105 – Schleier

Tonnenschwer lastet der Schatten
Auf Brust und Magen.
Schleier legen sich vor die Augen.
Schorf bedeckt die Ohren.

Rissig und spröde dürsten die Lippen.
Fahrig bürsten Finger die Strähnen.
Strauchelnd die Beine gehen.
Am Ende des Weges nur dämmriger Schein zu sehen.

Verblichen die Blätter.
Trübe die Lichter.
Verblasst der Sommer.
Keine Romanze hebt Herzen höher.

resistance, futile, assimilation – Dan K. Sigurd

you have no voice

you have no choice

your assimilation

into this nation

will happen

if you

want to

or not

just wait a little while

longer

resistance is futile

so just let go

and smile

as you enter the hive mind

trust us

we’re kind

Übertragung aus dem Englischen von Peer Scherenberg:

Widerstand, zwecklos, Assimilation

Du hast keine Stimme
Du hat keine Wahl
Deine Assimilation
In diese Nation
Wird geschehen
Ob du
Willst
Oder nicht
Warte nur ein kleines Weilchen
Länger
Widerstand ist zwecklos
Also laß fahren dahin
Und lächle
Während du in das kollektive Bewußtsein eintrittst
Vertraue uns
Wir sind freundlich.

104 | Laß mich vergessen

Laß mich an Deiner Seite vergessen,
dass nichts hinreicht.
Ich möchte mein Gesicht
in Deinen Armen vor dem Antlitz
der Sonne verbergen.

Wecke die blauschwarz gefiederten Vögel
der Nachtstunden und geniess‘ den rubinroten Trunk
in Deinem zarten Schlund.
Lies‘ meine Küsse auf mit Deinem Mund.

Das Meer wiegt uns in seinen salzigen Wellen.
Der Sichelmond sieht zu
und stichelt Sternenpunkte in den Himmel.
Laß mich vergessen, was ich doch nicht ändern kann.
Sing‘ mir ein Lied.

102 | Hast Du Worte?

Hast Du Worte für das unsagbare Dunkle?
Kannst Du den Kelch mit silbernen Begriffen füllen?
Klingt aus Deiner Kehle das Verwunschene?
Kannst Du Sehnsuchtswunden stillen?

Perlen Töne aus aus Deinem Munde?
Kannst Du mich in Verse hüllen?
Findest Du mich in blauer Stunde?
Kannst Du goldene Reime stellen?

Trägst auch Du Splitter im Herzen?
Rinnen salzige Tränen aus Deinen Augen,
die mit feuchter Spur die Wangen benetzen?
Streichelst Du die Luft mit heiteren Scherzen?

Spürst Du die Zeit verfliegen,
während wir einander zärtlich in den Armen liegen?
Bist Du mitten am Tag in Traumgespinste gefangen?
Möchtest Du nie an unser Ende gelangen?

Schweigst Du tausend Fragen?
Ist Dir Verlangen lieber,
als Erfüllung haben?
So laß‘ Dich von der Poesie fort
ins Dichterreich tragen.

101 | Schattengedanken

Der Himmel grau und zugezogen
– ein unbestimmter Montagmorgen.
Sehnsucht nach Aufbruch, Mut und Elan.
Wie komme ich auf diesem Weg voran?

Ich habe, was ich brauch und doch,
es gibt noch mehr, als bloß ein Dach über dem Kopf.
In Verse faß‘ ich, was mich noch umtreibt,
bin zu neuen Abenteuern bereit.

Eine Taugenichtsin, die sich in die Welt reinträumt,
die Kartoffelernte über den Arm voll Sommerastern gern versäumt.
Im Stillstand weggetragen von Melancholie,
nur im Losgehen eine hoffnungsvolle Melodie.

100 | Augustnachmittag

Die S-Bahn klingelt von
Station zu Station.
Am Wannsee wartet die Fähre schon.
Sie gleitet über den See nach Kladow.

Der Ausblick über’n Bug ist
mit Segeln bestückt.
Die Boote stehen still,
weil kaum ein Wind wehen will.

Vom Anleger geht’s im Slalom
um die dunklen Pfützen herum.
Am Ufer der Havel stapfen wir
durch den Wald.
Die Wolkendecke reisst auf.

Wir ziehen unsere Jacken aus.
Hinüber zum Sacrower See müssen
wir einen steilen Hügel hinauf.
An der Badestelle watest Du nackt
in das kalte, klare Wasser.

Du drehst fröstelnd um bevor
es Deinen Bauch erreicht.
Eine schöne Göttin,
die den Fluten entsteigt.

Wir gucken in der Gärtnerei,
ob es Schmorgurken gibt
und da es nicht so ist,
nehmen wir eine dralle,
grüne Zucchini mit.

Im Sommergarten des Rittersaals
machen wir Rast
und schmausen Pilzgerichte
und einen kleinen Salat.

Warmer Apfelstrudel rundet
unser Mahl ab
und gestärkt lenken wir unsere
Schritte auf den Pfad,
den wir gekommen sind,
zurück nachhause.

Regenwolken ziehen auf,
doch wir werden nicht nass.
In Kreuzberg glänzt
der feuchte Asphalt,
als ich aus der Bahn aussteige.

Ich atme die frische, feuchte Luft
während ich mit dem Gemüse in der
Hand über die Monumentenbrücke
meiner Wohnung zueile.

So muß das Leben sein.
Das war eine schöne Weile.

98 | Schatten

Der Schatten umfängt mich
wie ein kühles, feuchtes Tuch.
Ich lieg‘ in seinen Armen
und atme den vetrauten Geruch.

Es strömt in ihn aus der Ferne
der Honigduft der Sommerwärme.
Hinter seinem Rand
beginnt das gleissende Land.

Ich aber lagere matt
in meinem Grab
aus blauem Schein
und lass‘ mich von der Melancholie
ins Nirgends treiben.