21 | Häute

Um uns Form zu geben,
streiften wir Häute über
und boten einander
konturierte Schatten.

Wir hielten still,
damit sie nicht zerbarsten.
Doch unausbleiblich kam der Tag,
den wir vermieden hatten
und es lag bloß,
dass wir in Wahrheit amorph
und rätselhaft waren
und keine Anker ineinander hatten,
obwohl wir uns das – bis dahin –
voneinander versprachen.

Enttäuscht und vorwurfsvoll
streckten wir die alten Masken
des jeweils anderen einander entgegen
und gingen fortan allein
unserer unbestimmten Zukunft entgegen.

20 | Bleibe ich süß?

Bleibe ich süß,
weil Du mich dann liebst?
Lächle ich fein
und schmeichel mich
in Dein Herz hinein?

Ich winde mich
und überwinde mich,
Dir zu sagen,
was mir auf der Seele liegt,
auch, wenn’s Deine Vorstellungen
von mir in ideal eintrübt.

Es macht mir kein Vergnügen,
drum kommt es krumm
– doch besser ist’s,
als blieb ich stumm
und Du trügst ein falsches Bild
mit Dir herum.

19 | Auch wenn

Auch wenn Dich niemand im Besonderen liebt
– die Welt liebt Dich
und küßt sogar bei schlechtem Wetter
tröpfelnd Dein Gesicht.

Auch wenn Dich niemand wärmt,
wenn Du Dich zur Ruhe legst,
findet sich stets eine gute Decke,
die Dich umhüllt.

Geh’ nur ruhig Deine Wege
und vergiß die Treuen nicht,
die Dich begleiten.
Denn Du kannst viel mehr als nur Freude
mit Ihnen teilen.

Und wenn ein Mensch mit Sorgen
vor Dir steht, sei freundlich,
wenn Du kannst.
Schenke ihm Verständnis
und ein Stück
von all dem Glanz.

Dota: Mascha Kaléko – Kleine Havelansichtskarte

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18 | Zukunft

Weder traurig, noch vergnügt.
Weder lustig, noch betrübt.
Vor mir – was?
Doch stehe ich nicht allein.

Ich sehe unsere Kraft.
Laßt uns die Zukunft sein.
Träumerinnen, Poetinnen,
Malocherinnen und Weltverbesserinnen.

Die Schinder verlachen wir
und kränzen unsere Häupter mit Blumen.
Wir nehmen einander die Ketten ab
und tanzen mit den Musen.

Wer gestrauchelt war,
dem helfen wir auf.
Wer gebeugt wurde,
den richten wir auf.

Wer Trauer trägt,
dem stehen wir bei,
damit auch er – eines Tages –
gestärkt und frohen Mutes sei.

Ja, WIR wollen die Zukunft sein!
Die Welt wollen wir freundlich gestalten
und alle Tyrannei zur Stadt hinaus geleiten.
Nach uns werden die Waffen schweigen,
wir werden auch Krieg und Opfertod vertreiben.

Müssen wir auch listig sein,
um unser Ziel zu erreichen,
wir werden doch auf lange Sicht
etwas Besseres als die Alltäglichkeit
von Zynismus, Härte, Dummheit
und Gnadenlosigkeit erstreiten.

16 | Die Götter wispern leise ihr Lied


Der Himmel verschmilzt mit dem Horizont über der See
und man sagt, Göttervater Zeus wuchs hier auf.
Die Strassen winden sich in engen Kurven
entlang der Küste die Berghänge hinauf.
Die Schönheit und Dramatik der Landschaft
färbt ab auf das Samt der Besucherinnen-Seidenhaut.
Das Mittelmeer strahlt griechisch Blau.
In Buchten schaukeln sanft die Boote
und die gelb-rote Erde trägt Olivenhaine.
Nur die Pistazien beim Lidl
kommen – wie zuhaus – aus Californien.

Dota Kehr — Mascha Kaleko

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15 | Die Waffe der Schwachen

Die List ist die Waffe der Schwachen.
Wirst Du von Mächtigen zur Rede gestellt,
so laß Dich nicht zu unbedachtem Wort hinreissen
und antworte sparsam und klug.
Du brauchst Deinen Verstand
nicht zu beweisen.

Geblendet von seiner eigenen Befehlsgewalt
kannst Du das Ansinnen Deines Feindes,
Dich zu schädigen, unterlaufen
indem Du über Deine Pläne schweigst
und Dich nicht in Scharmützel verwickeln läßt.

Verzichte drauf, den Feind eitel
von Deinem Scharfsinn zu überzeugen.
Bringe Dich besonnen aus der Gefahr,
um dann gründlich und in Ruhe,
die nächsten Schritte zu überlegen.

13 | Blendung

Geblendet von meinen Phantasien
lebte ich von der Wirklichkeit
durch Träume abgeschirmt
ein ausgepolstertes Retortenleben.

So gut es ging,
ersetzte ich Lebenserfahrung
durch Scripted-Reality,
doch wie bei den drei kleinen Schweinchen,
genügte ein Wind,
der mein fragiles Traumschloß zerblies.

Danach war ich eine Vertriebene
aus dem kleinbürgerlichen Paradies.
Ich hatte vergebens
um Liebe und Anerkennung gebettelt
und fand mich wieder
in einem einsamen Verlies.

Doch die Scherben brachten mir Glück
und heute blicke ich erleichtert zurück,
ich habe Macht über mich selbst gewonnen,
sind auch die falschen Hoffnungen zerronnen.
Wohin ich geh, was ich tu
und sehe ich nur der Zeit beim Vergehen zu –
ich entscheide für mich
– bin ganz und gar im eigenen Besitz.