121 | Schulden

Es haben mich gerade die enterbt
oder verlassen oder beides,
die hoch um Antwort
bei mir verschuldet sind.

Sie glaubten wohl
so könnten sie sich
für ihre ungesagten
Worte rächen

Und ihre Schulden tilgen.
All die ungetanen lieben Dinge,
die sie mir nicht taten,
dafür wollten sie mich strafen.

Ja, die Ruchlosigkeit schmerzte mich,
doch ich weiss auch, es höhlte sie
im Inneren aus.
In ihnen klafft eine Lücke

und es gibt nichts,
was sie schlösse.
Auf dunkle Taten
folgen Schatten.

120 | Brüder und Schwestern

Frohen Sinnes schreiten die Figuren
durch ein malerisches Panorama.
Hier sinken Schneeflocken,
dort buntes Herbstlaub
und das Publikum ist sich selbst genug.

Ein Wald versinkt im Nebel.
Da nimmt der Einsame Zuflucht.
Die Glocken bimmeln heiter
und wir gehen einfach weiter
bei Bratwurst und bei Bier.

Es klingen wieder volkstümliche Lieder
und Menschen haben Sehnsucht
nach unverdorbenem Genuß.
Wozu noch still gedenken,
wie andere einst erstickten
am deutschen Gruß.

 

119 | Endlichkeit

Auf kahlen Ästen Krähen krächzen
und fern ist mir die Welt. Was bleibt
sind ein paar Winter noch
und Wege, die verschneit.

Die Blumen sind im Herbst verblüht
und der Sommer Dürre
hat den Wald versehrt.
Mich locken keine Kospen mehr.

Nur die Hummeln unterm Dach aus Eternit,
die summten mir ein frohes Lied.
Jetzt liegen sie im Winterbett.
Ich hoff’, sie träumen nett.

118 | Heiterkeit

Ich sollte nicht so ernst nehmen,
was ich denke und fühle.
Kaum steht die Sonne
neuerlich hoch am Himmel,
habe ich andere Gedanken.

Bald gurrt schon wieder
die Ringeltaube gegenüber
in der Linde im Geäst
und dann kann man sich auch freuen,
dass der Frühling eisige Pfützen tauen läßt.

Das sind ja nur zwölf Wochen bloß
und es geht los.
Zwölf Montage, drei Neumonde,
und ich auf dem Fahrrad bring’ die Post.
Ach ja, das wäre was.

117 | Ein Titan

Sein göttlicher Leib
beherbergt einen
ungnädigen Geist.
Für jeden Kampf
ist er bereit.

Sein Mütchen loht im Zorn
und in rasantem Tempo
wird, was zu tun ist,
von ihm getan.

Er läßt sich dabei nicht stören –
kein tränenreiches Weibergewäsch
hält ihn auf.

Seine Hornhaut
ist ihm Rüstung genug
und wenn das Feld
gemäht ist,
nimmt er den Pflug.

Er ist enervierend tüchtig
und voller Tatendrang.
Er küßt sein Weib nur flüchtig
und zieht dann seine Bahn.

Aller Kummer und Schmerz
sind ihm nichtig,
denn er ist ein Titan
und sollte er einst fallen,
so war doch ein Mann.

116 | früher oder später

Im zeitigen Frühjahr
und im späten Herbst
blüht meine Hibiskus rosa
und ich bemüh mich,
dass ich’s merk’.

Ich träume jetzt von einer Karriere
mit dem Fahrrad bei der Post.
Den Topf im Sommer mit dem Hibiskus
auf den Balkon zu tragen –
dazu fehlt mir die Lust.

So ohne Lieb und Treue
querfeldein durch die Tage zu stapfen,
das geht nur, weil es muß.
Ich weiss, von mir bleibt κλέος
und damit ist’s genug.

Doch nur siebenundneunzig Freunde bei Facebook,
reicht das zu unsterblichem Ruhm?
Ich fürchte, ich produziere lediglich Content
für Herrn Zuckerbergs Metaversum.

Mir fehlt B12, drum habe ich Husten
und eine Herbstdepression.
Es sind nur noch fünf Wochen –
dann ist das dunkle Halbjahr um.

115 | November

Die Krähe aus der Nachbarschaft
läßt an der Kreuzung Walnüsse
vom Baum in der Strasse
durch drüberollende Autos knacken.

Der Wind blättert die Seiten
des dicken Buches auf dem Dach
der Bushaltestelle um.
Ein feiner Niesel wellt das Haar.

Das grosse Kind strahlt am Treffpunkt.
Wir setzen uns ganz dicht ans Fenster
und spähen in den grauen Tag.
In der Parkbucht hat ein Minilaster
mit einer Notunterkunft
für Menschen ohne Obdach
auf seiner Ladefläche geparkt.

Es ist der Monat des Gedenkens
nicht nur an Heinrich Heine.
Frivol erscheint einem
das kommende Fest des Schenkens
und der Champagner schal.

Nur die Kleinen mit ihren Leuchten
in den Händen und an den Schuhen
erhellen die trübe Dämmerung
in den Strassen nachmittags um vier.
Im Netz wird in Tweets beraten,
ob andere bald das Jahr mit Getöse
verabschieden dürfen.

Die meisten plädieren
für einen Abschied in Grabesruh.

Gab es eine Alternative?

Gab es zum Ausgang unserer Geschichte eine Alternative? Konnten wir der Gewöhnlichkeit entkommen, indem wir Brei rührten und aneinander festhielten?
Ich wußte eigentlich mit Anfang Zwanzig schon nicht weiter und tauchte dann mit Mitte Zwanzig ab in eine bunte Welt der Halluzinationen. Alles leuchtete in überstarken Farben und Gefühlen, die meine Seele malte, weil die Wirklichkeit unerträglich und beängstigend war. Ich war danach ratlos. Würde ich mich nicht besser verständigen können, wenn ich meine Erfahrungen mit den Erfahrungen aller Welt teilte? In dieser Welt, in der jeder sein Lied zu haben schien, während mir dies verwehrt war, suchte ich nach meiner Stimme und sang dann Dein Lied, weil ich meines nicht richtig hören konnte. Besorgt lauschte ich auf Deine Wünsche. Würden sie mir einen Platz garantieren, den ich einnehmen durfte? Ich hatte mich getäuscht zuvor. Wie sollte ich mit meiner unsicheren Weltkenntnis meinen Pfad allein finden? Meist atmete ich flach, denn ich war damit beschäftigt herauszufinden, ob meine Mitwelt einverstanden war mit dem, was ich war und tat. Eine tödliche, tiefe Einsamkeit kroch mich immer wieder an und ich verzweifelte, weil ich sie nicht überwinden konnte. Was ich tun konnte, um Dich zu binden, tat ich und als ich geschwächt war und meine Rolle nicht einnehmen konnte, war es vorbei.
Es ist jetzt alles gut. Ich wurde für meine Indifferenz nicht belohnt, aber ich hätte es auch nicht länger ertragen, ohne eigenes Lied zu sein. Immer noch brauche ich für meine Entscheidungen lange, aber ich treffe sie ganz.

Hochverehrtes Publikum – seid Ihr alle da?

Rührt Ihr auch in Eurem Tee und seid unsicher, ob etwas in Eurem Dasein Sinn ergibt? Seid Ihr auf die Gewinner- oder Verliererseite gefallen? Glaubt Ihr an die unsägliche und zynische Prädestinationslehre? Habt Ihr Euch Familie als Publikum angeschafft? Haben Eure Taten, was Ihr denkt und tut, eine Bedeutung im Lärm der Welt? Fragt Ihr Euch, wie aus den Apologeten der Friedensbewegung, entschiedene Befürworter der Aufrüstung wurden? Seid Ihr fassungslos, weil Weiterlesen