48 | Ansichtssache



Du trägst seit einer langen Weile
Deinen finsteren Scheinwerfer
an einem anderen Ort.

Ich sollte mich sputen,
doch noch erhoffe
ich mir mehr von 
meinen Träumen.

Ich besitze im Gedanken an Dich
eine Wunderlampe,
denn mit ihm schenke ich mir Glanz
in das trübe Tageslicht.
So weiche ich seinem Bellen aus.
Es ist etwas an dem ich mich
im Taumel der Unlust festhalten kann.

Wider alle Einsicht, 
fülle ich den Tag
noch einmal mit Deinem Zauber und
seinen Beschwörungen aus.

Ich sitze an einem Tisch
vor der Kneipe
während ich mir Nico und 
Enricos
Kunstwerk anschau
und wünschte, ich köpfte
ganz einfach
das namenlose Ungeheuer
das auf mich zukriecht
mit den Waffen einer Frau.

47 | Was wird aus mir?

Andere, die brechen gut gerüstet und stetig
in die Zukunft der Apokalypse auf.
Sitz nur ich da und frag mich,
dürfen die das ohne mich denn überhaupt?

Was soll ich tun?
Wer kann ich werden?
Bin ich mit schrumpfenden Einssiebenundsechzig
nicht mehr mit von der Partie?

Sagt mir bitte, was soll ich werden,
damit ich hinaus kann, so wie sie?
Gerade erst neulich bemühte ich mich wirklich,
doch andere träumen anders.

Ich sehe so viele Menschen hungern.
Am Ende gewinnt die Bestattungsindustrie.
Das werde ich vorerst quicklebendig verhindern,
denn ich bin schlauer als sie.

Reiz | Walter Matti

Die große Stadt
Reizt die Menschen …
Wie die Tzitze das kleine Schweinchen.
Wie der Ball den jungen Hund.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …
Wie die Nuss das Eichhorn.
Wie der Trickfilm das Kind.

Und dann sind sie dabei.
Dann sind sie dazwischen.
Dann sind sie Zeuge
Und dann sind sie Part.

Dann klappern Räder.
Dann spielen Gitarren.
Dann klacken Entwerter
In ruckender Fahrt.

Dann duftets in Parks.
Dann wimmelts auf Märkten.
Dann brummt es in Clubs
Und raucht es in Bars.

Dann leuchtet Asphalt
Im Schein von Laternen
Und riecht es nach Street Food
Und etwas nach Gras.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …

Und dann ist Montag.
Dann ist es morgens.
Dann ist es früh.
Dann ist es schon spät.

Dann ist August.
Dann ist es Sommer.
Dann ist es schwül
Und die Luft steht.

Dann stoßen Menschen,
Dann riecht man Menschen,
Dann hört man Menschen
Direkt neben dem Ohr.

Dann öffnet die Tür.
Dann wird nachgeschoben.
Dann flucht man lautlos
Und denkt an Mord.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …

lüb000

https://www.facebook.com/profile.php?id=100008984477302&__tn__=%2CdCH-R-R&eid=ARBOP3DtxWEwJSpJdnpOm3LG6jQV4ZOT7q5HCBTXMtO5M5VAxJ6UzWZUkpqaH1BykoPe2QrKFaUNYF4Q&hc_ref=ARTrUMoYOYSWOpIuj1Kq7VXAq6VdbKBYtmRR1Klu0oKUAmQgZk7T2waEzzp2zby7U4w&fref=nf&hc_location=group

Vielen Dank.

Irgendwo da draußen | Rüdiger Heins

flüstern sich die Worte
durch ein weißes Papier
während der abgenutzte Bleistift
mit einem leisen Rauschen
über die Textkulisse gleitet

versucht er mir Worte
abzuringen die meinem
Ego schmeicheln

entfernte Stimmen
begleiten die Abendstimmung

und ich erträume mir
den Sonnenuntergang

während sich ein Kind
irgendwo in den

Plasticos Barrios von Managua
aus einem alten zur
Mülltonne umfunktionierten
Ölfass ein paar Essensreste
mit den Händen greift

kokettiert eine Wespe
auf meiner Terrasse
mit einer Olive

und da draußen

irgendwo zwischen
Afrika und Europa hoffen
sich Menschen ein neues
Leben während die Luft in
ihrem Schlauchboot immer

weniger wird höre ich einer
Nachtigall zu

und pflege mein Ego

https://www.facebook.com/profile.php?id=100009928369541&fref=gs&__tn__=%2CdC-R-R&eid=ARCEtBtMN82p2Fkh8qnFuDrVZzHQpOMWXKdc0dXlFLDEWO5ht70UZRiBfLlFY8U_JRQ_tbBUyU0JC5FW&hc_ref=ARR1Ovq2pMdDgO1RmwydNOENYOyHdipf5bsGeeaSZNtNC1cF8zhJPJvz5twJj_fXuPY&dti=1699859926940014&hc_location=group

Perle des Tages von „Akademisches Lektorat“ vorgestellt

Hermann Hesse

Was ich bis heut an Versen schrieb
Und was ich sonst landein, landaus
An losen Dichterkünsten trieb,
Der ganze leicht gepflückte Strauß —
Mir ist er nichts! Mir welkt er in der Hand,
Ich werf ihn weg und geh auf neuen Wegen
Hinüber in ein neues, andres Land,
Dem ungewissen Reiseziel entgegen.
Und war der Strauß auch einmal frisch und bunt,
Nach andern Straßen drängen meine Sohlen,
Der ganze Tand war doch im Grund — gestohlen.
Hinweg damit! Ich bin ein Vagabund.

Stirnrunzelnd untersucht ein Rezensent
Die welke Ernte und beginnt zu schelten . . .
Ich bin schon weit, auf meinem Hute brennt
Schon eine andre Sonne. Ferne Welten
Verlocken mich; das alte Leierspiel
Mag liegen, wo mir’s aus der Tasche fiel.
Die Jahre gehn so schnell! Wie lang wird’s sein,
So steh auch ich im stillen Kreis der Müden
Und schaue hinter mich in die verblühten
Jahre als in ein fremdes Reich hinein!
Das läßt mir keine Rast; eh mich mit kühlen
Händen der Schnitter greift, will ich und muß
Der Erd‘ und Sonne Kräfte in mir fühlen,
Und was sie hegt an Schmerz und an Genuß
Mit starken Armen sehnlich an mich reißen
Und Tod und Leben meine Brüder heißen.

Ob dann ein neues Liederspiel beginnt,
Was liegt daran? Ein Sucher bin ich nur,
Der durch die Welt in Sonne, Staub und Wind
Begierig tastet nach der Schöpfung Spur.
Wo irgendeine unerschöpfte Kraft,
Ein Sprossen, Strömen, eine Leidenschaft
Sich regt und schafft und probende Flügel spannt,
Da ist mir wohl, da ist mein Heimatland.

Ein kühler Wind bläst von den Alpen her –
Vergangen ist, vorbei, ertränkt im Meer,
Was ich bis heute träumte, irrte, litt . . .
Sturm, Bruder, sei gegrüßt ! Nimmst du mich mit ?

vorgestellt von https://www.facebook.com/Textredaktion/?__tn__=kC-R&eid=ARAD-qwueCCuV1JMte9X5-b-yuwjjeWZXjLtRjXELSYjspyoimpQtnjPzap8dMjl3vdF_dObxd4mQPmR&hc_ref=ARS0NPJ1zXOIaWeyr0RGXxCcIAOnGYFf0pY_ke616WZRjQH_SYF4xqa5ZST85CcDM7g&fref=nf

42 | Gruß

Wenn ich mich in Dir so betrachte,

erinnere ich mich, 

wie ich einstmals auch so lachte.



Wie ich voll Hoffnung war

und auch voll Angst.

Welch Schmerz und Trauer

mir den Atem nahm.



Dein Stolz, der Dich 
jetzt
von mir trägt,

er macht mir Freude,

weil er sich mit Dir

in mir regt.



Die Ängste lasse ich jetzt los.

Für mich existiert im Tod kein Tod.

Nur Leben bis zum letzten Atemzug,

dann laß ich mich und meine Hülle los.



Doch noch pfeif ich ein Lied.

Noch schwing ich mit der Welle mit.

Noch hebt und senkt sich meine Brust.

Nur dass ich nichts mehr 
für mich erobern muß.



Was wirklich ist,

das ist das Licht.

Das ist, was ich überall erblick.

Und nur aus Irrtum verdüstert sich’s.



Im Menschen schenkt sich

die Welt, den Irrtum zu erkennen

und nicht mehr Illusionen hinterherzurennen,

stattdessen freundlich mit sich umzugehen.



Ich wünsche Dir,

einen guten Abend.

40 | Meditation, 41 | Betrachtung

40 | Meditation

So beobachte ich Dich
und erblicke mich.
Ich laß Dich gehen,
denn ich kann mich nicht verlieren.

Die Freude, die Du mir machst,
bedeutet, dass ich mich selbst anlach.
Die Ungeduld meint mich selbst.
Der Trost heilt meinen Schmerz.

Die Liebe und der Zorn auf die Welt,
das sind Gefühle für mich selbst.
Das Glück, die Freude und das Leid,
das ich erkenne, erkennt mich selbst.

Die Freundlichkeit,
mit der ich mich 
der Welt zuwende,
ist, was ich an mich selbst aussende.

Die Güte und die Zuwendung,
die ich mir in Dir spende,
spricht von der Nahrung
auf dem Weg zur Klarheit,
die ich mir weiterschenke.

Das Ich hat keine Wirklichkeit.
So lasse ich die Angst zurück,
denn es braucht nichts,
weil es ja daher auch nicht untergeht.

Die Wirklichkeit betrachtet sich
in der Bewusstheit selbst
und läßt den eigenen Irrtum hinter sich,
der ihm Leid, Angst und Schmerz zufügt
und Ruhelosigkeit und Verwirrung an sich zieht.

Die Pflege, die ich für die Klarheit aufwende,
ist, was die Welt sich selber gibt
und sich dadurch behilflich ist.

So wie sie sich im Irrtum,
über sich selber trügt
und sich im Irrgarten gefangensetzt,
weil sie versehentlich den Irrtum liebt.

41 | Betrachtung

via GIPHY

Ruhelos durchwanderte ich die Zeit.
Ich suchte nach Antwort und nach Ewigkeit,
nach etwas, das meinen Durst und Hunger stillt.
Rastlos bemühte ich mich um Halt.

Ich las die Splitter auf
 und hielt sie für den Schatz
von dem ich hoffte,
dass sein Funkeln mir die ersehnte Antwort gab.
Doch bei näherer Betrachtung glänzte matt,
was aus der Entfernung viel versprach.

An Jahren ist nun mein Körper alt,
doch schliesslich habe ich 
in Dir und Dir und mir
den gleichen Glanz erblickt.
Es gibt kein Gold, dass so glänzt, wie die Welt,
die sich selbst erkennt.
Willkommen in der Wirklichkeit.

Das Lied, der Ton, der Baum, das Meer,
wir sind das gleiche Licht,
das sich im Menschen selbst besieht.
Gedanklich durchbricht das Licht
im menschlichen Verstand
den eigenen Irrtum
 und setzt sich frei.

Es löst die Ketten der Gefangenschaft
und begegnet danach
allem in Selbstverständnis
und geduldiger Freundschaft.

Es gibt nichts Höheres, Grösseres oder Kleineres als die Wirklichkeit,
die ohne Zeit im Hintergrund weilt.

Sie, und damit wir,
sind in ihr ineinander verschränkt,
so dass alles liebevoll aus 
gleichem Stoff zusammenhängt.

Die Hingabe daran
ist Hingabe an sich selbst.
Man wird im Kosmos
mit sich selbst bekannt.

Es ist wohl noch ein feinerer Strom
als Elektron oder Atom.
Wie immer man es auch nennt,
was über den Atem 
in uns
als das eigene Feuer brennt,
wir spüren es mit der Vernunft auf,
die Liebe ist.
Denn aus Irrtum und Illusion
füttert
 sich die dunkle Angst,
die das Licht maskiert
und dann verirrt
gegen sich selber kämpft.

So ist die Reise zur Wirklichkeit des Selbst
der erste Schritt zur Wirklichkeit der Welt,
bei der man erkennt,
da ist nichts, was sie von uns trennt.