Warum „Pan Dora“? Eine Rekonstruktion einer Performance im Frühjahr 1989

Erinnerung
Warum „Pandora“?
Frühjahr 1989 Berlin Kreuzberg, ein befreundeter Maler macht im Interglotz (Berlin, Kreuzberg) an mehreren Abenden eine Performance-Serie mit Musikern zu verschiedenen Instrumenten. Als einzige weibliche Musikerin bittet er mich für die Stimme mit ihm zu performen. Musikalisch macht er dazu keine „Vorgaben“.
Wir treffen uns zu einem Planungsvorgespräch bei dem wir unsere „Kooperation“ absprechen wollen. Meine Phantasie – wir entwickeln ein gemeinsames Konzept der Zusammenarbeit – der Improvisation. Er mit seiner Malerei, ich mit meiner Musik – ein Verabredung des gegenseitigen Auf-einander-eingehens.
Die Realität – der Maler ist bereits mit dem (seinem) Konzept fertig. Er hat sogar sehr genau ausgedacht, welche Rolle ich einnehmen soll. Es geht nicht direkt um eine gemeinsame Improvisation, sondern um eine Inspiration meinerseits für seine Phantasie/Projektion von einer Sängerin. Er erklärt mir, wie er sich das „Setting“ vorstellt, damit später zu erkennen sei, dass ich eine „Sängerin“ sei, Schwerpunkt Physis nicht Musik – folgerichtig soll ich eng anliegende Kleidung tragen und mich hinter der Leinwand aufhalten. Von hinten angeleuchtet, soll ich einen schönen, kurvigen Schattenriss auf die Leinwand werfen, ähnlich, wie in Platons Höhlengleichnis, – also wiedergegeben werden, als die Projektion, die mit dem Selbst verwechselt wird.
Ich bin wütend, bis verzweifelt. Wieder werde ich auf meine äußere Form reduziert, die Lust an der Begegnung, dem Zulassen inhaltlicher Angebote, der Musikerin, dem Risiko der Begegnung im Moment, läßt mein Gegenüber nicht zu – er hat schon die situative Definitionsmacht übernommen, denkt er :). Ich empfinde das als anachronistisch und entschliesse mich, die Erwartungen zu brechen, mein Gegenüber also durch ein Überraschungsmoment zu einer direkten Reaktion zu provozieren. Also nicht als Diva zu erscheinen, sondern als „Pandora“ und zwar in der Interpretation von Irmtraud Morgener in ihrem Buch „Amanda“ (Aufbau Verlag, 1988)

Pandora nach Irmtraud Morgener, die sich auf Goethe bezieht
Laut Morgener hat Pandora bei ihm den Charakter eines Humanitätssymbols. (S. 96)
Kurzfassung aus dem Gedächtnis: Prometheus stiehlt Zeus (einem Vatermörder -> Vater Zeus ist Kronos) das Feuer (Kraft der Transformation, aus Rohem, Verdauliches machen) mit Hilfe Athenes und einer List, um es seinen Geschöpfen, dem Menschengeschlecht zu schenken. „Zeus schwor Rache. Die Menschen nutzten die wohltätige Kraft des Feuers und die zerstörerische.“ Als Mutter Erde (Gaia) sah, dass die destruktive Kraft des Feuers überhand nahm (Waffenherstellung, Niederbrennen von Behausungen üblich für Konfliktlösungen), „wurde sie nachdenklich. Und sie wußte lange nicht, wie sie sich den Mangel an Liebesfähigkeit, der die Menschen von ihren unterschied, erklären sollte. Die einfachste und natürlichste Erklärung – Liebe kann nur geben, wer Liebe empfing – fiel Ihr zuletzt ein.“ (S. 81)
Um den Mangel zu beheben der Prometheus Werk gefährdete, beschenkt sie ihn mit dem was zur Vollendung fehlte, einer Frau – Pandora (griechisch Πανδώρα, Allgeberin, aus altgr. pan für all-, gesamt, und doron für Gabe, Geschenk; traditionell jedoch als „Allbegabte“ übersetzt, https://de.wikipedia.org/wiki/Pandora). Pandora ist schön und klug, doch der rachedurstige Zeus setzt das Gerücht aus, sie sei ein Geschenk des Zeus, ausgestattet mit allen Übeln der Welt in ihrer Büchse (Vulva) und gesandt ihn und die Menschen zu verderben. Würde der Deckel geöffnet, „fielen alle Übel über die Menschheit“ – unumkehrbar.
Prometheus (Vorbedacht – bis zum Vorurteil?) glaubt dem Gerücht und warnt auch seinen Bruder Epimetheus (Nachbedacht). „So verhinderte Zeus, dass Prometheus in Liebe Männer und Frauen erschaffen konnte…“.
Daraufhin wagt Zeus Prometheus die strengste Strafe aufzuerlegen – ihn an einen Fels zu fesseln und seine Leber täglich von Geiern fressen zu lassen, dies sollte für immer geschehen. Epimetheus über das Schicksal seines Bruders bestürtzt, heiratet Pandora (weil er durch Nachdenken das Gerücht verwarf?). Sie öffnet ihre Büchse und es wurde für ihn und alle sichtbar, mit welchen Gaben von Mutter Erde bestückt sie den Menschen zu geben hatte. „Luftgestalten und Güter mit Fittichen: Zukunftsbilder.“ Die Luftgestalten waren meßbare und materielle Werte und leider griffen die Menschen nur nach ihnen und liessen die Güter mit Fittichen davonfliegen: Erdenliebe, Sinn für Harmonie und Hegen, Kompromißfähigkeit, Frieden. Um zu verhindern, dass auch die Hoffnung davonflöge, warf Pandora den Deckel auf die Büchse.
In meiner Interpretation verbirgt sie sich daraufhin, in Morgeners flüchtet sie mit Epimetheus und ihrer gemeinsamen Tochter.

Die Performance
Als unkörperlicher Schatten hinter der Leinwand bediene ich Vorurteile, Ängste und Klischees und spiele mit ihnen und den Schatten, die ich werfe, begleite aber auch meine stimmliche Improvisation/Erzählung tänzerisch.
Die Stimme repräsentiert vor und hinter der Leinwand einen authentischen, unvermittelt hörbaren Teil, der den gesamten Raum vor und unter hinter der Leinwand einnimmt. Die Improvisation wird unterstützt von Corin Curschellas an der Dulcime und dem Synthesizer, gemeinsam malen wir die Morgenersche Erzählung nach. Zum Bild, das ich werfe, gehört auch ein samtener roter Penis, den ich trage, er bedient die männliche Konkurrenzangst. Die gesangliche Improvistation kommt zu ihrem Ende, das darin besteht, das ich in der Mitte der Leinwand ein Messer von oben nach unten führe, um so durch die Öffnung vor die darauf gebannten Projektionen zu treten und sichtbar zu werden. Nun wird auch mein Penis als Attrape erkennbar.
Im Zuschauerraum herrscht Stille. Schock? Nach einer langen Pause wird applaudiert.
Anwesend unter anderem Tine Wagner (, die mich interviewt), Peter Sillie, Hans Joachim Engstfeld und Rainer :).
Beim Gespräch im Imbiss am Kotti: „Aber das darfst Du doch nicht tun, das ist destruktiv.“ (ein Mann). Zum Glück erinnere ich mich an Niki des Saint Phalles Schiessbilder und ich verweise auf sie.

In der Kunstschöpfung gibt es ein solches Verbot nicht! Ich habe der Leinwand ja lediglich etwas hinzugefügt, die Büchse geöffnet. Es gibt sie noch, die Leinwand – mit der Öffnung
(geschlitzte Leinwände hat auch Fontana genutzt). Jetzt ist es ein Dokument einer gemeinsamen Erinnerung, ein gemeinsames Werk.

Rein aus dem Unterbewußten habe ich hier einen Anschluß zu Dorette, Doris, Dorothea :).
Der Name Dorothea setzt sich aus den griechischen Wörtern δώρον doron für ‚Gabe‘, ‚Geschenk‘ und Θεός theos für ‚Gott‘ zusammen und bedeutet daher Geschenk Gottes oder Gottesgabe. https://de.wikipedia.org/wiki/Dorothea

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