44 | Zwei Mal schon

Zwei Mal schon hat der Wecker
seinen Dienst getan
und wurde unterbrochen,
schließlich die Albträume abschütteln
und doch die Augen aufschlagen,
Kaffee brauen, Zähne putzen,
ein Blick in den Spiegel.
Frühschicht sonnabends –
eine Herausforderung.
Um sieben soll die Salatbar
geöffnet sein.
Was tut man nicht alles für die Kunst?

„März“ ins Russische übertragen von Anya Ovsepian

14 | Март

Филигрань, желтые журавли выделяются на фоне большого города

В как будто бы разрисованном сером небе.

Метро проезжает с колоколами

Прямиком мимо меня.

 

 

Мои ноги равномерно нащупывают путь

Через темный влажный асфальт.

 

 

Для самой себя, я теперь прилагаю больше усилий.

Я стараюсь все чаще,

и прислушиваюсь немного более тщательно.

Собственно – теперь я слышу, хоть и очень тихо,

воркование лесного голубя.

Затем я вспоминаю, и улыбаюсь, потому что понимаю,

что оно тебе не нравится.

Я все еще вижу твой гнев и горечь,

ведь ты это так все время ненавидел,

как только это все стало бременем

– с твоим заискивающим, вопиющим голосом.

Перевод Ани Овсепян, Берлин, Ноябрь 2018 года

Übertragung des Gedichtes: https://www.die-dorettes.de/dorettes/maerz/

Vielen Dank, liebe Anya für die Übertragung ins Russische.
Schön, dass Du den Rhythmus erhalten hast und zu gern
würde ich Wort für Wort verstehen, wie Du es interpretiert hast,
denn Du hast sicher Deinen eigenen Ton gefunden.

Allein sein | Roman Streisand


Allein, allein – ein vages Wort.
Allein: ich bin’s ja nicht. Ist man es je?
Und ist man’s nicht auch gern manchmal ?
Doch schön ist’s, wenn man dabei an wen denken kann.
Wenn man allein sich – oder etwas – gut erlebt, so spürt man’s intensiv
Und noch für einen andern mit…
Die Sonne scheint. Sie scheint allein zu scheinen.
Erst recht beim Mond ist es nur Schein – allein.

Roman Streisand, 8.11.17
http://spilwut.de

Philo-sophie

Um Dummheit geht es doch nie
in der Philo-sophie,
obwohl – schon bei Platon steht,
was Sokrates als Diotimas Gedanken vorträgt
und dieses sei, dass alles (liebevolle) Streben
sehr vom Mangel würde leben.
Von dieser Überlegung spricht Platon
im Symposion.
So ist wohl wahr, dass die, die nicht zufrieden,
viel heftiger und häufiger sich verlieben.
Sie vermuten ja anderswo Überfluß
und wirklich scheint’s – das ist kein Stuß.
So ist des Strebens Hintergrund
der Mangel und
was daraus folgt
führt trotzdem meist nicht zum Erfolg.
Wenn’s auch nicht ganz folgenlos
– ich mein ja bloß.

14.12.2017 | Die Aufklärung

Die Aufklärung hat es sehr schwer
schon seit der Antike und noch mehr.
Schon Sokrates hat formuliert, dass zuerst fragt Philosophie
nach der Erkenntnistheorie.
So sprach er aus: „Ich weiß, dass ich nicht weiss.“
Was dann – als Programm –
seiner Lehre zugrunde lag.
Hier knüpfte auch Aristoteles an,
damit Wissenschaft gelingen kann.
Erst René Descartes hat dann der Allgemeinheit aufgefaltet,
was der Mann schon wußte und was nicht veraltet,
dass das Subjekt zur Welt sich immer positivistisch verhält,
und dies zu Recht, hat er uns allen verständlich erhellt.
Wer diese Intension verkennt
hat die Pointe drin verpennt.
Diese Erkenntnis gibt dem Subjekt
den Antrieb erst sich zu erklären,
was es wissen kann und dann
mit anderen Subjekten gleicher Art
zu erweitern, was ihm als Objekt zu gelten hat.
Immanuel Kant machte dann explizit,
was zum Verkehr zwischen Subjekten  – selbstbestimmt – zu sagen verblieb.

Die absolute Wahrheit gibt es nicht?
Wohl wahr, doch zur Erkenntnis braucht
der Mensch sie ja auch nicht.

13.12.2017 | Das Positive

Zur notwendigen Predictio
macht den Menschen Ritual, Zeremonie und Stereotypie
sehr froh.
Genau auch darum fällt seine Wahl,
auf Zeichen und auf Kopf und Zahl.
Es gibt ihm Sicherheit und Raum für Fantasie.
Daraus hofft der Mensch auf Zukunft hin,
woraus gerät die Gegenwart sehr leicht aus seinem Sinn.
Allein auf Zukünftiges hoffen, glaube mir,
führt zu besoffnem Kopf im Jetzt-und-hier.
Drum hoff nicht allein auf Predictio,
mach‘ hier Dich Mensch jetzt auch schon froh.

Und siehst Du in ein Menschengesicht,
erkenn‘ darin sein eigenes Licht.
Doch ebenso versprich mir bitte auch ganz fest,
dass Du Dein eigenes nicht dabei verläßt.

12.12.2017 | Immanuel Kant

Der Philosoph Immanuel Kant
ist wohl bekannt in Stadt und Land.
Nicht minder meinen Land und Stadt,
sie wüßten, was der alte Mann uns heute
noch zu sagen hat –
Vernunftgebrauch sei unsere Pflicht.
Du sagst: „Das ist nicht viel.“
Doch ist’s viel mehr als läppisches Gedankenspiel.
Vernunft, sagt er, ist kein Kalkül
zum Zweck eines einzelnen praktischen Ziels.
Er weist den Weg zu dem Prinzip,
das jeder Handlung erst wahre Form
und menschliche Schönheit gibt.
Nicht an dem Ziel allein bestimmst Du
wohl, was als gute Handlung Dir gelingen soll.
– Ins Zentrum stellst Du Dich und jedes andere Subjekt
als Ziel, Mittel und zugleich Zweck zur Prüfung Deiner Handlungsweise.
So sprach er und das war sehr weise.
Er wies den Weg aus dem Gedankenkreise.
Du kratzt am Kopf Dich und meinst noch:
„Damit ging der Salat erst wirklich los, das weiss man doch.“
Erkenntnis sei doch subjektiv
und diese Einsicht primitiv.
Doch scheint nur schlicht,
was doch sagt, was allen dann doch sehr behagt
– wir sind Subjekt und im Verkehr mit anderen Subjekten mehr.
Von Dir und mir und allen anderen spricht,
wozu das praktische Gesetz uns Pflicht.

Was Kant hier sagt, sagst Du mit Hegel, das sei doch leer.
Ich frage mich: „Ist das so schwer?
Das ist der Sinn, wie kriegst Du denn sonst Zukunft hin?“
Was Kant da sieht und anerkennt, gilt doch für immer
und in Ewigkeit und sagt mit Worten: „Du bist längst bereit.“

Am Anfang geht’s noch zögerlich,
doch jeder Schritt ermutigt Dich.
So hoff‘ ich sehr und bin in Ruh,
Du lächelst mir von morgen zu.

angeregt von Christian Morgensterns Gedicht „Der Fahrradkünstler Sausebrand“