Zur Erinnerung an Peter Härtling, † 10. Juli 2017: „Altes Spiel“

immerhin und immerher
lockt das nein zur wiederkehr
setzt den spöttern nasen auf
nimmt den fliegenleim in kauf –
 
heißt die wände dünner sein
schmilzt das lachen härter ein
hängt sich bunte fetzen um
immerhin und immerdumm
 
immerleis und immerlaut
hat die welt ins loch gebaut
hat den argwohn umgetauft
und das feilschen rasch verkauft.
 
immerher und immerhin
blinzeln aus dem widersinn
der auf dünnen beinen geht
und um keine hilfe fleht.

62 | Juli

Die Luft ist rein – ganz ungewöhnlich klar,
weil es in den letzten Tagen viel geregnet hat.
Der Wind bläst böig und recht frisch
und weht das Frühstücksmesser vom Tisch.

Wir rekapitulieren, was vorgefallen ist.
Ruhig fliessen die Erinnerungen.
Dir ist ein Riesenschritt gelungen.
An unsere Rast schliesst sich ein Spaziergang an.

Die Lerchen stehen hoch über dem Feld.
Sie jubilieren in das Himmelzelt.
Du entdeckst, die am Hangar vorfahrenden Impflinge.
Wie gut, dass Vertrauen zwischen uns gelingt.

Wir teilen diese Stunden im Sonnenlicht
und sprechen über das, was zählt.
Es ist schön, wenn man die Wahrheit wählt.

60 | Süß ist es

Süß ist es, sich in Träumen zu wiegen,
pocht auch die unbequeme Wahrheit an die Tür.
Gemütlich ist es, auf weichen Kissen zu liegen,
ach, schnöde Welt, bleib‘ außen vor.

Schön ist es, den warmen Sommer zu geniessen.
Die alten Sorgen gucken ein andermal wieder hervor.
Wohltuend ist es, vor sich hinzublicken
und die Füsse in den Sand zu strecken.

59 | gefügt

Jetzt, wo die Wirrniss Klarheit wurde,
ist der Gedanke an die endgültige Lösung
der Verstrickung friedvoll.
Nichts bindet mehr an.

Und immer noch schrillen die Spatzen vorm Fenster.
Einst waren sie Zeichen des neuen Morgens.
In ihrem Gellen war Aufbruch verborgen.
Jetzt klingeln sie von fern.

Auf Fahrt auf der eigenen Reise.
Die Brise ist sacht und milde.
In der Abenddämmerung blinken
am Ufer die Lichter im Hafen.

Am Horizont türmen sich Sommerwolkengebirge.

57 | Herzschlag

Wie der Herzschlag blinkt der Cursor.
Fordert stetig zum Verfassen frisch gereimter Zeilen auf.
Doch die Blicke wandern zum getrübten Fenster.
Mensch saugt Lindenduft aus der Sommerluft heraus.

Erfinde keine neuen Verse,
denn die ungestillte Sehnsucht treibt das Dichten aus.
Betrachte so das schweigende Smartphone.
Keine Botschaft trudelt in das abgeschiedene Haus.

Heute Morgen hüpfte vom Balkon aus
eine Spatzendame in das grosse Zimmer.
Sah sich um und flatterte dann wieder hinaus.
Lobe solche unerwarteten Besuche,
denn aus blanken Augen strahlt es vorwitzig heraus.

56 | Landsommer

Die Hitze umzüngelt das alte, geduckte Haus.
Man sperrt die Sonne mit zugezogenen Samtvorhängen aus.
Am Himmel pfeift kein Milan.
Erst Nachmittags tritt man zur Tür heraus.

Die Zunge pappt am Gaumen fest.
Die Hollerblüten feiern ein Fest.
Felder durchzieht Kornblumenblau
und Mohnblumenrot,
auch Kamillenweiss und -gelb am Feldrain wohnt.

Am hellen Abendhimmel thront der halbe Mond.

55 | Katerbower Elegien

Der heisse Wind versetzt die dichten, silbrigen Äste
der Rotbuche vor der Dachluke in Schwingung.
Die Hitze steht wie eine dicke Wand im Land.
Ein Unentwegter pocht mit dem Hammer in der Hand.

Im Inneren des alten Hauses können wir der schwülen Wärme entrinnen
— Erfrischung bei einem kalten Glas Holunderblütenwasser finden.
Langsam versickern die Gespräche.
Das ist viel besser als das schmerzende Schweigen.

54 | Schwarzer See

Der See so schwarz, so tief und still.
Er gleicht der dunklen Erinnerung.
Nur Schweigen steigt herauf von seinem Grund.
Das Wasser schwer. Kein Lüftchen weht.

Der Wald um seine Ufer steht.
Vor seinem Horizont die grüne Wand.
Er ist mit meiner düsteren Phantasie verwandt.
Es zieht darauf kein Schwanenpaar.

Kein Froschgequak.
Nur schwarz und tief und still.
Und lautlos jagende Libellen.
Und Mückenwolken sirren.