30 | Dunkel und tödlich

Du rabenschwarze Winternacht
hast bohrend dunkel das klamme Herz erfaßt
und morgen wieder hinaus an die Schmelzen,
wenn’s auch nur Schokolade
und etliche Kilo Erdbeeren
und nicht Stahl und Eisen sind.

Es ist der Wille, den Schändlichen
die Faust zu zeigen,
der die Schwerkraft überwinden läßt.
Zudem läßt sich auch die brüllende Stille
des Abends durch Geschäftigkeit
am Tag vertreiben.

War man je geliebt, gewiegt, geborgen?
Vermutlich doch, sonst ginge auch kein
Notprogramm und wenn die linden Winde
wieder wehen, werden die Gedanken
an die dunkle Kälte bis zum nächsten Mal
– wie ehedem – ganz vergessen sein.

Perle des Tages – Richard Burton liest “Do not go gentle in that good night” von Dylan Thomas

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https://de.wikipedia.org/wiki/Do_not_go_gentle_into_that_good_night

26 | In Nußschalen

In Nußschalen fahren wir zur See.
Sind Wellen und Wetter uns gnädig?
Haben wir Wasser unterm Kiel?
Am Tag und in der Nacht
driften wir voran
und kommen doch nie an.

Vor uns – nur unbekannte Weiten
– das trügerische Meer.
Die turmhohen Wogen,
die uns im Sturm umtosen
und spiegelglatte Fluten,
wenn Winde einmal ruhen.

Und irgendwann umfangen
uns die Tiefen und ziehen
uns hinunter auf den Grund,
bis dahin aber heißt es – hoffen,
daß uns das Fahr’n belohnt.

Schlaf dich gesund | Marianne Schaufler

Von Belanglosigkeit.
Von Langeweile.
Von Aussichtslosigkeit.
Von Sorgenfressern.
Leeren Kühlschränken
und gesammelten Flaschenpfand.
Ein Sack Kartoffeln
vonne Aldi dazu Matjes,
mit viel Sahne,
Hausfrauenart.
Fisch soll ja schlau machen.
Schlaf dich gesund,
von schweren Köpfen.
Hoffnung, die dich
immerzu enttäuscht.
Darauf ist wenigstens
Verlass.
-Sowie die Chancengleichheit
es ihr gleichtut-
Schnell noch nen
Aushilfsjob
als Aushilfskraft.
Was fürn Wort.
Wie lange soll
ich denn schlafen?
Pah.
Schlaf dich gesund.
Aber vorher arbeite
dir Schwielen an Hände
die niemand schütteln will.

25 | Weitermachen


© Foto: Sandra Rummler

Heute möchte ich rasten
vom Weitermachen.
– Ein Wenig, die vielen guten Stunden
im vergangenen Jahr bedenken.

Den schönen Erinnerungen
Aufmerksamkeit schenken.
Bei mir wird’s eine Pyjama-Party,
wie letztes Jahr

und für’s neue – sehen wir mal.

Dieses Jahr war – nach langer Trauer
und Depression – ein seidiges Fliess
voll Schönheit, trotz der Fron.
Gegen Unrecht, das mir widerfuhr,
habe ich mich durchgesetzt

und mit lieben Menschen
rosa Momente in die Tat umgesetzt.
Mir scheint, nach schier
unendlicher Wanderung im Schatten,
konnte ich für mich Glück umfassen

und hoffe nun, es ist nicht die Ruhe
vor’m gewalttätigen Sturm.
Ich wünsche mir, dass sich die Dinge
auch anderswo zum Guten wenden.
Die Menschheit hat keine überschüssige Kraft,
um sie in sinnloser Gewalt zu verschwenden.

Wir haben für die Jungen
einen Planeten zu hinterlassen,
auf dem sie die Schönheit
von Zivilisation, Kultur und Natur erleben
und sich in Frieden eine gemeinsame Zukunft
errichten können.

Also Ihr Lieben, dann nach dem Rasten: Weitermachen.


Freue mich schon auf diese Produktion – Tuna Kaptans Film “Rohbau”:

https://www.ardmediathek.de/video/puzzle/film-ueber-die-unsichtbaren-in-unserer-gesellschaft/br-fernsehen/Y3JpZDovL2JyLmRlL3ZpZGVvL2NhMTIwZmNiLTQ4ZmEtNGYyMi05ODNmLWVjYzVlYmVhNzgzMw

24 | Mißmutig

Mißmutig schlurfe ich ins Bad,
um zu kontrollieren, ob das Toilettenpapiermonster aktiv war.
Eine halbe Rolle ist noch da – morgen und übermorgen
sind Feiertage. Ich möchte dieses Problem nicht haben,
weshalb ich das Toilettenpapiermonster gebeten habe, einzukaufen.

Auf meiner Lebensrolle verbleibt ein kleinerer Anteil als auf jener im Bad.

Ich sehe einen wunderschönen Film,
den ich mit mir lieben Menschen teilen möchte,
doch es möchte niemand etwas geschenkt,
was er nicht kennt.

Meine Lebenzeit ist schon weit verronnen.

Na und?
Dann schreibe ich mir zwei, drei Zeilen
ins Poesiealbum und blätter in meinem Lebensbuch um,
denn noch ist das Wetter auf meiner Seite
und zeigt sich
ebenso schlecht gelaunt und griesgrämig,
wie ich.