Ganz Trotz

Ganz Trotz, ganz Trotzigkeit, ganz Beweis, dass man da sein kann. Ganz Wut, ganz Zähneknirschen, dass man auch dem Widrigsten entgegentritt. Ganz Erbitterung, ganz Zorn verkannt zu sein und nun verwundet seiner Wege ziehen zu müssen. Ganz Empörung, ganz Erschütterung, dass Betrug der Lohn für all das Wohlgetane ist. Ganz Aufbegehren gegen das Urteil und die Verbannung. Ganz Abscheu, dass man entsorgt und ausgeschlossen ist. Ganz Widerstand, ganz Verachtung, dass man unerkannt geblieben ist.

Ach was? Hier geht es lang?

Vielen Dank für den Hinweis! Nein, ohne Sie hätte ich den richtigen Weg nie gefunden. Sie wissen schon – als Frau – in meinem Alter. Zugütigst, dass Sie sich die Zeit genommen haben. Was Sie nicht sagen! Ihre Reputation steht ja ausser Frage. Ich habe mich selbst schon häufig gefragt, wie ich bis an diesen Punkt gelangen konnte und trotz widriger Umstände heute leidlich gesund und munter vor Ihnen stehe. Nicht alle Zeit stand mein Leben unter einem so guten Stern, wie gerade jetzt hier mit Ihnen. Nein, damals, als ich so schreckliches Bauchweh hatte und die Ärzte sagten, man müsse darum, die Galle entfernen und die Schmerzen aber danach nicht weniger wurden. Ja, da hätte ich nicht auf diese vertrauen sollen. Aber wie konnte ich das wissen? Wie sie dann noch wochenlang ihren Betrug an mir und der Krankenversicherung vertuschen wollten und verhindert haben, dass eine richtige Diagnostik bekomme – mich die Chefärztin stattdessen anherrschte, es sei alles gut, der Eingriff, sei gut verlaufen. Nur die operierende Ärztin gab mir den Tipp, dass das Organ völlig gesund gewesen war. Man hat mich dann noch einige Zeit weggesperrt und meine Beschwerden ignoriert. Erst als ich befreit war und in einem anderen Haus Wochen später festgestellt wurde, dass ich einen Darmverschluß hatte, wurde mir geholfen. Der Schock saß tief. Ich zog mich zurück und war erstmal zu vielem nicht mehr fähig und es stand ja dann eine dritte Operation aus, den künstlichen Darmausgang zurückzuverlegen. Nein, einen Anwalt habe ich später nicht gefunden, der mir helfen wollte und mein teurer Gatte hatte binnen einen halben Jahres die Flucht ergriffen. Aber ich will sie nicht langweilen. Nur verzeihen Sie daher meine Vorbehalte, wenn mir jemand erklären will, wo es entlang geht. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass Rat meist teuer bezahlt wird – in doppeltem Sinn. Wo mir die Ortskenntnis fehlt, erkunde ich den Weg zuvor mit neutralen Instrumenten, die einer jeden zur Verfügung stehen. Bitte verübeln Sie mir nicht meinen Starrsinn und meine Unbelehrbarkeit – ich bin ein gebranntes Kind.

Doris

Doris, dieser Säugling, den man nicht nähren konnte, weil es kein Milchpulver gab und der die Muttermilch nicht vertrug. – Dieses Kind, das ein Flüchtling in der Heimat der Mutter war. Doris, die mit 14 eine landwirtschaftliche Lehre begann, weil sie das Leben zuhaus nicht mehr mochte. Doris, die mit 20 eine Familie gründete und mit 21 den Vater ihrer Tochter heiratete, weil sie nun volljährig war und allein entscheiden durfte. Doris, die mit 25 alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern war. Doris, die schichten ging, um ihre Familie zu ernähren. Doris, die im Sommer am Meer Versteinerungen sammelte. Doris, die noch einmal eine Familie mit 34 gründete und Mutter ihres dritten Kindes wurde. Doris, die eine Hochbegabtenzulassung errang und Philosophie und Pädagogik studierte. Doris, die Gedichte und Aphorismen in Vokabelhefte schrieb und an ihre Kinder verschenkte. Doris, die mit 62 Jahren verstarb.
Heute wäre sie 80 geworden – meine Mutter.

In diesem Leben…

“In diesem Leben stehe ich vor einem schwankenden Horizont. Meine Überzeugungen sind nicht fest und sicher. Oft kann ich nicht entscheiden, was gut und richtig ist. Oder die Konsequenzen der Entscheidung zu tragen, erscheint mir zu unbequem. Allerdings ist diese Unentschiedenheit gar nicht sonderlich bequem, man kriegt das Simple einfach nicht zu fassen. Legte man sich fest, wäre alles gut sortiert. Man trüge die richtige Überzeugung, wie ein gut sitzendes Kleid und bräuchte sich um seine Rechtschaffenheit keine Gedanken zu machen. Zufrieden mit sich und mit der Welt im Reinen, könnte man sich beglückwünschen, welch’ großartige Weitsicht und welche Segnung von Talent sich in einem vereinigte. Aber regelmäßig bekomme ich ihn nicht zu fassen, diesen erhabenen Standpunkt und reibe mich an einer Welt, die Unerbittlichkeit in sich trägt. Nun ja, unser aller fatales Ende  – darin ist die Welt mit Sicherheit unerbittlich.”

Forderungen

Zwar fordert die Arbeit alles ab, doch bin ich froh, jeden Tag auszuziehen und das Häusermeer zu durchstreifen. Der Glanz des Frühlingslichtes streut milde Beleuchtung auf die Wohnstätten der Kreuzbergerinnen und morgens in der Halle scherzen und streiten die Kolleginnen. Die Technik ist tückisch und selten fährt ein Fahrrad geräuschlos. Doch wenn man in einem Aufgang die Post zugestellt hat, ist man auch mal zufrieden. Und wenn man abends seine leere Flasche vom alkoholfreien Bier zu den zwanzig anderen auf das Parkett stellt, die dort schon aufgereiht sind, muß man sich vor niemandem rechtfertigen. Willkommen ist, was das Herz von seinen Leerstellen ablenkt. Bloß nicht mehr in eine Vergangenheit sehen, die es so nie gab, wie sie sich verklärend im Rückblick darstellt. Und hat man nicht wetterfeste Freunde gefunden? Ja, vieles ist doch errungen, wovon man nur träumte und ein Gewitter hält einen nicht mehr ab, in die Welt zu gehen.

Brüche

Wir fuhren im Schneetreiben von Berlin zu Dir auf der Tourneé hinauf nach Jütland am 20.03.1994. Mein Bauch wölbte sich vom siebten Monat Schwangerschaft. Wir übernachteten in Aarhus und brachen am nächste Morgen mit unseren Trauzeugen nach Tranebjerg auf Samsø auf. Damals ahnte ich noch nicht, dass unsere Ehe bereits mit einem Bruch begonnen hatte, denn Du hattest am Abend bevor wir kamen versucht, die Trauzeugin zu verführen. Dies gestandst Du mir eine Woche vor der Niederkunft. Da konnte ich nicht mehr zurück, glaubte ich. So begann unsere Ehe mit einem Betrug.

Wahrscheinlich

Ich kenne Dich nicht mehr. Du bist wahrscheinlich ein ganz anderer geworden – sanftmütig und duldsam. Längst mußt Du Dich nicht mehr durchsetzen und bist voller Harmonie. Du führst ein gesundes, friedvolles Leben an der Seite Deiner einzig geliebten Frau. Glück regnet auf Dich herab und Du bist angekommen, hast ein eigenes Domizil bezogen und genießt die Ruhe der Vorstadt. Die Orte, die wir aufsuchten, hast Du hinter Dir gelassen. Majestätisch und frei gehst Du Deiner Wege. Dich kenne ich nicht.

Wenn die Lindenblüten wieder duften

Im Sommer 2024 wollen wir mit einem Kahn und Gästen die Spree hinauf ziehen, wenn die Lindenblüten duften. Wer weiß was bis dahin geschieht, aber so ist jetzt der Plan. Seit diesem Jahr trage ich wieder einen Goldring am Ringfinger der rechten Hand. Er gilt niemandem bestimmten. Vielleicht denke ich dran, weil heute mein Hochzeitstag war – da auf Samsø bei frostigen Temperaturen und Sonnenschein. Doch meine Frühlingsanfänge gelten auch niemandem bestimmten mehr. Im Park ist der Brunnen noch nicht repariert und es wird wohl ein weiterer Sommer ohne Wasserfall sein. Er wird schmerzlich vermißt. Der Gesang der Nachtigall mischte sich immer auf’s Schönste mit seinem Rauschen. Die Eisdiele will nach der Winterpause bald wieder öffnen. Die Monde ziehen ins Land und ich altere ohne die Perspektive, einen Ort auf dieser Welt gefunden zu haben an den ich gehöre. Zwischen den Berliner Mietskasernen ist immerhin alles vertraut. Gestern habe ich auf dem Weg nach Sacrow wieder einen hellgrünen Teppich auf dem Waldboden aus Wunderlauch gesehen. Ich fuhr über den Wannsee nach Kladow auf dem offenen Verdeck der alten Fähre – der Condor, auch wenn ich Handschuhe trug und die Kapuze des Daunenmantels auf dem Kopf festhielt. Jetzt müßte ich aufräumen, aber ich hänge lieber meinen Träumen nach.

Täglich

Täglich kämpfe ich mich durch Kreuzbergs Häusermeer und trage die Sendungen zu den Briefkästen der Stadtbewohner. Wenn ich Päckchen bringe, ist die Freude der Empfängerinnen meist groß. In den letzten Tagen sind die Krokusse aufgeblüht und die blauen Sternhyazinthen. Heim komme ich meist erst, wenn die Sonne versinkt. Oft nehme ich die 47, das ist ein Rad, das niemand sonst will. Wenn es geregnet hat, quilt aus dem Sattel die Nässe und er läßt sich nicht mehr fixieren. Aber mit seinem Elektromotor macht es ganz gut Tempo. Ich versuche der Melancholie davon zu fahren, aber es gelingt mir nicht immer. Ich bin trotzdem froh, am Abend zu müde zum Nachdenken zu sein. Ich sinke in meine Kissen und vergesse die Verluste. Die Kriege und Naturkatastrophen laße ich nicht an mich herankommen. Meinen Durst löche ich mit dem Geschmack von alkoholfreiem Bier. An meinen freien Tagen treffe ich mich mit meiner Tochter oder Gottt, meinem Bruder oder Freundinnen oder ich ruhe einfach aus. Aber meine Sehnsucht holt mich immer wieder ein und ich denke an Hendryks Liebreiz und die verzauberte Zeit. Wie er fröhlich auf Spitzen tanzte und alle auf dem Flur umgarnte. Plötzlich umwölkte sich seine Stirn und er schlief Tag und Nacht. Jenes Frühjahr war im Flug vergangen und als der Sommer gekommen war, war Hendryk wieder verschwunden und ich mußte ohne meine Schwingen weiterziehen.