100 | Augustnachmittag

Die S-Bahn klingelt von
Station zu Station.
Am Wannsee wartet die Fähre schon.
Sie gleitet über den See nach Kladow.

Der Ausblick über’n Bug ist
mit Segeln bestückt.
Die Boote stehen still,
weil kaum ein Wind wehen will.

Vom Anleger geht’s im Slalom
um die dunklen Pfützen herum.
Am Ufer der Havel stapfen wir
durch den Wald.
Die Wolkendecke reisst auf.

Wir ziehen unsere Jacken aus.
Hinüber zum Sacrower See müssen
wir einen steilen Hügel hinauf.
An der Badestelle watest Du nackt
in das kalte, klare Wasser.

Du drehst fröstelnd um bevor
es Deinen Bauch erreicht.
Eine schöne Göttin,
die den Fluten entsteigt.

Wir gucken in der Gärtnerei,
ob es Schmorgurken gibt
und da es nicht so ist,
nehmen wir eine dralle,
grüne Zucchini mit.

Im Sommergarten des Rittersaals
machen wir Rast
und schmausen Pilzgerichte
und einen kleinen Salat.

Warmer Apfelstrudel rundet
unser Mahl ab
und gestärkt lenken wir unsere
Schritte auf den Pfad,
den wir gekommen sind,
zurück nachhause.

Regenwolken ziehen auf,
doch wir werden nicht nass.
In Kreuzberg glänzt
der feuchte Asphalt,
als ich aus der Bahn aussteige.

Ich atme die frische, feuchte Luft
während ich mit dem Gemüse in der
Hand über die Monumentenbrücke
meiner Wohnung zueile.

So muß das Leben sein.
Das war eine schöne Weile.

93 | Vor der Tür

Vor der Tür ist Lärm
– Rattern, Knattern und Poltern.
So dröhnt der Sommer
unter dem Sonnenstern.
Geschäftiges Treiben
– laut und munter.

Jedoch – ich lagere matt
hinter zugezogenen Gardinen
in meinem weichen Grab
aus Decken und Daunenkissen.
Auch wenn ich einen Körper hab‘
– ich will mich nur strecken und niesen.

Schon nimmt die Länge der Tage ab,
bald kann ich den Winter geniessen.

191 | Musik

Meine Gedanken ziehen Kreise
während ich schweige.
Kristallene Tropfen
rinnen über mein Gesicht.

Ich setze mich
und bastele ein Gedicht.
Drehe gegen die Stille
die Musik laut auf.

Ein paar Schritte
tanze ich.
Dann bin ich
besser drauf.

Ich fühl mich
nicht mehr allein.
Kann gegen den Kummer
mit den Songs anschreien.

178 | Zeitenlauf

Die Tage sind wolkenverhangen vergangen,
seitdem wir genüßlich unser Eis verschlangen.
Du machtest Deine Gegeneinladung zum Essen
bisher nicht wahr.

Ich überlege – wie können wir zueinander gelangen?
Wie streife ich den weissen Kalk aus meinem Haar?
Haben wir den rechten Zeitpunkt vergessen?
Ist ein so unterschiedliches Paar
nicht füreinander gemacht?

171 | Umarmt

Sind zerstäubt vom grauen Herbstdämmerlicht.
Haben wenig Hoffnung und Zukunftszuversicht.
Umarmen uns selbst und warten schlicht,
dass die Tage wieder heller sind und es Frühling ist.

Fröstelnd ziehen sich schmerzende Schultern zusammen.
Die freundlichen Spätsommertage sind vergangen.
Der Himmel finster und wolkenverhangen,
schlummert in uns ein sachtes Verlangen.

Die Blätter fallen im zugigen Wind.
Wir krängen auf der Strasse,
weil wir von ihm angeblasen sind.
Vor uns mit dampfendem Tee die Tasse,
versinken wir im Blues der dunstigen Tage.

139 | Stadtsommer

Unablässig knattert und braust es
in Häuserschluchten auf schmelzendem Asphalt.
Nicht anders, als das Meer
im Sturm, rauscht es.
Als sei es Brandung klingt der Verkehr.

In warmer Sommerluft liegt der Geruch
von zerfliessendem Teer.
Der leichten Kleider Kattun bauscht sich
in heisser Böe über dem Gehsteigpflaster.
Der Hitze Lufthauch
macht das Atmen schwer.

Im gleissenden Schein der langen Tage
liegt die bunte Trauer des Herbstes fern.
Träg gleiten ein paar Schwäne
auf dem Spiegel des Kanals.
Am Abendhimmel – nördlich –
erscheint die Venus als der erste Stern.

112 | Morgen III

Dem Kaffee nachschmecken.

Morgenkühle von den Schultern schütteln.
Das Frühstück aufdecken.
Das Telefon annehmen.

Von den nackten Füssen her frösteln.

Nach der Morgensonne sehen.
Auf die Spatzen und Meisen lauschen.

Das Rauschen der Blechlawine hinnehmen.



Nervös die Handrücken kratzen.

Pläne für die nächste Zeit anpassen.

Verse in einem Gedicht einfassen.

Musik andrehen.



Minuten beim Vergehen zusehen.

Jobofferten anzeigen lassen.

Nachrichten verstehen.
Auf Dein Foto sehen.

113 | Unwiederbringlich

Wir haben tagelang erwartungslos leer in die Ferne geblickt.

Sind desillusioniert auseinandergerückt.

Haben die Hände nach einander ausgestreckt,

uns voneinander abgestossen und schliesslich versteckt.



Uns bringt kein Tag mehr das Verlorene zurück.

Wir streifen ruhelos umher 

und suchen sehnsüchtig das ungenannte Glück.
Erschöpft schwanken wir voran, von Bitterkeit schwer.

Könnte ich, ich würde Deine Seele einfangen.

– Durch Dein Augentor bis auf ihren Grund gelangen.
– Dich mit Sanftheit und Wärme umfangen.
Doch ich finde Dich längst nicht mehr.

114 | Damals

Als die Tage heil waren und ganz.

Als ich unter dem Schutzmantel Deiner Liebe stand.

Als der Himmel frei war und weit.

Als wir einander küßten und lachten und zum Tanz waren bereit.



Als die Möglichkeiten grenzenlos waren.

Als wir Hindernisse lernten zu umfahren.

Als wir auf schwankenden Stegen

balancierten.



– Waren wir Riesen.

111 | Morgen II

Eine Amsel jubiliert.
Spatzen tschilpen blechern.
Ein Moped knattert aggressiv und fährt
zögerlich vorbei.

Autos brummen wartend an der Kreuzung.
Quietschend hält ein Lastzug.
Monteure hämmern schallend
auf dem Dach gegenüber.

Zum Bewerben habe ich heute keine Lust.
Ein Arbeitsplatz auf den ich pass
ist nicht zu finden.
Bald duften wieder die Linden.

Schlurfend kurvt eine Kehrmaschine vorüber.
Türen schlagen, Autos starten.
Die Menschen haben Ziele.
Mir bleibt Verdruss und warten in der Kühle.

110 | Morgen

Einen Faden aufheben.

Pläne spinnen.

Kaffee trinken.

Horizonte ersinnen.



Einsamkeit überwinden.

Der Zeit entrinnen.

Grüße aussenden.
Hochgelagerte Füsse ansehen.



Gedanken, die im Kreise gehen.
Aus dem Schwingstuhl aufstehen.

Nach den Freunden bei Facebook sehen.

Die Schallplatte umdrehen.



Nur Gegenwart kennen.

Das Jetzt benennen.

Kurz an Dich denken.

Vom Verdruss ablenken.



Verse reimen.

Geräusche belauschen.

Wünsche – aufkeimend.

Das Nachtkleid eintauschen.



Mit dem Kind sprechen.

Annoncen lesen.

Frühstück machen.
Tageinwärts leben.