62 | Nichts anderes



Es gibt nichts Schöneres im Hiersein,
als unsere Liebe zu beschwören.
Du magst am anderen Ende der Welt sein,
doch ich hoffe, auch dort wirst Du mich hören.

Der Herbst ist da und
singt sein Lied voller Sehnsucht.
Ein neuer dunkler Winter wird kommen,
doch ich nehme bei dem Bild von Dir
vor der Düsternis Zuflucht.

In dieser ach so umtriebigen Welt
ist mir nichts so wichtig,
wie die Stunde mit Dir,
die mit ihrer Wärme und ihrem Glanz
mein Herz unter Deinen Schutzmantel stellt.

Wie froh wir waren
und wie freundlich.
Wie glücklich wir scherzten.
Wie wir zitternd bebten,
wenn wir nebeneinander schwebten.

Dir bin ich zugetan 
– für ewig,
all der graue Alltag
ist mir unerheblich.

Ich webe einen Teppich
aus Worten und Versen.
Er leuchtet rot und silbern,
wie unser Haar.

Ich kleide mich in die Seide
Deiner milchigen, sommersprossenen Samthaut
und sehe vor mir,
wie Du mich eindringlich anschaust.
Falle in die Tiefe Deines Blicks.
Stoße mich dort vom Grund ab,
wie vom Boden eines klaren Sees.

Das Frühjahr und der Sommer umtanzen uns
und unser Glück.
Sie prägen sich in die Lächelfalten unseres Gesichts.
So gelingt mir, wenn ich an Dich denke,
zu preisen das günstige Geschick,
das Dich mir über den Weg führte
und das mich befreite
aus 
der Umklammerung der Finsternis.

59 | Wünschte Dich hier.

Dein bittersüßes Lächeln.

Dein rotgelocktes Haar.

Das Blitzen Deiner Augen.

Die spottgekräuselten, vollen Lippen.
Das Zwirbeln Deines Barts.

Dich möchte ich wieder küssen.

Dir in die blaue Iris sehen.

Mit meinen lüsternen Blicken,
Deine Apfelbacken fassen.
Ich lasse die anderen stehen.



Wir tanzen wieder Reigen.

Wir schwingen uns wieder auf.

Mit unseren Gedanken reichen

wir bis zum Himmel hinauf.


Wir schmelzen mit unseren weichen Lippen

und der rosenen Zunge,

den anderen wie einen Karamellutschbonbon.
Wünschte Dich hier oben
auf meinem
 Mondbalkon.

Wir könnten herrlich schweigen

und lachten alles Dumme frech davon.

34 | Weder Du noch ich, 35 | Im Ganzen, 36 | Aufgewacht, 37 | Freude



34 | Weder Du noch ich

Unsere Begegnung war göttlich.

Nackt und bloß haben wir einander offenbart,
das Eigene das im anderen lag.

Du trafst Dich selbst, als Du mich sahst.



In des anderen Licht

haben wir das eigene erblickt.
Die Liebe floß in uns selbst zurück.

Durch die Nähe kamen wir uns selber nah.



Wir sahen im anderen,

was in uns selber liegt

und spiegelten daher

ineinander uns selbst zurück.



So waren wir ineinander
zu uns selbst entrückt

und waren vom Eigenen beglückt,

als wir das Strahlen sahen,
das wir uns selbst im anderen gaben.

35 | Im Ganzen

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Indem ich mitteile,
was ich mit
Dir teilen möchte,
teile ich
mit der Welt.



Da Du und ich nichts 

anderes als die Welt sind,

teile ich in Dir
mit mir.



So verdoppelt sich 

das Geteilte nicht.

Es fliesst in Dir

in mich zurück.

36 | Aufgewacht



Jedes Wort an Dich

richte ich an mich.

Es ist mir endlich gelungen,

mich selbst in Dir zu erkennen.



In Dir sehe ich,
was die Welt erhält,

die in Wirklichkeit das eine ist,

so wie auch ich darin

nichts als dasselbe Licht bin.



Was wirklich ist,

das ist das Netz,

worin das Viele

miteinander identisch ist.



Darin haben Du und ich

keine Wirklichkeit oder Substanz

es vergeht nicht,

noch ist es geschaffen.

Es ist eins.



Wenn wir etwas anderes schauen

sind wir blind,
wir halten fest an einem Bild

und sehen nicht,
dass nichts vom Ganzen

unterschieden ist.



Ob Geist, ob Herz,
ob Fleisch, ob Blut,

in sich ist alles gleich,

es ist nicht schlecht,

es ist nicht gut.



– Nur das Gleiche,
was sich selber sucht.



Wir sind nicht

und nicht von der Welt geschieden

und daher besitzen wir nichts

und sind alles.


Nur die Angst 
sich von dem Bild zu lösen,
führt in den Kampf 
und in den Schmerz.



Und doch, als Mensch geboren sein,

ist ein besonderes Geschenk,

das das Gleiche sich gab,

weil es sich die Möglichkeit gab,

sich in sich selber zu erkennen 

und von der Suche zu entbinden

und sich in allem auch

mit dieser Freiheit zu beschenken.

37 | Freude



Ach, als Du gingst,

ging ich selbst zur Tür hinaus?

Als Du mich küsstest,

war ich’s selbst, 

die sich diesen Kuss erlaubte?



Der ausgespielte Zorn,
den Du mir gabst,
war meiner?

Der Abenteurer,
der unter Brücken schläft

und Händeln nicht ausweicht,
bin ich selbst?



Die Macht mit der Du mich anzogst,

war meine eigene Kraft?

In Deiner Unbekümmertheit,

habe ich mich über mich gefreut?



In Dir weile ich selbst

in der Ferne?

Wenn ich Dich liebe,

habe ich mich selber gerne?



Und wenn ich die Gedanken

auf andere richte,

bin ich’s selbst,
die ich erblicke?


Nur wenn ich denke,
dass ich abgeschieden sei,

bin ich blind?



So sage ich zur Welt:

„Ich liebe Dich mein Kind.“

Und lerne jetzt, 

ich meine mich selbst darin,

schon weil ich von ihr 
nicht verschieden bin.

25 | Dank


Ich lobe den Tag,
an dem der Kosmos
Dir Dein Leben gab.
Du füllst es schön.

Ich danke Dir,
dass Du so unverwandt und grad
in den Spiegelsee meiner Augen sahst.
Du gelangtest hinab 
bis auf den Grund.

Ich preise Deinen
tastend warmen Mund,
der mir zu trinken gab,
als mein Herzensbrunnen
fast verdorrte.
Er ist seither eine freigelegte Quelle,
die purpurn strömt und sprudelt.

Ich besinge Deine zärtlich greifende Hand,
die ein seidenfeines Band
zwischen uns gespannt hat,
das das Da bis zum Jetzt verbindet.
Es gab mir Sinn durch die Sinne.

Ich zupfe aus den Saiten
der Wortharfe perlende Töne,
das Beben nachzumalen,
das Dein Lächeln in mir auslöste.
Dein Strahlen leuchtet brillant,
wie die Tautropfen 
in der Morgensonne
auf duftenden Rosen.

Ich tanze für Dich
und nehme den Wind in den Arm,
der Deinen feinen Geruch zu mir getragen hat.
Er blies mir die steten Gedanken an Dein Los,
wie flatternde, schimmernde Fahnen heran.

20 | Erwägungen, 21 | Ruf, 22 | Gefühle, 23 | Verdruss


Könnte ich wirklich die Milch Deiner Bilder verschütten,
wenn ich dem gegenwärtigen Tag entgegengehe?
Kann wirklich die Möblierung in meinem Inneren verrücken,
wenn ich mich von den Gedanken an Dich wegdrehe?

Werden die leuchtenden Farben verfliegen,
wenn meine Netzhaut wieder aufnimmt, was zu meinen Füssen liegt?
Werden die vergangenen Aromen verblassen,
wenn neue Nahrung auf meine taube Zunge trifft?

Werde ich aus meinen taumelnden, dämmerigen Träumen hochschrecken,
wenn der klare Strahl der Mittagssonne auf meine Haut brennt?
Werde ich das Salz Deines Witzes vergessen,
wenn die warmen Winde des Sommers ihn verwehen?

Werde ich noch Deinem Kuß nachschmecken,
wenn sich meine Lippen über die eines anderen stülpen?
Werden sich neue Freuden einschleichen,
wenn ich das Tau der Verbindung an die Erinnerungen löse?

21 | Ruf

Fahl weisses Mondlicht – die Erinnerung.
Das Andenken an Dich – gedämpfter Glockenton.
Farbverwaschen der Kontrast in Blassblau.
Stumm hallt Dein Lachen über den Flur.

Stumpf – der Abdruck Deines Kusses
auf meinen geschlossenen, überraschten Mund.
Überstrahlt der grelle Sommerhimmel
über dem viel zu kurzen Federballspiel.

Getrocknet – die gelben Blätter der Ranunkel.
Spröde das geschorene Gras.
Süß der Duft des Lavendels,
den ich Dir zur Heilung gab.

Schneidend trennend dein Handeln,
das mich fragend in mich selbst verwies.
Unwirklich die Bilder, die die Silbersichel
in meinem begierigen Gedächtnis liess.

22 | Gefühle

Unsere Herzen verbanden
sich leuchtend und zart,
wie der Schimmerstaub
der Falterflügel.

Die Spitzen unserer Finger
berührten sich leicht und warm,
wie Tröpfchen auf der Haut
von Sommerregen oder Morgentau.

Ich legte heilend meine Hand
auf Deine verkrampfte Brust
bis der Strom des Atems
wieder floß.

Du nahmst mich schützend in den Arm,
als ein Richterspruch mir die Freiheit nahm.
Wir traten gebannt aneinander heran,
um zu geniessen des anderen Duft.

Dein Lachen zu hören,
war der betörendste Klang.
Schroff liesst Du mich wieder los.
Zögernd warte ich noch.

23 | Verdruss

Ein heisser, böiger Abendwind
weht in der frühen Dämmerung
und rupft an den Kronen der Linden.
Vorm Fenster knattern Mopeds vorbei.

Ich höre hier drinnen
die Zeit leise tickend verrinnen.
Betäubt stiere ich starr
auf den fahl leuchtenden Monitor.
Ich kann die Leere nicht füllen.

Nervös schiebe ich Strähnen
hinter das rechte Ohr.
Aus den Poren des Gesichts
treiben Schweisstropfen hervor.
Ich sauge gereizt das Salz
von den Lippen.

Mir fehlt die Zuversicht, dass ich bald,
den Verdruss und schalen Geschmack
der Unlust überwinden kann.

Wie schnell waren die Rosen verblüht.
Verflogen in wenigen Tagen ist der Duft des Flieders.
Die Nachtigall singt schon nicht mehr.
Der kurze Augenblick des Aufbruchs ist schon vorüber.

17 | Brief


Pfeifen war Dir eine Lust.
Aber auch die Milane und Falken pfeifen.
Deine Pfiffe weckten nicht nur Freude,
sondern auch Wut.
Eine junge Frau wollte 
Dich
angreifend vertreiben.

Ich beobachtete das mit offenem Mund
und versuchte, was geschah zu begreifen.

Deine leichtfertigen Worte und Provokationen
flogen Dir da wie Geschosse um die Ohren.
Ich wünschte – so betrachtet, 
dass Dir etwas anderes
als handeln verblieben wäre,
dass Besinnung Dich schützen würde.

Es wäre so schön,
Du fändest eine Möglichkeit,
Deinen Witz und Dein Talent zu führen,

statt davon geführt zu werden.

Ich wünschte, Du könntest beides erden.
Dein schönes, helles Licht soll leuchten,
aber Dich nicht verbrennen.
Ich hoffe so sehr, Du findest Deinen Weg
auf dem Deine Lebensflamme Dich trägt
ohne Angst, dass Du von ihr verschlungen wirst.

Lebenswidmung | Gesang | Täuschung | Darum

16 | Lebenswidmung

In das warme Leuchten des Stroms
Deines goldenen Lichtes tauchen.
Dunstig heissen Atem
in die geliebten, kleinen Stutzohren hauchen.

Mit meinen Lippen über
die Samthügel Deiner
milchigen Satinhaut streichen.
Zart über die Narbe
an Deinem Ellenbogen gleiten.

Den scharfprickelnden Salztau
Deines Schweisses kosten.
Dich in meine offenen Arme locken.
Heftig ziehend den ätzenden Qualm
aus Deinem aufglühenden
Zigarettenstummel saugen.

Mich vertrauensvoll an Dich schmiegen.
Dir lächelnd in die Augen blicken.
Hingegeben an Deiner Seite liegen.
Mit zärtlichem Griff die Hand
in 
Deinen warmen Nacken legen.

Rund den Bogen
Deines Nabels spüren.
Das Beben Deiner
gespannten Flanke fühlen.

Tief Deinen Moschusduft
und den Jungmännerstressgeruch wahrnehmen.
Jeden Augenblick in meinem
unverschlossenen Herz bergen.

Diese Erinnerungen herbeizuholen
widme ich, Dir ergeben,
jede Sekunde, Minute, Nacht und Tag
und jeden Atemzug meiner Gegenwart.

15 | Gesang

Ein tiefer, suppender Schnitt
ist 
in die Fingerspitze
durch den scharfen Glassplitter
zerbrochener Sehnsucht geschlitzt.

Aufgeborstene Narbenränder sind mit Krusten
aus dem getrockneten Salz
und Blut 
meiner Tränen besetzt.
Glitzernd funkelt Scharlachtau
am Kelchrand unerwiderter Liebe.

Perlend versickert der Schaum
kurz aufleuchtenden, 
gleissenden Lichts
unverwirklichter Träume.
Grell steht am Himmel
der Gewitterblitz
zu dem die letzte Erinnerung
an die Hitze
des Sommers 
geronnen ist.

Erschlagen fällt
der Falter herab,
weil er dem Hagel
der Enttäuschung
nicht gewachsen ist.

14 | Täuschung



Das hinreissende Lächeln
aus der eisgefrorenen
Kälte des Schmerzes geboren.
Traumverschleierte Blicke,
die krustigen Schorf
über den Narben
des Schicksals bilden.

Ein charmant maskierender Augenaufschlag,
der das rohe Fleisch abdeckt.
Zärtliche Berührung,
die die spitzen Dornen verdeckt.

Fliessende Bewegung,
die das gebrochene Gerüst versteckt.
Liebreizende Haltung,
die scharfe Kanten bedeckt.

Kaum gezügelter Zorn,
im Tanz verborgen.
Suchst für Dich eine Hoffnung
und ein Morgen.

13 | Darum

Mit der dunklen Asche unserer Träume 
bestäubt
zieht alltäglich 
die einförmige Landschaft
an uns vorüber.
Vor uns klafft ein tiefer Spalt
mit zähflüssiger, blasenwerfender Glut.

Wir benetzen durstig 
die gesprungenen Lippen
und hoffen auf den stillenden Fall
sprühfeinen Regens.
Wir tragen betäubt 
die Last
der Schuld 
ungesagter Worte.

Die stumpfe Mehlschicht
des zerquetschten grauen Granits
legt sich schwer
auf 
unser müdes Augenlid.

Verzagt wagen wir es nicht
einander erwartungsfroh
in die Augen zu sehen,
wir haben Angst,
wir seien zu ungeschickt,
um der Schönheit angemessen zu begegnen.

Wir halten unsere Ohren zu,
um die vielstimmigen Chöre
nicht zu hören.
Wir wollen das schillernde Morgenlicht
nicht durch unsere Anwesenheit stören.

Du



Ach, wie leichtfertig schrittst Du durch das Bild.
Grübchen waren tief rechts und links
in Deine Wangen geritzt.
Du erschienst mir zunächst bloß
als ein fröhliches, etwas zorniges Kind,
bis Du dann unerwartet so mannhaft gewesen bist.

Spielend, unbekümmert, frech und lächelnd
nahmst Du im Handumdrehen mein Herz mit Dir mit.
Du liesst mich verwirrt, verliebt und blind zurück.
Ein begabter Jüngling, der seinen Charme
als tödliche Waffe probiert.

Du warst betörend, bezaubernd und hast meine Erwachsenheit
mit Deiner Flatterhaftigkeit tänzelnd außer Kraft gesetzt.
Seither ist jeder Winkel meines Verstandes von Dir besetzt.
Du aber bist längst weitergezogen.

Hast einen romantischen Palast aus Träumen bezogen.
Ich bin ja die Närrin, die hoffte, sie konnte Dir dorthin folgen.
Aber das hiesse wohl den Lauf der Dinge betrügen.
Ich wünschte nur, ich könnte dies bittere Schicksal
mit meiner Leidenschaft für Dich besiegen.

Gewitterleuchten


Der Gewitterwind fegt raschelnd
gelbe Lindensamen zu Haufen
auf dem Asphalt der Strasse zusammen.
Der Lichtschein der Blitze wirft leuchtend
helle Ränder, die düstere Wolkentürme rahmen.

Im Schornstein fauchen heulend
die Böen. Ich schliesse die Fenster
und denke an die, die das nicht können,
weil sie, wie Du, kein Zuhause haben.
Ich denke an Euch und hoffe,
dass Ihr beschützt seid im Sturm.

Der Regen tröpfelt pochend
und klopfend an die Fenster.
Grollend rollen die Donner heran.
Ich kauere mich in meinen schwingenden Sessel
und möchte Dich und den dunklen Schatten,
den Dein Verschwinden in mir zurückgelassen hat, nicht vergessen
und lieber hoffen, dass Du Hilfe gefunden hast.

Aus meinen Augen quellen bittere Tränen,
weil ich nichts zu tun vermag,
nur sitzen, an Dich denken, hoffen und warten,
auf einen nahen und einsichtigen Tag
an dem ich Dich wieder in die Arme schliessen darf.
Oder mindestens eine Nachricht
mit einem Lebenszeichen von Dir erhalten hab.