01 | Januar

Die Passanten ziehen die Köpfe in die Kragen.
Die längste Zeit des Tages herrscht Dunkelheit.
Ein kalter Hauch aus Ost weht durch die Strassen.
Auf den Fersen folgen die Schatten der Vergangenheit.

Das neue Jahr startet langsam.
Es ist erst ein paar Tage alt
und beim Spazieren
wird die Nasenspitze feucht und kalt.

Um Glanz, Licht und Träume einzufangen
kann man auf brilliante Monitore starren,
die millionenfache Farbexpositionen starten.
Trotzdem wiegt der Klang des Schweigens
in der Finsternis um vieles mehr
und ein jeder trägt daran
unaussprechlich schwer.

195 | Antwort

Ich rufe in die Welt,
aber sie antwortet nicht.
Vermutlich, weil die verkaterte Welt
gerade vor dem „Tatort“ sitzt.

Schopenhauer und Kaléko
haben heute meinen Kopf besetzt.
Durch den jetzt abends der Gedanke an
die Absurdität des Lebens flitzt.

Habe Jahrzehnte mit Dir
an einer Familie gebaut
und den klanglosen Abschied
daraus noch nicht verdaut.

Wozu war, was ich tat, gut?
Wo find ich Sinn und Mut?
Ich legte Stein auf Stein,
trotzdem – mein Haus brach
unvermittelt ein.

Und auch im Raffen
liegt kein Schaffen.
Haltlos im Strom der Zeit
ist „Heute“ morgen schon
„Vergangenheit“.

193 | Zwei Schollen auf dem See

Zwei Schollen treiben in der Dämmerung
auf dem eisigen See.
Ein Silberreiher landet in der Astgabelung.
Gottt und ich stapfen
auf dem morastigen, schwarzen Weg.

Die Bude ist uns zu teuer.
Wir trinken bei mir Tee.
Ein Jahr klingt langsam aus.
Wir sprechen von Renovierungs-
und Reiseplänen.

Im nächsten Oktober
soll’s nach Sizilien gehen.
Dann sind wir hoffentlich alle geimpft
und können der Welt wieder begegnen.
Die Aussicht macht uns Lust,
ins neue Jahr zu sehen.

192 | Wenn ich

Wenn ich morgens
in den Spiegel schau
und den Schlaf mit kaltem
Wasser austreibe,
erkenne ich das Gesicht
vor mir nicht.

Ich wende dann schnell den Blick
und sehe mich stumm suchend um,
ob ich mich irgendwo erblicke.
Doch als Du damals gegangen bist,
hast Du mich mitgenommen.

Hier wohnt nur noch die Hülle,
die leer zurückgeblieben ist.
So muß es wohl sein,
denn tagaus und tagein,
finde ich mich nicht ein.

Ich sehe in die fremde Miene
und entdecke mich nicht.
Wenn ich dann am Abend
Zähne putz,
bin ich in tausend
Splitter zerstreut
und meine Seele gurgelt
mit dem Spuckwasser in den Abfluß.

Und ruhe ich dann
auf dem Kissen,
hat die Nacht
keine Träume mehr.
So sind die Tage,
wie die Nächte – leer.

191 | Musik

Meine Gedanken ziehen Kreise
während ich schweige.
Kristallene Tropfen
rinnen über mein Gesicht.

Ich setze mich
und bastele ein Gedicht.
Drehe gegen die Stille
die Musik laut auf.

Ein paar Schritte
tanze ich.
Dann bin ich
besser drauf.

Ich fühl mich
nicht mehr allein.
Kann gegen den Kummer
mit den Songs anschreien.

190 | Schwebe

Lebe in der Schwebe.
Das Vage füllt die Tage.
Das Unbestimmte schimmert.
Das Nebulöse glimmt.

Die Liebe ist eine Frage,
die keine Antwort kennt.
Balanciere mit Gedanken,
so dass die Enden offen sind.

Fürchte schroffe Kanten
und klare Punkte
an denen sich ein
Schlußstrich zieht.

Bleibe auf der Reise,
die sich endlos
um die Kurven biegt.

189 | frei

Es hält Dich nichts.
Du gehst davon und
blickst nicht zurück.
Da ist keine Gewohnheit,
die Dich an mich knüpft.

Du bist frei.

Doch ich habe Angst,
dass Du in den Abgrund stürzt.
Dir Ellenbogen, Stirn
und Knie verletzt.

Ein Ikarus, der vom Himmel fällt.
Vor einem Felsenmeer zerschellt.
Ach, wärest Du nicht gar so frei.
Ach, wäre Dein Schicksal mir ganz einerlei.

Ach, würde ich Dich nicht kennen.
– Dich nicht bei Deinem Namen nennen.
Ich wäre frei.
Ich wüßte ja nicht,
was ich vermiß.

188 | zartbitter

Zartbitter sind die Erinnerungen
– Dein strahlendes Haupt schon fast
in des Vergessens Dunkelheit versunken.

Hätt‘ ich nicht die drei Bilder von Dir,
– wer glaubte mir?

Ich selber nicht.
So hol‘ ich Dich
mit einem Blick
auf sie zurück.

Schäle Dich aus Schemen.
Stäube Puder aus Zucker
über ein Herz in Wunden
und träum‘, Dein Atem
in mein Ohr, liess
seine Kränkung
wieder ganz gesunden.

187 | Dezemberlied

Der kalte Dezemberwind
flüstert, wispert und raunt
verheissungsvoll davon, was geschieht,
wenn die dunklen Winterstunden
vorüber sind.

Wenn ein Jahr düster zuende geht,
klingt in seinem Lied
die Freude auf den nächsten Sommer mit.

Und wenn ich dann
am kahlen Kanal spaziere,
blick‘ ich in Gedanken
an Dein liebes Gesicht
auf jene Stunden Glück
im vergangenen Jahr zurück.