Nein

Nein, sage ich der Welt, hört auf, mich zur Heiterkeit zu bitten.
Ich trinke ungesüßtes Gebräu aus schwarzgebrannten Bohnen und schmecke all seine Bitterkeit.
Ihr antwortet nicht. Warum auch? Wer sollte schon antworten können?
Die sich abseilten, ihr Lager in der Ferne aufzuschlagen? Sie versuchen mit Gewalt zu vergessen, was ich bewahren möchte. Nichts davon blieb allerdings.
Nein, wir kommen nicht überein, dass diese Welt ein warmer, fröhlicher Ort sei, an dem die duftenden Rosen leuchten und die Neumondsilbersichel glänzende Zeiten markiert. Es wird Fron geleistet, es wird vergessen, ignoriert, zerschlagen, getötet und entwurzelt.
Was ist der Irre in seinem Wahn gegen die wirklichkeitsvergessene Beschwörung von Liebe und Achtung nach dem Treuebruch? Wozu die Narben verdecken? Weil alle Welt nach unversehrten Antlitzen verlangt? Nein, Euer Glück beruht auf Vergessen. Ihr löscht Eure Erinnerung und kappt das Band zu Euren Taten. Doch nur eine dünne Firniss verdeckt die Gräben Eurer dunklen Handlungen, die Ihr in aller Leichtfertigkeit begingt. Jedesmal auf’s neue schwört Ihr auf Glück und Dauer. Ihr errichtet Eure strahlenden Paläste auf den Scherben der eingeworfenen Fenster der Häuser, die vorher dort standen und vernichtet die Erinnerung. Kristallen strahlen die Lichter in Euren Schandhäusern. Wer sich Euch nicht fügt, wird beiseite gewischt.
Nein, Eure viel erbetene Heiterkeit ist ruchlos.
Ich bleibe die Frau im Schatten.

Sonnabend, 30.04.2022, 19.00 Uhr, Lesung „Lyrik und andere Zufälle“ – Specialguest Dan K. Sigurd

30. April 2022, 19.00 Uhr, Lesung: Lyrik und andere Zufälle in der Schwartzschen Villa, großer Salon, Eintritt: 10,- Euro, ermäßigt 7,- (bitte Nachweis vorlegen).
Update: Im Vorprogramm als Specialguest Dan K. Sigurd, dessen erstes Buch im März beim Periplaneta Verlag erscheint.
https://dan-k-sigurd.de/

Fragmente – Berichte vom Rand der Welt am 23.02.2022 bei BoD erschienen

Zwischen den Opernbesuchen mit Gottt und ihrer Suche nach Hendryk in den Straßen, Ecken, Winkeln und Nischen der Stadt oder der geschlossenen Station der Psychiatrie, blickt die namenlose Protagonistin in die grosse Leere und Ratlosigkeit, die das Ende der “Familienphase” in ihr zurückgelassen hat.

Prosa Bändchen, 48 Seiten, Paperback, 6 Euro, » hier bei BoD bestellen

Am 30. April 2022 – Lesung: Lyrik und andere Zufälle


Update: Im Vorprogramm als Specialguest Dan K. Sigurd, dessen erstes Buch im März beim Periplaneta Verlag erscheint.
https://dan-k-sigurd.de/
19.00 Uhr, Kulturhaus Schwartzsche Villa
grosser Salon
Eintritt: 10,- Euro, ermässigt 7,-
https://g.page/kulturhaus-schwartzsche-villa

Verschwommen

“Meine Erinnerungen an Dich sind so verschwommen, wie meine Erinnerungen an meinen Vater. Jahrzehnte im Nebel versunken. Es ist sicher die Angst und der Schmerz, die das Bild verschleiern. Obwohl wir Bett und Tisch geteilt haben, kannte ich Dich nicht und heute zweifle ich, ob Du Dich selbst kanntest. Lebendig begraben in den Mauern einer ängstlichen, gegenseitigen Überwachung, waren die Jahre zu einem kurzen Moment zusammengeschnurrt.
Ich war verheiratet – Punkt. Wir kannten einander fünfunddreissig Jahre – Punkt. Es war eines Tages vorbei – Punkt. Ich erinnere mich nicht an Dein Lächeln – Punkt.”

Gerade recht

“Mir ist die trübe Stimmung des tröpfelnden Januarmorgens im noch jungen Jahr gerade recht. Ich hadere mit meinem Schicksal, stiere auf den blinkenden Cursor und weiss mit meiner Ungeduld und Unzufriedenheit nichts anzufangen. Nichts glänzt mich an. Du hast Dich hinter Späßchen zurückgezogen und bist für meine Worte nicht erreichbar. Willst mit Kümmernissen und Betrübnissen nichts zu tun haben. Mein Herz ist über die Vergeblichkeit eng geworden. Wir reden nicht in gleicher Zunge. Dass ich Dich schätze, bewirkt nichts. Du taumelst weiterhin von Eindruck zu Eindruck und hältst an nichts fest. Man sperrt Dich ein, läßt Dich frei, sperrt Dich wieder ein und läßt Dich abermals frei. Du aber bleibst haltlos und unempfindlich gegen jede Liebe und Freundschaft. Um so tiefer empfinde ich meine Einsamkeit.”

In Träumen

“In Träumen begegne ich Dir noch. Wahrscheinlich möchte ich deshalb derzeit nur schlafen, auch wenn es Albdrücken ist. Du sagst über den Tod: “Dem Vergangenen folgt stets Neues.”. Es klingt roh. Du willst nicht innehalten und dem nachlauschen, was war. Man hat Dich als Sechsjärigen der Familie entrissen. Damit mußtest Du in der Fremde zurecht kommen. Was könnte Dir danach noch ein Verlust sein, der Dir nahe geht?”

Wie Asche

“Wie Asche liegt das Grau der Wolken über dem Tag. Das Jahr zergeht in den letzten Zügen. Der Abwasch stapelt sich in der Küche, doch zum Putzen fehlt mir die Lust.
Auf der Strasse unterm Fenster ist es heute leiser als gewöhnlich. Mir ist seit einiger Zeit, als ob auch im Sommer Winter wäre. – Die Wochen eine Abfolge kalter Tristesse. Kein Mai leuchtet in die dunkle Stube. Ob Montag oder Wochenende, alles Einerlei. Nur meine Besuche mit Gottt in der Oper unterbrechen die Monotonie für einen willkommenen Moment. Mir fehlen die Worte um auszudrücken, welch’ ein Überdruß über allem liegt. Würde ich an irgendwas und sei’s die Menschheit glauben, dann gäbe es Feiertage, aber ich bin Atheistin. All das Brimborium um die traute Familie, ist mir schal, seit nicht einmal die meine hielt, was ich mir davon versprach. Nur wenige Menschen sind mir nah. Ich war für eine Weile wie Popcorn, dass die Hülle sprengte, aber nun wird alles wieder unter die Haut zurückgestopft.
Du hast mich entflammt, doch Du wolltest lieber einsam sein.
Und wieder zerfallen die Tage in rastlose Sekunden.”

Ungeborgen

“Nein, diese Welt ist mir kein warmes Zuhause. Ungeborgen stehe ich draußen vor dem Tor und habe keinen Mut und kein Vertrauen, die Seßhaften und Eingerichteten um eine Krume zu bitten. Ich lebe von dem, was von den Tischen fällt und verberge mich im Schatten. Euer Schein blendet mich. Auch ich möchte glücklich sein, aber was man im Allgemeinen darunter versteht, ist mir fremd. Euer Besitz sagt mir nichts.
Ihr seid strebsam und folgsam. Ich bin wild.
Wenn mir etwas gefällt, möchte ich zugreifen. Wenn mir eine gefällt und ich ihr, möchte ich mich zu ihr legen. Morgen kenne ich nicht. Ich kenne nur hier, jetzt und heute. In Eurer Welt fügt sich alles einem Plan. Ich kenne Euren Plan nicht und auch nicht die Vorschriften, die man kennen muß, um aus dem Schatten zu treten. Ich möchte mich Euren Regeln und Bedingungen nicht fügen, so wenig wie Euren Fesseln. Manchmal fangt ihr mich ein und dann haltet Ihr mich fest hinter geschlossenen Türen. Dann flößt ihr mir Medikamente ein, die mich taub und dick werden lassen. Nach einer Weile laßt ihr mich wieder ziehen, kahl rasiert und mit trübem Blick. Dann schlage ich mich wieder auf der Straße durch und wenn die Wirkung der Medikamente nachläßt, verstumme ich, aber die Stimmen in meinem Kopf werden lauter.
Meistens friere ich. Auch in der Wärme. Wenn es etwas zu sehen gibt, muß ich hinsehen. So habe ich immer zu tun. Nein, diese Welt ist mir fremd. Ich gehöre niemandem an.”

Frost

Eine dünne Schicht feiner Eiskristalle hatte Sträucher, Bäume und Asphalt überzogen und funkelte im Licht der Straßenlaternen. Steif stakste sie über die welligen Granitplatten auf dem Gehweg. Unter dem Bogen des Seiteneinganges der Kirche lagen drei in Schlafsäcke eingemummte Gestalten. Betroffen beschleunigte sie ihre Schritte und blickte schnell weg. Sie dachte an Hendryk, der wieder in der Stadt abgetaucht war und sich ebenfalls mittellos auf den winterlichen Straßen durchschlug. Sie glaubte, dass sie aufgeben mußte, sich Hoffnungen zu machen, ihm eine Hilfe sein zu können. Er wollte sich nicht helfen lassen. Jeder Besitz und jede Bindung war für ihn Ballast, der ihn behinderte. Nur der konkrete Moment zählte. Er lebte in seiner Fantasie und das gefiel ihm besser als das tägliche Kleinklein. Seine Intensität und Sensibilität hatten sie ja auch angezogen. Hätte sie ihn anders haben wollen? Ihr weiser Freund Gottt hatte sie auf den “Lohengrin” hingewiesen. Es war, wie es war und es war nicht richtig daran zu rütteln. Hendryk hatte sein eigenes Schicksal. Er lehnte sich gegen die Zumutungen dieses Lebens auf, wie Gottt richtig feststellte und sie mußte ihn ziehen lassen.