65 | Imagination

Es verlockt das Neue und Unbekannte,
wie das Vertraute tröstet.
Uns wachsen ungeahnte Kräfte
im Sturm zu.

Der Entwurf unserer selbst
als Greif ruft Imaginationen hervor,
die sein Wesentliches in uns wecken –
das ist alle Magie.

In der Imitation üben wir eine
ungewohnte Haltung,
daher tun wir auch nichts für uns allein,
wir sind Vorbilder – lernend und lehrend.

64 | Wille | Anschauung

Kann ich mit Willen zwingen,
was mir leichthin nicht zufällt?
Ist der Genuß einer schönen Stunde
die Plackerei wert, die sie zusammenträgt?

Wohl schon, denn beide Erfahrungen
kann mir doch niemand mehr nehmen.
Wenn ich schwitzend und schnaufend wie ein Ochse,
den Schmutz des Tages zusammenkehre,

gehe ich doch stolz vom Platz.
Wer denkt denn, eine Poetin
schöpfe aus der Phantasie allein?
Mindestens ein funkelnder Kern
Wahrheit darf in jeder Erfindung sein.

62 | Auf mich gestellt – erwachsen

Seitdem ich auf mich selbst gestellt bin,
habe ich ein inniges Verhältnis zu meinen Pflanzen.
Seitdem wir einander fremd sind,
habe ich Bekanntschaften
mit Rosen und Linden.

Seitdem ich alleine wandere,
bin ich gerüstet.
Seitdem ich weiß, dass die Schwüre
reine Heuchelei waren,
ist Dein Ring vernichtet.

Als Du mich verraten hast,
nahmst Du die Wahrheit
unserer Zeit
mit Dir mit
und verbargst
die Last
Deiner Schuldgefühle
hinter einem himmelhohen Gebirge
aus Schweigen.

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61 | schmoren

Manche müssen nicht auf die Hölle warten –
sie schmoren täglich in Ihrem Schweiss,
wie andernorts der wöchentliche Sonntagsbraten,
wenn Sie sich mühselig an den Tiegeln plagen.

Manche sind nachmittags von der Anstrengung erschlagen
und müssen im Morgengrauen zur Arbeit starten.
Ihnen sitzen die Lasten im schmerzenden Nacken,
wenn sie zur Erleichterung des Rückens,

bäuchlings die Arme nachts über den Kopf auf die Laken
strecken. Sie schaffen Werte.
Emine, die fliessend Türkisch,
Französisch und Deutsch beherrscht,
hat zuerst Theater geputzt

und dann ihre Sprachmacht genutzt.
Danke Emine* – für Deine unvergleichlichen,
literarischen Ermutigungen.

*Emine Sevgi Özdamar

 

59 | Schattenspiele

Mehrfach rannte ich mit voller Kraft
meiner Auslöschung entgegen.
Verschwand in der Leere des teilnahmslosen Blicks
und lief eilig auf das Tor der endgültigen Aufhebung zu,
dort machte ich jedoch kehrt
und schleppte mich zum Anfang zurück.
Da trank ich von süßen und von bitteren Quellen.

An Kopf, Armen, Beinen und Rücken
beschweren mich seither Gewichte
und doch versuche ich zu tanzen.
Damit auch ich geduldet werde,
verschenke ich liebliche Bilder, Verse
und Blüten und fechte täglich mit dem Florette.
So tu ich tapfer vorerst, was ich muß
und wenn der Wille mir bleibt – dann bis zum Schluß.

58 | New Dawn

Keiner Worte Silber
Löscht finsterer Taten Düsternis
Der schmelzende Schein der Rosengloriole
Haucht der erbarmunglosen Gleichgültigkeit keine Güte ein.

Die Bitternis dumm Dahergeredetens
Mag reuen, doch nie werden dadurch
Die davon zugefügten Schnitte wieder ungeschehen sein.
Keine Süßigkeit holt je die Grausamkeit des Tyrannen wieder ein.

Und doch erstrahlt in jedem Frühjahr
die Anmut duftender Rosen im Morgenlicht
und lockt ins Leben, ob wir Narben tragen oder nicht.

Perle des Tages: Der Schmetterling ist in die Rose verliebt | Heinrich Heine


Der Schmetterling ist in die Rose verliebt,
Umflattert sie tausendmal,
Ihn selber aber, goldig zart,
Umflattert der liebende Sonnenstrahl.

Jedoch, in wen ist die Rose verliebt?
Das wüßt ich gar zu gern.
Ist es die singende Nachtigall?
Ist es der schweigende Abendstern?

Ich weiß nicht, in wen die Rose verliebt;
Ich aber lieb euch all‘:
Rose, Schmetterling, Sonnenstrahl,
Abendstern und Nachtigall.