59 | Schattenspiele

Mehrfach rannte ich mit voller Kraft
meiner Auslöschung entgegen.
Verschwand in der Leere des teilnahmslosen Blicks
und lief eilig auf das Tor der endgültigen Aufhebung zu,
dort machte ich jedoch kehrt
und schleppte mich zum Anfang zurück.
Da trank ich von süßen und von bitteren Quellen.

An Kopf, Armen, Beinen und Rücken
beschweren mich seither Gewichte
und doch versuche ich zu tanzen.
Damit auch ich geduldet werde,
verschenke ich liebliche Bilder, Verse
und Blüten und fechte täglich mit dem Florette.
So tu ich tapfer vorerst, was ich muß
und wenn der Wille mir bleibt – dann bis zum Schluß.

58 | New Dawn

Keiner Worte Silber
Löscht finsterer Taten Düsternis
Der schmelzende Schein der Rosengloriole
Haucht der erbarmunglosen Gleichgültigkeit keine Güte ein.

Die Bitternis dumm Dahergeredetens
Mag reuen, doch nie werden dadurch
Die davon zugefügten Schnitte wieder ungeschehen sein.
Keine Süßigkeit holt je die Grausamkeit des Tyrannen wieder ein.

Und doch erstrahlt in jedem Frühjahr
die Anmut duftender Rosen im Morgenlicht
und lockt ins Leben, ob wir Narben tragen oder nicht.

Perle des Tages: Der Schmetterling ist in die Rose verliebt | Heinrich Heine


Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
Umflattert sie tausendmal,
Ihn selber aber, goldig zart,
Umflattert der liebende Sonnenstrahl.

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt?
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
Ich aber lieb euch all‘:
Rose, Schmetterling, Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.

Perle des Tages: Heinrich Heine – XX aus Buch der Lieder

Rosenknospe New Dawn

XX
Die Rose duftet — doch ob sie empfindet
Das, was sie duftet, ob die Nachtigall
Selbst fühlt, was sich durch unsre Seele windet
Bei ihres Liedes süßem Widerhall; —

Ich weiß es nicht. Doch macht uns gar verdrießlich
Die Wahrheit oft! Und Ros und Nachtigall,
Erlögen sie auch das Gefühl, ersprießlich
Wär solche Lüge, wie in manchem Fall —


Heinrich Heine – Buch der Lieder

Blooming May

 

56 | Rosenblütenblatt

Mein liebes Rosenblütenblatt,
wie innig gern ich Dich hab‘.
Du blühst so rosig
und entfaltest Dich fruchtig und duftig.

In Dir steckt zärtliches Streben
und schenkendes Leben,
samtige Schönheit
und blühender Genuß.

Du bringst mir mit Deinem frischen Geruch
die Süße in meinen Morgen,
blühst auch dann vollendet schön,
wenn nur die Sonne nach Dir guckt.

Hier geht es noch zu interessanten Beiträgen von Jörg Krüger in denen auch Rosenblütenrezepte enthalten sind: https://dingefinder.blogspot.com/search?q=Rosen

55 | Nachhall (Westsozialisation – unvollständig)

Die bezaubernde Jeany
Jenseits von Eden
Giganten
Die Legende von Paul und Paula

Doris Day
Sophia Loren
Cary Grant
Gregory Peck

Robert Redford
Clint Eastwood
Ingrid Bergmann
Greta Garbo

Marlene Dietrich
Marilyn Monroe
Simone Signoret
Frances McDormand

Elizabeth Taylor
Liv Ullman
Bette Davis
Joanne Crawford

Klaus Maria Brandauer
Otto Sander
Meryl Streep
Bruno Ganz

Kenneth Branagh
Emma Thompson
(Johnny Depp)
Peter Ustinov

54 | Frühjahr – an die lieben Leidensgenossinnen

Ein neues Frühjahr drängt sich vielblühend auf.
Die Passanten strömen zur Tür hinaus.
Reste meiner Klasse stehen zu Demonstrationen auf,
doch dass die Produktionsmittel sozialisiert werden,
kommt dabei nicht heraus.

Ich hebe mich für Weiteres hinter
zugezogenen Vorhängen auf
und gebe meine sauer erworbenen Euro
für knackig zubereiteten Spargel aus.

Noch immer zieht am Horizont
nicht die klassenlose Gesellschaft herauf,
nur Faschisten kriechen wieder
aus den Löchern heraus.

Ich träumte in dieser Hexennacht
von meiner Mutter
und habe im Traum ein paar Tage
mit ihr verbracht.

Sie hat mir einst den Mut zur Kunst gegeben.
Mit zweiundsechzig schon,
verliess sie die Lebenskraft und
sie schied aus dem leidvollen Leben.

Hat Schopenhauer recht?
Das Leben – ein Rad aus Willen,
der zwingend Leid erzeugt
und es bleibt nur,
sich des Willens enthalten, Meditation
und ein heroisches Leben gestalten.

Dies gäbe einen Ausweg
aus der Passion
und es fügte sich zwar kein Sinn,
aber es liesse sich immerhin das Leid,
das in jeder Blüte zu erkennen ist, begreifen.

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52 | Um ein Wort

Bat um Worte,
wie andere um
eine Brotkrume
im Bahnabteil –
eine verwundete Bitte,
die Mienen versteinert
und durch die, die nun
zur Unsichtbarkeit
verwandelte Bittende,
bös stierender, brennender
Ignoranz anheim fiel.

So blickte ich
im erleuchteten Waggon
in das Spiegelbild
in den Scheiben
der Fenster gegenüber,
um zu prüfen,
ob ich doch da sei.
Wie das Haar
um den Kopf stand
und ob die grasgrüne,
schimmernde Jacke
mich kleidete.

Dann sah ich
auf den Widerschein
meines Telefonbildschirms
und suchte
nach Morsezeichen
aus geteilten
Botschaften,
hinter den Spiegelungen.
Und so vertiefte
ich mich in das
Bitten anderer
Fremder, bis es
besonders originell
vorgetragen wurde
und ich den Daumen
zur Belohnung hob.

Dann erreichte der Zug
die Station, ich steckte
den Leuchtschirm
in die Tasche,
trat aus dem Wagen
und verliess
die Plattform.

51 | Nicht

Ich will mich nicht mehr umwenden.
Es verging ja auch schon fast ein Jahrzehnt.
Doch vorwärts sehe ich auch keinen Weg.

Nur anderen schüttle ich die Betten auf.
Bei mir wohnt Staub.
Was in meinem Tagen noch lebendig ist

blüht rosig und genügsam.
Und in meinen Nächten wärmt
die schwere Decke
aus Wolle vom Yak.

Ich freue mich über
die Metamorphosen der Wolken
am Himmel

und den Fahrtwind, der die Locken
aus der Stirn weht.

Und die bewegten Schatten
an der Zimmerdecke.