Über das Böse (1965), philosophische Vorlesung von Hannah Arendt zur Ethik und Moral

(Diesen kleinen Aufsatz verstehe ich als offenen Brief an meinen Vater, von dem ich mir keine Antwort verspreche, SR im November 2012)

Das Buch „Über das Böse“ der grossen Philosophin Hannah Arendt nimmt Stellung zu den grundlegenden Fragen menschlichen Handelns und Daseins und entstand 1965 als vierteilige Vorlesung über Ethik und Moralphilosophie in New York. Sie beschreibt ihre Überlegungen zum Bösen und zum Guten und zur Bedeutung des Denkens für die ethische Handlungsweise und damit einzige im menschlichen Maßstab legitimen Handlungsgrundlage.

Arendt erklärt die Prozesse der Handlungs- und Entscheidungsgrundlagen menschlichen Seins und der Notwendigkeit der Urteilsfähigkeit darin, und stellt im Resumee die Notwendigkeit der Urteilskraft und des Urteilswillens und der daraus folgenden menschlichen Verpflichtung zu ihr fest. Die Philosophin entwickelt von Sokrates ausgehend, über das Denken Platons und Kants, dass die Voraussetzung für Moral nicht das geschriebene, dem Zeitgeist oder dem Geist der Herrschenden unterworfene Gesetz bildet, sondern allein zählt, ob eine Handlungsweise eine zeitlose Gültigkeit als gut hat und hierin Übertragbarkeit auf alle Menschen und ihr Dasein besitzen würde. Die Vernunft bildet hierbei die Grundlage des Urteils für das Handeln. Vernunft sei aber nach Kant eben, was menschliche, ewige Gültigkeit als gut besitze und zu der der Mensch verpflichtet sei, wie Hannah Arendt aus Kants Philosophie herausfiltert.

Sokrates sah laut Hannah Arendt die Voraussetzung für eine Besserung der Gesellschaft in der Befähigung des Einzelnen zum Denken. Aus der aktiven Entscheidung des Individuums und Fähigkeit zum Denken folgte, Sokrates Überzeugung nach, die Besserung der Gesellschaft. Daher lehrte er seine Schüler nicht seine Überzeugungen, Einsichten und Weisheiten, sondern die „Technik“ des Denkens, die Arendt von der Kontemplation unterscheidet. Sie beschreibt, dass das Denken ein Erfordernis zur Befähigung zum menschlich legitimierten, ethischen Handeln ist, sich jedoch immer in der Einsamkeit vollzieht. In dieser Einsamkeit führt der Mensch einen Dialog mit sich selbst und erlebt darin, dass er nicht einer sondern zwei ist. Er führt darin den Dialog mit seinem Gewissen, das aber nicht so verstanden wird, wie es heute im Allgemeinen verstanden wird  – also er führt den Dialog nicht mit dem „Unterbewußstein“, indem u.a. die gesellschaftlich erlernten Werte aufgerufen werden, sondern sie leitet „Gewissen“ wortgeschichtlich von seiner Bedeutung her, wonach der Begriff „Gewissen“ und „Bewußtsein“ ursprünglich gleichbedeutend war. In dem ich also ein bewußtes Sein ausbilde und mich für das Denken entscheide, entwickle ich mich als Persönlichkeit und gelange zu der Grundlage meines Daseins, meiner Handlungen und Entscheidungen. Hierbei schlösse sich Persönlichkeit und Unmoral aus. Da wo Persönlichkeit sei, sei zwingend auch Moral.

Sokrates entscheidet nach Arendt auch, dass es besser sei das Böse zu erleiden, als das Böse zu tun.

Entscheiden wir uns gegen das bewußte Sein und das Denken, dann entscheiden wir uns nicht nur für die Unmoral, sondern entziehen unserem Selbst das Dasein als Persönlichkeit. Zur Ausbildung einer Persönlichkeit gehöre demnach nicht nur die Entscheidung zum Denken und nach Arendt damit auch die Verantwortung zum Urteil, sondern auch die Fähigkeit zur Erinnerung, die wiederum die Grundlage für eine Verwurzelung des Menschen und damit eines glücklichen Lebens bildet.

Wer sich für das Böse und die Gleichgültigkeit entscheidet, was Arendt gleichsetzt, schneidet sich aber von der Erinnerung und der Befähigung zum Denken ab. Für ein gelungenes, glückliches Leben hebt HA aber die Erinnerungsfähigkeit und das bewußte Sein hervor, die beide nur möglich seien, wenn das Individuum sich bejahen kann, sich also „im Reinen“ mit sich selbst befindet. Die Voraussetzung ob ein Leben glücklich und gelungen sei, liesse sich nach Hannah Arendt auch eher zu seinem Ende hin treffen.

Die Erfordernisse der Ethik und Moral werden nicht „vererbt“, also durch tradierte Werte weitergegeben, sondern durch Einsicht in die Erfordernisse der Vernunft, die im Prozess des Denkens eworben werden, deutlich. Sie sind immer da und gültig, ihnen gegenüber gleichgültig zu sein, heißt im eigentlichen Sinn das Böse tun. Moralisches oder ethisch verantwortliches Dasein bedeutet dabei nicht allein, das Böse nicht zu tun, sondern aktiv das Gute zu tun. Wer sich vom Denken abschneidet und nicht in den tiefen Dialog mit der menschlichen Vernunft tritt, wer nicht das Gute tut und das Böse verhindert, der verfehlt sein menschliches Dasein und tut das Böse.
Die Entscheidung zum Guten und die Verhinderung oder Vermeidung des Bösen ist nicht zuletzt keine einfache Anpassungsleistung an die Normen und Werte der Gesellschaft, wie sie durch Gewohnheiten und Gepflogenheiten tradiert und vermittelt oder einen Zeitgeist beansprucht werden, sondern müssen sich der persönlichen Urteilsbildung unterziehen. Nicht Sitten und Gewohnheiten, Überzeugungen oder Gesetze bilden die Grundlage ethischen bzw. moralischen Handelns, sondern die Vernunft und die persönliche Einsicht darin und Schlußfolgerungen für Handeln oder nicht handeln.

Hannah Arendt schildert ein Gleichnis Meister Eckharts: Auf der Suche nach einem wahrhaft glücklichen Menschen findet sich erstaunlicherweise als glücklichster ein Bettler. Der Bettler wird gefragt, „ob er sich auch dann noch für glücklich hielte, wenn er sich in der Hölle wiederfände. Und der Bettler, der seine Argumente auf die Liebe zu Gott gestützt hat und auf die Annahme, dass er alles, was er liebe, bei sich habe, antwortet: ‚O ja, ich wäre lieber in der Hölle mit Gott als ohne ihn im Himmel.‘ “ (H. A., Über das Böse, Seite 100).

Anders gesagt: Ohne den durch die Persönlichkeit vergewisserten Maßstab der Menschlichkeit und Moral bzw. Ethik, der eben Gültigkeit für die Menschheit insgesamt haben können muß, ist persönliches, individuelles Glück, gar nicht möglich. Der Mensch der so handelt, dass er sich für das unethische Verhalten entscheidet, schneidet sich von der Tiefe des Lebens ab, in der er Glück und Unglück empfinden und erleben kann.

Hierzu sagt Hannah Arendt an anderer Stelle, an der sie auf Augustinus verweist: „Der Mensch, der das Rechte erkennt und nicht tut, verliert die Kraft das, was Recht ist zu kennen; und der Mensch der die Kraft hat das Rechte zu tun, aber unwillig ist, verliert die Kraft zu tun, was er will. Mit anderen Worten, der Mensch, der gegen die Anziehungskraft der Glückseligkeit handelt, verliert die Kraft, glücklich oder auch unglücklich zu sein.“ (H.A., über das Böse, Seite 128)

4 Gedanken zu „Über das Böse (1965), philosophische Vorlesung von Hannah Arendt zur Ethik und Moral

  1. Der Leser mag entgegnen, Moral sei ein Luxus, sogar Brecht habe gesagt: „Erst kommt das Fressen, dann die Moral“ (Einleitung der Drei Groschen Oper).

    Doch Brecht stellte die Zustände fest, er bejahte sie nicht:
    „Hier spricht Brecht metaqphorisch ernaut davon, daß die Kunst, und eben auch seine schriftstellerische Kunst, beitragen kann zu der so notwendigen und auch realisierbaren Verbesserung der Welt. Das drückt schließlich besonders die erste Strophe des Gedichts Die handelnd Unzufriedenen (1943) aus, worin Brecht mitten im Zweiten Weltkrie das Sprichwort durch Hinzufügung nur eines Buchstabens positiv verfremdet hat:

    Die handelnd Unzufriedenen, eure großen Lehrer
    Erfanden die Konstruktion des Gemeinwesens
    In dem der Mensch dem menschen kein Wolf ist.
    Und entdeckten die Lust des Menschen am Sattessen
    und Trockenwohnen
    Und seinen Wunsch, seine Sache selber zu ordnen. (10,865)

    Diesen humanen Wunsch aber hatte Brecht im schicksalsreichen Jahr 1938 am Ende des bekannten Gedichts An die Nachgeborenen in seiner menschlichsten Sprichwörterverfremdung überhaupt ausgedrückt, worin er den Sinn seiner schriftstellerischen Tätigkeit darin sieht, ein Vorkämpfer dafür gewesen zu sein, daß aus menschlichen Wölfen endlich helfende Menschen (23) werden:

    Ihr aber, wenn es so weit sein wird
    Daß der Mensch dem Menschen ein Helfer ist
    Gedenkt unserer
    Mit Nachsicht. (9,725)“
    Zitat: http://www.trend.infopartisan.net/trd7899/t487899.html

  2. Gewissermaßen anstelle des hier angesprochenen Vaters sei hier angemerkt, dass mir die idealistische Denkart von Hannah Arendt noch immer näherliegt als spätere, vielleicht emanzipiertere Betrachtungen. Mein Vater hat versucht, uns Söhne im Vorschulalter mit den NS-Legenden von der sog. jüdischen Bosheit auf das Leben als Nachkriegsdeutsche vorzubereiten. Im Gegensatz zu meinen Brüdern hat es bei mir dazu geführt, nun über 70 Jahre lang mich gegen die landläufigen ‚zeitgemässen‘ Versionen von Judenhass zu widersetzen. Wo man als Deutsche(r) landet, wenn der ‚Rigorismus‘, den z. B. Werner Renz Arendt zu attestieren hat (ebenso wie ihn Monsieur Sokrates vertrat), nach Belieben verwässert wird, habe ich in den mir verbliebenen Monaten dokumentiert:
    https://docs.google.com/document/d/1O15JOH9YcMQ4l-QuRwtvx2UliZZQqSmOighzcLT1aBE/edit

    • Vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Antwort an Vater statt und dem Verweis auf Ihre interessanten Dokumente, in die ich schon mal einen Blick geworfen habe. Viel Lohnenswertes und Aufklärendes zum Informieren und Weiterlesen. Liebe Grüsse.

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