109 | Lebe mehr in der Gegenwart, sagt Gottt

Lebe mehr in der Gegenwart, sagt Gottt
und er hat recht. Doch wie gelingt mir das?
Sicher – das Schichten hilft – dabei kann
ich die Vergangenheit ganz vergessen.

Es gibt nur das Glas, das zu putzen ist
und mich. Es gibt nur die Melonen,
die zu teilen sind und mich.
Es gibt nur die Regale und die Ware
im Kühlhaus, die zu verräumen ist
und mich.

An diesen Tagen bin ich abends platt.
In meiner Freizeit aber bin ich traurig und matt.
Dann sind nur die Treffen mit Gottt
Medizin für mich.

Doch nachts in meinen Träumen
holt mich das Gestern ein.
Wie lasse ich nur
Vergangenes vergangen sein?

108 – Unter der gelb getäfelten Decke

Unter der gelb getäfelten Decke
am schwarzen Kaminofen
vor dem roten Feuer
blicke ich hinaus auf den bleichen Mond.

Mein Ushapti wartet auf den Brand.
Da ich ganz lebendig bin,
fürchte ich den Tod nicht,
aber ich suche ihn auch nicht.

Einst begehrte ich die blaue Blume
und fand duftende Rosen.
Doch jetzt ist die Zeit der Rabenfedern
auf Novemberwegen.

107 | Gottt hat Geburtstag

Gestern am Abend vor Gotttes Geburtstag
waren wir in der Oper.
Die Sängerinnen waren ganz ausgezeichnet
und Verdi hat in seiner Musik, dem fahrenden Volk
ein Denkmal gesetzt. Es wurde zu Unrecht verfolgt.

Anschliessend haben wir indisch getafelt
und danach einen kleinen Vorrat Getränke gekauft,
um den neuen Flaschenöffner für’s Schlüsselbund zu probieren,
den Gottt um Mitternacht zum Geschenk erhielt.

Wir haben dann noch
bis drei Uhr früh
im Wohnzimmer parliert
und sind zuvor durch Kreuzberg spaziert.

Des Nachts im Park,
wenn der Mond halb scheint,
wandert es sich vortrefflich,
wenn man ihn an seiner Seite hat
– einen guten, lieben Freund.

105 | Hafenlos

Wenn Du dereinst ins Grab sinkst,
mußte ich lang schon Abschied von Dir nehmen.
An Deiner Grube trauert dann eine andere.
Du reihst Dich ein in eine Kette.

Auch meine Väter haben sich
alle Anteilnahme vor ihrem Tod verbeten,
wie meine Mutter, die früh verstarb.
So mußte ich die Lebenden betrauern

Und fand nie Antwort auf die Frage
nach dem Warum.
Ihr gleicht in meinem Leben
schattenhaften Gespenstern.

Als bleiche Schemen huscht Ihr als Gedanken
an das Ungesagte durch manchen Tag
und manche Nacht.
Ich aber steuere ohne Hafen
durch Eure Unerbittlichkeit.

103 | Du sangest so schön

Voll warmen Klangs war Deine Stimme.
Dein Lächeln war so hold.
Geduldig war Dein Werben.
Für uns war fein die Silbersichel
an den Dämmerhimmel gemalt.

Als wir uns zueinander legten,
hast Du aus blauen Augen gestrahlt.
Es fügte sich ein kostbarer Moment im Leben,
der all die anderen an Schönheit überragt.

Wir ahnten nicht, dass wir schon bald
in entgegengesetzte Richtungen weiter zogen
und nur der Neumond uns die Erinnerung zurückholt,
auf welchem Weg auch immer er für Dich scheint.

Ach Liebchen, könnten meine und Deine Lieder,
Dich zu mir bringen, wie an jenem Abend,
ich summte sie sehr gern,
doch ungehört verklingen
sie im Universum und Du bleibst fern.

100 | bumpy road of life

In den allermeisten Fällen
gehört man zu jenen,
die Federn lassen
im Weltgetriebe.

Nicht ein feiner Niesel,
sondern gleich riesige Kübel
Wasser fallen vom Himmel
herab.

Man muß schon Chuzpe haben,
an jedem neuen Morgen
in graue Tage zu starten
und immer wieder auf’s Neue zu beginnen.

Es ist ja die Verzweiflung
der Schmiere im Getriebe.
Drum sollte man sich beizeiten
erinnern, der Sand zu sein.

Sonst wirst Du zum Gejagten
und holst Deine Träume nie mehr ein.