Rose aus Wind | Maja Loewe

ich sammle dir den herbst
aus dem fell der nebelhunde

trinke ein glas blaue luft
und tauche meine zunge

in die alphabete der möwen
verkoste erst wolkenreste

und danach den atem
der schlafenden hirsche

pirsche durch laub, masken
und übersehene früchte

meine silben, sie strecken
ihre dünnen finger aus

und pflücken uns eine rose
aus wind

für die weißgekleideten tage

110 | verschieden

Was haben Wind und Blatt
am Ast gemeinsam?
Was teilen Tag und Nacht?
Wie gehen Du und ich
zusammen auf Fahrt?

Der eine kichert,
die andere weint.
Wie sind wir
auf unserem Weg vereint?

Der eine flüstert,
die andere schreit.
Finden wir uns trotzdem
ohne Streit?

Ist es das Dunkel,
das das Helle heilt?
Sind es die Antworten,
die vereinen,
was sich in Fragen teilt?