Ausgesperrt

Sie war sich nicht sicher, wem sie die Übergriffe der letzten Zeit zu verdanken hatte. Ihre Büroschränke waren geöffnet, wichtige Unterlagen herausgenommen und in ihnen Chaos erzeugt worden. Jemand hatte sich Kontrolle über ihren Computer verschafft und Unbefugte hatten Ihren Internetzugang genutzt, darunter auch er, der zwei Firmensitze im gleichen Gebäude hatte. Konnte es sein, dass er zu ihrem Feind geworden war? Sie wollte ihren Computer und Router neu konfigurieren, doch er wollte sie das nicht allein tun lassen. Schliesslich stand ihr Kind als sein Helfer vor ihr und entriß Ihr die Tasche mit Laptop und Router. Dann stand er selbst vor ihr und würgte sie. Sie wehrte sich. Das Handgemenge verlagerte sich auf das andere Ende des Laubenganges. Er preßte auf Schmerzpunkte, sie rief laut um Hilfe. Dann ging sie kurzfristig ohnmächtig zu Boden. Das Kind wurde Zeuge von alldem. Jemand hatte die Polizei gerufen. Sie wurde in die Psychiatrie gebracht. Er kam und nahm ihr den Wohnungsschlüssel ab und entschied, dass sie nicht in die gemeinsame Wohnung zurückkehren dürfe. Sie verliess die Psychiatrie und suchte eine Freundin auf, ihr zu helfen. Die Freundin war überfordert und schickte sie zu ihm zurück. Andere würden schlimmer verletzt. Sie beschloß die Polizei aufzusuchen und schilderte einer Beamtin, was geschehen war und erstattete Anzeige – auch dass er über Kampftechniken Bescheid wußte, an die man nicht ohne weiteres gelangte. Man glaubte Ihr und eskortierte sie in die gemeinsame Wohnung. Er wurde aufgefordert, sie einzulassen und ihr einen Schlüssel auszuhändigen. Man traf ihn, das Kind und eine Familienfreundin in aller Seelenruhe gemeinsam Tatort sehend im Wohnzimmer an. Sie ging ins Schlafzimmer und packte einen Koffer mit Kleidung und liess sich dann von einem Taxi in ein sehr gutes Hotel bringen. In ihrem Zimmer stellte sie fest, dass Kleidungsstücke, die sie in den Koffer hineingelegt hatte, nicht mehr da waren. Ängstlich sah sie sich um. Wußte er wo sie war?
Wochen später gestand ihr Kind, dass es Kleidung wieder aus dem Koffer herausgenommen hatte. Sie rief eine weitere Freundin der Familie an. Diese sagte ihr, sie solle in ein katholisches Heim für obdachlose Frauen gehen. Es war dieselbe, der sie über einen langen Zeitraum nach der Trennung von dem Vater ihres Kindes geholfen hatte.
Sie schlief schließlich erschöpft ein und beschloß, am nächsten Tag in die gemeinsame Wohnung zurückzukehren und sich nicht einfach vertreiben zu lassen. Er war abweisend und sabotierte sie. Daraufhin wechselte sie das Wohnungsschloß und suchte eine Therapeutin, die bereit war kurzfristig die Situation zu entschärfen. Jedesmal, wenn er dabei war, zeigte die Therapeutin deutliche Zeichen von Furcht und einmal wurden sie von deren großen, schwarzen Schäferhund empfangen. Er kam, aber unwillig bezahlte er die Therapeutin. Schliesslich kündigte er an, in das Ferienhaus zu fahren und darüber nachzudenken, wie es weitergehen solle. Zuletzt überwies er ihr in der Zeit nichtauskömmlichen „Trennungsunterhalt“. So vollzog er die Trennung ohne sich von ihr zu verabschieden. Jahre später stellte sich heraus, dass er sich, über die Tochter, den Schlüssel zu ihrer Wohnung beschafft hatte und es klärte sich für sie, warum Wertgegenstände, Erinnerungsstücke und wertvolle Kleidung verschwunden waren. Auch die Anzeige hiergegen verlief im Sand. Die gemeinsamen Freunde wandten sich überwiegend von ihr ab und sie durchlebte eine Zeit großer Isolation, aber auch den Beginn persönlicher Entwicklung.

Schmarrn

„Du bist zeitlebens für das verantwortlich, was du dir vertraut gemacht hast.“ —
Antoine de Saint-Exupéry in „Der kleine Prinz“
Ich sah so mit 15 ein Biopic über James Dean in dem auch seine Faszination für das Buch „der kleine Prinz“ thematisiert wurde. Daraufhin liess ich es mir zum Geburtstag schenken. Den obigen Satz habe ich daraus zutiefst verinnerlicht, denn mein Vater hatte unsere Familie verlassen, als ich keine fünf Jahre alt war und sich aus meinem Leben abschiedslos zurückgezogen. Mit dieser Vorstellung Saint-Exupérys war ich selbst schliesslich in die Liebe gestartet und stellte am Ende fest, dass er keine Bedeutung in dieser Welt hat, in der jede/r ersetzbar ist. Im Gegenteil – ein Freiheitsbegriff bewohnt die Herzen in dem für Verläßlichkeit und Vertrautheit kein Platz ist, obwohl man Jahrzehnte am Schicksal des anderen Anteil genommen hatte. Selbstverständlich kann man auch ohne diese Dinge leben, vielleicht sogar glücklich sein und ich bin ja auch weit über mich hinausgewachsen, weil ich zuvor einen viel zu hohen Anpassungspreis gezahlt habe. Man hat dann eben nur Phantomschmerzen, wenn das süße Gift der Illusionen herausoperiert wird.

Geduld

– ich habe keine mehr, doch ringe ich sie mir täglich ab. Das ist natürlich gefährlich, denn irgendwo muß die Wut ja hin und da heißt es aufpassen, dass man nicht Schwächere verletzt. Ich mildere den Zorn mit sanften Bildern und körperlicher Ertüchtigung bis zur Erschöpfung und Schmerz. Und ich weiß, damit trage ich zur ohnehin fragilen Stabilität bei, doch eine Genugtuung ist mir das nicht, obwohl ich Familie habe.

Neuerscheinung: Die Taugenichtsin | Berichte einer Irrfahrt – Erzählungen

„Und wenn ich auch lediglich gegen Naturgewalten und mit Visionen zu kämpfen hatte und mir – statt Gandalf – nur ein phantasierter Freund zur Seite stand, war ich doch im besten Hobbitalter für diesen Aufbruch ins Ungewisse.“

Die Taugenichtsin | Berichte einer Irrfahrt – Erzählungen
hier bestellen: bit.ly/taugenichtsin

EDITION DORETTES
TB, 36 Seiten
7,49 €
ISBN 9783759723628
jetzt auch als eBook ISBN 9783759763372  3,99 €

Was Kunst vermag…

Die Kunst lehrt einen das bewußte Sehen, Hören, (Denken) und Fühlen. Sie wirkt bewußtseinserweiternd. Die frische, reine Luft, die einen – angereichert mit Blütenduft –  nach einem Regentag im April umweht, tritt um so deutlicher hervor, je schärfer die Wahrnehmungsfähigkeit geübt ist. Nicht nur Meditation, auch die Auseinandersetzung mit guter Kunst, weitet den Blick auf Kompositionen, die sich beiläufig im Vorbeigehen ergeben. Gewandelt durch die Auseinandersetzung mit einer pointierten Präsentation einer Betrachtung in einem Gedicht, einer Musik, einer Prosa sehen, riechen, schmecken oder hören wir plötzlich deutlich und klar und die Wirklichkeit selbst wird bedeutsamer. So wird nicht nur die Künstlerin durch den Schaffensprozeß gewandelt, sondern auch die Rezipientin. Wie unter einem Vergrößerungsglas wird das Unscheinbare sichtbar und die Fragmente der Alltagswahrnehmung fügen sich zu Sinn.

Zorn

Nichts veranlaßte sie aufzustehen, selbst wenn der März sein fröhliches Frühlingslicht durch die trüben Fensterscheiben ihres Schlafzimmers schicken mochte. Sie zog die Mundwinkel herab und versuchte etwas zu denken, das ihr heraushelfen würde aus dem Überdruß. Schlechtgelaunt grübelte sie über ihre Optionen in der nächsten Zeit nach. Sie würde sich wieder verausgaben müssen. Diesmal in drei Schichten. Und konnte noch froh sein, dass sie etwas gefunden hatte, das mehr als den Mindestlohn brachte. Sie wußte, dass es ihr besser gehen würde, sobald sie wieder in Bewegung war. Was wäre auch die Alternative gewesen? Von der Hand in den Mund zu leben und 24/7 Wortkitsch zu produzieren, der letztlich eine Handvoll interessierte? Noch eine Liebesschmonzette, noch ein Frühlingseloge? Ja, verdammt nochmal, die Krokusse streckten wieder ihre Blüten dem Blau des Himmels entgegen, doch sie war längst in der Menopause angelangt. Sie ging zum Tiefkühlschrank in der Küche, den sie sich im letzten Jahr von ihrem Gehalt gekauft hatte, nahm das Vanilleeis heraus und füllte sich eine Portion in eine kleine Schale. Das Gerät hatte sie in erster Linie erworben, um ihre Wollpullover vor Mottenfraß zu retten. Immerhin dies war auch geglückt. Auch die schönen Reisen im selben Jahr hatten zu einer vorübergehenden Zufriedenheit beigetragen. Doch nun schien das Kommende in erster Linie Mühsal zu sein. Daß die Kriegstrommeln immer lauter geschlagen wurden, machte es nicht besser. Daß, wer für sein Brot sorgen mußte, verachtet wurde und es nur unter Aufwendung aller Kräfte vollbrachte, ebensowenig. Ja, sie mußte wohl eine schreckliche Idiotin sein, weil sie in ihrem Alter so schubbern mußte. Andererseits konnte sie sich glücklich schätzen, dass ihre Gesundheit es zuließ. Mit Zorn bemerkte sie den dumpfen Schmerz unter ihrem Solarplexus. Sie hatte nicht vor, sich untersuchen zu lassen. Ihre Blutwerte waren hervorragend, noch einmal würde sie sich keinem Krankenhaus ausliefern. Das alles war sicher nur ein Ausdruck ihrer inneren Konflikte, ihrer Unlust, ihrem Wunsch nach sorgloser Leichtigkeit und ihrem Widerwillen gegen die tatsächlichen Gegebenheiten.

Manchmal

Medea: „Manchmal grabe ich süße Erinnerungen aus, doch nicht lang, dann holen mich die dunklen ein. Bist durchgekommen mit allem. Stockholm Syndrom. Spätestens mit unserer Hochzeit war klar, dass es kein gesundes Fundament gab. Du hast genommen und wirst weiter nehmen, denn Du denkst, Dir stünde alles zu und mit diesem Recht raffst Du alles an Dich. Und ich war dumm genug zu glauben, ich würde geschont – geehrt gar. Doch ich werde unsere Brut vor Dir beschützen. Inkognito werde ich voran gehen und die üble Nachrede Lügen strafen.“

Milde

Heute möchte ich sanfter und feiner sprechen. Einladender. Allein mit mir, stelle ich mir vor, freundlich zu sein und zu verlocken. Zum Glück muß ich es nicht beweisen, denn die Wut kochte ja in kurzer Zeit wieder hoch. Ja, milde sein – altersmilde? Reizen würde die Überheblichkeit dahinter sowieso. Der Spott bliebe sichtbares Anzeichen der Abwehr. Es würde gefallen, Klingen in Zärtlichkeit einzuweben und ihnen die Schärfe zu nehmen. Was verbliebe noch um die Abgründe zu überbrücken, wenn nicht freundlicher Spott. Allerdings müßte man ein geübter Spötter sein, um nicht in Hohn zu verfallen.
Heute möchte ich sanfter sein. Wenn Du keine Festgkeit hast, nimm‘ Dich in Acht.

Bekenntnis

SonnentorMir ist die Stadt zur zweiten Natur geworden. In dieser Wirklichkeit aus Stein und Zementputz bin ich zuhaus. Ich entdecke schräge Vögel – zu denen ich mich selbst wohl auch rechnen muß – grüße meine Nachbarn und genieße meine Einsamkeit unter Millionen. Hier, in aller kostbaren Abgeschiedenheit, habe ich die schönsten Erinnerungen zusammengetragen und manche Weggefährten kennengelernt. Von romantischer Sehnsucht ergriffen, betrachtete ich das Bild des Mondes in einer Pfütze, das pointillistische Frühjahrsgrün und Herbstlaub der Strassenbäume, erklomm die steilen Stiegen verwitterter Häuser und verschaffte mir Aus- und Einblicke von ihren höchsten Türmen und in dunklen Schluchten. Kathartisch geläutert durch die Teilnahmslosigkeit der Passanten und die Härte meiner Zeitgenossen, legte ich den überwiegenden Teil sentimentaler Anschauungen ab. – Wenn ich auch zugeben muß, dass ein nicht unerheblicher Rest verblieb. – In dieser historisch gewachsenen künstlichen Welt blicke ich auf die Kunstwelt und ihre bearbeitete Natur und möchte sie nicht missen, diese auferstehenden und zeitgenössischen Schatzritterinnen der Lakonie. Hier sind Fremde zwar nicht willkommen, aber immerhin stoisch geduldet. Ich fürchte den Tag an dem man mich zu ihren Toren hinauswirft, weil ich ein Fossil bin, dass sich ein Bleiberecht wünscht, ohne den geforderten monetären Sold erbringen zu können. Und so ist die Gegenwart von der Melancholie des vorausgesehenen Abschieds und den Befürchtungen einer weit unwirtlicheren Zukunft getragen. Möge „Wir-bleiben-alle“ der – langfristig eher unwahrscheinliche – Erfolg beschieden sein.

Ich will nicht

Ich will Dir nicht sagen: Du mußt. Du sollst. Du mußt selber wissen. Für mich habe ich einige Entscheidungen gefällt und ziehe die Konsequenzen daraus. Es sind eben andere als Deine Entscheidungen und ich traf sie nur zur Hälfte freiwillig. Jeder Schritt, der gelingt, ist ein Schritt, den ich trage und der mich tragen soll. Fordere nicht ein, dass ich in Deinem Tempo gehe. Ich bin nicht Du. Niemand sollte überhaupt noch von mir fordern, dass ich nicht versuchen sollte, meine Pläne umzusetzen. Man sollte mich höchstens beglückwünschen, dass ich Pläne habe, die ich umsetzen werde. Es wurde Zeit dafür. Es gibt niemanden, der es für mich tut – ich muß sorgen, mit meiner Kraft und meinem Zutrauen.