95 | Frühlingslächeln

So sanft glitt Deine Hand,
als sie in meine fand.
Verklärt war mir Dein Lächeln.
So zart tasteten Deine Lippen
meinen Mund,
als wir uns einen Kuß
zu trinken gaben.

Nie möchte ich das Glück,
das ich in Dir fand,
– so kurz es war – vergessen.
Verborgen im gedämpften Licht
horche ich auf das Klopfen der Tropfen.
Sie spielen die Begleitmusik,
um an Dein liebes Gesicht zu denken.

94 | Begegnung

Abends war es noch kühl,

als wir auf dem Hofgang 

unsere Runden drehten.

Eine Nachtigall jubilierte 

in die Himmelsröte.



Du warst ein junger Prinz

und schon bald verschwunden.

Die Burgruine blieb ohne Dich

öd und leer zurück.



Ich habe zwischen dem Duft der Rosen

zu Beschwörungsformeln gefunden

und besang Dein Bild
ganz in Frühjahrspoesie entrückt.



Habe Dir Gedichtebriefe nachgeschickt

und auch heute wüßte ich gerne,
was aus Dir geworden ist.

91 | Morgen

Üppig duftet der violette Flieder.

Die Frühjahrssonne strahlt wieder

vom hochgewölbten Himmel hernieder.

Glänzend beginnt ein neuer Tag.



Obwohl ich – ich gebe es zu – 

viel mehr Lust auf Regen hab’.

Helios löst die schmerzenden Glieder.

So verfasse ich neue jahreszeitliche Lieder,

doch angemessener wäre

ein schwelgender Trauermarsch.

92 | Locken

Wie verlockend lockte das Lächeln

in Deinem rotlockig gerahmten Gesicht.

Widmete Dir gebannt meine Aufmerksamkeit

und das eine oder andere Gedicht.



Wie hold und jung tanztest Du mit mir

über den kargen, langen Korridor.

Wir hielten im einströmenden, hellen Licht 

der Sonne den Atem an – in jenem Flur.



Du schenktest den Tagen

frohen Zauber und strahlenden Glanz

bevor Du wieder fortzogst 

von diesem öden Gang.



Ich suchte auf dem Linoleum

noch lange einen Abdruck Deiner Spur.

84 | Nachhall



Die Erinnerung sucht nach Dir.
Schon viele fahle Monde in Sehnsucht
von da nach hier.

Bogen Lichts von gestern
nach heute herübergespannt.
Blicke in blaue Augensterne.
Greifende, warme, pulsierende Hand.

Rotbärtiger Jüngling.
Erfahrener Don Juan.
Bald jährt sich der Zauber,
der sich zwischen uns entspann.

Ein glucksendes Bächlein der Freude,
das im Ungefähren verann.
Ein zärtlicher Kuß,
den ich so gerne besang.

Komm – wir lachen wieder zusammen.
Tanzen den Kummer fort
und machen die graue, steinerne Welt
zu einem liebenswerten, leuchtenden Ort.

70 | Vor der Wand



Ein bleierner Ring aus Schmerz
bedrückt und beengt das Herz.

Trat’st aus unserem lichten Schein

in das samtene Schwarz der Dunkelheit hinein.

Liess Dich ziehen
und folgte Dir
in gemessener Distanz
bis das Dunkel Dich verschlang.

Blieb in der Stille zurück
stand vor einer Wand.
Habe Dich nicht mehr erkannt
und mich eine Närrin genannt.



Ein kalter Hauch

streicht über die Haut

in meinem Gesicht.

Der sprühfeine Niesel

rinnt über die Stirn.



Du bist fort.
Nichts bringt Dich zurück.

Du fehlst

Doch ich vergesse es nicht

– das Glück.

62 | Nichts anderes



Es gibt nichts Schöneres im Hiersein,
als unsere Liebe zu beschwören.
Du magst am anderen Ende der Welt sein,
doch ich hoffe, auch dort wirst Du mich hören.

Der Herbst ist da und
singt sein Lied voller Sehnsucht.
Ein neuer dunkler Winter wird kommen,
doch ich nehme bei dem Bild von Dir
vor der Düsternis Zuflucht.

In dieser ach so umtriebigen Welt
ist mir nichts so wichtig,
wie die Stunde mit Dir,
die mit ihrer Wärme und ihrem Glanz
mein Herz unter Deinen Schutzmantel stellt.

Wie froh wir waren
und wie freundlich.
Wie glücklich wir scherzten.
Wie wir zitternd bebten,
wenn wir nebeneinander schwebten.

Dir bin ich zugetan 
– für ewig,
all der graue Alltag
ist mir unerheblich.

Ich webe einen Teppich
aus Worten und Versen.
Er leuchtet rot und silbern,
wie unser Haar.

Ich kleide mich in die Seide
Deiner milchigen, sommersprossenen Samthaut
und sehe vor mir,
wie Du mich eindringlich anschaust.
Falle in die Tiefe Deines Blicks.
Stoße mich dort vom Grund ab,
wie vom Boden eines klaren Sees.

Das Frühjahr und der Sommer umtanzen uns
und unser Glück.
Sie prägen sich in die Lächelfalten unseres Gesichts.
So gelingt mir, wenn ich an Dich denke,
zu preisen das günstige Geschick,
das Dich mir über den Weg führte
und das mich befreite
aus 
der Umklammerung der Finsternis.

59 | Wünschte Dich hier.

Dein bittersüßes Lächeln.

Dein rotgelocktes Haar.

Das Blitzen Deiner Augen.

Die spottgekräuselten, vollen Lippen.
Das Zwirbeln Deines Barts.

Dich möchte ich wieder küssen.

Dir in die blaue Iris sehen.

Mit meinen lüsternen Blicken,
Deine Apfelbacken fassen.
Ich lasse die anderen stehen.



Wir tanzen wieder Reigen.

Wir schwingen uns wieder auf.

Mit unseren Gedanken reichen

wir bis zum Himmel hinauf.


Wir schmelzen mit unseren weichen Lippen

und der rosenen Zunge,

den anderen wie einen Karamellutschbonbon.
Wünschte Dich hier oben
auf meinem
 Mondbalkon.

Wir könnten herrlich schweigen

und lachten alles Dumme frech davon.

34 | Weder Du noch ich, 35 | Im Ganzen, 36 | Aufgewacht, 37 | Freude



34 | Weder Du noch ich

Unsere Begegnung war göttlich.

Nackt und bloß haben wir einander offenbart,
das Eigene das im anderen lag.

Du trafst Dich selbst, als Du mich sahst.



In des anderen Licht

haben wir das eigene erblickt.
Die Liebe floß in uns selbst zurück.

Durch die Nähe kamen wir uns selber nah.



Wir sahen im anderen,

was in uns selber liegt

und spiegelten daher

ineinander uns selbst zurück.



So waren wir ineinander
zu uns selbst entrückt

und waren vom Eigenen beglückt,

als wir das Strahlen sahen,
das wir uns selbst im anderen gaben.

35 | Im Ganzen

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Indem ich mitteile,
was ich mit
Dir teilen möchte,
teile ich
mit der Welt.



Da Du und ich nichts 

anderes als die Welt sind,

teile ich in Dir
mit mir.



So verdoppelt sich 

das Geteilte nicht.

Es fliesst in Dir

in mich zurück.

36 | Aufgewacht



Jedes Wort an Dich

richte ich an mich.

Es ist mir endlich gelungen,

mich selbst in Dir zu erkennen.



In Dir sehe ich,
was die Welt erhält,

die in Wirklichkeit das eine ist,

so wie auch ich darin

nichts als dasselbe Licht bin.



Was wirklich ist,

das ist das Netz,

worin das Viele

miteinander identisch ist.



Darin haben Du und ich

keine Wirklichkeit oder Substanz

es vergeht nicht,

noch ist es geschaffen.

Es ist eins.



Wenn wir etwas anderes schauen

sind wir blind,
wir halten fest an einem Bild

und sehen nicht,
dass nichts vom Ganzen

unterschieden ist.



Ob Geist, ob Herz,
ob Fleisch, ob Blut,

in sich ist alles gleich,

es ist nicht schlecht,

es ist nicht gut.



– Nur das Gleiche,
was sich selber sucht.



Wir sind nicht

und nicht von der Welt geschieden

und daher besitzen wir nichts

und sind alles.


Nur die Angst 
sich von dem Bild zu lösen,
führt in den Kampf 
und in den Schmerz.



Und doch, als Mensch geboren sein,

ist ein besonderes Geschenk,

das das Gleiche sich gab,

weil es sich die Möglichkeit gab,

sich in sich selber zu erkennen 

und von der Suche zu entbinden

und sich in allem auch

mit dieser Freiheit zu beschenken.

37 | Freude



Ach, als Du gingst,

ging ich selbst zur Tür hinaus?

Als Du mich küsstest,

war ich’s selbst, 

die sich diesen Kuss erlaubte?



Der ausgespielte Zorn,
den Du mir gabst,
war meiner?

Der Abenteurer,
der unter Brücken schläft

und Händeln nicht ausweicht,
bin ich selbst?



Die Macht mit der Du mich anzogst,

war meine eigene Kraft?

In Deiner Unbekümmertheit,

habe ich mich über mich gefreut?



In Dir weile ich selbst

in der Ferne?

Wenn ich Dich liebe,

habe ich mich selber gerne?



Und wenn ich die Gedanken

auf andere richte,

bin ich’s selbst,
die ich erblicke?


Nur wenn ich denke,
dass ich abgeschieden sei,

bin ich blind?



So sage ich zur Welt:

„Ich liebe Dich mein Kind.“

Und lerne jetzt, 

ich meine mich selbst darin,

schon weil ich von ihr 
nicht verschieden bin.

25 | Dank


Ich lobe den Tag,
an dem der Kosmos
Dir Dein Leben gab.
Du füllst es schön.

Ich danke Dir,
dass Du so unverwandt und grad
in den Spiegelsee meiner Augen sahst.
Du gelangtest hinab 
bis auf den Grund.

Ich preise Deinen
tastend warmen Mund,
der mir zu trinken gab,
als mein Herzensbrunnen
fast verdorrte.
Er ist seither eine freigelegte Quelle,
die purpurn strömt und sprudelt.

Ich besinge Deine zärtlich greifende Hand,
die ein seidenfeines Band
zwischen uns gespannt hat,
das das Da bis zum Jetzt verbindet.
Es gab mir Sinn durch die Sinne.

Ich zupfe aus den Saiten
der Wortharfe perlende Töne,
das Beben nachzumalen,
das Dein Lächeln in mir auslöste.
Dein Strahlen leuchtet brillant,
wie die Tautropfen 
in der Morgensonne
auf duftenden Rosen.

Ich tanze für Dich
und nehme den Wind in den Arm,
der Deinen feinen Geruch zu mir getragen hat.
Er blies mir die steten Gedanken an Dein Los,
wie flatternde, schimmernde Fahnen heran.

20 | Erwägungen, 21 | Ruf, 22 | Gefühle, 23 | Verdruss


Könnte ich wirklich die Milch Deiner Bilder verschütten,
wenn ich dem gegenwärtigen Tag entgegengehe?
Kann wirklich die Möblierung in meinem Inneren verrücken,
wenn ich mich von den Gedanken an Dich wegdrehe?

Werden die leuchtenden Farben verfliegen,
wenn meine Netzhaut wieder aufnimmt, was zu meinen Füssen liegt?
Werden die vergangenen Aromen verblassen,
wenn neue Nahrung auf meine taube Zunge trifft?

Werde ich aus meinen taumelnden, dämmerigen Träumen hochschrecken,
wenn der klare Strahl der Mittagssonne auf meine Haut brennt?
Werde ich das Salz Deines Witzes vergessen,
wenn die warmen Winde des Sommers ihn verwehen?

Werde ich noch Deinem Kuß nachschmecken,
wenn sich meine Lippen über die eines anderen stülpen?
Werden sich neue Freuden einschleichen,
wenn ich das Tau der Verbindung an die Erinnerungen löse?

21 | Ruf

Fahl weisses Mondlicht – die Erinnerung.
Das Andenken an Dich – gedämpfter Glockenton.
Farbverwaschen der Kontrast in Blassblau.
Stumm hallt Dein Lachen über den Flur.

Stumpf – der Abdruck Deines Kusses
auf meinen geschlossenen, überraschten Mund.
Überstrahlt der grelle Sommerhimmel
über dem viel zu kurzen Federballspiel.

Getrocknet – die gelben Blätter der Ranunkel.
Spröde das geschorene Gras.
Süß der Duft des Lavendels,
den ich Dir zur Heilung gab.

Schneidend trennend dein Handeln,
das mich fragend in mich selbst verwies.
Unwirklich die Bilder, die die Silbersichel
in meinem begierigen Gedächtnis liess.

22 | Gefühle

Unsere Herzen verbanden
sich leuchtend und zart,
wie der Schimmerstaub
der Falterflügel.

Die Spitzen unserer Finger
berührten sich leicht und warm,
wie Tröpfchen auf der Haut
von Sommerregen oder Morgentau.

Ich legte heilend meine Hand
auf Deine verkrampfte Brust
bis der Strom des Atems
wieder floß.

Du nahmst mich schützend in den Arm,
als ein Richterspruch mir die Freiheit nahm.
Wir traten gebannt aneinander heran,
um zu geniessen des anderen Duft.

Dein Lachen zu hören,
war der betörendste Klang.
Schroff liesst Du mich wieder los.
Zögernd warte ich noch.

23 | Verdruss

Ein heisser, böiger Abendwind
weht in der frühen Dämmerung
und rupft an den Kronen der Linden.
Vorm Fenster knattern Mopeds vorbei.

Ich höre hier drinnen
die Zeit leise tickend verrinnen.
Betäubt stiere ich starr
auf den fahl leuchtenden Monitor.
Ich kann die Leere nicht füllen.

Nervös schiebe ich Strähnen
hinter das rechte Ohr.
Aus den Poren des Gesichts
treiben Schweisstropfen hervor.
Ich sauge gereizt das Salz
von den Lippen.

Mir fehlt die Zuversicht, dass ich bald,
den Verdruss und schalen Geschmack
der Unlust überwinden kann.

Wie schnell waren die Rosen verblüht.
Verflogen in wenigen Tagen ist der Duft des Flieders.
Die Nachtigall singt schon nicht mehr.
Der kurze Augenblick des Aufbruchs ist schon vorüber.