Reiz | Walter Matti

Die große Stadt
Reizt die Menschen …
Wie die Tzitze das kleine Schweinchen.
Wie der Ball den jungen Hund.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …
Wie die Nuss das Eichhorn.
Wie der Trickfilm das Kind.

Und dann sind sie dabei.
Dann sind sie dazwischen.
Dann sind sie Zeuge
Und dann sind sie Part.

Dann klappern Räder.
Dann spielen Gitarren.
Dann klacken Entwerter
In ruckender Fahrt.

Dann duftets in Parks.
Dann wimmelts auf Märkten.
Dann brummt es in Clubs
Und raucht es in Bars.

Dann leuchtet Asphalt
Im Schein von Laternen
Und riecht es nach Street Food
Und etwas nach Gras.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …

Und dann ist Montag.
Dann ist es morgens.
Dann ist es früh.
Dann ist es schon spät.

Dann ist August.
Dann ist es Sommer.
Dann ist es schwül
Und die Luft steht.

Dann stoßen Menschen,
Dann riecht man Menschen,
Dann hört man Menschen
Direkt neben dem Ohr.

Dann öffnet die Tür.
Dann wird nachgeschoben.
Dann flucht man lautlos
Und denkt an Mord.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …

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Vielen Dank.

Irgendwo da draußen | Rüdiger Heins

flüstern sich die Worte
durch ein weißes Papier
während der abgenutzte Bleistift
mit einem leisen Rauschen
über die Textkulisse gleitet

versucht er mir Worte
abzuringen die meinem
Ego schmeicheln

entfernte Stimmen
begleiten die Abendstimmung

und ich erträume mir
den Sonnenuntergang

während sich ein Kind
irgendwo in den

Plasticos Barrios von Managua
aus einem alten zur
Mülltonne umfunktionierten
Ölfass ein paar Essensreste
mit den Händen greift

kokettiert eine Wespe
auf meiner Terrasse
mit einer Olive

und da draußen

irgendwo zwischen
Afrika und Europa hoffen
sich Menschen ein neues
Leben während die Luft in
ihrem Schlauchboot immer

weniger wird höre ich einer
Nachtigall zu

und pflege mein Ego

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Perle des Tages von “Akademisches Lektorat” vorgestellt

Hermann Hesse

Was ich bis heut an Versen schrieb
Und was ich sonst landein, landaus
An losen Dichterkünsten trieb,
Der ganze leicht gepflückte Strauß —
Mir ist er nichts! Mir welkt er in der Hand,
Ich werf ihn weg und geh auf neuen Wegen
Hinüber in ein neues, andres Land,
Dem ungewissen Reiseziel entgegen.
Und war der Strauß auch einmal frisch und bunt,
Nach andern Straßen drängen meine Sohlen,
Der ganze Tand war doch im Grund — gestohlen.
Hinweg damit! Ich bin ein Vagabund.

Stirnrunzelnd untersucht ein Rezensent
Die welke Ernte und beginnt zu schelten . . .
Ich bin schon weit, auf meinem Hute brennt
Schon eine andre Sonne. Ferne Welten
Verlocken mich; das alte Leierspiel
Mag liegen, wo mir’s aus der Tasche fiel.
Die Jahre gehn so schnell! Wie lang wird’s sein,
So steh auch ich im stillen Kreis der Müden
Und schaue hinter mich in die verblühten
Jahre als in ein fremdes Reich hinein!
Das läßt mir keine Rast; eh mich mit kühlen
Händen der Schnitter greift, will ich und muß
Der Erd’ und Sonne Kräfte in mir fühlen,
Und was sie hegt an Schmerz und an Genuß
Mit starken Armen sehnlich an mich reißen
Und Tod und Leben meine Brüder heißen.

Ob dann ein neues Liederspiel beginnt,
Was liegt daran? Ein Sucher bin ich nur,
Der durch die Welt in Sonne, Staub und Wind
Begierig tastet nach der Schöpfung Spur.
Wo irgendeine unerschöpfte Kraft,
Ein Sprossen, Strömen, eine Leidenschaft
Sich regt und schafft und probende Flügel spannt,
Da ist mir wohl, da ist mein Heimatland.

Ein kühler Wind bläst von den Alpen her –
Vergangen ist, vorbei, ertränkt im Meer,
Was ich bis heute träumte, irrte, litt . . .
Sturm, Bruder, sei gegrüßt ! Nimmst du mich mit ?

vorgestellt von https://www.facebook.com/Textredaktion/?__tn__=kC-R&eid=ARAD-qwueCCuV1JMte9X5-b-yuwjjeWZXjLtRjXELSYjspyoimpQtnjPzap8dMjl3vdF_dObxd4mQPmR&hc_ref=ARS0NPJ1zXOIaWeyr0RGXxCcIAOnGYFf0pY_ke616WZRjQH_SYF4xqa5ZST85CcDM7g&fref=nf

Lebenswidmung | Gesang | Täuschung | Darum

16 | Lebenswidmung

In das warme Leuchten des Stroms
Deines goldenen Lichtes tauchen.
Dunstig heissen Atem
in die geliebten, kleinen Stutzohren hauchen.

Mit meinen Lippen über
die Samthügel Deiner
milchigen Satinhaut streichen.
Zart über die Narbe
an Deinem Ellenbogen gleiten.

Den scharfprickelnden Salztau
Deines Schweisses kosten.
Dich in meine offenen Arme locken.
Heftig ziehend den ätzenden Qualm
aus Deinem aufglühenden
Zigarettenstummel saugen.

Mich vertrauensvoll an Dich schmiegen.
Dir lächelnd in die Augen blicken.
Hingegeben an Deiner Seite liegen.
Mit zärtlichem Griff die Hand
in 
Deinen warmen Nacken legen.

Rund den Bogen
Deines Nabels spüren.
Das Beben Deiner
gespannten Flanke fühlen.

Tief Deinen Moschusduft
und den Jungmännerstressgeruch wahrnehmen.
Jeden Augenblick in meinem
unverschlossenen Herz bergen.

Diese Erinnerungen herbeizuholen
widme ich, Dir ergeben,
jede Sekunde, Minute, Nacht und Tag
und jeden Atemzug meiner Gegenwart.

15 | Gesang

Ein tiefer, suppender Schnitt
ist 
in die Fingerspitze
durch den scharfen Glassplitter
zerbrochener Sehnsucht geschlitzt.

Aufgeborstene Narbenränder sind mit Krusten
aus dem getrockneten Salz
und Blut 
meiner Tränen besetzt.
Glitzernd funkelt Scharlachtau
am Kelchrand unerwiderter Liebe.

Perlend versickert der Schaum
kurz aufleuchtenden, 
gleissenden Lichts
unverwirklichter Träume.
Grell steht am Himmel
der Gewitterblitz
zu dem die letzte Erinnerung
an die Hitze
des Sommers 
geronnen ist.

Erschlagen fällt
der Falter herab,
weil er dem Hagel
der Enttäuschung
nicht gewachsen ist.

14 | Täuschung



Das hinreissende Lächeln
aus der eisgefrorenen
Kälte des Schmerzes geboren.
Traumverschleierte Blicke,
die krustigen Schorf
über den Narben
des Schicksals bilden.

Ein charmant maskierender Augenaufschlag,
der das rohe Fleisch abdeckt.
Zärtliche Berührung,
die die spitzen Dornen verdeckt.

Fliessende Bewegung,
die das gebrochene Gerüst versteckt.
Liebreizende Haltung,
die scharfe Kanten bedeckt.

Kaum gezügelter Zorn,
im Tanz verborgen.
Suchst für Dich eine Hoffnung
und ein Morgen.

13 | Darum

Mit der dunklen Asche unserer Träume 
bestäubt
zieht alltäglich 
die einförmige Landschaft
an uns vorüber.
Vor uns klafft ein tiefer Spalt
mit zähflüssiger, blasenwerfender Glut.

Wir benetzen durstig 
die gesprungenen Lippen
und hoffen auf den stillenden Fall
sprühfeinen Regens.
Wir tragen betäubt 
die Last
der Schuld 
ungesagter Worte.

Die stumpfe Mehlschicht
des zerquetschten grauen Granits
legt sich schwer
auf 
unser müdes Augenlid.

Verzagt wagen wir es nicht
einander erwartungsfroh
in die Augen zu sehen,
wir haben Angst,
wir seien zu ungeschickt,
um der Schönheit angemessen zu begegnen.

Wir halten unsere Ohren zu,
um die vielstimmigen Chöre
nicht zu hören.
Wir wollen das schillernde Morgenlicht
nicht durch unsere Anwesenheit stören.

Summertime | Sommerzeit – lauenburgische Version 07/2019

Wolfgang Weber
Sommerzeit – lauenburgische Version 07/2019
(Auszug aus dem Text: Chopin im Belvedere, 2013, Kreis Herzogtum Lauenburg, zwischen Hamburg und Lübeck)

Sommerzeit / Leben ist leicht / ja so leicht

Fischtreppe am Kanal / noch ganz neu

Raps schon / so schön gelb / rapsgelb

schweig fein still / schweig in Ruhe / meine Lauenbürgerin

Leben im Sommer / ganz leicht / federleicht

denn / Vater hat das Geld / das ganz große Geld / er ist Pfeffersack in Hamburg

Mutter sieht blendend aus / man dreht sich um / nach ihr / ja um

also bewahre die Ruhe / meine Lauenbürgerin / fang jetzt bloß nicht zu flennen an / mitten im Rapsfeld

Sommer / es lebt sich so leicht / echt ganz leicht

die Fischtreppe am Kanal / wie immer gut besucht / reichlich Fische / & / viel menschliches Publikum

Raps / immer noch so schön gelb / zum hineinknieen schön

halte den Atem an / meine Lauenbürgerin

fang jetzt / bloß nicht zu plärren an / mitten im Raps

Sommer ist hier / Leben ist extraleicht /superleicht / ganz & gar leicht

Du



Ach, wie leichtfertig schrittst Du durch das Bild.
Grübchen waren tief rechts und links
in Deine Wangen geritzt.
Du erschienst mir zunächst bloß
als ein fröhliches, etwas zorniges Kind,
bis Du dann unerwartet so mannhaft gewesen bist.

Spielend, unbekümmert, frech und lächelnd
nahmst Du im Handumdrehen mein Herz mit Dir mit.
Du liesst mich verwirrt, verliebt und blind zurück.
Ein begabter Jüngling, der seinen Charme
als tödliche Waffe probiert.

Du warst betörend, bezaubernd und hast meine Erwachsenheit
mit Deiner Flatterhaftigkeit tänzelnd außer Kraft gesetzt.
Seither ist jeder Winkel meines Verstandes von Dir besetzt.
Du aber bist längst weitergezogen.

Hast einen romantischen Palast aus Träumen bezogen.
Ich bin ja die Närrin, die hoffte, sie konnte Dir dorthin folgen.
Aber das hiesse wohl den Lauf der Dinge betrügen.
Ich wünschte nur, ich könnte dies bittere Schicksal
mit meiner Leidenschaft für Dich besiegen.

Gewitterleuchten


Der Gewitterwind fegt raschelnd
gelbe Lindensamen zu Haufen
auf dem Asphalt der Strasse zusammen.
Der Lichtschein der Blitze wirft leuchtend
helle Ränder, die düstere Wolkentürme rahmen.

Im Schornstein fauchen heulend
die Böen. Ich schliesse die Fenster
und denke an die, die das nicht können,
weil sie, wie Du, kein Zuhause haben.
Ich denke an Euch und hoffe,
dass Ihr beschützt seid im Sturm.

Der Regen tröpfelt pochend
und klopfend an die Fenster.
Grollend rollen die Donner heran.
Ich kauere mich in meinen schwingenden Sessel
und möchte Dich und den dunklen Schatten,
den Dein Verschwinden in mir zurückgelassen hat, nicht vergessen
und lieber hoffen, dass Du Hilfe gefunden hast.

Aus meinen Augen quellen bittere Tränen,
weil ich nichts zu tun vermag,
nur sitzen, an Dich denken, hoffen und warten,
auf einen nahen und einsichtigen Tag
an dem ich Dich wieder in die Arme schliessen darf.
Oder mindestens eine Nachricht
mit einem Lebenszeichen von Dir erhalten hab.