58 | Klares Wasser.

Für Dich.
Für Dich schöpfe ich.
Für Dich schöpfe ich klares Wasser.
Für Dich schöpfe ich klares Wasser
in der hohlen Hand.

Damit Du Deinen Durst 
gesegnet löschen kannst.
Dir streiche ich die verschwitzte 
Locke
aus der Stirn.
Denn das Ernste an Dir,
das habe ich gern.

Dir halte ich die hohle Hand
vor die aufgerissenen Augen,
damit Deine Entzündungen genesen.
Dir lege ich die beruhigende Hand auf’s
verkrampfte Herz, damit sich die Spannungen lösen.

Neben Dir wandere ich
am Tag und ruhe in der Nacht,
um unseren Raum auszumessen.
Ich tunke Dein Brot in das Öl
und reiche Dir ein Stück Käse vom Schaf.

57 | Der Mond

Geliebter, so schön hell scheint der Mond.
Der Mond scheint hell.
Er ist fast voll.
Wir waren klug, drum haben wir
das Glück zu fassen bekommen.

Geliebter, wer stört das Glück?
Glück wird gestört, denn es stört
die Finsternis.
Der Unglückliche gerät unter das Joch.

Geliebter, Dir gehört mein Herz.
Mein Herz, Geliebter, gehört Dir.
Man hat mich gedrängt unters Joch zu gehen.
Unterm Joch kann ich nicht gehen.
Ich bin frei.

Fragt man ein Rotkehlchen
den Wagen zu ziehen?
Es erfreut doch mit seinem Gesang.
Du und ich, wir gehören einander.
Nur Dir gehöre ich an.
Es gibt nicht anderes,
was so schön scheint mein Freund,
nur Liebe hat diesen Glanz.

56 | Lebensstrom.

Ich lebe.
Ich atme.
Ich atme aus.
Ich atme ein.

Der Brustkorb hebt und senkt sich.
Die Bauchdecke hebt und senkt sich.
Du bist da.
Du bist ein goldenes Licht.
Ich erinnere mich genau an Dich.

Ich möchte leben,
damit ich mich immer an Dich erinnern kann.
Du bist das Schönste,
was ich mir wünschen mag.

Du bist geflohen,
bevor wir einander das Herz brachen.
Du hast die Wonne der Lust
zurück in mein Leben getragen.

Ich wurde gefragt,
ob wir unseren Sohn 
den Menschen zum Geschenk machen.
Wir sagten nein.

Es sind Jahrtausende vergangen,
damit wir uns begegnen konnten.
So viel Glück in gleissenden Stunden
von uns zwei zähen Kämpfern errungen.

48 | Ansichtssache



Du trägst seit einer langen Weile
Deinen finsteren Scheinwerfer
an einem anderen Ort.

Ich sollte mich sputen,
doch noch erhoffe
ich mir mehr von 
meinen Träumen.

Ich besitze im Gedanken an Dich
eine Wunderlampe,
denn mit ihm schenke ich mir Glanz
in das trübe Tageslicht.
So weiche ich seinem Bellen aus.
Es ist etwas an dem ich mich
im Taumel der Unlust festhalten kann.

Wider alle Einsicht, 
fülle ich den Tag
noch einmal mit Deinem Zauber und
seinen Beschwörungen aus.

Ich sitze an einem Tisch
vor der Kneipe
während ich mir Nico und 
Enricos
Kunstwerk anschau
und wünschte, ich köpfte
ganz einfach
das namenlose Ungeheuer
das auf mich zukriecht
mit den Waffen einer Frau.

47 | Was wird aus mir?

Andere, die brechen gut gerüstet und stetig
in die Zukunft der Apokalypse auf.
Sitz nur ich da und frag mich,
dürfen die das ohne mich denn überhaupt?

Was soll ich tun?
Wer kann ich werden?
Bin ich mit schrumpfenden Einssiebenundsechzig
nicht mehr mit von der Partie?

Sagt mir bitte, was soll ich werden,
damit ich hinaus kann, so wie sie?
Gerade erst neulich bemühte ich mich wirklich,
doch andere träumen anders.

Ich sehe so viele Menschen hungern.
Am Ende gewinnt die Bestattungsindustrie.
Das werde ich vorerst quicklebendig verhindern,
denn ich bin schlauer als sie.

46 | Traum und Wirklichkeit



Die Gastfreundschaft der Nomaden

erfreute mich schon oft.

Ich lud sie in mein Zelt ein

und war bei ihnen zu Gast.



In sternenklaren, frostkalten Nächten,
ob es Tee oder Hunger war,
was wir teilten
– wir tauschten höflich Geschichten,

die manchmal gut dagegen waren.



Am Morgen in der Wüste,

denke ich an die Oasen

auf meinem staubigen Weg.


Ich pflücke eine Feder

vom Daunenkissen

und stecke sie in mein Haar,

greife nach der Uhr,

die neben dem Bett 

auf dem Hocker liegt,

während meine Gedanken

bei einem entfernten Wanderer sind
und hoffe, dass er unsere Hochzeit
morgen nicht versäumt.

Reiz | Walter Matti

Die große Stadt
Reizt die Menschen …
Wie die Tzitze das kleine Schweinchen.
Wie der Ball den jungen Hund.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …
Wie die Nuss das Eichhorn.
Wie der Trickfilm das Kind.

Und dann sind sie dabei.
Dann sind sie dazwischen.
Dann sind sie Zeuge
Und dann sind sie Part.

Dann klappern Räder.
Dann spielen Gitarren.
Dann klacken Entwerter
In ruckender Fahrt.

Dann duftets in Parks.
Dann wimmelts auf Märkten.
Dann brummt es in Clubs
Und raucht es in Bars.

Dann leuchtet Asphalt
Im Schein von Laternen
Und riecht es nach Street Food
Und etwas nach Gras.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …

Und dann ist Montag.
Dann ist es morgens.
Dann ist es früh.
Dann ist es schon spät.

Dann ist August.
Dann ist es Sommer.
Dann ist es schwül
Und die Luft steht.

Dann stoßen Menschen,
Dann riecht man Menschen,
Dann hört man Menschen
Direkt neben dem Ohr.

Dann öffnet die Tür.
Dann wird nachgeschoben.
Dann flucht man lautlos
Und denkt an Mord.

Die große Stadt
Reizt die Menschen …

lüb000

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Vielen Dank.

Irgendwo da draußen | Rüdiger Heins

flüstern sich die Worte
durch ein weißes Papier
während der abgenutzte Bleistift
mit einem leisen Rauschen
über die Textkulisse gleitet

versucht er mir Worte
abzuringen die meinem
Ego schmeicheln

entfernte Stimmen
begleiten die Abendstimmung

und ich erträume mir
den Sonnenuntergang

während sich ein Kind
irgendwo in den

Plasticos Barrios von Managua
aus einem alten zur
Mülltonne umfunktionierten
Ölfass ein paar Essensreste
mit den Händen greift

kokettiert eine Wespe
auf meiner Terrasse
mit einer Olive

und da draußen

irgendwo zwischen
Afrika und Europa hoffen
sich Menschen ein neues
Leben während die Luft in
ihrem Schlauchboot immer

weniger wird höre ich einer
Nachtigall zu

und pflege mein Ego

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