171 | Umarmt

Sind zerstäubt vom grauen Herbstdämmerlicht.
Haben wenig Hoffnung und Zukunftszuversicht.
Umarmen uns selbst und warten schlicht,
dass die Tage wieder heller sind und es Frühling ist.

Fröstelnd ziehen sich schmerzende Schultern zusammen.
Die freundlichen Spätsommertage sind vergangen.
Der Himmel finster und wolkenverhangen,
schlummert in uns ein sachtes Verlangen.

Die Blätter fallen im zugigen Wind.
Wir krängen auf der Strasse,
weil wir von ihm angeblasen sind.
Vor uns mit dampfendem Tee die Tasse,
versinken wir im Blues der dunstigen Tage.

139 | Stadtsommer

Unablässig knattert und braust es
in Häuserschluchten auf schmelzendem Asphalt.
Nicht anders, als das Meer
im Sturm, rauscht es.
Als sei es Brandung klingt der Verkehr.

In warmer Sommerluft liegt der Geruch
von zerfliessendem Teer.
Der leichten Kleider Kattun bauscht sich
in heisser Böe über dem Gehsteigpflaster.
Der Hitze Lufthauch
macht das Atmen schwer.

Im gleissenden Schein der langen Tage
liegt die bunte Trauer des Herbstes fern.
Träg gleiten ein paar Schwäne
auf dem Spiegel des Kanals.
Am Abendhimmel – nördlich –
erscheint die Venus als der erste Stern.

112 | Morgen III

Dem Kaffee nachschmecken.

Morgenkühle von den Schultern schütteln.
Das Frühstück aufdecken.
Das Telefon annehmen.

Von den nackten Füssen her frösteln.

Nach der Morgensonne sehen.
Auf die Spatzen und Meisen lauschen.

Das Rauschen der Blechlawine hinnehmen.



Nervös die Handrücken kratzen.

Pläne für die nächste Zeit anpassen.

Verse in einem Gedicht einfassen.

Musik andrehen.



Minuten beim Vergehen zusehen.

Jobofferten anzeigen lassen.

Nachrichten verstehen.
Auf Dein Foto sehen.

113 | Unwiederbringlich

Wir haben tagelang erwartungslos leer in die Ferne geblickt.

Sind desillusioniert auseinandergerückt.

Haben die Hände nach einander ausgestreckt,

uns voneinander abgestossen und schliesslich versteckt.



Uns bringt kein Tag mehr das Verlorene zurück.

Wir streifen ruhelos umher 

und suchen sehnsüchtig das ungenannte Glück.
Erschöpft schwanken wir voran, von Bitterkeit schwer.

Könnte ich, ich würde Deine Seele einfangen.

– Durch Dein Augentor bis auf ihren Grund gelangen.
– Dich mit Sanftheit und Wärme umfangen.
Doch ich finde Dich längst nicht mehr.

114 | Damals

Als die Tage heil waren und ganz.

Als ich unter dem Schutzmantel Deiner Liebe stand.

Als der Himmel frei war und weit.

Als wir einander küßten und lachten und zum Tanz waren bereit.



Als die Möglichkeiten grenzenlos waren.

Als wir Hindernisse lernten zu umfahren.

Als wir auf schwankenden Stegen

balancierten.



– Waren wir Riesen.

111 | Morgen II

Eine Amsel jubiliert.
Spatzen tschilpen blechern.
Ein Moped knattert aggressiv und fährt
zögerlich vorbei.

Autos brummen wartend an der Kreuzung.
Quietschend hält ein Lastzug.
Monteure hämmern schallend
auf dem Dach gegenüber.

Zum Bewerben habe ich heute keine Lust.
Ein Arbeitsplatz auf den ich pass
ist nicht zu finden.
Bald duften wieder die Linden.

Schlurfend kurvt eine Kehrmaschine vorüber.
Türen schlagen, Autos starten.
Die Menschen haben Ziele.
Mir bleibt Verdruss und warten in der Kühle.

110 | Morgen

Einen Faden aufheben.

Pläne spinnen.

Kaffee trinken.

Horizonte ersinnen.



Einsamkeit überwinden.

Der Zeit entrinnen.

Grüße aussenden.
Hochgelagerte Füsse ansehen.



Gedanken, die im Kreise gehen.
Aus dem Schwingstuhl aufstehen.

Nach den Freunden bei Facebook sehen.

Die Schallplatte umdrehen.



Nur Gegenwart kennen.

Das Jetzt benennen.

Kurz an Dich denken.

Vom Verdruss ablenken.



Verse reimen.

Geräusche belauschen.

Wünsche – aufkeimend.

Das Nachtkleid eintauschen.



Mit dem Kind sprechen.

Annoncen lesen.

Frühstück machen.
Tageinwärts leben.

107 | Frühlingstage

Ich hasse diese schönen Tage, 

an denen windstill herab die Sonne gleisst.

Mein Herz will, dass ich Trauer trage.
Nimm doch bitte all die Frühlingsboten und den hellen Schein

und lass mich allein und verbittert sein.


Einzig will ich von Verlust, Sehnsucht und Kummer

in meiner dämmrigen Kammer 

dunkelblaue Verse schreiben. Darin

ist mir mehr Befriedigung,

als wenn die Vögel wieder singen.

47 | Was wird aus mir?

Andere, die brechen gut gerüstet und stetig
in die Zukunft der Apokalypse auf.
Sitz nur ich da und frag mich,
dürfen die das ohne mich denn überhaupt?

Was soll ich tun?
Wer kann ich werden?
Bin ich mit schrumpfenden Einssiebenundsechzig
nicht mehr mit von der Partie?

Sagt mir bitte, was soll ich werden,
damit ich hinaus kann, so wie sie?
Gerade erst neulich bemühte ich mich wirklich,
doch andere träumen anders.

Ich sehe so viele Menschen hungern.
Am Ende gewinnt die Bestattungsindustrie.
Das werde ich vorerst quicklebendig verhindern,
denn ich bin schlauer als sie.

46 | Traum und Wirklichkeit

Die Gastfreundschaft der Nomaden
erfreute mich schon oft.
Ich lud sie in mein Zelt ein
und war bei ihnen zu Gast.

In sternenklaren, frostkalten Nächten,
ob es Tee oder Hunger war,
was wir teilten,
– wir tauschten höflich Geschichten,
die manchmal gut dagegen waren.

Am Morgen in der Wüste,
denke ich an die Oasen
auf meinem staubigen Weg.

Ich pflücke eine Feder
vom Daunenkissen
und stecke sie in mein Haar,
greife nach der Uhr,
die neben dem Bett
auf dem Hocker liegt,
während meine Gedanken
bei einem entfernten Wanderer sind
und hoffe, dass er unsere Hochzeit
morgen nicht versäumt.