64 | Was zählt



Frage nicht,
wieviel Freunde habe ich.
Rechne nicht
mit ewig selbem Geschick.

Kalkuliere nicht,
welchen Eindruck mache ich.
Verdecke die Gegenwart nicht
durch Vergangenheit, die Du türmst.

Beharre nicht auf erloschenem Glück.
Öffne Dich für das, was ist.
Improvisiere über eine bekannte Melodie.
Hole Dir Pfeffer aus der Fantasie.

Staune statt aus der Gewissheit zu leben.
Spüre die Freude des Noch-Nicht-Gekannten.
Geniesse es dem Beben zu begegnen.
Horche wie die Töne der Erdkruste vibrieren.

Laß den Wechsel von Schatten und Licht
durch Dich fliessen.
Laß Dich durch Sorgen nicht belasten.
Geh voran, Du wirst was kommt
als unbekanntes Land begrüssen.

Lege nieder Deine Angst.
Gehe auf das Neue zu und tanz.
Umarme Dich selbst
und vergiss nicht,
es kommt drauf an – auf Dich.

62 | Nichts anderes



Es gibt nichts Schöneres im Hiersein,
als unsere Liebe zu beschwören.
Du magst am anderen Ende der Welt sein,
doch ich hoffe, auch dort wirst Du mich hören.

Der Herbst ist da und
singt sein Lied voller Sehnsucht.
Ein neuer dunkler Winter wird kommen,
doch ich nehme bei dem Bild von Dir
vor der Düsternis Zuflucht.

In dieser ach so umtriebigen Welt
ist mir nichts so wichtig,
wie die Stunde mit Dir,
die mit ihrer Wärme und ihrem Glanz
mein Herz unter Deinen Schutzmantel stellt.

Wie froh wir waren
und wie freundlich.
Wie glücklich wir scherzten.
Wie wir zitternd bebten,
wenn wir nebeneinander schwebten.

Dir bin ich zugetan 
– für ewig,
all der graue Alltag
ist mir unerheblich.

Ich webe einen Teppich
aus Worten und Versen.
Er leuchtet rot und silbern,
wie unser Haar.

Ich kleide mich in die Seide
Deiner milchigen, sommersprossenen Samthaut
und sehe vor mir,
wie Du mich eindringlich anschaust.
Falle in die Tiefe Deines Blicks.
Stoße mich dort vom Grund ab,
wie vom Boden eines klaren Sees.

Das Frühjahr und der Sommer umtanzen uns
und unser Glück.
Sie prägen sich in die Lächelfalten unseres Gesichts.
So gelingt mir, wenn ich an Dich denke,
zu preisen das günstige Geschick,
das Dich mir über den Weg führte
und das mich befreite
aus 
der Umklammerung der Finsternis.

61 | Vermögen



Mit der Tastatur dem Dasein

Glück und Sinn abringen.

Pochendes Leben aus
Gedanken 
und Worten spinnen.



Der Dunkelheit Farben entreissen.

Glockenklang der dumpfen Stille verheissen.

Silbertöne aus Asche schmieden.

Blauseidene, schimmernde Samtbögen biegen.



Klappernd die Finsternis zerschneiden.

Leere Wortwüsten zerpflügen.

Ironiegift spritzen.

Den Sarkasmus spitzen.



Federleicht die Trübsal ausharken.

Poliertes, lackiertes Plastik zerkratzen.

Tremolierend Stumpfsinn demaskieren.

Schmerzende Herzen massieren.



Mit dem Federkiel Dummheit aufspiessen.
Der Lustfeindlichkeit volltönend entgegentreten.

Bedenken herzhaft verlachen.

Das ist mit Poesie zu machen.

58 | Mit Dir.



Wir haben geplant nach
Hongkong zu wandern.
Wann geht es los?
Macht man einen Umweg
über die Seidenstrasse?

Zuerst sollten wir hinauf ans baltische Meer
und dort entlang über Polen und Litauen
nach Russland.
Dann Kasachstan, Kirgistan, 
China.
Vielleicht bleiben wir im Maisfeld stecken,
wie Tschick.

Wir gehen Seite an Seite.
Stehen Rücken an Rücken.
Mit Dir möchte ich das erleben.
Wir würden auch Hunger 
und Durst überstehen.
Und Weihnachten in Hongkong 
einen
gelben und einen grünen 
Regenschirm nehmen.

Noch sitze ich in meiner Wohnung 
und hoffe,
Du bist wild genug.
Jetzt wird es wieder kühler,
dann ist man gut zu Fuß.
Komm Du.
Sei Dir nicht zu schade.
Wir tanzen zum Dach der Welt.

48 | Ansichtssache



Du trägst seit einer langen Weile
Deinen finsteren Scheinwerfer
an einem anderen Ort.

Ich sollte mich sputen,
doch noch erhoffe
ich mir mehr von 
meinen Träumen.

Ich besitze im Gedanken an Dich
eine Wunderlampe,
denn mit ihm schenke ich mir Glanz
in das trübe Tageslicht.
So weiche ich seinem Bellen aus.
Es ist etwas an dem ich mich
im Taumel der Unlust festhalten kann.

Wider alle Einsicht, 
fülle ich den Tag
noch einmal mit Deinem Zauber und
seinen Beschwörungen aus.

Ich sitze an einem Tisch
vor der Kneipe
während ich mir Nico und 
Enricos
Kunstwerk anschau
und wünschte, ich köpfte
ganz einfach
das namenlose Ungeheuer
das auf mich zukriecht
mit den Waffen einer Frau.

47 | Was wird aus mir?

Andere, die brechen gut gerüstet und stetig
in die Zukunft der Apokalypse auf.
Sitz nur ich da und frag mich,
dürfen die das ohne mich denn überhaupt?

Was soll ich tun?
Wer kann ich werden?
Bin ich mit schrumpfenden Einssiebenundsechzig
nicht mehr mit von der Partie?

Sagt mir bitte, was soll ich werden,
damit ich hinaus kann, so wie sie?
Gerade erst neulich bemühte ich mich wirklich,
doch andere träumen anders.

Ich sehe so viele Menschen hungern.
Am Ende gewinnt die Bestattungsindustrie.
Das werde ich vorerst quicklebendig verhindern,
denn ich bin schlauer als sie.

Reiz | Walter Matti

Die große Stadt
Reizt die Menschen …
Wie die Tzitze das kleine Schweinchen.
Wie der Ball den jungen Hund.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …
Wie die Nuss das Eichhorn.
Wie der Trickfilm das Kind.

Und dann sind sie dabei.
Dann sind sie dazwischen.
Dann sind sie Zeuge
Und dann sind sie Part.

Dann klappern Räder.
Dann spielen Gitarren.
Dann klacken Entwerter
In ruckender Fahrt.

Dann duftets in Parks.
Dann wimmelts auf Märkten.
Dann brummt es in Clubs
Und raucht es in Bars.

Dann leuchtet Asphalt
Im Schein von Laternen
Und riecht es nach Street Food
Und etwas nach Gras.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …

Und dann ist Montag.
Dann ist es morgens.
Dann ist es früh.
Dann ist es schon spät.

Dann ist August.
Dann ist es Sommer.
Dann ist es schwül
Und die Luft steht.

Dann stoßen Menschen,
Dann riecht man Menschen,
Dann hört man Menschen
Direkt neben dem Ohr.

Dann öffnet die Tür.
Dann wird nachgeschoben.
Dann flucht man lautlos
Und denkt an Mord.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …

https://www.facebook.com/profile.php?id=100008984477302&__tn__=%2CdCH-R-R&eid=ARBOP3DtxWEwJSpJdnpOm3LG6jQV4ZOT7q5HCBTXMtO5M5VAxJ6UzWZUkpqaH1BykoPe2QrKFaUNYF4Q&hc_ref=ARTrUMoYOYSWOpIuj1Kq7VXAq6VdbKBYtmRR1Klu0oKUAmQgZk7T2waEzzp2zby7U4w&fref=nf&hc_location=group

Vielen Dank.

Irgendwo da draußen | Rüdiger Heins

flüstern sich die Worte
durch ein weißes Papier
während der abgenutzte Bleistift
mit einem leisen Rauschen
über die Textkulisse gleitet

versucht er mir Worte
abzuringen die meinem
Ego schmeicheln

entfernte Stimmen
begleiten die Abendstimmung

und ich erträume mir
den Sonnenuntergang

während sich ein Kind
irgendwo in den

Plasticos Barrios von Managua
aus einem alten zur
Mülltonne umfunktionierten
Ölfass ein paar Essensreste
mit den Händen greift

kokettiert eine Wespe
auf meiner Terrasse
mit einer Olive

und da draußen

irgendwo zwischen
Afrika und Europa hoffen
sich Menschen ein neues
Leben während die Luft in
ihrem Schlauchboot immer

weniger wird höre ich einer
Nachtigall zu

und pflege mein Ego

https://www.facebook.com/profile.php?id=100009928369541&fref=gs&__tn__=%2CdC-R-R&eid=ARCEtBtMN82p2Fkh8qnFuDrVZzHQpOMWXKdc0dXlFLDEWO5ht70UZRiBfLlFY8U_JRQ_tbBUyU0JC5FW&hc_ref=ARR1Ovq2pMdDgO1RmwydNOENYOyHdipf5bsGeeaSZNtNC1cF8zhJPJvz5twJj_fXuPY&dti=1699859926940014&hc_location=group

Perle des Tages von „Akademisches Lektorat“ vorgestellt

Hermann Hesse

Was ich bis heut an Versen schrieb
Und was ich sonst landein, landaus
An losen Dichterkünsten trieb,
Der ganze leicht gepflückte Strauß —
Mir ist er nichts! Mir welkt er in der Hand,
Ich werf ihn weg und geh auf neuen Wegen
Hinüber in ein neues, andres Land,
Dem ungewissen Reiseziel entgegen.
Und war der Strauß auch einmal frisch und bunt,
Nach andern Straßen drängen meine Sohlen,
Der ganze Tand war doch im Grund — gestohlen.
Hinweg damit! Ich bin ein Vagabund.

Stirnrunzelnd untersucht ein Rezensent
Die welke Ernte und beginnt zu schelten . . .
Ich bin schon weit, auf meinem Hute brennt
Schon eine andre Sonne. Ferne Welten
Verlocken mich; das alte Leierspiel
Mag liegen, wo mir’s aus der Tasche fiel.
Die Jahre gehn so schnell! Wie lang wird’s sein,
So steh auch ich im stillen Kreis der Müden
Und schaue hinter mich in die verblühten
Jahre als in ein fremdes Reich hinein!
Das läßt mir keine Rast; eh mich mit kühlen
Händen der Schnitter greift, will ich und muß
Der Erd‘ und Sonne Kräfte in mir fühlen,
Und was sie hegt an Schmerz und an Genuß
Mit starken Armen sehnlich an mich reißen
Und Tod und Leben meine Brüder heißen.

Ob dann ein neues Liederspiel beginnt,
Was liegt daran? Ein Sucher bin ich nur,
Der durch die Welt in Sonne, Staub und Wind
Begierig tastet nach der Schöpfung Spur.
Wo irgendeine unerschöpfte Kraft,
Ein Sprossen, Strömen, eine Leidenschaft
Sich regt und schafft und probende Flügel spannt,
Da ist mir wohl, da ist mein Heimatland.

Ein kühler Wind bläst von den Alpen her –
Vergangen ist, vorbei, ertränkt im Meer,
Was ich bis heute träumte, irrte, litt . . .
Sturm, Bruder, sei gegrüßt ! Nimmst du mich mit ?

vorgestellt von https://www.facebook.com/Textredaktion/?__tn__=kC-R&eid=ARAD-qwueCCuV1JMte9X5-b-yuwjjeWZXjLtRjXELSYjspyoimpQtnjPzap8dMjl3vdF_dObxd4mQPmR&hc_ref=ARS0NPJ1zXOIaWeyr0RGXxCcIAOnGYFf0pY_ke616WZRjQH_SYF4xqa5ZST85CcDM7g&fref=nf