Rose aus Wind | Maja Loewe

ich sammle dir den herbst
aus dem fell der nebelhunde

trinke ein glas blaue luft
und tauche meine zunge

in die alphabete der möwen
verkoste erst wolkenreste

und danach den atem
der schlafenden hirsche

pirsche durch laub, masken
und übersehene früchte

meine silben, sie strecken
ihre dünnen finger aus

und pflücken uns eine rose
aus wind

für die weißgekleideten tage

110 | verschieden

Was haben Wind und Blatt
am Ast gemeinsam?
Was teilen Tag und Nacht?
Wie gehen Du und ich
zusammen auf Fahrt?

Der eine kichert,
die andere weint.
Wie sind wir
auf unserem Weg vereint?

Der eine flüstert,
die andere schreit.
Finden wir uns trotzdem
ohne Streit?

Ist es das Dunkel,
das das Helle heilt?
Sind es die Antworten,
die vereinen,
was sich in Fragen teilt?

109 | Oktober

Vor dem Fenster tragen die Linden goldenes Laub.
Ein neuer Mitbewohner erobert das Haus.
Schlafe gemütlich den Rausch vom Federweissen aus.
Verweile im Bett
bis abends um sechs.

Kuschle – muß ich dann doch hinaus –
mich in meinen Herbstmantel ein.
Sehe auf Balkonien die Blätter
vom rotgefärbten Wein.

Die possierlichen Spatzen
flattern vor den Scheiben herbei.
Sie treiben ihre Scherze.
Ihnen ist das Wetter,
ob Sonne, ob Regen,
ganz einerlei.

107 – Im Fluss

Wir treiben im Fluss der Zeit —
Von Herzschlag zu Herzschlag.
Wir driften vom Frühlicht
Zur Abenddämmerung —
Fahren durch die Nacht zum Tag.

Wir singen die Legenden
Unserer Leben.
Das Pochen in der Brust
Trommelt den Rhythmus dazu.

Wir branden auf den Strand
Der Entwurzelten und
Schlagen ihren Kahn leck.
Wir sinken auf den Grund
Der uferlosen Geschichten.—
Verlassen unsere Gefährten
In Zorn und Streit.
Zur Versöhnung fehlt uns
die Kraft und Gelegenheit.

Wir treiben im Fluss der Zeit.
— bis ein Hauch uns zerstäubt.

106 – Sternenhimmel

Wir navigieren einsam durch das Dunkel der Nacht.
Unser Weg ist vom silbernen Leuchten der Sterne
und der Mondsichel beschienen.
Ein milchiger Schleier liegt über den Wiesen
am murmelnden Bach.

Wir trinken durstig den Tau
unter dem sich die Halme biegen.
Am Tag strahlt auf uns die Sonne herab.
Der Weg zum Horizont schlängelt sich zu unseren Füßen.

Es drängt uns kein Tagwerk.
Es ist schon zu viel getan.
Wir ziehen mit den Wolken voran.
Wie sie die Pflanzen begießen,
werden wir das, was uns begegnet, begrüßen.