84 | Nachhall



Die Erinnerung sucht nach Dir.
Schon viele fahle Monde in Sehnsucht
von da nach hier.

Bogen Lichts von gestern
nach heute herübergespannt.
Blicke in blaue Augensterne.
Greifende, warme, pulsierende Hand.

Rotbärtiger Jüngling.
Erfahrener Don Juan.
Bald jährt sich der Zauber,
der sich zwischen uns entspann.

Ein glucksendes Bächlein der Freude,
das im Ungefähren verann.
Ein zärtlicher Kuß,
den ich so gerne besang.

Komm – wir lachen wieder zusammen.
Tanzen den Kummer fort
und machen die graue, steinerne Welt
zu einem liebenswerten, leuchtenden Ort.

83 | Leise



Der Tag dämmert leise.

Gesegnet seist Du auf Deiner Reise.

Zehn Monde sind vergangen,
seit wir einander zärtlich umschlangen.



Wo magst Du sein im All?

Ich vermisse Dein Lachen.

Dir wollte ich die schönsten Verse singen

und Dich mit Silberseidenlocken umfangen.



Hörst Du meiner rufenden Gesänge Hall?


Leise dämmert der Tag.

Ich wiege mich in Schlaf

und wünsche mir samten die Nacht

mit brennenden Träumen an Dich heran.

82 | Eben noch

Eben noch waren Eure Leiber warm.

Gerade sprachen Eure Münder noch.

Eben ward Ihr voller Träume und Gefühle.

Jetzt ist das alles fort 

und Euch genommen.



Euer Platz bleibt leer.

Eure Freunde finden Euch nicht mehr.

Barbarische Morde löschten Eure Flamme aus.

Von Euch kommt keiner wieder nach haus.



Ihr seid die Opfer mörderischer Vorurteile

und tödlicher Sprache
,
von rassistischem Wahn, 

der Menschen nach Äußerlichkeit ansah.



Man hat Euch brutal Euren Liebsten geraubt.

Wir sind voller Trauer und entsetzt und voll Zorn,
dass Wegbereiter dieser Morde und Anschläge

nicht zur Verantwortung werden gezogen.

80 | Fragmente

Samtschwarz schimmert feiner Ruß.

Verloschenes Glimmen roter Glut.

Fahlgrau fettige Asche.

Placken von blättrigen Schichten verkohlter Pappe.

Eines verbrannten Feuers Reste
bilden für neues Wachstum Düngerfragmente.

81 | Momentum



Kalter Nacken.

Gläserner Blick.

Staksige Äste abgeknickt.

Tropfen tropfen monoton.

Farben bleigrau monochrom.


Klickend ticken Zeiger auf der Stelle.

Unbewegt steht Dunkel vor der Schwelle.

Ruhelos streifen die Augen umher
,
finden im Ungefähren den Anker nicht mehr.

Brüllend das Schweigen.

Leer der Ton.

Ertrunken im Dämmerlicht

alle Illusion.

78 | Fern

Silberweiss scheinendes Sichellicht.

Zusammengekniffener Augenblick.

Liegst hingegossen vor sehnsüchtiger Sicht.

Streife mit Blicken rote Locken im milchgetönten Gesicht.



Hauche Reif an rostige Ränder in Nebelwand.

Streiche zärtlich Finger an seidenwarmer Hand.

Greife in kühle Nieselperlen.

Tändelnde Schritte nach fern.

79 | Traurig fällt



Traurig sprüht Wasser perlfein vom Himmel.

Murmelnd gluckst es in den Rinnstein.

Bedächtig hüpfst Du über Spiegelpfützen.

Triefend hängen herab wollene Mützen.



Klamm klammern sich feuchte Finger an

untergehakte Arme an.

Seufzend schlappen nasse Schuhe voran.
Tröpfelnd leckend hängen träufelnde Locken hinab.



Spritzend zischen Reifen durch Wasserlachen.
Quietschend schaben Ärmel an Ölsachen.
Leckend tropft der Regen in den Kragen.

Düster dämmernd versinken graue Wintertage.

77 | Watt

Perlender Schaum, der Schlick benetzt.

Venusmuscheln im Sand versteckt.

Mutter Erde, die nackte Beine mit Modder bedeckt.

Angst, dass eine im Boden verborgene Auster
blosse Fußsohlen aufschlitzt.



Gesichter vom frischen Wind gerötet

und von wolkendurchbrechender Sonne erhitzt.

Meerwasserlache, die unter den Schritten aufspritzt.
Ein kleiner Seestern, der in einer flachen Pfütze festsitzt.



Am Horizont eine Hallig.

Das Watt, in dem ein Priel in der tiefstehenden Sonne blinkt.

Eine Haarsträhne, die der Wind in die Stirn bläst.

Gewaltige Wolken, die er wie Banner voran trägt.

75 | Schranken

Wenn die Schranken fielen

und wir arglos spielten,

könnten wir vielleicht glücklich sein
und uns sonnen in des anderen Schein.

Doch die Grenzen halten

und so bleibt alles beim Alten

und kein Glanz bricht
in unsere Tage hinein.


Unsere Gemüter bleiben unbewegt und starr,

wie Berge aus grauem Granitfelsstein.


So bedrückt und beschwert streift kein Licht
unsere Augen in der Dunkelheit.


Wir starren angestrengt hinein

und suchen nach etwas Sicht,
doch die finden wir

in der unbewegten Finsternis nicht.

73 | Traum



Vom Traum heute Nacht aufgewacht.

Alles darin leicht 
und mit Energie vollbracht.

Sprengte Erwartungen.

War voller Schwung.



Der Körper kribbelte.
Fühlte mich jung.

Möchte neustarten.

Frei machen vom Klammergriff

starrer Projektionen.



Im Sog freigesetzter Kraft

Veränderungen geschafft.

Hoffe dieses Bild und die Gefühle 

ragen in die Tage hinein –

geben den Schub für ein

anderes Sein.

74 | Lieber



Lieber als Kirschkernkissen

mag ich Kirschkernweitspucken.

Lieber als tropfend fallende Tränen in trübe Tassen

mag ich süße Bonbons naschen.



Lieber als schlaff herabhängende Windsäcke

betrachte ich wehende Bänder.

Statt wässrige Suppe aus tiefen Tellern zu schlürfen

blicke ich lieber über ihre Ränder.



Viel lieber als Seiten zu stechen

möchte ich mit Dir mein Brot brechen.

Und zum Schluß 

habe ich statt auf Essen

mehr Lust auf einen schmelzzarten Kuß.

72 | Wunschlied



Streiche sacht und zart
über das Gesicht.
Entzünde den Schein

wärmenden Kerzenlichts.



Schmiege Dich warm
in den bergenden Arm.

Lasse fein, Tränen perlen
in seidig glänzendes Haar.

Sei zärtlich und hold –
Ewigkeit, Tag, Nacht und Jahr.
Vergiß nicht, wie glücklich
jener lustvolle, schmelzende Kuß

zwischen uns einst war.

71 | Winternachmittag 



An der blinden Scheibe

kriecht zögernd ein Tropfen herab.

Der Wind fährt in das kahle Geäst

und zupft an einem trockenen, braunen Blatt.



Schweigsam zieht die Dämmerung auf.

Stille liegt wie Blei auf dem Haus.

Über den Himmel gleiten die düsteren Wolken.

Des Tages Farbe heisst Grau.

Die Schultern rutschen zu den Ohren hinauf.

Die Finsternis dämpft jeden Laut.

Im Fenster gegenüber brennt ein elektrisches Licht.

Das Glimmen in Deinen Frühjahrsaugen

erkenne ich in der kalten Dunkelheit nicht.

Aber gerade deshalb erinnere ich mich,
weil ich diese Glut vermiss.