85 | Der Stein

Der klopfende Stein
in meiner Brust
erinnert mich an das,
was ich vergessen müßt,
um zu gesunden.

Der Schmerz in meinen Schultergelenken
läßt mich an jene Zeiten denken,
als ich unbeschwert und frei von Kummer war
– der Himmel über mir ungetrübt und klar.

Doch auch an das muß ich denken,
was vor der Zeit lag,
als ich Dich traf.
Dann möchte ich meine Gedanken
lieber wieder lenken,
zu jenem gütigen Geschick,
als Du Dich mir vorgestellt hast.

84 | Da standen wir

Da standen wir Schulter an Schulter
an jenem kalten Vorfrühlingstag
und blickten von der hohen Zinne
auf unser Märchenland herab.

Wir sahen schüchtern
nach vorne und spürten
das aufgeladene Knistern
des anderen warmen Fleischs.

Ein Schwanenpaar zog
durch das Schneegestöber
zum Ufer unseres Reichs.
Es war Symbol unseres Bundes.

Nur zögernd nahmen
wir unsere Plätze
nebeneinander ein.
Wir trugen durch
Zartheit gekrönte Häupter
und hüllten einander
in beredtes Schweigen ein.

Der Moment war von
mystischer Schwere.
Ein unbenannter Zauber
wob uns ein.

83 | Dein Schicksal

Die Welt ist mir ganz einerlei
– einzig Dein Schicksal
rühret mich noch.
Ein anderer Kerl hat
mir das Herz gebrochen.

Da hat sich trübseliger Kummer
mir in meinen Weg gestellt.
Doch denke ich an Deine Lippen – zart,
hab ich was, das mich
wieder fröhlich macht.

Drum sei Dein Pfad
von Güte und Glück beschienen,
wenn auch Deine lieben Wangen
auf fernen Kissen liegen.

So wünsche ich Dir nun,
Du mögest friedlich von
Deinen Wanderungen ruhn,
um dann munter und in aller Frische
zu mir zurückzulenken – Deine Schritte.

82 | Mondgedanken

Im silbernen Licht des Mondes
fluteten die süßen Momente
unseres Gesangs.
Den blanken Spiegel des Wassers
teilte ein einsam kreisender Schwan.

Golden regneten trudelnd
reife Lindensamen.
Drei tugendhafte Prinzen
tanzten auf Zehenspitzen.

Am hohen Himmel blinkte
der leuchtende Abendstern.
In Mildheit und in Ruhe grüßte
die Dämmerung von fern.

80 | Atlantis

Versunken – einst so stolze Stadt
bis Dich die Flut zu sich genommen hat.
Wo Hoffnung blühte
und Kinder spielten.

Fortgeschwemmt im kalten Strom.
Das Sommerlachen schwamm davon.
Verdrängt der Plätze helle Gesänge.
Umspült der Gassen weisse Wände.

Untergegangen in Wassermassen.
Nur Fische durch die Stille
unterm Meeresspiegel tauchen.
Rockfalten, die sich in der Strömung bauschen.

Wer singt nun Dein Lied?

79 | Daune

Leicht, wie eine Daune,
hast Du in meiner Brust gewohnt.
Ein Windhauch blies Dich davon.
In meinem Herzen bleibt die Erinnerung.

Deine Güte und Freundschaft strahlen
mich von dort aus an.
Noch tausend Prüfungen stelle ich mich
genährt durch sie,
bis auch ich an mein Ende gelang.

Ich wünsche mir, dass dann das Andenken an mich,
so wie jetzt das Meine an Dich,
Hoffnung, Liebe, Trost und Kraft spenden kann.

78 | Was wir bewirken können

Dass ein Untröstlicher Trost findet,
können wir bewirken.
Du hast es mir bewiesen.

Dass ein Heimatloser in der Fremde
Freundschaft findet.
Du hast es mir gezeigt.

Dass ein Mutloser Ermutigung findet,
könnnen wir bewirken.
Dein Beispiel war dafür Beweis.

Zu Haltlosen kann man feste Bande knüpfen
– mit Freundschaft, die nicht nur Versprechen bleibt.

In Memoriam Jörg Wallenstein, *29.05.1938 – +29.07.2021