Nein

Nein, sage ich der Welt, hört auf, mich zur Heiterkeit zu bitten.
Ich trinke ungesüßtes Gebräu aus schwarzgebrannten Bohnen und schmecke all seine Bitterkeit.
Ihr antwortet nicht. Warum auch? Wer sollte schon antworten können?
Die sich abseilten, ihr Lager in der Ferne aufzuschlagen? Sie versuchen mit Gewalt zu vergessen, was ich bewahren möchte. Nichts davon blieb allerdings.
Nein, wir kommen nicht überein, dass diese Welt ein warmer, fröhlicher Ort sei, an dem die duftenden Rosen leuchten und die Neumondsilbersichel glänzende Zeiten markiert. Es wird Fron geleistet, es wird vergessen, ignoriert, zerschlagen, getötet und entwurzelt.
Was ist der Irre in seinem Wahn gegen die wirklichkeitsvergessene Beschwörung von Liebe und Achtung nach dem Treuebruch? Wozu die Narben verdecken? Weil alle Welt nach unversehrten Antlitzen verlangt? Nein, Euer Glück beruht auf Vergessen. Ihr löscht Eure Erinnerung und kappt das Band zu Euren Taten. Doch nur eine dünne Firniss verdeckt die Gräben Eurer dunklen Handlungen, die Ihr in aller Leichtfertigkeit begingt. Jedesmal auf’s neue schwört Ihr auf Glück und Dauer. Ihr errichtet Eure strahlenden Paläste auf den Scherben der eingeworfenen Fenster der Häuser, die vorher dort standen und vernichtet die Erinnerung. Kristallen strahlen die Lichter in Euren Schandhäusern. Wer sich Euch nicht fügt, wird beiseite gewischt.
Nein, Eure viel erbetene Heiterkeit ist ruchlos.
Ich bleibe die Frau im Schatten.

54 | Spaziergang von 61 nach 36

Schliesse beide Schlösser
an der Wohnungstür zu.
Pappelsamen sammeln sich zu Büscheln
auf den dunkelbraunen Fliesen im Hausflur.

Wir gehen unsere Strasse
bis zur Brücke hinauf,
steigen die Treppe
zu den Gleisen hinab.

Durchqueren den Park
bis zur Obentraut,
spazieren im Schatten
bis zur Zossener.
Wo der “Brachvogel” stand,
ist alles leer.
Rasten im kühlen Blau
unter weissen und roten Kastanien.

Überlegen kurz am KAU
nach dem Prinzen zu fragen.
Doch das verbiete ich mir.
Überqueren den Kottbusser Damm.
Nehmen am Maybachufer
einen veganen Donut in Empfang.

Am Ufer spielt eine Funksoul-Band.
In der Tabor gehen wir zur Schlesischen,
steigen in den 265er und fahren zur Manteuffel.
Ein indisches Restaurant lockt mit seinen Düften.

Zurück zuckeln wir mit dem 140er.
Die ingwerscharfen Speisen schlagen
noch etwas auf den Magen.
In der Katzbach verlassen wir den Wagen.

Dies war ein besserer
von überwiegend traurigen Tagen.

53 | Mit Sternies im Park

Im Schatten eines Haselbaumes
schmausten wir Torte
und losten mit zwei Stecken,
wer Sternies für das Wegbier hole.

Ich durfte auf der Bank warten
und Gottt hebelte den Kronkorken
an der Tischtennisplatte
in der Hornstrasse
auf.

Wir schlenderten dann
in den Gleisdreieckpark
von Bank zur Schaukel
und lobten die menschliche Staffage.

Mit Schwung flogen wir an langen Ketten
in die Höhe und hielten
schließlich für die Kleinen an,
die auch mal schweben wollten.

Der Flieder duftete und buschte.
Und wir redeten noch ein bißchen auf dem Balkon,
doch war’s uns bald zu warm,
so wechselten wir in den Salon.

Als das Kind kam aßen wir gemeinsam.
Später entwarfen wir einen Plan,
wie man in Berlin doch noch eine Wohnung bekommt,
obwohl man mittellos ist und, wie das Kind, jung.

Wir sprachen auch über den schrecklichen Krieg
und die möglichen dunklen Perspektiven.
Gottt zeigte mir einen Film mit dem originalen Schloß
im Hintergrund, der aus den frühen Fünfzigern stammt.

Habe dann noch die Postkarten vom Dahmer Hof
von vor hundert Jahren vorgekramt,
auf denen auf einer von ihnen
die legendäre Urahnin Dorette vor ihrer Pension stand.

Gegen Mitternacht wurde ich müde
und Gottt ging nachhaus.
Wir sehen uns bald wieder
und in Kürze schon
brechen wir zu einer Reise in den Norden auf.

Wahn

Aus der Kränkung des Individuums – überwiegend einsam und ohnmächtig einer sinnlosen und überwältigenden Realität gegenüber zu stehen, geschieht eine Umdeutung der Ohnmacht in Macht oder zumindest einer Wirklichkeitsdeutung in der der Einzelne im Zentrum des Interesses steht. Der Wahn macht es erträglicher, der stumpfen Faktizität gegenüber zu treten. Die Zusammenhangslosigkeit wird deutbar und die Fragen erhalten Antworten. Zufälle werden aus dem Weltbild eliminiert, Unerklärliches erklärt. Diesen Ausweg aus der Erfahrung der Rohheit der nackten Existenz, möchte man sich natürlich nicht nehmen lassen und reagiert äußerst aggressiv auf Interventionen, die das wahnhafte Weltbild bedrohen.