111 | Morgen II

Eine Amsel jubiliert.
Spatzen tschilpen blechern.
Ein Moped knattert aggressiv und fährt
zögerlich vorbei.

Autos brummen wartend an der Kreuzung.
Quietschend hält ein Lastzug.
Monteure hämmern schallend
auf dem Dach gegenüber.

Zum Bewerben habe ich heute keine Lust.
Ein Arbeitsplatz auf den ich pass
ist nicht zu finden.
Bald duften wieder die Linden.

Schlurfend kurvt eine Kehrmaschine vorüber.
Türen schlagen, Autos starten.
Die Menschen haben Ziele.
Mir bleibt Verdruss und warten in der Kühle.

110 | Morgen

Einen Faden aufheben.

Pläne spinnen.

Kaffee trinken.

Horizonte ersinnen.



Einsamkeit überwinden.

Der Zeit entrinnen.

Grüße aussenden.
Hochgelagerte Füsse ansehen.



Gedanken, die im Kreise gehen.
Aus dem Schwingstuhl aufstehen.

Nach den Freunden bei Facebook sehen.

Die Schallplatte umdrehen.



Nur Gegenwart kennen.

Das Jetzt benennen.

Kurz an Dich denken.

Vom Verdruss ablenken.



Verse reimen.

Geräusche belauschen.

Wünsche – aufkeimend.

Das Nachtkleid eintauschen.



Mit dem Kind sprechen.

Annoncen lesen.

Frühstück machen.
Tageinwärts leben.

109 | Hier oben

Langsam kehrt Abendruhe in die

Betriebsamkeit vor der Tür ein.

Unterm Fenster ebbt der Verkehr ab.

Hin und wieder knattert ein Moped 

durch die enge Straße.



Unablässig schallt das Ticken 

der Zeitschaltuhr am Thermostat.

Kein Plan hat heute geklappt.

Eine gefangene Fliege brummt 

nervös durch den Raum.



Der Duft des Parfums steigt
warm 
vom Hals zur Nase auf.

Zum Schreiben hole ich die Brille raus,

halte den Atem an und lausch.

Ein Nachbar holt klappernd die Post
aus dem Kasten heraus.



Die Sohlen quietschen treppauf
über das Linoleum.

Verbringe so Stunde um Stunde,

Jahr um Jahr,

abgeschieden im stummen Turm
der Isolation.

108 | In der Stille

Wir kleideten uns in die Seide meiner Locken,

und verbargen so unsere Nacktheit vor anderer Leute Blicken.

Wir sahen hinab bis auf den Grund des anderen Aug’s

und schufen so die Zeit, uns aus der Zeit zu entrücken.



Dein frohes Lachen hallt 

noch in die Stille.

Seit Du verschwandst,

geh ich nicht mehr gern hinaus ins Helle.



Die Stunden mit Dir waren 

des Lebens reine Fülle.
Um die Erinnerungen dran zu bewahren,

warte ich auf des Herbstes Regenkühle.

107 | Frühlingstage

Ich hasse diese schönen Tage, 

an denen windstill herab die Sonne gleisst.

Mein Herz will, dass ich Trauer trage.
Nimm doch bitte all die Frühlingsboten und den hellen Schein

und lass mich allein und verbittert sein.


Einzig will ich von Verlust, Sehnsucht und Kummer

in meiner dämmrigen Kammer 

dunkelblaue Verse schreiben. Darin

ist mir mehr Befriedigung,

als wenn die Vögel wieder singen.

105 | Klage

Trotz Sonnenschein und Amselgesang

kenne ich die Welt nicht mehr.
Ich setze Schritt um Schritt im Moos des Waldes

– das Gehen fällt mir schwer.



Trotz Honigtau im Blütenmeer

ist die Richtung mir verstellt.

Trotz Frühlingsduft in milder Luft

finde ich meinen Weg nicht mehr.

Ich tappe voran

und weiss doch nicht wohin.
Die Rosen sind mir einerlei,
kein Lerchenruf dringt mir in meinen Sinn.



Gelang ich an des Feldes Rain

tröstet mich kein Mohn.

Dort sinke ich durstig in den staubigen Sand

– vom Irren auszuruhn.



Ich wünschte mir einen Wolkenbruch,

doch der ist nicht zu sehen.

Verflucht ist mir die Frühlingsluft,

verbittert bleibe ich stehen.



Was einst mir vertraute Pfade waren

führt nun nach nirgendmehr.

Wo wir zusammen im Grase lagen,

gehe ich allein umher.

106 | Rushhour

Vorm Fenster auf der Strasse – das Getöse rührt mich nicht.

Lagere hier drinnen hinterm Vorhang im Dämmerlicht 

und weiss, später am Tage gibt es sich. Darüber bin ich nicht böse.

Die Eiligen eilen schnell dem Ziele zu, sind ganz erfüllt von ihrem Tun.



Sie lagern nicht dumm in der Gegend rum, sind gebraucht und nützlich.

Der eine schafft sich Hund und Katze an, der andere Familie.

Er jagt von Punkt zu Punkt auf seinem Lebensplan. Ist im Einsatz für ganz viele.

Was fangen wir mit dem Leben an – zwischen Chrom, Lack, Eichenfurnier und Diele?

102 | Was Frau Kaléko

Was Frau Kaléko schrieb

berührt mich tief.

Ihr Wort macht mir noch heute Freude.



Auch die Gedichte von Herrn Hesse

lese ich mit Genuß und Interesse.

So überdauern gut gereimte Vers
e
und sind im Leben Hilfe.



Ihr Beispiel ermuntert mich,
so dass auch ich

Gedanken lyrisch fasse

und im Meer aus Worten 

gesalzene Hymnen hinterlasse.

103 | Ich kann nicht

Ich kann nicht sagen,

dass wir so täten,
als wäre nichts geschehen.

Denn zwischen uns ist Schweigen,
seit jenem Einbruch in das dünne Eis.

Was so stabil schien 

hat uns nicht getragen

und alle Güte ist ertrunken.

Wir haben einander

dem anderen entwunden

– der stumpfe Phantomschmerz bleibt.

104 | Die Stiege

In unser altes Haus

führt noch immer 

die hölzerne Stiege hinauf.

Inzwischen ist ihr rosa Linoleum 

etwas liederlich, aber sonst

sieht es ganz, wie damals aus.

Ich hebe hinter der Wohnungstür 

den Staub von früher auf.

Die Schlieren auf den Fensterscheiben

halten die Sonnenstrahlen der Zwischenzeit auf.

Den kleinen, hölzernen Tisch mit den Brandflecken 

stellte ich auf die Strasse hinaus.

So komme ich schneller 
vom Sofa
zur Tür heraus.

Die Wände und die hohen Zimmerdecken 

sind bisher nicht gestrichen.

Ich suche für sie noch 
neue Farben aus.

Mascha Kaléko | Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt, das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt –
den Nächsten lieben.

Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!

Ich freu mich, daß ich …

Daß ich mich freu.

100 | Dunkelheit

Dunkel umschliesst mich das Blau 

der gedämpften, samtenen Nacht.

Ich tauche hinab 

und vergesse, dass es Licht und Tage gab.



Von der Stirn rinnen heiss 

die Tropfen strömenden Schweisses.

Fahl leuchten der Mond und die Sterne 

vom finsteren Himmel herab.



Erschöpft gleitet der Abend in die Dunkelheit.
Drückend erfasst mich unruhiger Schlaf.

Selbst im leuchtenden Glanz des Frühlings

habe ich die Tage im Schatten verbracht.

101 | Als ich Dich traf
Wie auf Schwingen ging ich dahin,

als ich Dich traf – so rund, so fest und weich.

So selig war mein Mund,
als Du Deine Zunge darin bargst.



Du löschtest meinen Durst,

als Deine vollen Lippen auf meinen lagen,
als seien sie ein Brunnen 

und an klarem, süßen Wasser reich.

Wie schauerte es mich wohlig,

als Dein warmer Atem
in meine Ohrmuschel drang.

Wie zärtlich war Dein liebes Wort,

das Du hinein gehaucht.



Es stand ein feiner Sichelmond

am hellen Abendhimmel 

über unserem geliehenen Bett,

als Du bei mir gewohnt.

Der Klang des Nachtigallengesang
schenkte uns mit seiner Jubelmelodie

ein ganz besonderes Liebeslied,
auch wenn es bald schon Abschied nehmen hiess.

99 | Was ich nicht vergessen möchte

Deine blau geäderte, warme, samtige Milchhaut.

Das frohe Leuchten in Deinem strahlenden blauen Aug’.
Der Tanz im Sonnenlicht auf dem langen Korridor,

auch jede weitere Begegnung mit Dir auf diesem tristen Flur.

Der begeisterte Kuß auf meinen überraschten, geschlossenen Mund.

Der Hofgang mit Nachtigallengesang in der Abendstund.
Die duftenden Rosen, die ich Dir gab.

Der Brief, den ich Dir geschrieben hab.



Dein liebes lächelndes Gesicht

auf dem Kissen ruhend.

Dein Werben bei mir nach Einlass suchend.
Tag um Tag ein neues Gedicht an Dich.



Dass Du trotzdem ohne Abschied fortgegangen bist.