62 | Die Sommer

Es war schön
mit Dir auf’s
Firmament zu sehen.
Der Duft der frischen Tasse Kaffee
liess mich in die Morgen gehen.

Einst waren wir beieinander zuhaus.
Heute drückt sich die Verbitterung
in Schweigen aus.

Eines Tages war ich Dir verhasst.
Und langsam sind die Erinnerungen
an unsere Liebe verblasst.

Doch wenn ich unser Kind ansehe
und wie sich ihre Locken drehen,
dann kann ich unser Glück
und all die Leichtigkeit fühlen,
die es zwischen uns mal gab.

61 | Midsommar

In den dunklen kontinentalen Wintern
dachte ich noch, ich würde den Duft der Kiefern,
das Rauschen der Wipfel und die langen hellen Tage
nie wieder genießen.

Umso überwältigender sind der Hummelflug
und die seidene Luft.
Wir waren auch am Haus und fanden nur
die Milane wieder.

“Du kannst nicht zurückkehren.“ zitierte Gottt Klaus Mann.
Doch Simrishamn duftet noch nach Rosen
und der Strand von Vitemölla ist menschenleer in der Vorsaison.
Katia hat ein neues Glück gefunden
und auch wir waren sehr zufrieden.

60 | Wozu warten?

Die Tage verstreichen,
doch es geht nicht voran.
Worauf noch warten?
Und was kommt dann?

Die einen beten
und wenden sich an Gott.
Das ist mir nicht gegeben.
Ich bin ohne besser dran.

Wir träumen kleinlich
und gönnen dem anderen
nicht die Butter auf dem Brot.

Doch denke ich dankbar
an jenen Herrn, der mir
zwanzig Euro schenkte
einst in meiner Not.

Mir sind diejenigen lieber,
die sich Witz bewahren
und nicht zu Kreuze kriechen
und keine Helme tragen.

59 | Wohlleben

Ich vergesse die feinen Damen nicht,
die mich im “Paris-Moskau”
nicht an den Tisch bitten wollten.
Wie sie mir sagten, weil ich nicht
zu ihrer Klasse gehörte.

Dabei hatten Sie Tränchen in den Augen
und der Schaumwein perlte in ihren Gläsern.
Das war der Tag, an dem man mir ein Ticket
am Bahnschalter schenkte,
um am nächsten Morgen in aller Frühe
von Berlin nach Moskau zu fahren.

Damals wollte ich in Friedensmission
in den Kreml – aus Gründen fuhr ich nicht.
Ich war wohl übermütig,
dass ich es wagte, die propperen Bürgersfrauen
in ihren geblümten Kattun-Blüschen
um eine Einladung zu bitten,
um im Austausch ein wenig Farbe in
ihren blassen Sommerabend zu bringen.

Sie hatten den Mut nicht und schwiegen sich
lieber gegenseitig an und der Kellner
komplimentierte mich dann hinaus –
das war eine verpaßte Chance.

57 | Herzflimmern

Ich träumte viel
und tu es noch.
Doch zerlegen
sind die Polster
meines Bettes.

Du qualmtest viel
und tust es noch.
Doch ascht Du
Deine Zigaretten
an anderen Tischen.

Ich weinte viel
und tu es noch.
Der Rosenstrauch
vorm Haus
treibt Blüten.

Das Kind wurde groß
und ging fort
und Du gingst auch.
Doch kommt sie noch,
mich ab und an besuchen.

54 | Spaziergang von 61 nach 36

Schliesse beide Schlösser
an der Wohnungstür zu.
Pappelsamen sammeln sich zu Büscheln
auf den dunkelbraunen Fliesen im Hausflur.

Wir gehen unsere Strasse
bis zur Brücke hinauf,
steigen die Treppe
zu den Gleisen hinab.

Durchqueren den Park
bis zur Obentraut,
spazieren im Schatten
bis zur Zossener.
Wo der “Brachvogel” stand,
ist alles leer.
Rasten im kühlen Blau
unter weissen und roten Kastanien.

Überlegen kurz am KAU
nach dem Prinzen zu fragen.
Doch das verbiete ich mir.
Überqueren den Kottbusser Damm.
Nehmen am Maybachufer
einen veganen Donut in Empfang.

Am Ufer spielt eine Funksoul-Band.
In der Tabor gehen wir zur Schlesischen,
steigen in den 265er und fahren zur Manteuffel.
Ein indisches Restaurant lockt mit seinen Düften.

Zurück zuckeln wir mit dem 140er.
Die ingwerscharfen Speisen schlagen
noch etwas auf den Magen.
In der Katzbach verlassen wir den Wagen.

Dies war ein besserer
von überwiegend traurigen Tagen.

53 | Mit Sternies im Park

Im Schatten eines Haselbaumes
schmausten wir Torte
und losten mit zwei Stecken,
wer Sternies für das Wegbier hole.

Ich durfte auf der Bank warten
und Gottt hebelte den Kronkorken
an der Tischtennisplatte
in der Hornstrasse
auf.

Wir schlenderten dann
in den Gleisdreieckpark
von Bank zur Schaukel
und lobten die menschliche Staffage.

Mit Schwung flogen wir an langen Ketten
in die Höhe und hielten
schließlich für die Kleinen an,
die auch mal schweben wollten.

Der Flieder duftete und buschte.
Und wir redeten noch ein bißchen auf dem Balkon,
doch war’s uns bald zu warm,
so wechselten wir in den Salon.

Als das Kind kam aßen wir gemeinsam.
Später entwarfen wir einen Plan,
wie man in Berlin doch noch eine Wohnung bekommt,
obwohl man mittellos ist und, wie das Kind, jung.

Wir sprachen auch über den schrecklichen Krieg
und die möglichen dunklen Perspektiven.
Gottt zeigte mir einen Film mit dem originalen Schloß
im Hintergrund, der aus den frühen Fünfzigern stammt.

Habe dann noch die Postkarten vom Dahmer Hof
von vor hundert Jahren vorgekramt,
auf denen auf einer von ihnen
die legendäre Urahnin Dorette vor ihrer Pension stand.

Gegen Mitternacht wurde ich müde
und Gottt ging nachhaus.
Wir sehen uns bald wieder
und in Kürze schon
brechen wir zu einer Reise in den Norden auf.