Wahn

Aus der Kränkung des Individuums – überwiegend einsam und ohnmächtig einer sinnlosen und überwältigenden Realität gegenüber zu stehen, geschieht eine Umdeutung der Ohnmacht in Macht oder zumindest einer Wirklichkeitsdeutung in der der Einzelne im Zentrum des Interesses steht. Der Wahn macht es erträglicher, der stumpfen Faktizität gegenüber zu treten. Die Zusammenhangslosigkeit wird deutbar und die Fragen erhalten Antworten. Zufälle werden aus dem Weltbild eliminiert, Unerklärliches erklärt. Diesen Ausweg aus der Erfahrung der Rohheit der nackten Existenz, möchte man sich natürlich nicht nehmen lassen und reagiert äußerst aggressiv auf Interventionen, die das wahnhafte Weltbild bedrohen.

4 Gedanken zu „Wahn

  1. Hallo Dorettes, wir finden, dass “Wahn” hier irgendwie defizitär dargestellt wird. Wir haben auf Eurer Seite eigentlich sehr spannende Berichte gelesen über Situationen, die eine beinahe “wahnhafte” Wahrnehmungsebene zu thematisieren scheinen: die Fahrten mit dem Fahrrad in den Norden. Wenn Ihr auch so hart mit ‘dem Erleben von Wahn’ ins Gericht zieht, so möchten wir doch sagen, dass solche Erfahrungsebenen für den/die Leser/in (mit oder ohne eigenen “Wahn-“erfahrung) sehr bereichernd sein können. Nicht weil man sich am “Wahn” eines anderen ergötzen will, sondern weil – so glauben wir – “Wahn” auch eine ganz interessante Erlebnisdimension darstellt.

    Vor diesem Hintergrund betrachtet hätten wir folgende ungefragte Einwände zu Eurem Abschnitt über das Erleben von Wahn:

    Aus der Kränkung des Individuums [was wird hier unter „Kränkung“ genauer verstanden?] – überwiegend einsam und ohnmächtig einer sinnlosen und überwältigenden Realität gegenüber zu stehen, geschieht eine Umdeutung der Ohnmacht in Macht [Erlebnisse von „Ohnmacht“ und von vermeintlicher „Macht“ würde ich im Kontext mit „Wahn“ nicht allesamt für vergleichbar halten im subjektiven Erleben von verschiedenen Menschen] oder zumindest einer Wirklichkeitsdeutung [auch eine erlebte Realität ist eine Realität] in der der Einzelne im Zentrum des Interesses steht [was ja noch keinen defizitären Zustand darstellt – zudem kann der Betroffene sich nichtsdestotrotz mit der Sorge um andere befassen, mir sich solche Fälle bekannt]. Der Wahn macht es erträglicher, der stumpfen Faktizität [die auch gestaltet wird von anderen Menschen] gegenüber zu treten. Die Zusammenhangslosigkeit [im Bezug aus das „Selbst als Mittelpunkt des Interesses“ vermute ich?] wird deutbar und die Fragen erhalten Antworten [was eigentlich auch ein kreativer Prozess ist]. Zufälle werden aus dem Weltbild eliminiert [zumindest werden sie irgendwie versucht gedeutet zu werden], Unerklärliches erklärt [was ein ganz spannender Punkt ist]. Diesen Ausweg [Wahn kann aber in noch tiefere „Höllen“ führen] aus der Erfahrung der Rohheit der nackten Existenz [nackte Existenz beinhaltet auch positive Fakten], möchte man sich natürlich nicht nehmen lassen und reagiert äußerst aggressiv auf Interventionen, die das wahnhafte Weltbild bedrohen [vielleicht sind manche Interventionen einfach nur nicht adäquat?].

    • Liebe Sonja, lieber Peter,
      vielen Dank für Eure Reaktion auf den Beitrag und Euer engagiertes Interesse. Ich halte Wahn tatsächlich für einen mißglückten Versuch, eine Strategie zu finden, auf eine wenig glückliche Welt zu antworten. Auf der Suche nach Antworten auf die Sinnlosigkeit der Existenz und der Ohnmacht gegenüber den Realitäten, schafft sich das Individuum eine Welt, in der es unbegrenzt Zugriff auf die Umwelt fantasiert oder sich auch – in anderen Fällen – in eine Position zentraler Aufmerksamkeit fantasiert. Das mag zwar spannend oder auch erschreckend sein, doch ist es ein Irrweg auf den der Geist einen führt.
      Bewußt habe ich in dem Text offen gelassen, ob es sich um eine von der Gesellschaft geduldete Form des Wahns oder um eine als Krankheit gesehene Form von Wahn handelt, denn häufig bleibt er sozial unauffällig und verdeckt.

      Die Kindlichkeit der Perspektive auf die Welt – sie ist nicht, wie ich sie gerne hätte oder brauche und ich bin in ihr nicht wirklich bedeutsam, doch darauf reagiere ich mit einer Umdeutung, die mir Bedeutung verleiht, weil ich die Erkenntnis von Einsamkeit und Sinnlosigkeit mich so erschreckt, dass ich eine Ausflucht erfinde, – ist eine Schein-Antwort auf eine tragische Erfahrung. Doch von dieser Tragödie sind alle betroffen.

      Die Welt ist nicht, wie sie sein sollte. Wir haben darin nicht die Bedeutung, die ihr einen Sinn geben würde. Wie reagieren wir darauf? Das ist schwer wegzustecken, eine verstörende Erfahrung. Schwer auszuhalten. Aber bietet der Wahn hierauf eine Antwort? Er verhindert doch gerade, dass es mir möglich ist zu erkennen, woher die prekären Verhältnisse kommen und wie ich sie umgehen kann. Er hilft auch nicht dabei, mich dem Zugriff und der Ohnmacht gegenüber Lebensinterventionen zu entziehen. Er verhindert, dass ich mein Leben gestalten kann und meine Abenteuer aus freier Entscheidung gestalte.

      Ich spreche nicht dagegen, dass man sein Leben intensiv lebt. Das halte ich für wichtig, gerade angesichts der Sinnlosigkeit in die wir geworfen sind. Aber vielleicht fängt die Intensität da an, wo man die Krücke des Wahns fortwirft. Wo man einen klaren Blick auf die Welt hat und darin entscheidet. Es sollte auch genügend Raum für Trauer und Nachdenklichkeit im Leben sein.

  2. Wir würden da nicht so einen harten Schnitt machen zwischen visionären Erlebnissen / “Wahn” und “Normalität”. Vielen Dank aber für Deine Erläuterung. Wir lesen die Grenzerlebnisse zwischen ‘dem tragischen Erleben von Abgesondertsein im Geiste’ und ‘dem erfreulichen sich in positiven Zusammenhang setzenden mit der Mitwelt’ potenziell in alles menschliche Erleben mit hinein, denn Erleben ist etwas sehr facettenhaftes. Vielen Dank aber nochmals. Wir lesen Eure Beiträge immer wieder sehr sehr gerne!

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