,
ganz ohne Federkleid.

Es fehlt mir Schutz vor sengender Sonne.
Der Wind bläst mich davon,
wie einen losen Halm.
Meinem Haus fehlt’s Fundament aus Stein.

Über mir des Himmels frostige Blöße.
Es wartet auf mich am Ende der Strasse
kein vertrautes, glücksgespicktes Heim.
Ich finde mich nirgends ein –
ich bin allein.

51 | Dichterland

Die Tage strahlten im gleissenden Licht.
Besungen waren Deine Locken in jedem Liebesgedicht.
Voll Hoffnung brachen die Morgen an.
Es gingen die Stunden mit Sehnsucht voran.

Du tauchtest in die Schluchten der Häuser hinab.
Dich verschluckte das Schweigen der finsteren Nacht.
Es blieben die Schatten des Mondenscheins.
Ob Licht oder Dunkel – alles ward einerlei.

50 | Wolken

Dunkle Wolken türmen sich am Himmel auf.
Durch spiegelblanke Pfützen watet man nach Haus.
Regenkühle hält die Tage frisch.
Erste Erdbeeren kommen trotzdem auf den Tisch.

Am Besten sind sie mit Schlagrahm gekrönt.
So wird die Zunge süß verwöhnt.
Vergessen wird der Liebesfrust
mit sommerlichem Hochgenuß.

Sind auch die Männer herz- und treulos
– der Mai spendet mit Genüssen Trost.
Es kommen auch noch andere Tage
– vergessen ist dann kleinmütige Klage.

49 | Stillstand

Die Zeit steht still.
Die Tage werden lang.
Das Leben fliesst träg und hält
sich an keinen fruchtbaren Plan.

Die Jahreszeiten zerinnen
wie verwehender Sand.
Kommt noch einmal Fahrtwind
oder bleibt zäher Stillstand?

Wer nimmt fort den Ring aus Eisen,
der sich um die Brust legt?
Wer horcht dort auf das Pochen,
ob das Herz sich noch regt?

48 | Winter

Winter, Du ehrliche Haut,
schälst unter dem grünen Pelz
das karge, dunkle Gerippe heraus.
Gedämpft und still, nicht schrill und laut

– so liegt die Welt
angehalten zu meinen Füssen.
Ein tiefer Schlaf umfasst mein Herz
und läßt das Dasein grüssen.

Winter, mein Held,
bei Dir darf alles ruhen.
Ich raste gern
bei Dir am wahren Kern
zwischen den kahlen Ästen
der schwarzen Erlen
und silbernen Buchen.

47 | Zaubergarten

Ich fand Dich in einem wüsten Zaubergarten.
Es war nicht klar, ob er Himmel oder Hölle war.
Gefüllt war er mit Schreien von zornigen Zaubertieren.
Wir sprachen wortlos – uns wurde der Sinn durch Blicke klar.

Mit unseren Fingerkuppen wollten wir einander zart berühren.
Für Dich schmückte ich mit kleinen, duftenden Blüten mein weisses Haar.
Du gingst zum Tor hinaus, ohne Dich noch einmal umzusehen.
Ich sah Dir nach und stehe noch immer da.

46 | scheitern

Hatte ich je die Wahl zu scheitern?
Blieb mir was anderes übrig,
als die Freunde zu erheitern?

Ich wollte es immer besser machen,
als die Alten.
Ich tat, was Not tut, für Dein Lachen.

Jetzt ist mir all die Leichtigkeit nur Tand.
Es zählt in Wahrheit nur, was schwer gelang.
Das Leben schlug das bleierne Ruder
mir aus der Hand
und nur das Bittere fühlt sich richtig an.

45 | Stern

Ich hörte auf die Worte Deiner glimmenden Blicke.
Heute erscheinen sie mir dunkel und rätselhaft.
Ich wiegte mich mit Dir im Takt einiger Tanzschritte.
Du hast mein Leben mit schillernden Träumen versüßt.

Auf uns schneiten die weissen Schneesterne
und regnete der Blütenschaum.
Heute weilst Du in der unbekannten Ferne.
Deine Spuren verwischt der Meeressaum.

Kommen auch neue Sommertage,
malt auch der Himmel Regenbogen in den Wolkendunst
– Du bleibst die liebste Melodie
in meinem Erinnerungsschatzkasten,
– der hellste Stern, der in meinem Universum prangt.