158 | Ein verhallender Appell

Wir gingen schnellen Schrittes
um den herbstlichen Kanal
und wichen den dunklen Pfützen
aus – oder nein –
Du sprangst mit Deinen roten Stoffschuhen
mitten in eine hinein.

Wir sprachen, was geplant sei
und ich sah, dass es in einen
kraftzehrenden Kreis hinein führt,
wenn Du das Leben auf der Strasse
als Perspektive akzeptierst.

Ich versuchte Dich zu motivieren
und fragte nach Deinem Sohn.
Was soll er von Dir denken –
Papa was a rolling stone?

Leider antwortetest Du: „Ja.“
Da wurde mir bang.
Ich appellierte:
„Laß Dich nicht von den Extremen verführen.“
Doch ich spürte, dass es ungehört verklang.

Du wolltest nicht versprechen,
dass Du nicht wieder auf die Strasse gehst.
Es macht mir grosse Sorgen,
dass Du dem Sog des Lebens
als Überleben nicht widerstehst.

157 | Himmel in Mausgrau

Kringle mich in die kürzer werdenden Tage.
Heimelig vertraut der Himmel in Mausgrau.
Melodisch tröpfeln –
gleichmässig auf die Fensterbleche pochend
– Regentropfen.
Voller Sehnsucht brennt die Haut.

Muß ein Fels sein, ein Heimathafen
und bin nur ein dürrer, morscher Zweig.
Trotzdem schweige ich und halte Ausschau,
denn wer weiss, ob nicht eines Tages
Dein Schiff mich doch erreicht.

156 | Samten sinkt die Nacht

Samten sinkt die Nacht herab –
zerschnitten vom Kläffen eines Hundes,
das durch die Strasse schallt.
Schmerz zieht stechend vom Genick
in die Schultern hinab.

Das ist wohl nichts Besonderes,
ich werde nur alt.
In meinen Knochen steckt der langgezogene Tag,
der junge, flammende Sehnsucht barg.

Am Morgen schwang ich mich auf’s Rad
nachdem ich eine Tasse
schwarzen Kaffee getrunken hab.
Jetzt mache ich bei der Erinnerung halt.

Ich warte auf einen Traum und Schlaf
und suche Rast
bis morgen ich mich an einem neuen Tag
wieder an den Schreibtisch kauer‘.

155 | Ich liess‘ Dich ruhen

Du bist so unendlich müde vom Leben.
In Deinen Augen stehen Tränen.
Könnte ich Dir in Deine Träume folgen,
ich liesse Dich ruhen.

Doch es beunruhigt mich,
dass Du fast nur noch ein
Schatten Deiner selbst bist,
dem ich – augesperrt – in den Schlaf nachblick‘.

Könnte ich Dir doch helfen zu genesen,
das Haar und die Gefühle Dir entwirren,
Dich mit geschlagenem Rahm und Liebe nähren
und Dir den Knoten im Magen lösen.

154 | Ein Sommer geht schlafen

Das Jahr jagt durch die Tage.
Ein Sommer geht vorbei.
Der Himmel strahlt im Dauerglanze.
Der erwünschte Regen kommt nicht herbei.

Gottt träumt vom Staatsstreich.
Dann ist Schluß mit dem Kleinklein
und endlich können wir Göttter
und heldenhafte Kämpfer
für die Gerechtigkeit auf Erden sein.

Man müßte nicht mehr schusterflicken
im geschichtlichen Prozess.
Gotttes Erhabenheit würde siegen
und es gäbe nicht nur kleinlichen Protest.

153 | Sonntag

Wir schlendern durch die sonnigen Strassen
an diesem frühherbstlichen Sonntag.
Auf dem Friedhof finden wir im Mittagslicht
eine schattige Bank.

Eichhörnchen wuseln an den schartigen Stämmen
der Eschen auf und ab.
Sie vergraben ihre Funde
in einem frischen Grab.

Wir gehen weiter als sich der Himmel
mit einer Federwolke verschleiert
und finden einen gemütlichen Sitzplatz
im Licht vor einer schützenden Hauswand.

Müßig betrachten wir die Passanten.
Nach einer Weile ziehen wir weiter.
Geniessen noch ein Eis.
Dieser Tag verlief heiter
und die Spatzen tschilpen leis.

152 | Nachtseite

Die frühherbstlichen Schatten – dunkel und tief –
führen kühl in die Winterzeit des Lichts.
Der Tanz des Staubkorns in der Sommerglut
ist nicht mehr als eine Erinnerung, wenn auch mir lieb.

Die ungeheure Nacht kündigt sich an
und greift um sich. Schlüpfe in jeden Strahl des Tags
und hoffe, dass die Erinnerung
mich durch die finstere Zeit trägt.

Ich hoffe auch, auf eine neue Frühlingssilbersichel des Mondes
im April und dass die Luft wieder gefüllt von Rosenduft
und mir ein schmelzzarter Kuß
wird gewährt.

Doch sinkt mein Mut,
wenn ich spür, wie hart das Pflaster
unter meinen Schritten liegt.
Dann zweifle ich sehr, ob der nächste Sommerwind
mich bald schon wieder wiegt.

151 | Es ist so still

Es ist so still.
Das Herz klopft ruhig.
Der Kopf ruht schwer auf dem Genick.
Man hat Verdruß,
weil der Magen Zwiebelkuchen
verdauen muß.

Welche schale Frucht
bieten die überdrüssigen Gedanken.
Denke nicht hin
– an Dich.
Löse das Rätsel nicht,
wie wir zueinander gelangten,
weil das vergeblich ist
und wir schon etliche Male
von der bitteren Einsamkeit tranken.

150 | Man möchte

Es weiss ein Mensch kaum,
einen anderen zu trösten,
Man möchte darum, umeinander taumelnd,
zärtlich beieinander liegen.

Es weiss ein Mensch kaum,
einem anderen nahe zu kommen.
Drum möchte man wortlos
Liebeslieder für einander summen.

Es weiss ein Mensch kaum,
sich aus der Sehnsucht zu lösen.
Darum möchte man scheu
die Maske lüften
und einander unverschleiert anblicken.

Es weiss ein Mensch kaum,
den anderen nicht mit Erwartungen zu erdrücken.
Darum quellen die Tränen des Verlangens
heiss über die schützenden Handrücken.

149 | Die Welt

Sehe die Welt an
und fasse sie nicht,
die Kinder von Moria
und ihre Eltern
– gefangen, elend und unschuldig.

Die Stille und Kälte
ihnen gegenüber sind unheimlich.
Sie sollten bekränzt sein,
mit Blumen und Glück,
genau wie wir
und leben in Schönheit.

Seien wir würdig und geben ihnen
Würde und Hoffnung zurück,
Brot, Bücher und Poesie,
ein Dach über dem Kopf
und ein schönes Lied,
Schulen und Bildung
und zur Gestaltung
von Zukunft – Phantasie.