Fragmente – Berichte vom Rand der Welt am 23.02.2022 bei BoD erschienen

Hervorgehoben

Zwischen den Opernbesuchen mit Gottt und ihrer Suche nach Hendryk in den Straßen, Ecken, Winkeln und Nischen der Stadt oder der geschlossenen Station der Psychiatrie, blickt die namenlose Protagonistin in die grosse Leere und Ratlosigkeit, die das Ende der “Familienphase” in ihr zurückgelassen hat.

Prosa Bändchen, 48 Seiten, Paperback, 6 Euro, » hier bei BoD bestellen

Mondscheintrunkene Lindenblüten | Heinrich Heine

Mondscheintrunkene Lindenblüten,
Sie ergiessen ihre Düfte,
Und von Nachtigallenliedern
Sind erfüllet Laub und Lüfte:

Lieblich lässt es sich, Geliebter,
Unter dieser Linde sitzen,
Wenn die goldnen Mondeslichter
Durch des Baumes Blätter blitzen.

Sieh dies Lindenblatt! du wirst es
Wie ein Herz gestaltet finden;
Darum sitzen die Verliebten
Auch am liebsten unter Linden.

Doch du lächelst; wie verloren
In entfernten Sehnsuchtträumen –
Sprich, Geliebter, welche Wünsche
Dir im lieben Herzen keimen?

Ach, ich will es dir, Geliebte,
Gern bekennen, ach, ich möchte,
Dass ein kalter Nordwind plötzlich
Weisses Schneegestöber brächte;

Und dass wir, mit Pelz bedecket
Und im buntgeschmückten Schlitten,
Schellenklingelnd, peitschenknallend,
Über Fluss und Fluren glitten.

Vernissage 4.11.2022, Berlin – Kollektivausstellung zum Thema Tod

4.11.2022
18 Uhr (voraussichtlich)
Kulturmarkthalle,
Hans-Eisler-Straße 93,
10409 Berlin

Magister Artium Peer Scherenberg: „Ich werde das kleinste Grabmal der Welt für den größten Künstler der Welt ausstellen. Außerdem können die Besucher unter Anleitung des Künstlers ihr eigenes Ushabti herstellen, daß im Totenreich die Arbeit für sie übernehmen wird!“
Peerseus Grabmal

95 | Dort, wo die Flügel sich befanden

Dort, wo sich die Flügel an den Schulterblättern befanden,
schmerzt es.
Die Sonne steht schon flach über dem Horizont
und des Schattens Kälte lauert.
Gottt scherzt
ungehört.
Die altbekannte Melodie der Melancholie kriecht
durch das honiggoldene Herbstlicht.
Die einstigen Triumphe sind verblaßt
und wärmen nicht.
Das Haar ist fahl
und die Träume ebenfalls ergraut.
Am Morgen steh’ ich vor der Sonne auf.

94 | Verbundenheit

Mir scheint, obwohl ein jeder seine Wege geht,
verbindet uns mehr, als dass uns trennt.
Der gleiche bleiche Mond leuchtet des Nachts
auf uns herab.

Wir durchwandern denselben Staub der Welt.
Es schimmern die gleichen Sterne für uns am Himmelszelt.
Auch die Sonne gleisst auf selbe Art
vom Firmament auf uns herab.

Auch wenn wir einander nicht lächeln sehen –
die gleichen Bäume säumen die Alleen.
Trotzdem wir nicht mehr miteinander gehen,
sehen wir die gleichen Vogelschwärme herbstwärts ziehen.

D’rum wünsche ich auch Dir –
ein schönes Leben,
viel Glück und Segen,
damit wir uns – vielleicht irgendwann – in Frieden begegnen.

93 | Eines Tages

Ich denke, eines Tages wirst Du mir verraten,
was Dich so gekränkt hat,
dass wir nach dreiunddreissig Jahren
kein Wort mehr miteinander sprachen.

Was es war, das ich Dir tat,
das Dich so bitterlich enttäuscht hat.
Du mußtest gehen.
Ich liess Dich ziehen.

Von da an hast Du
in einer Fremden Arm gelegen.
Was es wohl war?
Ach, auch wenn ich’s nicht erfahr’,
wird es mir irgendwann egal.

Von wem ist die Rede?

Sie wissen nichts mit sich und dem Leben anzufangen und setzen dann Kinder in die Welt. Wenn dann der Schmelz der heiligen Familie verbraucht ist, kochen sie im Zorn über Ihr verpfuschtes Leben und machen sich gegenseitig das Leben zur Hölle. Dann trennen sie sich im besten Fall. Ihre familiären Verpflichtungen zwingen sie in den Frohn. Türmen sich noch weitere menschliche Anforderungen auf, brechen sie aus dem selbsterschaffenen Gefängnis aus, nur um gleich ein nächstes Familienprojekt zu starten. Was ihre Irrtümer über das Leben und sich selbst infrage stellen könnte, wird aus dem Weg geräumt. Die erträumte Intensität und Nähe bleibt fern. Sie heizen die Maschinerie an, die sie fesselt.
Da sie geistig nicht in der Lage sind, sich den Fragen dieses Lebens zu stellen, zieht eines Tages die grosse Leere in ihre Herzen ein und die Kälte kriecht sie an.
Seht hin, Ihr Lieben, seid Sand, nicht Öl im Getriebe, damit Ihr nicht die nächsten seid.