46 | Traum und Wirklichkeit



Die Gastfreundschaft der Nomaden

erfreute mich schon oft.

Ich lud sie in mein Zelt ein

und war bei ihnen zu Gast.



In sternenklaren, frostkalten Nächten,
ob es Tee oder Hunger war,
was wir teilten
– wir tauschten höflich Geschichten,

die manchmal gut dagegen waren.



Am Morgen in der Wüste,

denke ich an die Oasen

auf meinem staubigen Weg.


Ich pflücke eine Feder

vom Daunenkissen

und stecke sie in mein Haar,

greife nach der Uhr,

die neben dem Bett 

auf dem Hocker liegt,

während meine Gedanken

bei einem entfernten Wanderer sind
und hoffe, dass er unsere Hochzeit
morgen nicht versäumt.

Gedichte aus „Nachwendezeit“: 01 | „Alltag“, 02 | „Spielbein“, 03 | „Schutzhütte“

01 | Alltag

Aufwachen.
Schlaf aus den Augenwinkeln kratzen.
Kaffee kochen.
Laptop aufklappen.
Nachrichten von Freunden betrachten.

Mit unserem Glück
und dem abrupten Ende befassen.
Diese Gedanken wieder loslassen.
Schwarzes Gebräu in einer goldgrünen Tasse.

Seufzer in den Himmel stossen.
Einen Riesennachtfalter an die Wand geklebt
in der Ecke unter der Zimmerdecke entdecken.
Der Bitternis des Getränks nachschmecken.

Im Schwingstuhl nervös vor und zurück wiegen.
Die Aufgaben laß ich noch ein bißchen liegen.
Werde die Zeit noch etwas umbiegen
und die Stunden, bis ich etwas Produktives schaffe,
unendlich in die Länge ziehen.

02 | Spielbein

Ich suche beharrlich jede List,
damit Du bald für ewig
mein Geliebter und Gefangener bist.
Ich überbrücke spielend alle raumzeitliche Kluft,
weil ich ihn so dringend wieder atmen muß
– Deinen kostbaren, Dir so eigenen Duft.

Mich hält kein Zweifel mehr zurück,
der mich entfernen könnte
von unserem Glück.
Ich fasse Mut mit jedem Tag
und geh voran – ganz unverzagt,
bis Du mir wieder zärtlich dumme Dinge sagst.

Das kann ich nur,
weil ich mich nicht mehr frag,
ob es richtig war,
dass ich Dich
trotz Deines bewußten, grübchen-gestützen Charmes,
so lieb gewonnen hab.

03 | Schutzhütte



In meinem windschiefen 
Haus aus
Phantasie
schöpfe ich mich aus.
Es gibt darin 
eine endlos verfügbare Zimmerflucht
aus Lust, Leidenschaft und Spiel.

Davor trägt dieser fantastische Zauberpalast
einen großzügigen, himmelragenden Balkon
für Poesie, Klang, Musik und Ton
unter dem elfenbeinschimmernden Perlmuttmond,
der hoch am sommerlichen Firmament
darüber wohnt.

Da sagt man mir nie,
Du willst zuviel.

Da ist das Viele
ganz und gar
das höchste aller Ziele.
Dort bin ich beschützt
und kenne keine Gefahr,
– denn dazu ist meine Phantasie ja da.

Gedicht 62 | Mit Deinem Bild



Mit Deinem Bild in mir

geh ich voran,

weil ich nun glaube,

dass ich es nicht nur muß,

sondern auch kann.


 
Dein Spieltrieb, Dein Lächeln und Dein Mut

helfen mir dabei.

Trotz Deiner Ferne tust Du mir gut.


 
Dein vergangenes Schicksal, 

das auch aus den alten Fotos, 

die ich mir suchte, zu mir spricht
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Süße Kirschen

Für meine heutigen Feierlichkeiten habe ich mich
länger in die schwüle Hitze nach draussen gewagt.
Denn genau dieses Datum markiert in meinem Leben
einen besonderen und wichtigen Tag.
Mit süßen Kirschen lockt der Sommer uns alle aus unseren Höhlen hervor,
ebensolche hängte ich – war’s nicht so – mir auch damals
über mein jugendliches, rechtes Ohr.
Das war, mein ich, im Garten ganz nah des herkunftsfamiliären Garagentors.

Oder ist es doch, es ist nach Jahrzehnten etwas verschwommen,
das blütenschaumige, duftend, weisse Kleid
des grossen Schattenmorellenbaumes gewesen,
der Kirschen in meine Erinnerung drängt?
Er stand von dort aus ebenfalls nicht weit.
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