Ausgedacht.


Hedonistischer Heroismus



Vielleicht hältst Du es für unverschämt und verwegen
doch ich stelle fest, statt nächstens den Löffel abzugeben,
möchte ich viel lieber auf Friedhofsgräbern tanzen
und herzhaft gedankenlos leben,
mich also dümmlich verwegen
dem blödigen, hinreissenden Müßiggang
und der schlichten Einfalt hingeben.
Das ist tatsächlich neuerdings mein alleiniges Lebensbestreben.
Ich kann das zwar logisch nicht stringent begründen,
doch mein ich, der Mensch soll ins Leben
statt zum Ende hinstreben.
Er ist zur Verschwendung und zum Verschenken gemacht
und nicht zum Appell um viertelvoracht
oder sonst einer unheroischen Tat.
Das hat nämlich mehr als nur einen viel zu frühzeitig umgebracht.
Statt klug am Lebensende zu spinnen,
möchte ich, dumm wie ich bin, 
der tödlichen Routine entrinnen
und es nicht alltäglich zum willfährigen Ende bringen.
Ich habe nämlich nichts davon, 
wenn erst an meinem Grab die Engel singen,
sonst müßte ich mich ja auch aus vernünftigem Entschluss sofort umbringen,
stattdessen habe ich vorm Schicksal Achtung.

Danke Peer und Susanne.

Updated: Zu Grabe getragen.

Wie Marcel Reich-Ranicki berichtet, befand sich Heinrich Heine, als er das Gedicht verfaßte, im Exil in Paris. Er schliesst eine Interpretation aus und nennt den Gegenstand eine Bagatelle. Ich las kürzlich bei Theodor Adorno, Heinrich Heine sei eine Wunde in der deutschen Geschichte.
https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/frankfurter-anthologie/marcel-reich-ranicki-in-der-frankfurter-anthologie-leise-zieht-durch-mein-gemuet-von-heinrich-heine-12702152.html

16 | Müde

Heute bin ich verkatert und auch darum fühlt sich mein Herz wundgerieben an
als sei’s der Handrücken mit dem ich an den Rauhputzfassaden
eines Strassenzugs gründerzeitlicher, vierstöckiger Mietshäuser entlangschramm’. Weiterlesen

15 | Katharsis

Ich bin, das wurde mir heute unvermittelt klar,
nur ein sehr kleines und stark eingetrübtes Licht,
das dazu noch viel zu selten ahnt,
dass seine Blödigkeit etwas ganz Schreckliches ist.
Daher richte in nun meine aufrichtige Bitte an Dich:
„Nimm‘ mich bei nächster Gelegenheit mal auf den Arm.“
So, hege ich eine leise Hoffnung,
ich reisse mich dann,
ich will’s aber lieber doch nicht versprechen, 
zusammen
und beginne endlich nicht mehr
mit schöner Regelmäßigkeit
erneut und erneut
in nervtötender Sturheit
und mit Trippelschritten
jedesmal wieder von Anfang an.

13 | Wir haben nur gedacht

Wir haben sehr lange aber bloß gedacht,
wir wären füreinander gemacht.
Das ist nur eine Chimäre gewesen,
die ich nun frei und immer häufiger recht froh,
denn mir fehlt zu ihr heute die Vorstellungskraft,
sehr gerne los- und ruhen lass.

Was wir wünschten, konnten wir nie beieinander finden.
Zwischen uns gab es tatsächlich niemals Blumenkränze zu erringen.
Wir waren in Wirklichkeit nicht füreinander gestrickt
und dafür ist uns doch erstaunlich viel Gutes geglückt.
Du warst eben doch sehr ansehnlich verpackt
und so fiel mir lange nicht auf,
dass Du immer an anderen Stellen lachst
und viel lieber als das Meer die Binnengewässer magst.

Ich kann Dir doch nicht verübeln, dass sowohl Du als auch ich,
jeder als das, was er ist, glücklich ist.
Wir durften voneinander rechtmäßig nie etwas anderes verlangen,
denn Träume können auf Dauer nur in Vorhandenem verankern.
Darum blicke ich jetzt nicht mehr traurig zurück
und sehe, ich bin nun viel näher an meinem Glück.
Das Leben ist schliesslich doch noch an die richtige Stelle gerückt.
Und bis dahin haben wir miteinander die Zeit gar nicht mal schlecht überbrückt.

12 | Am ersten Februar

Der Himmel bedeckt in Lichtgrau.
Eine Nebelkrähe fliegt geduckt vom Nachbardach auf.
Überproportionierte Autos brummen tuckernd an der Kreuzung vor dem Haus.
Das Weiss der Fassade gegenüber ist mit schwarzem Staub
und zur Dekoration mit aufgesprayten Trompe-l’œil durchsetzt.
Meine aneinandergelegten Handflächen
sind mit einem dünnen Schweissfilm benetzt.

Erst mittags endete heute mein Schlaf.
Gestern Abend wurden wir abgewiesen
bei einer Veranstaltung der italienischen Botschaft
zum sich jährenden Holocaustgedenktag.
Kurz darauf fanden wir frische Trauerkränze an einer
uns bis dahin unbekannten gläsernen, dunklen, durchscheinenden
mit blankem Stahl gerahmten, frei stehenden Wand als Denkmal.

Zufällig gab es dann gleich in der Nähe im MiM Hard Bop Jazz.
Komplexe und doch mitreißende Musik,
die trotz schändlichem und kriminellem Rassismus,
zum Kulturgut und moderner Klassik geworden ist.
Zwei Tenorsaxophone zogen uns mit quietschend
in die Höhe geschraubtem und auch warmen Klang
ihres Ausdrucks von Widerstand und Trauer
und Abgesang auf bleiche Borniertheit in den Bann.