05.03.2018 | „Loslassen“?

„“Loslassen“ als beständige Antwort auf Konzentrationsbewegungen in Richtung Weniger hat durchaus zynische Aspekte. Für einen kurzen Moment erlebt sich das prekäre Individuum als (wirk-)mächtig. Es ist vermögend und läßt etwas los und wenn es seine zweite Niere ist. So läßt es sich auch noch die letzten Reste seiner legitimen Daseinswünsche entwinden – seine Gesundheit, sein Leben, sein Obdach oder seine Bindungswünsche und seine Vergangenheit. Laß einfach los.
Diogenes bleibt ja in der Stadt, er hat ein Obdach, er bleibt gebunden – sozial, denn er will mit seinem Beispiel einwirken auf das, woran er sich gebunden fühlt. Das prekäre moderne Individuum verurteilt sich nun auch für diesen letzten Rest Beharrungsvermögen. Es gibt alles freiwillig und leicht her. Wo der Stoiker mit seiner Überzeugung etwas anstrebt, nämlich die stabile Grundlage für Sozialität, wirft der erfolgreich Vereinzelte nun selbst diesen Besitz, oder zumindest Wunsch, gern und leicht über Bord. Hier wird um nichts mehr gerungen. Jeder Außenanspruch ist eine illegitime Anklammerung an etwas, worauf nicht im mindesten Anspruch besteht. So – gänzlich allen Strebens entkleidet, muß es sich mit Schmerz nicht mehr auseinandersetzen. Es läßt ihn einfach los. Denn Leben und Sterben ist gleich und einerlei. Das ist die demütige Bewegung des Gedemütigten, der dem Leben nicht einmal mehr Eigensinn abtrotzt.“

Perlen des Tages | Sagen, was sich sagen läßt – Gesine Palmer, Hegel

Oskar Negt über Hegel im Gespräch mit Alexander Kluge

Theodor W. Adorno über Hegel

Gesine Palmer – ob sein muß, was wird?
https://gesine-palmer.de/du-musst-dein-leben-aendern-oder-die-vollstaendige-vermuellung-einer-alten-weisheit

Regression und infiniter Regress

Die Regression | der Regress, der zum Zusammenbruch der ich-Instanz führt, interpretiere ich als Folge eines Denkens, das nicht den Ausgang aus der Unmündigkeit – zur Autonomie – gefunden hat. Ursache ist die Verirrung des Geistes bei der Suche nach einem Ankerpunkt im Bedürfnis der „Heilung“ aufgehäufter Kränkung beziehungsweise dem gedanklichen „Scheitern“ an den Realitäten und der Gegenwart oder einem Reifungsschritt. Im Versuch das Selbstverhältnis zur Wirklichkeit gedanklich neu zu ordnen, ist der oder die Suchende ungeübt und hat bestimmte Fallstricke des Denkens noch nicht durchgearbeitet. Im freien gedanklichen, begleitet vom emotionalen, Fall prozessiert die Person halt- und orientierungslos infinit in die Rückwärtsrichtung, was den Zusammenbruch der Persönlichkeitsstruktur zur Folge hat. Der konflikthafte Umweltbezug wird aus einer Perspektive der Ohnmacht erlebt, wobei der Suchende der „Bedrohung“ reflektorisch nicht gewachsen ist – jedoch nicht aus Mangel an Begabung, sondern aus Mangel an Übung und Technik. Insofern ist die Philosophie tatsächlich therapeutisch. Sie ist eine Schule der denkerischen Technik und der Übung der Entwicklung der eigenen Position vor einem schwankenden Horizont, die auf dem Weg der Aufgabe – neu zu denken ermutigt und bereits durcharbeitete Leistungen der Vordenker bereithält und ihre Techniken zeigt und hiermit den eigenen Reflexionsprozess und damit die Selbstbestimmung unterstützt.
So wird das Nachdenken (Epimetheus) zum Vordenken (Prometheus).

Hier eine hochkarätige Tagung zum Thema Regress u.a. Holm Tetens:
https://www.ethz.ch/content/vp/en/speakers/collegium-helveticum/reproduzierbarkeit/regress.html

 

Empirismus, Dualismus

Robert Gernhardt: Philosophie-Geschichte

Die Innen- und die Aussenwelt,
die warn mal eine Einheit.
Das sah ein Philosoph, der drang
erregt auf Klar- und Reinheit.

Die Innenwelt,
dadurch erschreckt,
versteckte sich in dem Subjekt.

Als dies die Aussenwelt entdeckte,
verkroch sie sich in dem Objekte.

Der Philosoph sah dies erfreut:
indem er diesen Zwiespalt schuf,
erwarb er sich für alle Zeit
den Daseinszweck und den Beruf.

[Quelle: Wörtersee. Frankfurt: Zweitausendeins, 1981]
https://f20.blog.uni-heidelberg.de/2009/03/20/berufskunde-der-philosophie/