100 | bumpy road of life

In den allermeisten Fällen
gehört man zu jenen,
die Federn lassen
im Weltgetriebe.

Nicht ein feiner Niesel,
sondern gleich riesige Kübel
Wasser fallen vom Himmel
herab.

Man muß schon Chuzpe haben,
an jedem neuen Morgen
in graue Tage zu starten
und immer wieder auf’s Neue zu beginnen.

Es ist ja die Verzweiflung
der Schmiere im Getriebe.
Drum sollte man sich beizeiten
erinnern, der Sand zu sein.

Sonst wirst Du zum Gejagten
und holst Deine Träume nie mehr ein.

99 | Herbstgesang

Pünktlich zum Oktober
klingt wieder über das Land
der Herbstgesang.

Ermutigungen sind nötig,
denn der Sonne Strahlkraft
schwächelt täglich.

Vom nahen, düsteren Winter
künden die dunklen Zeichen
und erinnern mindestens
an die Vergänglichkeit.

Es plagen Schnupfen und Fieber.
Es schmerzen alle Glieder.
Und wehmütig gedenkt man
des sommerlichen Mückentanzes –
auch wenn die Biester beissen.

Wie gut, dass dichterische Spitzfindigkeiten
das sieche Gemüt erheitern,
so läßt sich der Niedergang heiter erleiden.

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97 | Im Morgendunkel

Im Morgendunkel ziehen Gänse und tröten.
Blicke in den schwarzen Himmel
und schiebe den Reissverschluss
am Daunenmantel hoch bis zum Kinn.

Dann rollt das Rad
durch den Park,
über die Brücke am Landwehrkanal
und schon schliesse ich es vor dem Eingang
zur Unterwelt an die Halterung aus Stahl.

Wenn ich dann nachmittags
den Katakomben entsteige,
kann ich kaum glauben,
dass Tag ist.

Dreh’ ich den Schlüssel in der Tür,
steht am Herd Gabriel.
Wir grüssen.
Meist versteht er mich nicht,
weil seine schöne Muttersprache Portugiesisch ist.
Aber wir üben.
Und wieder lichten sich die Blätter der Strassenlinden.

54 | Spaziergang von 61 nach 36

Schliesse beide Schlösser
an der Wohnungstür zu.
Pappelsamen sammeln sich zu Büscheln
auf den dunkelbraunen Fliesen im Hausflur.

Wir gehen unsere Strasse
bis zur Brücke hinauf,
steigen die Treppe
zu den Gleisen hinab.

Durchqueren den Park
bis zur Obentraut,
spazieren im Schatten
bis zur Zossener.
Wo der “Brachvogel” stand,
ist alles leer.
Rasten im kühlen Blau
unter weissen und roten Kastanien.

Überlegen kurz am KAU
nach dem Prinzen zu fragen.
Doch das verbiete ich mir.
Überqueren den Kottbusser Damm.
Nehmen am Maybachufer
einen veganen Donut in Empfang.

Am Ufer spielt eine Funksoul-Band.
In der Tabor gehen wir zur Schlesischen,
steigen in den 265er und fahren zur Manteuffel.
Ein indisches Restaurant lockt mit seinen Düften.

Zurück zuckeln wir mit dem 140er.
Die ingwerscharfen Speisen schlagen
noch etwas auf den Magen.
In der Katzbach verlassen wir den Wagen.

Dies war ein besserer
von überwiegend traurigen Tagen.

53 | Mit Sternies im Park

Im Schatten eines Haselbaumes
schmausten wir Torte
und losten mit zwei Stecken,
wer Sternies für das Wegbier hole.

Ich durfte auf der Bank warten
und Gottt hebelte den Kronkorken
an der Tischtennisplatte
in der Hornstrasse
auf.

Wir schlenderten dann
in den Gleisdreieckpark
von Bank zur Schaukel
und lobten die menschliche Staffage.

Mit Schwung flogen wir an langen Ketten
in die Höhe und hielten
schließlich für die Kleinen an,
die auch mal schweben wollten.

Der Flieder duftete und buschte.
Und wir redeten noch ein bißchen auf dem Balkon,
doch war’s uns bald zu warm,
so wechselten wir in den Salon.

Als das Kind kam, aßen wir gemeinsam.
Später entwarfen wir einen Plan,
wie man in Berlin doch noch eine Wohnung bekommt,
obwohl man mittellos ist und, wie das Kind, jung.

Wir sprachen auch über den schrecklichen Krieg
und die möglichen dunklen Perspektiven.
Gottt zeigte mir einen Film mit dem originalen Schloß
im Hintergrund, der aus den frühen Fünfzigern stammt.

Habe dann noch die Postkarten vom Dahmer Hof
von vor hundert Jahren vorgekramt,
auf denen auf einer von ihnen
die legendäre Urahnin Dorette vor ihrer Pension stand.

Gegen Mitternacht wurde ich müde
und Gottt ging nachhaus.
Wir sehen uns bald wieder
und in Kürze schon
brechen wir zu einer Reise in den Norden auf.

06 | Ein Hund bellt mich an.

Auf einem Streifzug durch
die Winterlandschaft
gerate ich zu nah an
einen Maschendrahtzaun.
Aus dem Schatten der Hecke
springt ein Hund
und bellt laut und rau.

Ich zucke zusammen.
Waren meine Absichten rein?
Welche Schätze mögen wohl
hinter dem Zaun verborgen sein?
Lohnte ein Blick hinter die Kulissen?

Ein kleines düsteres Haus
lugt zwischen den Koniferen heraus.
Vor der Haustür steht ein Mann
und sieht mich mit finsterer Miene an.

Was ich wohl in der Landschaft
vor seinem Hause triebe?
Wieso singe ich Lieder
von Wonne und Liebe
und gehe hinaus,
spaziere nicht nur,
sondern lustwandel?

Der Hund – eingepfercht
– hört das Bellen nicht auf.
Sein Herr führt kein
gastfreundliches Haus.

Ich geh’ meines Wegs
in die Felder hinaus
und lasse Zaun, Hund
und Mann
– Zaun, Hund und Mann sein.
Langsam werden sie klein
und – wie zuvor – schliesst mich
die friedliche Stille wieder ein.