48 | Winter

Hervorgehoben

Winter, Du ehrliche Haut,
schälst unter dem grünen Pelz
das karge, dunkle Gerippe heraus.
Gedämpft und still, nicht schrill und laut

– so liegt die Welt
angehalten zu meinen Füssen.
Ein tiefer Schlaf umfasst mein Herz
und läßt das Dasein grüssen.

Winter, mein Held,
bei Dir darf alles ruhen.
Ich raste gern
bei Dir am wahren Kern
zwischen den kahlen Ästen
der schwarzen Erlen
und silbernen Buchen.

130 | Zwischenorte

Da – in der Kälte, tropfnass vom strömenden Regen –
durchstand ich die Zeit,
weil ich an die südlichen Ufer Schwedens
dachte und dass ich bald zu ihnen zurückkehren würde.

Auch die Hitze des städtischen Sommers werde
ich erdulden, weil Kreta wartet.
Den Aufstieg unter die Dächer der alten Mietshäuser
ertrage ich, weil ich an glitzernde Küstenorte
und den Schrei der Möwen denke.

Und da ist die Solidarität und Freundlichkeit der Kolleginnen,
die mich die Härte der Dienstherren vergessen
und am Morgen gewissenhaft
wieder in aller Frühe aufstehen lassen.

Vertrautheit

Du besuchtest mich an meinem freien Sonntag zum Frühstück. Die Brötchen brachtest Du mit. Wir haben geredet und ins Feuer geguckt. Die Stunden vergingen bei unserer Plauderei geruhsam und friedlich. Wir sprachen von unseren Reiseplänen. Du wärmtest Deinen schmerzenden Rücken vor dem Kamin. Einige Zeit schwiegen wir miteinander, jede mit ihrem beschäftigt. Als Du nach Hause aufbrachst, war es längst schon wieder dunkel an diesem Wintertag. Schön, wenn man alle Zeit der Welt hat und die Vertrautheit einen glücklich umfängt.

Ein Winternachmittag

Wir trafen uns am späten Nachmittag “Unter den Linden” und nahmen den Ausgang Friedrichstrasse. Als wir die Treppe hinaufkamen, tropfte schwerer, nasser Schnee vom Himmel, der am Boden sofort wegtaute, und durchfeuchtete unsere Wintermäntel. Wir sahen uns in einem Modegeschäft um und gingen dann den Weg durch die Häuser zum Humboldt Forum. In der zweiten Etage wandten wir uns nach links und gingen durch die Abteilung mit Benin Bronzen zu der Sammlung amerikanischer Objekte. Wieder im Schmuddelwetter eilten wir durch die Dunkelheit zur U-Bahn Station, um zum Winterfeldplatz zu gelangen. Wir aßen persisch und spazierten zu mir nach Hause, um noch ein Wenig am Feuer zu plaudern. Gegen Mitternacht wurde ich zu müde und wir stellten fest, dass wir Gotttes Tasche im Restaurant vergessen hatten. Wir erkundigten uns, ob sie noch da wäre und als das bestätigt war, machte Gottt sich auf den Weg, seinen Beutel zu holen.

Kämpfer

Du sprichst Deutsch und Zaza und noch einige Sprachen mehr. Du hast Kinder und Enkelkinder. Eines wird Lehrerin. Für Deine Fitness machst Du Sport und jeden Tag lenkst Du ein wackliges Lastenrad in das Häusermeer von Kreuzberg. Was macht es für einen Unterschied, ob Du Deinen Pfad durch das schroffe Gebirge suchst oder die Treppen der alten Mietshäuser hinaufsteigst? Früher spieltest Du Saz, jetzt singst Du bei der Arbeit. Nur, wenn Du eine Raucherpause machst, sehen Deine Augen traurig aus. Du liest gerne und hast Sinn für Poesie. Wir begegnen uns auf Augenhöhe, aber ich mache mir Sorgen um Dich, denn jetzt sind wir einander keine Unbekannten mehr.

Hakan

Gerne ging ich zu Dir, um ein bisschen zu plaudern und das Haar richten zu lassen. Du warst eine Quelle der Lebensweisheit und Inspiration und hattest immer ein gutes Wort. Wir sprachen über unsere Kinder und Du wurdest vom Leben immer erschöpfter. Einmal scherzten wir, man müsse in Deutschland im Winter arbeiten, sonst bekomme man Depressionen. Du warst ein Philosoph und Menschenfreund mit Schere und Kamm. Eines Tages kamst Du nicht mehr in Deinen Laden. Ich hoffe, Du bist glücklicher. Du wirst vermißt.

129 | Frost

Morgens liegt eine dünne Eiskruste auf den Pfützen
und über dem Hügel dämmert das Morgengrau am Himmel.
Zur Arbeit sind es vier Blocks weiter.
Der kalte Fahrtwind treibt Tränen über die Wangen.

Die Halle ist hell und warm.
Alle grüssen sich,
freundlich werden ein paar Worte gewechselt,
gescherzt und geneckt.

Dann geht’s hinaus in den Wintertag
auf einem schweren, kippeligen Rad.
Eilig voran, treppab, treppauf.
Auf dem Weg – ein rotwangiges Kind, das freudig staunt.

Perle des Tages: Lindormen from Hven, Paper Cut Malin Skinnar

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Gotte Roland Gottlow, vocal, guitar. Jali Alagi Mbye, kora. Anders Birgerson, back up vocal, guitar.. Recorded by Jaakko Vitala in Harlösa, Scania. 2002

Wer_besonders_betrübt_ist

Wer besonders betrübt ist, hat vielleicht nur viel Kraft und weiss nicht wohin mit ihr. Da ist möglicherweise eine starke Begabung für’s Lieben und Tun, die keinen geeigneten Ausdruck findet. Die Kraft wendet sich um und richtet sich gegen einen selbst, weil sie nicht schöpferisch werden kann – sie wirft einen um. Es kann nicht gesund sein, diesen Körper, der einen täglichen Radius von 20 km hat, einzuzirkeln auf maximal einen halben Meter Bewegungsspielraum. Er will sich recken und strecken, beugen und hocken. Er will auch nicht stundenlang immer nur eines tun. Er möchte beweglich bleiben. Die Augen wollen nicht nur auf einen Punkt starren und von Kunstlicht umflossen sein. Muskeln wollen sich bemühen, etwas anpacken. Nicht nur Kinder haben einen Bewegungsdrang. Den erwachsenen Grossstadtmenschen wird er abtrainiert. Unsere Körper sind für ein Nomadenleben gemacht. Für den Wechsel von schwer und leicht. Nicht umsonst bewegen sich viele in ihrem Urlaub gerne an der frischen Luft.