Über Doris/en und Doretten

Meine Familie mütterlicherseits, stammt aus einer längeren Tradition von – je nach Zeitgeist positiv oder negativ gewerteten – weiblichen Persönlichkeiten mit Wissensdurst, Tüchtigkeit und Unabhängigkeit – den Doretten und Doris/en.

Zurückverfolgen können wir die erste und sehr ungewöhnliche Dorette in dieser Linie zu unserer Ururgrossmutter Ida Dorette Mumm, geb. Michels (1864) aus Oldenburg in Holstein, die einer schleswig-holsteinischen Kaufmannsfamilie entstammte  Sie wurde, laut Familienlegende, auch „Gemeinde Dorette“ genannt, da ihr Mann August Mumm, zwar qua seines Amtes der Gemeindevorsteher (1885-1916) war, sie jedoch an der Lenkung der Gemeindegeschicke nicht ganz unbeteiligt war.
So lag im Spitznamen „Gemeinde Dorette“, den ihr die Mitglieder des Landkreises gaben, sicher eine Mischung aus Anerkennung und Spott, natürlich auch für ihren Mann. Dorette erstaunte ihre Zeitgenossen überhaupt mit ihrem ungewöhnlichen und ungebührlichen Verhalten, so verdiente sie als eine der ersten Frauen am Ort ihr eigenes Geld, was an sich zum Ende des 19. Jhdts. schon etwas sehr besonderes war.
Sie tat dies, indem sie im Sommer Badegäste aufnahm – heute ist der Ort Dahme ein bekannter Badeort an der ostholsteinischen Ostseeküste. Echtes Erstaunen löste sie aber dadurch aus, dass sie dabei erkannt wurde, als sie eines Winters gen Italien in einer Postkutsche reiste, um auf Goethes Spuren zu wandeln – Mann und Kinder blieben daheim. Sie muss eine außergewöhnliche Persönlichkeit gewesen sein.

Der nächsten Generation war sie ein Dorn im Auge, besonders ihre Schwiegertochter ließ kein gutes Haar an Ihr, was diese aber nicht daran hinderte ihre einzige Tochter unter ihren vier Kindern „Elisabeth Dorette“ zu nennen. Allerdings rieb sie dieser auch bei jeder Gelegenheit deren Ähnlichkeit mit ihrer Großmutter unter die Nase und das war nicht als Kompliment gemeint. Insbesondere deshalb nicht, weil die Familie schon auf ein streng deutschnationalen Kurs eingeschwenkt war und bei der Ergründung über die Abkunft der Ahnen in Richtung Ida Dorette lieber nicht weitergeforscht wurde, um nicht auf die vermutete jüdische Abstammung zu stossen, die peinlicherweise nicht zum ideologiekonkoformen Antisemitismus paßte …

Elisabeth Dorette – „Elise“ , die Enkelin, hatte es zuhaus nicht leicht, zum einen weil sie ein Mädchen war – wenn auch das einzige neben drei Brüdern und weil sie Flausen im Kopf hatte, die auch die Dorfjugend gegen sie aufbrachte: Einmal war eine Opernsängerin unter den Sommergästen gewesen. Mit großem Erstaunen hörte Elise diese am Strand singen und üben. Während sich das ganze Dorf darüber belustigte, wünschte sie sich nun sehnlichst Opernsängerin zu werden. Da war sie natürlich verschrien und man fiel aus diesem und anderen Gründen über sie her, verdrosch und verlachte sie. Dass sie die Tochter des Bürgermeisters und der einflußreichsten Familie am Ort war, tat sicher sein übriges.
Allerdings war das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter ebenfalls lebenslang gestört und von großer Lieblosigkeit unserer Urgroßmutter ihr gegenüber gekennzeichnet. Besser wurden die Zeiten für Elise erst, als Sie zu einer Gastmutter nach Kiel geschickt wurde, um dort das Lyceum (eine reine Mädchenschule) zu besuchen und das Abitur zu machen. Sie kostete ungeahnte Freiheiten, hatte ein liebevoll inniges Verhältnis zu der Kielerin und genoss, von dieser geduldet und ermutigt, auch von dieser ermuntert, die städtischen Tanzvergnügen. So lernte sie auch unseren Großvater kennen. Er entsprach ganz dem Schöhnheitsideal des deutschnationalen Zeitgeistes, dem leider auch Elise anhing, und er verliebte sich umgekehrt auch in die junge Frau mit den dicken, dunklen, krausgelockten Haaren. So wurde Elise Dorette leider nicht Opernsängerin, sondern  BDM-Führerin aus Überzeugung und in dem barbarischen Kapitel der jüngeren Geschichte, lebte sie als Frau eines Offiziers ein relativ sorgenfreies Leben bis zum Ende des Krieges. Da kehrte sie als Flüchtling mit ihren Kindern und später auch ihrem Mann an den Ort ihrer Kindheit in eine Zeit der Not zurück.
Im hohen Alter berichtete sie, unter den Offiziersfrauen hätte sie sich immer unsicher gefühlt und sich für ihre Erscheinung geschämt, so wie sie ihr Leben lang ihren zweiten Namen „Dorette“ verbarg.
Sie hat auch erzählt, dass sie zu Beginn der Nazizeit gern Kindergärtnerin geworden wäre, ihr dies jedoch von diesen verwehrt wurde, mit der Begründung, sie sei „rassisch unwert“. So tat sie, was damals erwartet wurde, sie gebar vier Kinder – zwei Mädchen und zwei Jungen. Das dritte Kind, meine Mutter, nannte sie nicht Dorette, aber Doris. Wie sie es selbst erfahren hatte, zog sie ihre Kinder zwar pflichtbewusst groß, doch ein herzliches, liebevolles Verhältnis gelang ihr nicht. *)

Ihre Tochter Doris, unsere Mutter, floh daher schon mit vierzehn von zuhaus in eine landwirtschaftliche Lehre und holte höhere Bildungsweihen dann im Laufe ihres Lebens bis zum Studium der Philosophie und Pädagogik nach. Aus ihren zwei Ehen stammen meine zwei Geschwister und ich. Viele Jahre mußte sie uns allein erziehen, was in den siebziger Jahren seh schwierig war. Sie tat es stets meinungsfreudig und diskussionsfördernd.

Sich nicht anzupassen, sich selbst, gesellschaftliche und Rollenerwartungen zu hinterfragen, das waren die Prinzipien ihrer Erziehung. Sie stellte irgendwann ernüchtert fest, das ihr diese Erziehung gründlicher als erwartet gelungen war und fand sich damit ab, dass wir Kinder nun unsere und nicht ihre Vorstellungen von unserem Lebensweg verwirklichten.

In diesem Blog greife ich meinem – zugegebener Weise – sehr subjektiven Blick auf die Welt und auf die weniger stark im Fokus der (ver)öffentlichten Meinung stehenden Nachrichten und Gedanken oder verarbeite, was mich berührt in Fotografien und Texten und Gedichten. Du bist zur Diskussion, zum Nachdenken und zum Lächeln oder Lachen eingeladen. Gerne nehme ich Gastbeiträgen auf.

Sabine Rahe

*) Ich füge an, dass ich das Beispiel der Elise-Dorette problematisch finde, es aber exemplarisch für ihre Zeit steht: Es ist scheint sehr viel leichter zu fallen, sich für die Täterseite zu entscheiden und sich nicht entgegenzustellen. Und das macht die Auseinandersetzung mit der Generation unserer Grosseltern, die den Faschismus und Barbarismus auslebten, auch in unserer Zeit wichtig, weil es auf uns selbst verweist.
Hierzu möchte ich auch auf den Film: Meine Familie, die Nazis und ich aufmerksam machen.

Nachtrag, 15.04.14
Der obige Text stellt allein meine Sicht auf die genannten Persönlichkeiten dar, er erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch als einzig mögliche Sicht und Wertung der Persönlichkeiten der Doretten. Trotz aller „wir“ und „uns“ im Text, möchte ich betonen, dass ich hier weder im Namen, noch in einer durch meine Geschwister autorisierten Weise über unsere Herkunft schreibe.