153 | Sonntag

Wir schlendern durch die sonnigen Strassen
an diesem frühherbstlichen Sonntag.
Auf dem Friedhof finden wir im Mittagslicht
eine schattige Bank.

Eichhörnchen wuseln an den schartigen Stämmen
der Eschen auf und ab.
Sie vergraben ihre Funde
in einem frischen Grab.

Wir gehen weiter als sich der Himmel
mit einer Federwolke verschleiert
und finden einen gemütlichen Sitzplatz
im Licht vor einer schützenden Hauswand.

Müßig betrachten wir die Passanten.
Nach einer Weile ziehen wir weiter.
Geniessen noch ein Eis.
Dieser Tag verlief heiter
und die Spatzen tschilpen leis.

152 | Nachtseite

Die frühherbstlichen Schatten – dunkel und tief –
führen kühl in die Winterzeit des Lichts.
Der Tanz des Staubkorns in der Sommerglut
ist nicht mehr als eine Erinnerung, wenn auch mir lieb.

Die ungeheure Nacht kündigt sich an
und greift um sich. Schlüpfe in jeden Strahl des Tags
und hoffe, dass die Erinnerung
mich durch die finstere Zeit trägt.

Ich hoffe auch, auf eine neue Frühlingssilbersichel des Mondes
im April und dass die Luft wieder gefüllt von Rosenduft
und mir ein schmelzzarter Kuß
wird gewährt.

Doch sinkt mein Mut,
wenn ich spür, wie hart das Pflaster
unter meinen Schritten liegt.
Dann zweifle ich sehr, ob der nächste Sommerwind
mich bald schon wieder wiegt.

151 | Es ist so still

Es ist so still.
Das Herz klopft ruhig.
Der Kopf ruht schwer auf dem Genick.
Man hat Verdruß,
weil der Magen Zwiebelkuchen
verdauen muß.

Welche schale Frucht
bieten die überdrüssigen Gedanken.
Denke nicht hin
– an Dich.
Löse das Rätsel nicht,
wie wir zueinander gelangten,
weil das vergeblich ist
und wir schon etliche Male
von der bitteren Einsamkeit tranken.

150 | Man möchte

Es weiss ein Mensch kaum,
einen anderen zu trösten,
Man möchte darum, umeinander taumelnd,
zärtlich beieinander liegen.

Es weiss ein Mensch kaum,
einem anderen nahe zu kommen.
Drum möchte man wortlos
Liebeslieder für einander summen.

Es weiss ein Mensch kaum,
sich aus der Sehnsucht zu lösen.
Darum möchte man scheu
die Maske lüften
und einander unverschleiert anblicken.

Es weiss ein Mensch kaum,
den anderen nicht mit Erwartungen zu erdrücken.
Darum quellen die Tränen des Verlangens
heiss über die schützenden Handrücken.

149 | Die Welt

Sehe die Welt an
und fasse sie nicht,
die Kinder von Moria
und ihre Eltern
– gefangen, elend und unschuldig.

Die Stille und Kälte
ihnen gegenüber sind unheimlich.
Sie sollten bekränzt sein,
mit Blumen und Glück,
genau wie wir
und leben in Schönheit.

Seien wir würdig und geben ihnen
Würde und Hoffnung zurück,
Brot, Bücher und Poesie,
ein Dach über dem Kopf
und ein schönes Lied,
Schulen und Bildung
und zur Gestaltung
von Zukunft – Phantasie.

148 | Kupfer

Kupferrot, wie das anstehende Herbstlaub,
flammt Dein Haar.
Blau glänzt Dein Auge, das mich anstrahlt.
Verfroren betastest Du schüchtern
die Manschette Deines Hemdes,
wie ein nacktes Küken ohne Flaum.

Ich möchte Dich schützen,
– ein Nest um Dich bauen,
– Dich bergen und hegen,
– Deine kalten Finger auftauen,
– ein wärmender Mantel Dir sein.

Ich streich‘ mit den Augen
entlang Deines Gesichts.
Gebe zurück
Deinen zärtlichen Blick.
Ich greife Deine Hand
und merke, dass es piekst,
halte trotzdem still,
bis Du losläßt,
weil ich Dir ein Anker
im Sturmwind sein will.

147 | Zärtlichste Erinnerung

Du zärtlichste aller Erinnerungen.
Dich habe ich dem grauen Einerlei des Alltags entwunden.
Du bist mir die Schönste aller schönen Stunden.
Durch Dich konnte mein Herz wieder ganz gesunden.

Mag auch der frische Wind des Herbstes,
Dich wie das fallende Laub von mir forttragen,
möchte ich sanfte Worte in Dein liebes Ohr Dir sagen.
Sie sollen Dich umweben
und an den trüben, dunklen Tagen
Deine Stimmung heben
bis wir uns wiedersehen.

146 | Station

Ein langer trister Flur
mit Neonleuchten.
Gebunden wird,
wer randaliert.

Wir wiegen uns im Tanz
auf dem farbigen Linoleum.
Die Zeit verstreicht schleichend
in diesem Kerker für die Unzivilisierten.

Die trutzigen Mauern aus Waschbeton
bilden ein Refugium
für die, die phantasieren.
Man gibt den Schmetterlingen Zuckerlösung,
damit sie wieder hungrig sind.

Bald schon treibt sie fort
ein lauer Wind,
weil sie die Kinder des Sommers sind.
Man kann sie nicht besitzen.

 

145 | Bitte

Liebster – laß uns bitte noch etwas träumen,
noch ein wenig voranstürmende Zeit versäumen.
Liebster – fisch‘ mir eben jenen Grashalm aus meinem Haar
und streich‘ mit Deinen Fingerspitzen
über die Muschel meines linken Ohrs.

Noch einmal, Liebster,
küss‘ mich mit Deinen samtweichen Lippen.
Laß‘ mich nochmal von Deinem Brunnenmund trinken.
Laß‘ mein Auge erneut tief in Deinem Blick versinken.

Noch einmal möchte ich bei Dir Atem schöpfen
– Deine Milchhaut mit Küssen bedecken
– dem Salz darauf mit meiner Zunge nachschmecken
– mich zu Dir in den warmen Sand legen
– mich sanft im Tanz mit Dir wiegen.