Wir machen die Welt, wie sie uns gefällt

Berliner Studierende entwickeln ein Weltverbesserungsrezept


Feature über eine Studierenden-Initiative

Carolin Strehmel ist Studierende der FU Berlin und Weltverbesserin bei Über den Tellerrand kochen.

Carolin Strehmel ist Studierende der FU Berlin und Weltverbesserin bei Über den Tellerrand kochen.

Von der Theorie zur Praxis

“Die Frage – wer sind die Menschen, die zu uns kommen? – wird in der öffentlichen Debatte vergessen.” sagt Carolin Strehmel – Studierende an der FU Berlin – zur Wahrnehmung von Flüchtlingen in der Öffentlichkeit. Innerhalb von knapp einem Jahr hat Carolin zusammen mit drei weiteren berliner Studierenden eine Anleitung entwickelt, die dieses Defizit kleiner machen kann. Wie so vieles in dieser Welt, begann alles mit einigen Überlegungen an einem Esstisch. Heute wird das Projekt europaweit beachtet und das Anliegen von Über den Tellerrand kochen ist nicht nur wortwörtlich in aller Munde.

Vom Anspruch zur Wirklichkeit

An einem trüben, kühlen Novembernachmittag begegnen wir Carolin Strehmel in einem typischen Kreuzberger Gründerzeit-Hinterhaus in der Nähe des Mariannenplatzes. Wir, zwei Studentinnen der FU, hatten uns angekündigt um ein Interview mit Projektbeteiligten der Initiative Über den Tellerrand kochen zu führen. Zur Zeit ist das Projekt dort noch „Stipendiat“ beim Social Impact Lab (SIL), das „Social Entrepeneuren” mit Rat, Tat und Räumlichkeiten beiseite steht. Wir freuen uns, als deutlich wird, dass vor uns eine der beiden Initiatorinnen und Ideenentwicklerinnen von Über den Tellerrand kochen sitzt. Sehr freundlich und aufgeschlossen, klug und farbig schildert sie, wie aus einer Idee am Esszimmertisch einer Studierenden-WG zwei Bücher und ein erfolgreiches, richtungsweisendes, weltverbesserndes Rezept wurden.

Das Rezept – man nehme


Aus einem Pflichtprogamm mach Kür

Das vielgescholtene BA-Studium verlangt von den Studentinnen und Studenten auch, praxisorientierte Studienbereiche neben den eigenen Fächern nachzuweisen. An der FU Berlin nennt sich dieser Bereich „Allgemeine Berufsvorbereitung“ (ABV). Unter den verschiedenen Angeboten findet sich auch der Funpreneur-Wettbewerb (FPW). Dieser ist offen für alle Berliner Studierenden, egal welchen Fachbereichs. 
Die Aufgabenstellung des FPW lautet, innerhalb von acht Wochen mit einem Startkapital von 5 Euro ein marktfertiges Produkt zu präsentieren. Anreiz bieten nicht nur die eher wenigen Pflichtpunkte zum Erwerb des BA, sondern auch ein Bonus in Form von Preisgeldern von insgesamt 2500 Euro. Im Prozess werden die theorielastig sozialisierten Studierenden von praxiserfahrenen Paten aus Unternehmensführungen unterstützt. Teamarbeit aber auch Grundlagenkenntnisse für einen Unternehmensstart werden vermittelt.

Langfristige Ziele sehen und kurzfristige Möglichkeiten aufgreifen

Carolin Strehmel beschreibt, dass die Ideenfindung in der zweiwöchigen Startphase für sie und Bontu Guschke zunächst die schwierigste und langwierigste Entscheidung war, denn als klassische Unternehmerinnen ohne weiteren gesellschaftspolitischen Anspruch wollten sie nicht loslegen. So entwickelten die beiden FU-Studentinnen aus der Aufgabenstellung und ihrem Wunsch zwischen Flüchtlingen und eingesessener Bevölkerung unkompliziert Begegnungsmöglichkeiten zu schaffen, die Idee – gemeinsames Kochen und Essen zu ermöglichen. Bald stellte sich heraus, dass dies in dieser Form nicht im Rahmen der Strukturen des Funpreneur-Wettbewerb möglich war. So hätten sich beispielsweise aus den hygienischen Anforderungen zu viele Hindernisse ergeben. Gemeinsam mit zwei weiteren Studierenden begannen sie also damit, ein Rezeptbuch aus den Kochbegegnungen auf den Markt zu bringen. Der Zeitrahmen von Anfang November bis Mitte Dezember war auch dafür sehr eng gesteckt. Trotzdem gelang es ihnen, in diesen sechs Wochen alles umzusetzen, inklusive der Gestaltung und der Produktion des Kochbuches. Sie starteten sogar bereits vier Tage vor der Abschlußpräsentation beim FPW den Verkauf des Buches und gewannen den ersten Preis des Wettbewerbs.

Aufnehmen was sich entwickelt

Inzwischen war Ihr Projekt bereits so bekannt geworden, dass die geplante Erholungspause bis Januar ausfiel. So saßen sie am Weihnachtstag über Bestellungen gebeugt und gaben bald Nachdrucke des Kochbuches in Auftrag. Am Jahresanfang berieten die vier, was ihnen für die nächsten Phasen wichtig erschien, um ihr ursprüngliches Anliegen, letztlich ein übertragbares Format zu entwickeln, weiter zu verfolgen und trafen einige Entscheidungen. 

Bereits während des FP-Wettbewerbs waren sie auf einen etwas anders gelagerten Wettbewerb für Social-Entrepreneure aufmerksam geworden und so in Kontakt mit den Machern vom Social Impact Lab in Berlin gekommen. Auf diese Weise erfuhren sie von dem achtmonatigen Stipendium bei SIL, auch hierfür war ihre Bewerbung erfolgreich. SIL bot nicht nur Räume, auch für die „Kochevents“, sie forderten und förderten die weiteren notwendigen Strukturierungs- und Professionalisierungsprozesse. Inzwischen ist das Nachfolgebuch, das Rezepte von bundesweiten „Über den Tellerrand kochen“-Ereignissen zusammenträgt, erfolgreich finanziert und druckfertig produziert. Überschüssige Erlöse fließen von Beginn an in die Weiterentwicklung und Durchführung der Kochbegegnungen.

Weitermachen

Carolin Strehmel wirkt sehr erleichtert, als sie berichtet, dass inzwischen Aufgaben delegiert werden und sich für alle Projektgründer_innen passende und zu bewältigende Bereiche herauskristallisiert haben. Sie überführen ihre Organisation nun in einen gemeinnützigen Verein, differenzieren ihr übertragbares Modell weiter aus, um Kooperationspartner zu unterstützen und freuen sich über die positive, interessierte Resonanz aus ganz Europa. All jenen, die auch bei sich vor Ort aktiv werden möchten, helfen sie gerne als Kooperationspartner. Dazu empfiehlt Carolin Strehmel außerdem, dem eigenen Enthusiasmus zu folgen und in schwierigen Situationen dem Feingefühl zu vertrauen, das gilt natürlich auch für die Umsetzung weiterer Ideen.

Übrigens – da das Stipendiat bei SIL schon fast vorbei ist, sind Über den Tellerrand kochen auf der Suche nach neuen Räumen mit geeigneter Küche und Platz für einen grossen Esstisch, wenn Ihr Tipps habt, meldet Euch doch bei www.ueberdentellerandkochen.de



Links

https://www.fu-berlin.de/sites/profund/wettbewerbe/funpreneur-wettbewerb/


https://www.ueberdentellerrandkochen.de/

https://www.socialimpact.eu/

Eine Plattform auf der Vernetzungsangebote und Austausch von sozial motivierten Initiativen und Start Ups organisiert wird:

www.mixxt.de

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