50 | Im Flur vor der Küchentür

Da im Flur vor der Küchentür –
meine Mutter hatte die
verschlossene Eingangstür
schräg links hinter sich,

blickte sie auf mich herab –
ich reichte gerade
bis zu ihrer Hüfte –
und bestätigte mir,

dass mein Vater
nie wiederkäme.
Nein, nie wieder
und umarmte mich.

Ich glaube, ich weinte nicht,
sagte aber, ich sei traurig.
Sie antwortete, Sie auch.
Ich denke, ich habe ihn dann
noch fünf bis sechsmal gesehen.

Einmal für ein paar Tage.
An deren Ende wurden
wir einzeln verhört,
wir hätten für die Mutter
in seinem Hause spioniert.

Vielleicht waren wir sechs und zehn.
Verbissen kämpfte ich später darum,
nie wieder in meinem Leben
auf eine ähnliche Weise
lieblos verlassen zu werden.

Aber gerade das tritt
dann unvermeidlich ein
und das große Schweigen –
brutal und unerbittlich.

Es gibt Verheerungen
in eines Menschen Leben,
die eine gewaltige Sprengkraft haben
und ihn für den Rest seiner Tage zeichnen.

4 Gedanken zu „50 | Im Flur vor der Küchentür

  1. Man strebt niemals danach, daß etwas nie mehr passiere, wenn man das nicht bestimmen kann. Vielmehr akzeptiert man im voraus, daß es wieder passieren kann. dann ist es kein Problem mehr. Man kann sich dann anderen wichtigen Dingen zuwenden.

    Nützlich ist ein gewisser Unabhängigkeitssinn und damit, sich nicht von anderen Menschen abhängig zu machen, auch nicht von Dingen. Stattdessen kann man sich in seiner eigenen Größe sonnen.

  2. Ist mir klar, man hat danach genug Zeit zur Nachsteuerung um diese Dinge zu überwinden und auch die Überwindung noch zu überwinden. Und je eher man das tut, umso früher hat man Zeit, sich wichtigen Dingen zuzuwenden und umso weiter wird man in ihnen kommen. –

    Beim Autorennen von Monza laufen die Fahrer zu ihren Autos, starten sie und fahren los. Und manche Leute halten sich ihr ganzes Leben mit der kleinen Strecke bis zum eigentlichen Start auf, sie stolpern und haben Probleme und haben Angst und kommen nie an und sterben, bevor sie den Startpunkt erreicht haben.

    Es hat keinen Zweck, sich lange mit Präliminarien aufzuhalten, bevor es eigentlich losgeht. Manche Leute werden nie mit sich selbst fertig, kreisen ständig in sich selbst und ziehen sich permanent selbst durch den Kakao ihrer inneren Probleme. Qui bono?

    Werdet erwachsen!

    • Es liegt auf der Hand, dass Du diese Art Lebens-Erfahrung nicht hast und daher an der Sache vorbeiredest.

      Um schriftstellerisch eine Szene zu gestalten, muß sie der Autorin lebendig vor Augen stehen. Gleichzeitig braucht die Schriftstellerin ausreichend Distanz um den Stoff in den Griff zu bekommen. Lebenserfahrungen und Erfahrungen des Scheiterns sind unvermeidlich und ein guter Stoff für Literatur. Gerade im Scheitern liegt Wahrheit. Man braucht auch – als lebendige Persönlichkeit – den Mut etwas anzufangen und darin zu scheitern, aber eine Erfahrung mit ungewissem Ausgang zu machen. Unabhängigkeit ist gut, aber Bindungslosigkeit kein Ideal. Es deutet eher auf Selbstschutz als Mut hin. Es ist eine Strategie der Lebensvermeidung. Wenn man lebendig sein möchte, ist es gut eindrucksfähig zu sein und neben angenehmen auch negative oder schmerzvolle Gefühle nicht ausschließen zu wollen. Und zu einem reichen Leben gehört auch die Fähigkeit zur Erinnerung und zur Trauer, sowie die Einsicht, daß man Erfahrungen von Ohnmacht nicht ausschliessen und vermeiden kann. Wer etwas vom Leben versteht, versteht gerade davon etwas. Auch wenn gemeinhin Ohnmachtsgefühle überdeckt, verdrängt und vergessen werden, weil unangenehm.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

CAPTCHA