82 | Und das grelle Licht wird zur Nacht.

Das Jahr überschritt schon den Zenit.
Dem Grellen wohnt schon der Abschied
vom Licht zur Dunkelheit bei.

Die Sonne umkämpft den Tag.
Doch unbarmherzig wird es Nacht
und mit Ihr kommt der Stille Last.

Schon kauert sich das dunkle Tier
in des Abends Schatten –
ganz gleich wie froh zuvor
uns Sommertage machten.

81 | Wen sah ich?

Einst lagen wir im hohen Gras
auf einem Hang im Odenwald.
Du hattest mir viel zu verzeihen.
Ob Du’s jeh tat’st? –
Ich weiß es nicht.

Schätzte ich Dich?
Ich weiß es nicht.
Ich schätzte Dich ein.
Es rührte mich, wie man
mit Dir umgesprungen war.

Man versetzte Deiner Seele
Schlag um Schlag
seit Du ein kleiner Junge warst.
Davon ist Dein Herz vernarbt
und Du wurdest schließlich
unerbittlich und hart.

Du hast die dicken Taue,
die zwischen uns gewachsen waren
durchgehauen.
Die Zeit zum Abschied
war gekommen.
Man geht allein.

80 | Fakten

Der Tagebau gräbt Brandenburg das Wasser ab.
Die neue Autofabrik des Elon Musk
gab grosse Mengen flüssiger Chemikalien ab.
In der Oder sterben Fische – massenhaft.

Teile des Grunewalds standen in Brand.
In diesem Sommer vertrocknet das Land.
Nur noch dreissig Prozent der eisfreien Flächen
des Planeten sind mit Wald bedeckt.

Vor Hunger und Krieg sind wieder Menschen verreckt.
Die Politprominenz feiert auf Sylt.
Wir haben unsere Klimaziele verfehlt.
Durch Armut wird die Demokratie unterhöhlt.

Es sind solche Fakten,
die mich verstör’n.
Viel lieber würde ich
den lieblichen Gesang der Vögel hör’n.

Herzlichen Glückwunsch Emine Sevgi Özdamar zum Büchner Preis

Es ist ein Freude, dass diese herausragende Autorin geehrt wird, die unser Leben und die Literatur so bereichert hat. Neben Mascha Kaléko gehört sie zu den grossen Vorbildern sprachlicher Ausdrucksfähigkeit. Mit ihnen an Eurer Seite wird Euer Alltag literarisch lebendig. Vielen Dank für das Wirken – Emine Sevgi Özdamar.

78 | Wandlungen

Du hast Dich gewandelt.
Täglich sehe ich im Netz
in Dein Fotografiergesicht.
Es verstört mich.

Du bist ausgesprochen schön,
doch die Vertrautheit ist dahin –
sind die Bilder auch intim.
Sie wirken fremd auf mich.

Wie ein Schild
trägst Du das Bild
vor Dir her
und ich komme Dir nicht mehr nah,
obwohl die nahe Perspektive in den Bildern
ja da
ist.

Dir aber gefällt diese Metamorphose
und so ist es nur für mich ein Verlust,
wie die Wiederbegegnung
mit einer – einst vertrauten –
nun bebauten Landschaft.