66 | Zwei Sterne und ein Satellit

Kurz vor dem Morgengrauen
standen heute Nacht zwei Sterne
am Himmel über der Strasse.
Und ein Satellit glitt hell
über den Streifen Firmament.

Nicht ganz still
schwieg die Stadt.
Ein rastloser Autofahrer rauschte fern vorbei.
Es war nicht leicht, unter dieser
unvertrauten Mondlosigkeit zuhause zu sein.

Heute wurde Deine Stiefnichte geboren,
mein Kind. Du hingegen hast beschlossen,
dass die Welt kein guter Ort ist,
um Nachkommen
in sie zu setzen.

Ich suchen nach einem Haus für uns in Schonen.
Am Liebsten mit Öfen und Garten.
Ich sollte nicht träumen
und kann es nicht lassen.

65 | Lüfte

Benzingeruch verdrängt den Lindenduft,
der am Abend zu meinem Fenster hereinströmt.
Oft schon dachte ich – am Meer
wäre ich viel glücklicher.

Doch diese Stadt aus Backstein, Putz und Granit
ist im Winter mein Verliess
und im Sommer mein Paradies.

Immerhin habe ich ein Zuhause,
das ich so nennen kann.
Das reine Glück.

Man darf gar nicht um die Ecke sehen,
sonst müßte man sich angesichts der grossen Menge
Glücks wohl schämen.

63 | Fragen

Hinter den Giebeln der Mietshäuser
leuchtet der Mond mit silbernem Licht.
In einer hermetisch verschlossenen Stube
grübele ich an einem Gedicht.

Die guten und die schlechten Tage
sind versunken in der Dämmerung,
die der Schatten der Erde wirft.
Liege über den Fragen danach
noch lange wach.

Als ich nach dem Straucheln erstarkt war,
reistest Du mir nach.
Als ich angekommen war,
gingst Du fort.

In mir klingen die Hummeln.
Sie summten am Dach aus Eternit.
Sie schwebten unterm First
und brummten ein Sommerlied.

Uns trennen die Gedanken
und auch das Gefühl.
Unsere Rose ist ausgerissen
mit Stumpf und mit Stiel.

Es wächst noch eine weitere
auf öffentlichem Land.
Im Frühling blüht und duftet sie viel.
Sie wird Jahr für Jahr stärker.

Ich bleibe bei Ihr.

62 | Die Sommer

Es war schön
mit Dir auf’s
Firmament zu sehen.
Der Duft der frischen Tasse Kaffee
liess mich in die Morgen gehen.

Einst waren wir beieinander zuhaus.
Heute drückt sich die Verbitterung
in Schweigen aus.

Eines Tages war ich Dir verhasst.
Und langsam sind die Erinnerungen
an unsere Liebe verblasst.

Doch wenn ich unser Kind ansehe
und wie sich ihre Locken drehen,
dann kann ich unser Glück
und all die Leichtigkeit fühlen,
die es zwischen uns mal gab.

61 | Midsommar

In den dunklen kontinentalen Wintern
dachte ich noch, ich würde den Duft der Kiefern,
das Rauschen der Wipfel und die langen hellen Tage
nie wieder genießen.

Umso überwältigender sind der Hummelflug
und die seidene Luft.
Wir waren auch am Haus und fanden nur
die Milane wieder.

“Du kannst nicht zurückkehren.“ zitierte Gottt Klaus Mann.
Doch Simrishamn duftet noch nach Rosen
und der Strand von Vitemölla ist menschenleer in der Vorsaison.
Katia hat ein neues Glück gefunden
und auch wir waren sehr zufrieden.

60 | Wozu warten?

Die Tage verstreichen,
doch es geht nicht voran.
Worauf noch warten?
Und was kommt dann?

Die einen beten
und wenden sich an Gott.
Das ist mir nicht gegeben.
Ich bin ohne besser dran.

Wir träumen kleinlich
und gönnen dem anderen
nicht die Butter auf dem Brot.

Doch denke ich dankbar
an jenen Herrn, der mir
zwanzig Euro schenkte
einst in meiner Not.

Mir sind diejenigen lieber,
die sich Witz bewahren
und nicht zu Kreuze kriechen
und keine Helme tragen.

59 | Wohlleben

Ich vergesse die feinen Damen nicht,
die mich im “Paris-Moskau”
nicht an den Tisch bitten wollten.
Wie sie mir sagten, weil ich nicht
zu ihrer Klasse gehörte.

Dabei hatten Sie Tränchen in den Augen
und der Schaumwein perlte in ihren Gläsern.
Das war der Tag, an dem man mir ein Ticket
am Bahnschalter schenkte,
um am nächsten Morgen in aller Frühe
von Berlin nach Moskau zu fahren.

Damals wollte ich in Friedensmission
in den Kreml – aus Gründen fuhr ich nicht.
Ich war wohl übermütig,
dass ich es wagte, die propperen Bürgersfrauen
in ihren geblümten Kattun-Blüschen
um eine Einladung zu bitten,
um im Austausch ein wenig Farbe in
ihren blassen Sommerabend zu bringen.

Sie hatten den Mut nicht
und schwiegen sich
lieber gegenseitig an
und der Kellner
komplimentierte mich schließlich hinaus –
da war eine Chance vertan.

58 | Ticket ans Meer

Sagt der Ede zu dem Paule:
“Komm wir machen eine Sause.
Fahr’n nach Sylt und trinken
in den Dünen Brause.”

Doch Brigitte ist entsetzt,
dass der Pöbel sich
nach Kampen absetzt.
Sie sonnt sich gerne exklusiv
und schlürft lieber ungestört
ihren Aperitif.

Ede und Paule sehen
sich staunend um
– so was kommt
bei ihrem Netto nicht rum.

Quetschen sie sich gleich wieder
heimwärts in den vollen Holzklasse-Zug
oder tut die frische Salzluft
und ein paar Tage Meer ganz gut?

Brigitte wird und bleibt
diesen Sommer blass.
Die anderen haben
auch mal Badespaß.

57 | Herzflimmern

Ich träumte viel
und tu es noch.
Doch zerlegen
sind die Polster
meines Bettes.

Du qualmtest viel
und tust es noch.
Doch ascht Du
Deine Zigaretten
an anderen Tischen.

Ich weinte viel
und tu es noch.
Der Rosenstrauch
vorm Haus
treibt Blüten.

Das Kind wurde groß
und ging fort
und Du gingst auch.
Doch kommt sie noch,
mich ab und an besuchen.