107 – Im Fluss

Wir treiben im Fluss der Zeit —
Von Herzschlag zu Herzschlag.
Wir driften vom Frühlicht
Zur Abenddämmerung —
Fahren durch die Nacht zum Tag.

Wir singen die Legenden
Unserer Leben.
Das Pochen in der Brust
Trommelt den Rhythmus dazu.

Wir branden auf den Strand
Der Entwurzelten und
Schlagen ihren Kahn leck.
Wir sinken auf den Grund
Der uferlosen Geschichten.—
Verlassen unsere Gefährten
In Zorn und Streit.
Zur Versöhnung fehlt uns
die Kraft und Gelegenheit.

Wir treiben im Fluss der Zeit.
— bis ein Hauch uns zerstäubt.

106 – Sternenhimmel

Wir navigieren einsam durch das Dunkel der Nacht.
Unser Weg ist vom silbernen Leuchten der Sterne
und der Mondsichel beschienen.
Ein milchiger Schleier liegt über den Wiesen
am murmelnden Bach.

Wir trinken durstig den Tau
unter dem sich die Halme biegen.
Am Tag strahlt auf uns die Sonne herab.
Der Weg zum Horizont schlängelt sich zu unseren Füßen.

Es drängt uns kein Tagwerk.
Es ist schon zu viel getan.
Wir ziehen mit den Wolken voran.
Wie sie die Pflanzen begießen,
werden wir das, was uns begegnet, begrüßen.

105 – Schleier

Tonnenschwer lastet der Schatten
Auf Brust und Magen.
Schleier legen sich vor die Augen.
Schorf bedeckt die Ohren.

Rissig und spröde dürsten die Lippen.
Fahrig bürsten Finger die Strähnen.
Strauchelnd die Beine gehen.
Am Ende des Weges nur dämmriger Schein zu sehen.

Verblichen die Blätter.
Trübe die Lichter.
Verblasst der Sommer.
Keine Romanze hebt Herzen höher.

104 | Laß mich vergessen

Laß mich an Deiner Seite vergessen,
dass nichts hinreicht.
Ich möchte mein Gesicht
in Deinen Armen vor dem Antlitz
der Sonne verbergen.

Wecke die blauschwarz gefiederten Vögel
der Nachtstunden und geniess’ den rubinroten Trunk
in Deinem zarten Schlund.
Lies’ meine Küsse auf mit Deinem Mund.

Das Meer wiegt uns in seinen salzigen Wellen.
Der Sichelmond sieht zu
und stichelt Sternenpunkte in den Himmel.
Laß mich vergessen, was ich doch nicht ändern kann.
Sing’ mir ein Lied.

102 | Hast Du Worte?

Hast Du Worte für das unsagbare Dunkle?
Kannst Du den Kelch mit silbernen Begriffen füllen?
Klingt aus Deiner Kehle das Verwunschene?
Kannst Du Sehnsuchtswunden stillen?

Perlen Töne aus aus Deinem Munde?
Kannst Du mich in Verse hüllen?
Findest Du mich in blauer Stunde?
Kannst Du goldene Reime stellen?

Trägst auch Du Splitter im Herzen?
Rinnen salzige Tränen aus Deinen Augen,
die mit feuchter Spur die Wangen benetzen?
Streichelst Du die Luft mit heiteren Scherzen?

Spürst Du die Zeit verfliegen,
während wir einander zärtlich in den Armen liegen?
Bist Du mitten am Tag in Traumgespinste gefangen?
Möchtest Du nie an unser Ende gelangen?

Schweigst Du tausend Fragen?
Ist Dir Verlangen lieber,
als Erfüllung haben?
So laß’ Dich von der Poesie fort
ins Dichterreich tragen.

101 | Schattengedanken

Der Himmel grau und zugezogen
– ein unbestimmter Montagmorgen.
Sehnsucht nach Aufbruch, Mut und Elan.
Wie komme ich auf diesem Weg voran?

Ich habe, was ich brauch und doch,
es gibt noch mehr, als bloß ein Dach über dem Kopf.
In Verse faß’ ich, was mich noch umtreibt,
bin zu neuen Abenteuern bereit.

Eine Taugenichtsin, die sich in die Welt reinträumt,
die Kartoffelernte über den Arm voll Sommerastern gern versäumt.
Im Stillstand weggetragen von Melancholie,
nur im Losgehen eine hoffnungsvolle Melodie.

100 | Augustnachmittag

Die S-Bahn klingelt von
Station zu Station.
Am Wannsee wartet die Fähre schon.
Sie gleitet über den See nach Kladow.

Der Ausblick über’n Bug ist
mit Segeln bestückt.
Die Boote stehen still,
weil kaum ein Wind wehen will.

Vom Anleger geht’s im Slalom
um die dunklen Pfützen herum.
Am Ufer der Havel stapfen wir
durch den Wald.
Die Wolkendecke reisst auf.

Wir ziehen unsere Jacken aus.
Hinüber zum Sacrower See müssen
wir einen steilen Hügel hinauf.
An der Badestelle watest Du nackt
in das kalte, klare Wasser.

Du drehst fröstelnd um bevor
es Deinen Bauch erreicht.
Eine schöne Göttin,
die den Fluten entsteigt.

Wir gucken in der Gärtnerei,
ob es Schmorgurken gibt
und da es nicht so ist,
nehmen wir eine dralle,
grüne Zucchini mit.

Im Sommergarten des Rittersaals
machen wir Rast
und schmausen Pilzgerichte
und einen kleinen Salat.

Warmer Apfelstrudel rundet
unser Mahl ab
und gestärkt lenken wir unsere
Schritte auf den Pfad,
den wir gekommen sind,
zurück nachhause.

Regenwolken ziehen auf,
doch wir werden nicht nass.
In Kreuzberg glänzt
der feuchte Asphalt,
als ich aus der Bahn aussteige.

Ich atme die frische, feuchte Luft
während ich mit dem Gemüse in der
Hand über die Monumentenbrücke
meiner Wohnung zueile.

So muß das Leben sein.
Das war eine schöne Weile.