74 | Seltsames Gewächs

Du bist ein seltsames Gewächs.
Wenn man Dich ansieht,
lächelst Du frech.
Ein Lächeln, das man nicht vergißt.

Asketisch bist Du zusammengeschnurrt.
Für ein paar Momente waren
wir vom Schicksal zusammengeführt.
Dort in jenem finstren Verlies.

Hast Schatten im strahlenden Mailicht gesucht
und Kippen vom Pflaster aufgelesen.
Eines Tage bist Du über die Mauern gestiegen.
Zu Deinem Verschwinden habe ich geschwiegen.

Doch habe ich in den Strassen nach Dir geguckt.
Zwölf Monate später – ein neuer Versuch.
Bald darauf verschwandst Du wieder in der Häuserschlucht.
Doch irgendwann werden wir uns ein nächstes Mal begegnen.

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© Simin

145 | Bitte

Liebster – laß uns bitte noch etwas träumen,
noch ein wenig voranstürmende Zeit versäumen.
Liebster – fisch‘ mir eben jenen Grashalm aus meinem Haar
und streich‘ mit Deinen Fingerspitzen
über die Muschel meines linken Ohrs.

Noch einmal, Liebster,
küss‘ mich mit Deinen samtweichen Lippen.
Laß‘ mich nochmal von Deinem Brunnenmund trinken.
Laß‘ mein Auge erneut tief in Deinem Blick versinken.

Noch einmal möchte ich bei Dir Atem schöpfen
– Deine Milchhaut mit Küssen bedecken
– dem Salz darauf mit meiner Zunge nachschmecken
– mich zu Dir in den warmen Sand legen
– mich sanft im Tanz mit Dir wiegen.

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95 | Frühlingslächeln

So sanft glitt Deine Hand,
als sie in meine fand.
Verklärt war mir Dein Lächeln.
So zart tasteten Deine Lippen
meinen Mund,
als wir uns einen Kuß
zu trinken gaben.

Nie möchte ich das Glück,
das ich in Dir fand,
– so kurz es war – vergessen.
Verborgen im gedämpften Licht
horche ich auf das Klopfen der Tropfen.
Sie spielen die Begleitmusik,
um an Dein liebes Gesicht zu denken.

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94 | Begegnung

Abends war es noch kühl,

als wir auf dem Hofgang 

unsere Runden drehten.

Eine Nachtigall jubilierte 

in die Himmelsröte.



Du warst ein junger Prinz

und schon bald verschwunden.

Die Burgruine blieb ohne Dich

öd und leer zurück.



Ich habe zwischen dem Duft der Rosen

zu Beschwörungsformeln gefunden

und besang Dein Bild
ganz in Frühjahrspoesie entrückt.



Habe Dir Gedichtebriefe nachgeschickt

und auch heute wüßte ich gerne,
was aus Dir geworden ist.

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91 | Morgen

Üppig duftet der violette Flieder.

Die Frühjahrssonne strahlt wieder

vom hochgewölbten Himmel hernieder.

Glänzend beginnt ein neuer Tag.



Obwohl ich – ich gebe es zu – 

viel mehr Lust auf Regen hab’.

Helios löst die schmerzenden Glieder.

So verfasse ich neue jahreszeitliche Lieder,

doch angemessener wäre

ein schwelgender Trauermarsch.

92 | Locken

Wie verlockend lockte das Lächeln

in Deinem rotlockig gerahmten Gesicht.

Widmete Dir gebannt meine Aufmerksamkeit

und das eine oder andere Gedicht.



Wie hold und jung tanztest Du mit mir

über den kargen, langen Korridor.

Wir hielten im einströmenden, hellen Licht 

der Sonne den Atem an – in jenem Flur.



Du schenktest den Tagen

frohen Zauber und strahlenden Glanz

bevor Du wieder fortzogst 

von diesem öden Gang.



Ich suchte auf dem Linoleum

noch lange einen Abdruck Deiner Spur.

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84 | Nachhall



Die Erinnerung sucht nach Dir.
Schon viele fahle Monde in Sehnsucht
von da nach hier.

Bogen Lichts von gestern
nach heute herübergespannt.
Blicke in blaue Augensterne.
Greifende, warme, pulsierende Hand.

Rotbärtiger Jüngling.
Erfahrener Don Juan.
Bald jährt sich der Zauber,
der sich zwischen uns entspann.

Ein glucksendes Bächlein der Freude,
das im Ungefähren verann.
Ein zärtlicher Kuß,
den ich so gerne besang.

Komm – wir lachen wieder zusammen.
Tanzen den Kummer fort
und machen die graue, steinerne Welt
zu einem liebenswerten, leuchtenden Ort.

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