41 | Zeile um Zeile

Durch Dich wird mir die Welt zum Lied.
Ich erfinde Dir Zeile um Zeile,
besinge Dein rotlockiges Haupt
und male Gedichte voll sehnsuchtsvoller Reime.

Ich rufe Lautbilder in den Äther hinaus
und hoffe, dass sie uns überdauern,
schmiede uns ein Zuhaus
aus seidenweichen Versen.

Ich klöppele Wortspitzen aus Blütenschaum
und hoffe, dass ich Dich damit betöre.
Der Gedanke an Dich ist mir das schönste Lied,
weshalb ich es wieder und wieder in Dauerschleife höre.

40 | Frühjahr

Die Tage blühen auf
und sinken ins Vergehen.
Es ist keine Haltezeit und kein Ziel
an meinem Horizont zu sehen.

Heute schäumt in Blüten auf
doch Vergangenheit ist nicht zu entwirren.
Rotgolden schimmerte Dein Haupt.
Wir sollten uns im Morgenleuchten drehen.

Du bist nur ein schöner Traum.
Auch dieses Frühjahr wird vergehen.
Nutzlos ist der Verdruß
doch ein Ausblick nicht zu erspähen.

39 | Da ich Dich liebte…

Perlmuttern schimmerten die Tage
da ich Dich liebte.
Verheissungsvoll klangen die Schritte
da Du mich liebtest.

Tanzend durchmaß ich die Jahre
da ich Dich liebte.
Sanft perlte der Niesel
da Du mich liebtest.

Zu Stunden zerrannen die Sekunden
da ich Dich liebte.
In die Tiefe Deiner blauen Iris fiel ich
da Du mich liebtest.

Voller wärmender Schauer waren die Minuten
da ich Dich liebte.
Duftig waren die Lüfte
da Du mich liebtest.

Krustig sind die Wimpernspitzen
da Du fort bist.

38 | Peerseus

Gottt hat einen Peerseus aus Ton gemacht,
der seinen blanken, spiegelnden Schild der Kunst
gegen die Medusenwirklichkeit hebt.
Er entflieht der Medusa am helllichten Tag
in den Schlaf.

Auch ich bin für die Gegenwärtigkeit nicht gemacht
und frage nach der Träume Zauberkraft,
die mich vor des Schreckens Versteinerung bewahrt,
so wie meine Freundschaft zu Gottt es schafft.

37 | Tränen

Ein eisiger Wind aus Nordwest von der See
treibt mir die Tränen in die Augen.
Sie rollen über die Wangen
und lecken vom Kinn.

Mit dem Ärmel meines T-Shirts wische ich
den Rotz von der Nasenspitze
und drehe den Rücken zur Böe,
vergrabe meine Hände in den Manteltaschen
und bücke mich nach dem Flint.

Rau weht das Küstenwetter
über den Strand
und bläst mir Nieselperlen ins Gesicht.
Der Sturm pustet die Erinnerungen fort,
nur Gegenwart fegt durch die Gischt.

36 | Schwelgerei

Ich möchte in Umarmungen schwelgen,
von holden, süßen Lippen trinken,
den Wein und mein gebuttert Brot will ich mit Dir teilen,
Dir Träubchen und Walnüsse schenken.

Ich möchte ohne Sorge mit Dir glücklich sein
und nicht an den finsteren Winter denken.
Es soll nur Hollerblütensterne schneien.
Ich will mich in Dein Lachen senken.

Wir tanzen durch ein Rosenblütentor
und kramen die alten Schallplatten hervor.
Wir waschen die Holzböden mit duftender Seife aus
und gehen erst zur Nacht nach haus.

Wir freuen uns – fliegen die Tauben auf.
Wir sehen den Sichelmond über unserem Haus
und waschen die Hände in der Morgensonne Tauperlen.
Wir rasten im Schatten des Häusermeeres,
vergessen, was in unserem Schicksal von Unglück beschwert ist.

35 | Rätsel

Seitdem Du gingst, starre ich in einen Abgrund.
Die Welt ist mir seither ein dunkles Rätsel.
Du hast Trost in einer anderen Armen gesucht.
Ich hielt Dich für boshaft, weil Du mir nichts von Bedeutung
liesst.

Du sahst Dich nicht um, als Du eine andere Richtung
einschlugst.
Was fang ich mit den Wunden an,
die Du in mein Herz hinein grubst.

Wie flicke ich die Fetzen zusammen,
die mir von uns verblieben?
Wie ziehe ich den Dolch aus der Brust,
den Deine Lieblosigkeit hineingetrieben?

Ich treibe ohne Sinn im Strom der Zeit.
Es ist mir kein Ziel geblieben.
Mir ist von der Kälte des Universums kalt.
Ich bette mich zur Ruh, am Abend um halb sieben.

34 | Gen Norden

Schüchtern strahlt die Frühjahrsmorgensonne vom Himmel.
Gottt steigt am Gesundbrunnen in den Zug zu.
Wir frühstücken zwei Marzipancroissant.
Die Landschaft gleitet vorbei, wie im Flug.

Kiefernwälder säumen den Bahndamm.
Auf den Äckern steht schon das grüne Laub der Rüben hoch.
Die Kornweihe schlägt eine Maus.
Nach zweieinhalb Stunden steigen wir in Güstrow aus
und laufen zur Agentur.

Der Chef sagt, er habe ja gar nichts gegen Ausländer, aber…
Schon bin ich aus dem Bewerbungsgespräch wieder auf die Strasse hinaus.
Ein unflätiger Möwenschiss auf dem Mantelärmel.
Wir treffen uns am Gleis
und fahren noch nach Warnemünde.
Eine weitere Möwe
schnappt sich am Durchgang zur Düne Gotttes Eis.

Es fällt zu Boden.
Gottt vertreibt die Möwen mit Geschrei.
Wir laufen durch den Sand zum Wasser.
Gottt spaziert in seinen Allwettersandalen in die Dünung rein.

Ein kühler Wind peitscht über’s Meer.
Wir gehen zur Promenade am Hotel Neptun.
Auf einer Bank betrachten wir
die hereinkommenden Fähren aus Schweden.
Die „Nils Holgerson“
– ich kenne sie gut.

Der Himmel zieht sich zu.
Im Kurgarten ist Windschatten, eine Kurmuschel
und ein paar nackte Skuplturen,
darunter ein Geiger.

Auf dem Weg zum Bahnhof
entdeckt Gottt ein Plakat von einer Ausstellung
Triegels in Rostock.
Die sehen wir uns noch an
und den Skulpturengarten.
Dann nehmen wir die Bahn.

In Oranienburg bittet mich Gottt
nun ihn mal zu unterhalten.
Nach einigem Zögern erzähle ich
von meiner Reise mit Zug und Fahrrad
im winterlichen März nach Kopenhagen
vor zwei Jahren.

Wir steigen zusammen am Gesundbrunnen aus.
Nehmen die S-Bahnen.
Sie bringen uns in verschiedene Richtungen nach haus.

33 | Zuckerschnute

Geliebte Zuckerschnute, ich schrieb Dir wohl tausend gereimte Briefe,
doch war’s – scheint’s – vergebliche Mühe
– meine Flaschenpost erreichte Dich nicht.
Ich hoffe, dass Du nicht in ernsten Schwierigkeiten steckst.

Mit Dir durchquerte ich gerne die Wüste.
Wir erklömmen wilde Berge
und übernachteten in einem Adlernest,
umschlängen einander und hielten uns fest.

Wir rasteten bei den Nomaden,
vergäßen Krankheit und Sorgen,
das Leben wäre ein grosses Fest.

Bitte melde Dich – liest Du meine Zeilen – gleich –
wir gingen heute noch auf Reisen
und wäre es nur zum Grunewald
am Wannsee-Ententeich.