115 | November

Die Krähe aus der Nachbarschaft
läßt an der Kreuzung Walnüsse
vom Baum in der Strasse
durch drüberollende Autos knacken.

Der Wind blättert die Seiten
des dicken Buches auf dem Dach
der Bushaltestelle um.
Ein feiner Niesel wellt das Haar.

Das grosse Kind strahlt am Treffpunkt.
Wir setzen uns ganz dicht ans Fenster
und spähen in den grauen Tag.
In der Parkbucht hat ein Minilaster
mit einer Notunterkunft
für Menschen ohne Obdach
auf seiner Ladefläche geparkt.

Es ist der Monat des Gedenkens
nicht nur an Heinrich Heine.
Frivol erscheint einem
das kommende Fest des Schenkens
und der Champagner schal.

Nur die Kleinen mit ihren Leuchten
in den Händen und an den Schuhen
erhellen die trübe Dämmerung
in den Strassen nachmittags um vier.
Im Netz wird in Tweets beraten,
ob andere bald das Jahr mit Getöse
verabschieden dürfen.

Die meisten plädieren
für einen Abschied in Grabesruh.

109 | Lebe mehr in der Gegenwart, sagt Gottt

Lebe mehr in der Gegenwart, sagt Gottt
und er hat recht. Doch wie gelingt mir das?
Sicher – das Schichten hilft – dabei kann
ich die Vergangenheit ganz vergessen.

Es gibt nur das Glas, das zu putzen ist
und mich. Es gibt nur die Melonen,
die zu teilen sind und mich.
Es gibt nur die Regale und die Ware
im Kühlhaus, die zu verräumen ist
und mich.

An diesen Tagen bin ich abends platt.
In meiner Freizeit aber bin ich traurig und matt.
Dann sind nur die Treffen mit Gottt
Medizin für mich.

Doch nachts in meinen Träumen
holt mich das Gestern ein.
Wie lasse ich nur
Vergangenes vergangen sein?

95 | Dort, wo die Flügel sich befanden

Dort, wo sich die Flügel an den Schulterblättern befanden,
schmerzt es.
Die Sonne steht schon flach über dem Horizont
und des Schattens Kälte lauert.
Gottt scherzt
ungehört.
Die altbekannte Melodie der Melancholie kriecht
durch das honiggoldene Herbstlicht.
Die einstigen Triumphe sind verblaßt
und wärmen nicht.
Das Haar ist fahl
und die Träume ebenfalls ergraut.
Am Morgen steh’ ich vor der Sonne auf.

93 | Eines Tages

Ich denke, eines Tages wirst Du mir verraten,
was Dich so gekränkt hat,
dass wir nach dreiunddreissig Jahren
kein Wort mehr miteinander sprachen.

Was es war, das ich Dir tat,
das Dich so bitterlich enttäuscht hat.
Du mußtest gehen.
Ich liess Dich ziehen.

Von da an hast Du
in einer Fremden Arm gelegen.
Was es wohl war?
Ach, auch wenn ich’s nicht erfahr’,
wird es mir irgendwann egal.

90 | Wir gehen hinaus

Jeden Tag gehen wir zur Tür hinaus
und stellen uns dem Leben.
Zu lang haben wir im Schatten verbracht,
jetzt wollen wir vorwärts streben.

Noch sind wir der Herren Magd,
doch eines Tages wird sich ein Sturm erheben,
dann wischen wir die Knechtschaft fort
und werden schwesterlich leben.

Wir werden die Zentner Melonen verteilen
und unsere Becher zum Trinkspruch erheben.
Wir werden nicht länger im Staub verweilen
und hier auf Erden schon stolz und würdig leben.

09 | Winterwochenende

Hellblau, Zartgelb und Rosa
– das “Tag”-Gemälde von Ferdinand Hodler.
Dunkel geränderte Portraits und Figuren.
Zweieinhalb Stunden mit Masken.

Auf Bänken vor Landschaftsbildern rasten.
Die Farben leben von Kontrasten.
Vor’m Haus spiegelt blank der feuchte Weg.
Geschwind durch die Häuserblöcke zur U-Sechs.

Im Wedding in der grossen Küche:
Karlsbad und Grandezza,
Kreuzfahrt und Pantomime,
Wolfgang und Frank Zappa.
Enrico tritt auch mit Gitarre
auf die Bühne.

Vom Heimweg in der Nacht
– Nüsse und ein Bier mit nach Hause gebracht.
Kerzenlichter in einer Kaschemme.
Weihnachtsdeko in Fenstern

und auf Balkonen.
Ab April wird ein neuer Untermieter
bei mir wohnen.
Am Sonntag wird gebacken.

Die Tochter hat “Freunde mit Macken”.
Ihr Liebster zieht zu ihr.
Er hat noch keinen Plan.
In ein paar Tagen fängt ein neues Jahr an.