144 | August

Träg und zäh bläst der August
seinen heissen Atem als staubige Wand
heran. Glühend die Bank
aus anthrazitfarbenem Granit.

Herabgedrückt von der Wärme
das halbgeschlossene Augenlid.
Tröpfchen Schweisses, der perlend
auf der Stirn liegt.

Zunge, die durstig am Gaumen klebt.
Gebeugt unter der Last
die Schulter, die die Hitze trägt.
Brennend vom Salz die bewimperten Augenränder.

Lau die Nacht.
Wecker – halb acht.
Schattig die Sehnsucht unter der Erle am See.
Gewitterwolken, die am milchigen Himmel aufziehn.

143 | Treffen zweier Ameisen

„Guten Tag, wie geht es Dir?“
„Danke Dir, was soll ich sagen?
Doch – es geht mir gut.
Es ereignet sich nicht viel
und ich will nicht klagen.
Sage mir bitte, was machst Du?“

„Vielen Dank, ich mäandre durch die Tage,
türme Sehnsucht
und hoffe, dass das Leben
um die Ecke lunst.“
„Laß uns doch im Kontakt bleiben.
Mit einer gemeinsamen Stunde
Zeit vertreiben.
Bis zum nächsten Mal, bleib gesund.“

144 | Wieder

Mein Liebster
flüstere wieder
zarte Worte der Innigkeit
in mein Ohr.

Geliebter
bringe wieder
hauchfeine Lächeln
auf unseren
Gesichtern hervor.

Meine Lieber
singe uns wieder
sanfte Lieder,
die perlen,
wie gereiht
auf einer Schnur.

Ach, vertreibe mir
die Müdigkeit
des Überdrusses
nur
und lass‘ uns
wieder schweben.

142 | Stummheit

Ein Schmerz so scharf,
wie eines Schwertes Klinge,
trennt uns und macht uns stumm.
Die holpernden Scherze schmecken schal.
Wir sehen uns verstohlen nach einander um.

Den suchenden Blicken weichen wir aus.
Verlegen starren wir aneinander vorbei.
Möchten dem anderen vertrauen
und füllen mit sprechender Wortlosigkeit
die Kluft von Zeit und Raum.

140 | Staubkörner

Wie Staubkörnchen wirbeln wir in der Luft
– mäandern driftend in ihrem Strom.
Unsere Tage haben kein Gewicht.
Wir treiben um einander herum.

Golden erstrahlen wir im Gegenlicht.
Ein Luftzug reisst uns in die Höhe.
Wir sinken langsam herab,
als seien wir Winters Schnee.

Auf blankem Spiegel ein Sediment,
gefallen aus leichterer Dimension,
verdecken wir das Leuchten der Reflexion
und machen das Blanke stumpf.

141 | Rosenblütenblatt

Seidensamtig kräuselt sich ein rosenes Blütenblatt
im frischen, fruchtigen Strom seines Dufts.
Ein zarter Hauch durchzieht die Luft.
Es öffnet sich Herz und Geist.

Verliebt fliessen Gefühle.
Süß betören Aromen
Nase und Gaumen.
Flammend leuchtet das Blatt.

Erfreut müde Lider.
Kühlt brennende Augen.
Klärt stickige Atmosphäre.
Erfreut erschöpfte Gemüter.

139 | Stadtsommer

Unablässig knattert und braust es
in Häuserschluchten auf schmelzendem Asphalt.
Nicht anders, als das Meer
im Sturm, rauscht es.
Als sei es Brandung klingt der Verkehr.

In warmer Sommerluft liegt der Geruch
von zerfliessendem Teer.
Der leichten Kleider Kattun bauscht sich
in heisser Böe über dem Gehsteigpflaster.
Der Hitze Lufthauch
macht das Atmen schwer.

Im gleissenden Schein der langen Tage
liegt die bunte Trauer des Herbstes fern.
Träg gleiten ein paar Schwäne
auf dem Spiegel des Kanals.
Am Abendhimmel – nördlich –
erscheint die Venus als der erste Stern.

138 | Im Alleinsein daheim

Ich blicke Dir in Dein liebes, schmales Gesicht,
doch überbrücke ich das Schweigen nicht.
Zu einem Scherz fehlt mir das Geschick
– aus Angst, ich erreichte Dein Herz nicht
und rührte an Deinem Schmerz.

Ich möchte Dir eine Freundin sein,
doch wir schliessen uns in unsere Kammern ein.
– Sind im Alleinsein
mehr daheim.

Ich habe Angst, mir zerinnt die Zeit
und hetze durch den Moment.
Es fehlt mir an Gelassenheit,
habe für das Erzeugen von Ewigkeit
und Zuversicht keine Übung und kein Talent.

136 | Wiedersehen

Ja, und nun habe ich Dich doch wiedergesehen.
Du hast einen Kampf verloren
und kannst weder gehen noch stehen.
Schmal und blass, in eine dunkelblaue, wollene Kapuze gehüllt,
so hast Du vor mir in einem Rollstuhl gesessen.

Ich habe in Dein schönes Auge gesehen.
Dein Gesicht erhellte ein Lächeln.
Ich möchte Dir die Welt zu Füssen legen.
Ach, könnten meine Küsse Dich heilen.

Wie gerne würde ich Dich von der Trauer befreien,
dass Du geworfen bist in Dein Schicksal.
Ich zöge Dich wieder an der Hand
in einen wiegenden Tanz
und wir vergäßen alle Schmerzen.

137 | Sommerregen
Dunkel türmen sich die Wolken
am blauen Sommerhimmel auf.
Wer dachte denn, dass am Ende
Du es bist, der stützt sich bei mir auf?

Du bist ein ätherfeiner Mensch
und gingst über Deine Grenze.
Jetzt führt kein Weg zurück.
Wie kann ich für Dich zaubern,
wie schenke ich Dir Glück?

Wie fange ich die Tropfen
vom Regenhimmel weg?
Ich möchte für Dich kämpfen
und bin darin nicht sehr geschickt.

Ich pflücke Dir zwölf Rosen
und salbe in ihrem Duft Dein Haar.
Ich möchte Dich liebkosen,
doch warte ich, bis ich’s darf.

135 | Sommertag

Schön ist es in der Mittagsglut unter einem
alten, hohen Baum im Schatten zu sitzen.
Glücklich summt ein Sommertag.
Leicht klingen unsere Herzen von freundlichen Scherzen.

Dann aufstehen und durch die Duftpolster
der blühenden Wiese streifen.
Gottt erzählt von der Via Appia
bis wir die Eschen am anderen Ende des Parks erreichen.
Ein paar Liegestühle stehen für uns da.

Ein anderer Sommerabend
unter denselben Eschen
und Du so fremd.
Es war Dir nichts mehr recht zu machen.
Du hast mich sehr beschämt.

Obwohl seither viel Zeit vergangen,
verlischt die Erinnerung nicht.
Wir waren damals in neue Leben aufgebrochen,
doch das wusste ich noch nicht.

Und am Himmel oben wohnt
heute ein halber Mond.
Zitronengelb seine Sichel über den Dächern thront,
umwölkt von einigen zarten Schleiern.

131 | Strandgut

Treibholz auf dem Sand des Strandes
– verblichen und geschliffen.
Ist so weit gereist.
Kennt das Meer und seine Klippen.

Harmonisch liegt es Ton in Ton
an heller, sandiger Küste
– ihr Saum mit trockenen,
schwarzen Algen dekoriert.

Mit den Jahren gleichen
wir dem knorrigen Holz,
das ausgewaschen von der Flut
durch die Gezeiten weit gereist ist.

Befreit von Rinde
liegt blank
der Kern
im Sand
angelandet
bis zum nächsten Sturm
ruhig an einer Küste.

132 | Zeitlos

Süß und mild wie Honigtau
tropft zäh der Tag.
Ich lecke den klebrigen Sekundensaft
von den Stundenzeigern ab.

Leuchtend golden rinnt der Sirup
der Sommerweile tropfend vom Stundenglas.
Von der Holzbank weht eine Daune,
die ein Vogel dort vergaß.

Über den milchblauen Himmel
segeln getürmte, wattige Wolkenschiffe.
Hummeln brummen summend in Blütenstauden
im dunkelgrünen Gras.

Die Mittagssonne schmilzt die Luft überm klebrigen Asphalt.
Ich sehe mich um nach der kühlen Brise,
die herüberweht aus dem Schatten im dunklen Wald.
Die Zeit zergeht gelinde
und ein strahlender Tag
macht erst am Sonnenuntergang halt.

133 | Schmetterling

Lau weht der Sommerwind
und bläst lind
den Duft einer unbestimmten Sehnsucht heran.
Ich denke an diesen Schimmerschmetterling,
der für eine kurze Weile sass auf meinem Arm.

So kurz nur währte mein Glück,
schon gaukelte er davon.
Ich liess ihn ziehen,
wäre sonst zerdrückt.

Hat in seinem Tanz
mein Herz mit sich genommen.
Ich halt noch Ausschau nach ihm
— kommt er zurück? —
an jedem Sommerabend.

134 | Wo?

Welche Träume träume ich noch,
die ich umherstreif ohne Rast und Ruh?
Welch matter Glanz lockt mich fort?
Über welche Schwellen muss ich noch?
In welchem Haus wohnst Du?

Ich kenne keinen Ruheort.
Mich zieht die Sehnsucht zu Dir fort
und so seh ich den im Wind wiegenden Halmen
auf jenem Hügel zu.

Es gibt für mich
die Stille nicht.
Ich streif umher
und suche Dich
und weiß, Du liebst mich
längst nicht mehr,
doch stört mich das
genau genommen nicht so sehr,
denn die Erinnerung an Dich gibt genug zum Träumen her.