29 | Flamingo

Ein Flamingo im rosa Federkleid
schritt majestätisch und gründelnd am Ufer,
da wo es seicht.
Er liebte seine schöne Flamingoin
und strebte künstlerisch nach Höherem.

Waren abends die Wolken am Himmel zart flammend
von der sinkenden Sonne angestrahlt,
hat er vor ihr mit seiner Verwandschaft
zum Himmel geprahlt.
Sie hat dann, ihm zu Gefallen,
ihr Gefieder mit diamantenen Wassertropfen benetzt.

So staksten sie gemeinsam
ein gravitätisches Flamingobalett.
Sie tunkten ihre schwarzspitzenen Schnäbel
in die blassblaue Gewässeroberfläche
und umschlangen einander mit ihren langen Hälsen
um ganz in Rosarot zu verschmelzen.

28 | Ist Platz für Dich?

Ist in der ungeheuren Weite
meiner Wüstenleere Platz für Dich?
Dürftest Du eine Oase sein?
Ertrüge ich Dein milderes Licht?

Die unerbittliche Verheerung
des Sonnenfeuers
hat die Quellen in der Ödnis
versickern lassen.
Nein, es ist kein Ort für eines Falken Pfeifen.
Nicht einmal Geier wohnen hier.

27 | Sisyphos

Wie oft rollte ich den Stein den Berg hinauf?
Und oben angelangt, rollte er wieder hinab.
Worauf ich jeden Tag das Gleiche wieder tat.
Doch einmal hatte ich es satt
und warf den Stein.

Da rief die Nachbarin die Gendamerie.
Sie waren grob und brachten mich gebunden ins Verlies.
Worauf ich Stunden an Armen und Beinen gefesselt blieb.
Erst als ich schwor, dass ich auf’s Neue verricht
an jenem Brocken meine Pflicht,
und dass keine Gefahr neuerlich
zu Würfen von mir ausging,
entliess man mich.

26 | Worte

Als Landmarken setze ich Worte in die Ebene.
Wie der Hoffnung Morgenröte schöpfe ich Lieder.
Wie der lauen Nächte Nachtigallengesang
sende ich Töne, damit ich an Dein Ohr gelang.

Du nährtest mich mit Deiner Liebe,
gabst mir Kraft mit Deines Kusses Zaubertrank.
Doch seit wir darauf so bald schon Abschied nahmen,
dunkeln winterstill die Tage
und das Dasein wird mir wieder lang.

Frost hat mein warmes Herz ergriffen
und der Himmel regnet graue Asche
und das Eis folgt auf die Glut.
Schliesslich gerinnt mein dunkelrotes Blut
zu Eisen und in die Erinnerung gefriert jener schöne Kuß.

Verschwommen

„Meine Erinnerungen an Dich sind so verschwommen, wie meine Erinnerungen an meinen Vater. Jahrzehnte im Nebel versunken. Es ist sicher die Angst und der Schmerz, die das Bild verschleiern. Obwohl wir Bett und Tisch geteilt haben, kannte ich Dich nicht und heute zweifle ich, ob Du Dich selbst kanntest. Lebendig begraben in den Mauern einer ängstlichen, gegenseitigen Überwachung, waren die Jahre zu einem kurzen Moment zusammengeschnurrt.
Ich war verheiratet – Punkt. Wir kannten einander fünfunddreissig Jahre – Punkt. Es war eines Tages vorbei – Punkt. Ich erinnere mich nicht an Dein Lächeln – Punkt.“

24 | Ochsenfrosch

Ich liebte einst einen Jüngling.
Er war von schöner Gestalt.
Durch einen Kuss verwandelte er sich
in einen Ochsenfrosch
und ward so grässlich und kalt.

Ich hoffte viele Jahre,
das er wieder der liebe Jüngling werde,
drum pflegte ich ihn zärtlich
und ging neben ihm zu Bette.

So manches Mal wollte ich verzagen
und fristete mein Dasein mit Klagen.
Doch eines Tages quakte der Frosch:
„Ich habe eine Fröschin gefunden.

Bei der will ich vom Menschsein gesunden.
Lebewohl!“ Er hüpfte fort und verschwand
im Schilf an des Sees Strand.
Ich aber blieb bitter zurück

und haderte mit meinem Missgeschick
und all dem vergeblichen Warten.
Drum möchte ich Euch sagen:
„Ändert der Liebste sich zu fröschischem Verhalten,
laßt ohne Zögern Abstand walten.“

23 | Es ist schon da

Es ist schon da –
das neue Jahr.
Diesmal will ich’s erfassen. –
Mich nicht von Schwermut
niederdrücken lassen.

Ich nehme die Tage,
wie sie kommen.
Ich wringe die Wäsche,
wische Staub
und kehre die kalte Asche auf.

Ich verlocke die Nachtigallen
zu Gesang
mit meinem Summen.
Möchte ich Rosen,
hole ich sie von meinem Strauch.

Die Schmetterlinge und Ochsen
laße ich ziehen,
werde strumpflos
über Wiesen gehen.

Ich blinzle vergnügt
in’s Morgenrot
und trinke Tau,
tunke meine Zehenspitzen
ins weiche Wasser
warmer Seen,
laß‘ mich von milden Winden
in den Süden wehen,
werde die Wolken auf ihrer
Wanderung am azurnen Himmel,
im Gras liegend,
vom Schatten einer Zeder aus
vorbeiziehen sehen.

22 | Im Tal der Unbedarften

Komm, ich zieh zu Dir
ins Tal der Unbedarften.
Ich färbe das verblichene Haar
mit Morgenrot.

Wir gurren zärtlich,
statt zu sprechen.
Ich ziehe am Zopf Dich
aus dem Sumpf.

Es zählt nichts
als unser Vergnügen.
Wir haben Glück
und sind voll Mut.

Wir sammeln –
statt monotoner Jahre –
jeden einzelnen unserer fröhlichen Tage
und stecken blaue Taubenfedern
an den Hut.