Gottt lobt einen Preis aus

Es ist beinkalt geworden. Die Pfützen gefrieren und Gottt bittet um ein geheiztes Zimmer. Wir speisen lasch gewürzte Linsen mit Spätzle, ein Scheit Holz glimmt im Ofen und nach einem Kaffee und einer Zimtschnecke, brechen wir mit dem Taxi durch die Winternacht in die Oper unter den Linden auf, die Zauberflöte in der Inszenierung von August Everding zu hören. Die Kulissen sind den berühmten Schinkelschen Ideen nachempfunden und die Kostüme klassisch. Obwohl das Kind ein Gewand mit glitzernden Straßsteinen angelegt und sich würdig für den Konzertbesuch vorbereitet hat, kommt es in der Pause nicht zur Übergabe, der dafür von Gottt als Preis ausgesetzten Brezel, denn ausnahmsweise ist der Verkäufer nicht da. Die Sängerin der Königin der Nacht ist ganz ausgezeichnet und brilliert vor dem Sternenhimmel in einer hängenden Mondbarke und wir begleiten im Anschluß an die Vorstellung das Kind und seinen Freund noch zur U-Bahn. Danach laufen Gottt und ich am Marx und Engels Denkmal vorbei über die eisschimmernde Wiese zum Alexanderplatz.
Unser Blick streift eine Ratte, die in der Dunkelheit an einer Häuserwand entlang an uns vorbeihuscht. Wir nehmen die Rolltreppe hinauf zur S-Bahn und trennen uns in der Friedrichstrasse, froh, dass Berlin auch jetzt ermöglicht, aus der Enge herauszutreten.
https://artsandculture.google.com/asset/the-magic-flute-opera-by-wolfgang-amadeus-mozart-set-design-for-second-scene-the-queen-of-the-night%E2%80%99s-hall-of-stars-karl-friedrich-schinkel/qAFlH-Ql3Q6oVw?hl=de

21.08.15 Perlen des Tages | unterwegs – unshopped, R. D. Laing – die Zweite, YES Men im Kino, Ai Weiwei, Fragile

R. D. Laing, die Zweite:
https://roths-psychoblog.blogspot.de/2012/10/ronald-d-laing.html

„Das Selbst und die anderen
In dieser Fortsetzung von Das geteilte Selbst untersucht Laing die Interaktion von Menschen, die gegebenenfalls zu psychischen Störungen und zu Psychosen führt. Die Grundlage solcher Interaktionen ist das „Verstehen” zwischen Ich und Du; aber dieses ist immer lückenhaft. Jeder Mensch kann nur mutmaßen, was der andere denkt und meint. Schlimm wird die Sache allerdings, wenn A genügend Autorität besitzt, um B zuzuschreiben, was er bewußt oder unbewußt empfindet. Hier tut sich ein Tor zu allen möglichen seelischen Vergewaltigungen auf.
Selbst die Wissenschaft übt solche Vergewaltigungstechniken aus, indem sie Menschen wie Tiere behavioristisch in Testsituationen bringt, wo sie sie „motivanalytisch” beurteilt. Dabei bekommen Personen „Triebe” und „Antriebe” zugewiesen, von denen sie manipuliert werden, als ob sie Maschinen oder Roboter wären. Auch die Psychoanalytiker berufen sich auf einen „psychischen Apparat” , dem man das Personsein ausgetrieben hat.
Wenn es nach Laing ein „Unbewußtes” gibt, dann ist das ganz schlicht jener Seelenanteil, den wir weder uns selbst noch den anderen mitteilen. Das ist demnach kein „Sack mit perversen Trieben”, sondern ein Teil der Person, der nicht kommunizierbar ist. Man kann ihn allerdings in Mitteilsamkeit verwandeln.
Wir verwenden einen schiefen Realitätsbegriff, um viele Menschen als „verrückt” zu etikettieren. Nach Laing weiß niemand so recht, was nun eigentlich die Wirklichkeit ist. Familien, Gruppen und Völker einigen sich auf ein phantastisches Gebilde, das sie „Realität” zu nennen belieben. Wehe dem, der nicht mitspielt; es kann ihn Kopf, Kragen und Vernunft kosten!
Wir sind alle in sozialen Netzen gefangen, und Psychotiker sind jene, die aus übergroßer Verstrickung mit unbeholfenen Mitteln ausbrechen wollen. Die Menschen erdichten eine Welt, .die sie für kompakt und nicht-hinterfragbar halten. Wer die Kraft hat, jenseits dieser angeblichen Normalwelt eine passende Eigenwelt zu schaffen, ist ein Künstler. Wer an diesem Versuch scheitert, ist ein „Gemütskranker”, der interniert werden muß.“

Antwort in der Taz auf dumme Diskussionen um Ai Weiwei.

Neues von den YES Men, seit gestern im Kino: https://www.filmstarts.de/kritiken/234341.html

https://youtu.be/lB6a-iD6ZOY