148 | Kupfer

Kupferrot, wie das anstehende Herbstlaub,
flammt Dein Haar.
Blau glänzt Dein Auge, das mich anstrahlt.
Verfroren betastest Du schüchtern
die Manschette Deines Hemdes,
wie ein nacktes Küken ohne Flaum.

Ich möchte Dich schützen,
– ein Nest um Dich bauen,
– Dich bergen und hegen,
– Deine kalten Finger auftauen,
– ein wärmender Mantel Dir sein.

Ich streich‘ mit den Augen
entlang Deines Gesichts.
Gebe zurück
Deinen zärtlichen Blick.
Ich greife Deine Hand
und merke, dass es piekst,
halte trotzdem still,
bis Du losläßt,
weil ich Dir ein Anker
im Sturmwind sein will.

147 | Zärtlichste Erinnerung

Du zärtlichste aller Erinnerungen.
Dich habe ich dem grauen Einerlei des Alltags entwunden.
Du bist mir die Schönste aller schönen Stunden.
Durch Dich konnte mein Herz wieder ganz gesunden.

Mag auch der frische Wind des Herbstes,
Dich wie das fallende Laub von mir forttragen,
möchte ich sanfte Worte in Dein liebes Ohr Dir sagen.
Sie sollen Dich umweben
und an den trüben, dunklen Tagen
Deine Stimmung heben
bis wir uns wiedersehen.

146 | Station

Ein langer trister Flur
mit Neonleuchten.
Gebunden wird,
wer randaliert.

Wir wiegen uns im Tanz
auf dem farbigen Linoleum.
Die Zeit verstreicht schleichend
in diesem Kerker für die Unzivilisierten.

Die trutzigen Mauern aus Waschbeton
bilden ein Refugium
für die, die phantasieren.
Man gibt den Schmetterlingen Zuckerlösung,
damit sie wieder hungrig sind.

Bald schon treibt sie fort
ein lauer Wind,
weil sie die Kinder des Sommers sind.
Man kann sie nicht besitzen.

 

145 | Bitte

Liebster – laß uns bitte noch etwas träumen,
noch ein wenig voranstürmende Zeit versäumen.
Liebster – fisch‘ mir eben jenen Grashalm aus meinem Haar
und streich‘ mit Deinen Fingerspitzen
über die Muschel meines linken Ohrs.

Noch einmal, Liebster,
küss‘ mich mit Deinen samtweichen Lippen.
Laß‘ mich nochmal von Deinem Brunnenmund trinken.
Laß‘ mein Auge erneut tief in Deinem Blick versinken.

Noch einmal möchte ich bei Dir Atem schöpfen
– Deine Milchhaut mit Küssen bedecken
– dem Salz darauf mit meiner Zunge nachschmecken
– mich zu Dir in den warmen Sand legen
– mich sanft im Tanz mit Dir wiegen.

144 | August

Träg und zäh bläst der August
seinen heissen Atem als staubige Wand
heran. Glühend die Bank
aus anthrazitfarbenem Granit.

Herabgedrückt von der Wärme
das halbgeschlossene Augenlid.
Tröpfchen Schweisses, der perlend
auf der Stirn liegt.

Zunge, die durstig am Gaumen klebt.
Gebeugt unter der Last
die Schulter, die die Hitze trägt.
Brennend vom Salz die bewimperten Augenränder.

Lau die Nacht.
Wecker – halb acht.
Schattig die Sehnsucht unter der Erle am See.
Gewitterwolken, die am milchigen Himmel aufziehn.

143 | Treffen zweier Ameisen

„Guten Tag, wie geht es Dir?“
„Danke Dir, was soll ich sagen?
Doch – es geht mir gut.
Es ereignet sich nicht viel
und ich will nicht klagen.
Sage mir bitte, was machst Du?“

„Vielen Dank, ich mäandre durch die Tage,
türme Sehnsucht
und hoffe, dass das Leben
um die Ecke lunst.“
„Laß uns doch im Kontakt bleiben.
Mit einer gemeinsamen Stunde
Zeit vertreiben.
Bis zum nächsten Mal, bleib gesund.“

144 | Wieder

Mein Liebster
flüstere wieder
zarte Worte der Innigkeit
in mein Ohr.

Geliebter
bringe wieder
hauchfeine Lächeln
auf unseren
Gesichtern hervor.

Meine Lieber
singe uns wieder
sanfte Lieder,
die perlen,
wie gereiht
auf einer Schnur.

Ach, vertreibe mir
die Müdigkeit
des Überdrusses
nur
und lass‘ uns
wieder schweben.

142 | Stummheit

Ein Schmerz so scharf,
wie eines Schwertes Klinge,
trennt uns und macht uns stumm.
Die holpernden Scherze schmecken schal.
Wir sehen uns verstohlen nach einander um.

Den suchenden Blicken weichen wir aus.
Verlegen starren wir aneinander vorbei.
Möchten dem anderen vertrauen
und füllen mit sprechender Wortlosigkeit
die Kluft von Zeit und Raum.

140 | Staubkörner

Wie Staubkörnchen wirbeln wir in der Luft
– mäandern driftend in ihrem Strom.
Unsere Tage haben kein Gewicht.
Wir treiben um einander herum.

Golden erstrahlen wir im Gegenlicht.
Ein Luftzug reisst uns in die Höhe.
Wir sinken langsam herab,
als seien wir Winters Schnee.

Auf blankem Spiegel ein Sediment,
gefallen aus leichterer Dimension,
verdecken wir das Leuchten der Reflexion
und machen das Blanke stumpf.

141 | Rosenblütenblatt

Seidensamtig kräuselt sich ein rosenes Blütenblatt
im frischen, fruchtigen Strom seines Dufts.
Ein zarter Hauch durchzieht die Luft.
Es öffnet sich Herz und Geist.

Verliebt fliessen Gefühle.
Süß betören Aromen
Nase und Gaumen.
Flammend leuchtet das Blatt.

Erfreut müde Lider.
Kühlt brennende Augen.
Klärt stickige Atmosphäre.
Erfreut erschöpfte Gemüter.

139 | Stadtsommer

Unablässig knattert und braust es
in Häuserschluchten auf schmelzendem Asphalt.
Nicht anders, als das Meer
im Sturm, rauscht es.
Als sei es Brandung klingt der Verkehr.

In warmer Sommerluft liegt der Geruch
von zerfliessendem Teer.
Der leichten Kleider Kattun bauscht sich
in heisser Böe über dem Gehsteigpflaster.
Der Hitze Lufthauch
macht das Atmen schwer.

Im gleissenden Schein der langen Tage
liegt die bunte Trauer des Herbstes fern.
Träg gleiten ein paar Schwäne
auf dem Spiegel des Kanals.
Am Abendhimmel – nördlich –
erscheint die Venus als der erste Stern.