179 | Kalter Hauch

Der kalte Hauch einer tristen Zeit
stapft eintönig auf uns zu.
Der Herzschlag aller anderen ist weit
und noch viel ferner bist mir Du.

Fröstelnd verschliesse ich die Tür
und hänge alle Fenster zu.
Die zugigen Lüfte werden ausgesperrt.
Der Wind heult vor dem Tor.

Im Dunkeln sitz ich vor dem kalten Licht
des Laptop-Monitors.
Eine Fruchtfliege kriecht
über das Glas mit dem Orangenlikör.

Auf der Strasse unten räuspert sich laut
ein vorbeigehender Passant.
Eine Autotür schlägt krachend zu.
Die Finternis steht früh am Tag ins Land.

178 | Zeitenlauf

Die Tage sind wolkenverhangen vergangen,
seitdem wir genüßlich unser Eis verschlangen.
Du machtest Deine Gegeneinladung zum Essen
bisher nicht wahr.

Ich überlege – wie können wir zueinander gelangen?
Wie streife ich den weissen Kalk aus meinem Haar?
Haben wir den rechten Zeitpunkt vergessen?
Ist ein so unterschiedliches Paar
nicht füreinander gemacht?

177 | Zeit

Hier drinnen verrinnen die Sekunden
und hinterlassen auf der Uhr keine Spur.
Im gleichmäßigen Takt wandern die Stunden-
und Minutenzeiger an den unbewegten Ziffern
des Blatts vorüber. Sie drehen
unablässig ihre Runden.
Sie drehen sich auf ihrer Zeitreise im Kreise,
immer fort und fort.
Von den Zeichen ihrer Bahn bleibt nichts stehen.
So können wir vom Vergehen
der Zeit am Ende auf der Uhr nichts sehen.

175 | Drachenwetter und Himbeercreme

Als wir aus dem Bus stiegen,
das Feld zu umrunden,
verzogen sich die dunklen Wolken
und die bunten, anmutigen Drachen
standen hoch am strahlenden Himmel.

Wir schmeckten noch die süße Himbeercreme
vom Frühstück auf den Zungen
und hatten die Einkäufe erledigt.
Gedankenverloren stapften wir
auf den Trampelpfaden
in der Sonne nebeneinander her.

Südlich von uns rauschten die Autos
auf der Autobahn vorbei.
Es war warm.
Wir zogen unsere Mäntel aus
und hängten sie
über den Arm.

Verdrießlich schimpftest Du
mit mir, weil ich Dich bat,
aus Vorsorge – der Seuche wegen –
in nächster Zeit
etwas weniger Freunde zu treffen.

Aber in der Sonne schmolz die
schlechte Laune dahin und
schnell schwang zwischen uns
ein versöhnlicher Ton.

Als ich Dir erzählte,
dass in der Woche morgens
die Zeit nicht reichte,
nachdem ich meinen Kaffee
vorm Monitor getrunken hatte,
die Tasse weg zu räumen,
tadeltest Du mich,
statt mich gegen die Einsamkeit
an den Computer zu setzen
solle ich lieber Dich anrufen.
Du seist dann bereits wach
und ebenso einsam.
Ich war verblüfft
und mußte lächeln.

Zum Abschied verabredeten
wir uns wieder am Samstag
– in einer Woche. Wie schön,
dass es Dich gibt.

174 | Vergeblich

Vergeblich all das Suchen.
Fruchtlos bleibt das Leid.
Sinnlos ist der Tage Klage.
Es bleibt Wanderung im Tale.
Keine Horizonte aufgezeigt.
Müßig all der Jammer.
Allein das Einerlei steht bereit.
Wirkungslos versuchte Klammer.
Ist’s doch eine fade, triste Angelegenheit.
Da hilft auch keine Exposition
einer Farbexplosion,
wenn ein Jahr ergebnislos verstreicht.

172 | Mahlwerk

Zermalmt liegen die Tage
des kurzen Jahres.
Gebeugt unter gelbem Oktoberlaub.
Die rasende Zeit mahlt
die Stunden zu Sekundenstaub.

Vom holden Gesang der Nachtigallen verführt
hofften wir im April auf die Glut lauer Nächte.
Doch der Sommer reichte
nicht über den September hinaus.

Für die finsteren Monde decken
wir uns mit den herabgefallenen Blättern zu
und horchen mit angehaltenem Atem
auf die Zeichen
erneut aufbrechender Knospen.

161 | Segen

Sei behütet und beschützt,
wo immer Du auch bist.
Sei glücklich, heiter und froh.
Möge Dein Schicksal
Dir freundlich gestimmt sein.

Mögest Du eines fernen Tages
auf ein reiches Leben zurückblicken.
Mögest Du von Kummer
immer wieder genesen.

Möge Dein Geist reich und weit sein.
Mögest Du ein farbiges Leben geniessen.
Möge ein günstiger Wind
Dich vor Ungemach behüten.

Mögest Du die unwiederholbare
Einmaligkeit des Daseins lieben.
Mögest Du die Mühen gelassen tragen.
Möge Dein Herz noch lang
warm in Deiner Brust schlagen.

171 | Umarmt

Sind zerstäubt vom grauen Herbstdämmerlicht.
Haben wenig Hoffnung und Zukunftszuversicht.
Umarmen uns selbst und warten schlicht,
dass die Tage wieder heller sind und es Frühling ist.

Fröstelnd ziehen sich schmerzende Schultern zusammen.
Die freundlichen Spätsommertage sind vergangen.
Der Himmel finster und wolkenverhangen,
schlummert in uns ein sachtes Verlangen.

Die Blätter fallen im zugigen Wind.
Wir krängen auf der Strasse,
weil wir von ihm angeblasen sind.
Vor uns mit dampfendem Tee die Tasse,
versinken wir im Blues der dunstigen Tage.

Sans, Souci.

Wir treffen uns Bahnhof Wannsee.
Gottt sitzt schon im Zug –
im zweiten Wagen oben.
Die Bahn bringt uns direkt zur Station Sanssouci.

Noch ist der Park leer, die Wege nass,
die Schatten lang und tief.
Verliere eine Wette, wer Bauherr des neuen Palais ist.
Dort gefallen mir am besten die Kandelaber mit ihren Allegorien.

Wir spazieren zum botanischen Garten,
dann am chinesischen Teehaus vorbei zu den römischen Bädern
mit dem wunderbaren Herkules.
Dann ergattern wir im Park-Café „Eden“
Liegestühle in der Sonne.

Als der Himmel sich bedeckt, flanieren wir zu den Terassen
und dem schönen Skulpturenrondell am Schloß „Sans, Soucis“.
Wir erkennen Diana, Apoll, Merkur, Mars, Venus, Ceres und Zeus.
Wir gucken bei den kartoffelbelegten Gräbern Friedrichs
und seiner Hunde und bei dem betenden Knaben vorbei.

Dann sehen wir uns den holländischen Garten
und die Kirche im italienischen Stil an
und beschliessen unseren Spaziergang am Terracotta Tor,
bevor wir durch die Potsdamer Innenstadt
und am Marstall entlang zum Bahnhof gehen