Was wäre aus Berlin geworden, wenn das bereits 1926 geplante Germania entstanden wäre?

 

Zum Glück kommt manches anders als geplant.

Zum Glück ist dieser Umstand nicht eingetreten. Von dem Wahnsinn, den sich dieser übergeschnappte Österreicher bereits 1926 ausgedacht und in ersten „Zeichnungen“ festgehalten hat, sind einige Modelle, Hitlers Zeichnungen und der Schwerbelastungskörper in der General-von-Pape-strasse auf der Tempelhofer Seite, der geplanten Neuanlage erhalten geblieben. Ein Besuch dort lohnt sich, um sich auch hier vor Augen zu führen, dass wir froh und dankbar sein können, dass es Menschen gab, die dem eintausendjährigen Reich ein Ende nach schrecklichen 11 Jahren bereitet haben.
Der „Schwerbelastungskörper“ selbst wurde in mehreren Phasen von Zwangsarbeitern errichtet. Hier sollte die Tragfähigkeit des märkischen Sands geprüft werden. Die Information, dass er noch bis zur Mitte der 90er Jahre als wertvoller Messort erachtet und von der TU Berlin und Ingenieursgästen aus der ganzen Welt genutzt wurde, erschüttert mich. Er sei trotz der Opfer eine „einzigartige“ Ingenieurleistung in der Welt. So eine Rechnung darf nicht aufgehen. Ich denke an das Elend der Menschen, die ihn ab 1941 als Zwangsarbeiter errichten mußten. Es ist auch am Material zu sehen, dass das sowieso schon eine Zeit des Mangels war, nicht nur des Mangels, den man für die Zwangsarbeiter vorgesehen hatte.

Geplant war es (etwas versetzt) einen Triumphbogen zu errichten, der eine riesige, rampenartige – Panzerauffahrstrasse? gewalzt hätte (120m breit). Die weitere Planung zuzüglich, der Gebäude, der vorgesehenen Querung, hätte heute noch bestehende Blocks und Orte rechts und links der Gleisanlagen zerstört – darunter auch den schönen St.-Matthäus-Kirchfriedhof in Schöneberg, der heute und damals „Ehrenfriedhof“ war und ist. Hier liegen die Gebeine vieler Menschen, derer liebevoll gedacht wird. Nicht nur die der Gebrüder Grimm, auch die von Rio Reiser.

Der Betonklotz, der innen hohl ist und den man betreten kann, ist ein Feldversuch im Massstab 1:1. Er realisiert einen Ausschnitt (1/10) einer der geplanten tragenden Säulen für den Triumphbogen. Das macht die grössenwahnsinnige Dimension des ganzen Projektes deutlich.
Es lohnt sich die daneben errichtete Plattform zu erklettern. Dort oben findet man, neben dem Blick auf die Stadt, ein Modellfoto vor, das den Wahnsinn ohne jeden menschlichen Massstab ganz gut zeigt.
Tröstlich ist der Blick auf die grüne Oase, der Kleingärten, die sich dort erhalten
und sich wie Mahnmale der Subversion behauptet haben. Allerdings sind sie aktuell durch Verkaufspläne gefährdet. Zu dem Ort haben auch einige junge, internationale Künstler_innen gearbeitet https://www.kunstimkontext.udk-berlin.de/wp-content/uploads/SCHWERBELASTUNGSKOERPER_download.pdf

Die Frage, die mich seit meinem Besuch dort vor einigen Wochen am meisten beschäftigt hat – wie konnte Hitler bereits 1926 (siehe Skizze), den Entschluss fassen einen derartigen Plan durchzuziehen? Welche macchiavellistischen, langfristigen Pläne hat er bereits damals ausgeheckt und wessen Unterstützung konnte er dabei nutzen.

Modell Planung Achse Germania

Modell Planung Achse Germania, der untere rote Punkt (7) markiert den Standort des Schwerbelastungskörpers… Foto: PR

2 thoughts on “Was wäre aus Berlin geworden, wenn das bereits 1926 geplante Germania entstanden wäre?

  1. Berlin, 31. August 2015

    Werte Frau Rahe.

    Auf Ihren Beitrag wurde ich durch einen Bekannten hingewiesen, da ich mich seit mehr als 10 Jahren auch über den Berliner Unterwelten e.V. mit dem »Schwerbelastungskörper« beschäftige. Für mich ist Ihre Irritation, daß ein auch mit Hilfe von Zwangsarbeit gebautes Experiment weiter genutzt wurde nicht vollständig verständlich. Weil etwas von Zwangsarbeitern errichtet wurde, darf man es nicht benutzen? Also wäre es besser die Arbeit der Zwangsarbeiter in der Nachkriegszeit unnütz herumstehen lassen? Von ihnen im Krieg wieder reparierte U-Bahnhöfe, beseitigte Bomben, gebaute Bunker … alles rückgängig machen?
    Und es waren ja eben nicht ausschließlich Zwangsarbeiter, die den Belastungskörper errichteten.

    Fraglich ist doch eher, wie gedankenlos etwas bis in jüngere Zeit genutzt wurde und der Informationsort behindert ja nun seit 2009 Gedankenlosigkeit.

    Und dann habe ich noch zwei Punkte, die vielleicht missverständlich waren:
    Das Einsparen des Zementes und Stahles zeigt natürlich fehlendes Material aber nicht in eigentlichem Sinne Armut. Hier waren zum Zeitpunkt der Errichtung des Belastungskörpers, eigentlich aber bereits seit Mitte der 1930er Jahre, die Präferenzen auf Waffen und Verteidigungsbauwerke gesetzt, daher wurde hier bei der zivilen Forschung gespart. Ohne die Aufrüstung und den Krieg wäre dies nicht notwendig gewesen. Gleichzeitig wäre es aber auch aus heutiger Sicht unnötig mehr Zement und Stahl bei einem Experiment zu verbauen, daß nur 20 Wochen stehen sollte.
    Und der Belastungskörper ist nicht 1/10 der Last des Triumphbogens, sondern er entspricht der Last auf 100 Quadratmeter Fläche.

    Mit freundlichem Gruß

    • Sehr geehrter Herr Richter,

      es geht bei meiner Irritation mehr um die Aussage – tja, das sei ja schon bedauerlich mit den Zwangsarbeitern, aber der Schwerbelastungskörper eben doch ein Wunderwerk der Technik und Ingenieurskunst, auch die Pyramiden in Äqypten seien ja unter Zwangs- bzw. Sklavenarbeit errichtet worden. Das ist unsensibel, nicht sehr reflektiert und blendet den Wahnsinn dahinter aus. Es gibt auch Menschen, die bewundern die logistische Leistung der Planer des Holocaust. Mir wird da schlecht.
      Danke für die sachlichen Richtigstellungen… Beste Grüsse, Sabine Rahe

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