89 | Im Kerker

Du, eingemauert in Ketten
aus bindendem Gift,
lass Dich nicht verdriessen.
Die Zeit wird doch verfliegen.
Das Leben kommt wieder
und nimmt Dich mit.

Du hinter turmhohen Mauern
– eingekerkert im Labyrinth.
Ich sende Dir einen Lichtstrahl
in das finstre Verlies.
Noch bis Du im Dunklen gefangen,
doch Du weisst, ewig dauert es nicht,
bis die eiserne Kette bricht.

Und denkst Du an das Schicksal der anderen,
die draussen stehen und gehen,
bedenke, dass sie vielleicht eben-
so eingesperrt sind.
Sklaven des täglichen Lebens
ohne Entlassungsplan.
An ihrem Hals ein Mühlrad
aus Routine.
Gewichte aus Pflichten
an ihrem Arm.

88 | August II

All die Glockenblumen, Mageriten und Rosen
werden schon bald vergehen,
dann werden die blanken Sterne
am kalten Nachthimmel stehen.

Den Zauber der Sommerstunde
tragen wir als Traum zu uns nachhaus.
Wir zupfen dann keine Blütenblätter
zur Bestimmung des Liebsten mehr aus.

Was nützen die Sonnenstunde?
Im Dezember sind sie perdu.
Dann lecken die Sehnsuchtswunden.
Die Schritte knirschen einsam im Schnee.

Der Sommer hat keine Dauer
– so wenig, wie Deine Huld.
Nach Aufleuchten kommt Trauer,
so ist’s um die Welt bestellt.

87 | August

Bald schon nimmt das Jahr seinen Lauf
und die Nebel und Fröste essen den Sommer auf.
Bald schon vergehen die Blüten
und aus dem grauen Himmel
senken sich Schneesterne herab.

Abends verklingt ja jetzt der Tag
bereits um Viertel nach Acht
und auf die laute Sommerfülle
folgt in wenigen Wochen des Winters Stille.

Die Höhe der Hitze ist überschritten.
Noch ranken an Zäunen duftende Wicken.
So kränzt sich das Leben,
um sich bald schon wieder schlafen zu legen.

Dann werden auch unsere Herzen wieder ruhn
– nur gemächlich der Zeit beim Verstreichen zusehn.
Dann haben wir Muße Vergangenes zu sichten
und daraus neue Lieder zu dichten.

86 | Flamme

Du bist eine glühende Flamme.
Verweigerst dem Schicksal die Jahre.
Dich schrecken die Zukunftserwartungen
an eines Mannes Erfahrungen.

Du bist jung und rebellisch.
Wozu hat man Dich
in die Welt geschickt?
Was bedeutet “Leben” denn wirklich?

Du bist ein sinnliches Versprechen.
Löst Deine Kraft aus stählernen Ketten.
Besiegst mit Witz, Goliath, den Titanen.
Verweigerst Verantwortungnahmen.

85 | Der Stein

Der klopfende Stein
in meiner Brust
erinnert mich an das,
was ich vergessen müßt,
um zu gesunden.

Der Schmerz in meinen Schultergelenken
läßt mich an jene Zeiten denken,
als ich unbeschwert und frei von Kummer war
– der Himmel über mir ungetrübt und klar.

Doch auch an das muß ich denken,
was vor der Zeit lag,
als ich Dich traf.
Dann möchte ich meine Gedanken
lieber wieder lenken,
zu jenem gütigen Geschick,
als Du Dich mir vorgestellt hast.

84 | Da standen wir

Da standen wir Schulter an Schulter
an jenem kalten Vorfrühlingstag
und blickten von der hohen Zinne
auf unser Märchenland herab.

Wir sahen schüchtern
nach vorne und spürten
das aufgeladene Knistern
des anderen warmen Fleischs.

Ein Schwanenpaar zog
durch das Schneegestöber
zum Ufer unseres Reichs.
Es war Symbol unseres Bundes.

Nur zögernd nahmen
wir unsere Plätze
nebeneinander ein.
Wir trugen durch
Zartheit gekrönte Häupter
und hüllten einander
in beredtes Schweigen ein.

Der Moment war von
mystischer Schwere.
Ein unbenannter Zauber
wob uns ein.

83 | Dein Schicksal

Die Welt ist mir ganz einerlei
– einzig Dein Schicksal
rühret mich noch.
Ein anderer Kerl hat
mir das Herz gebrochen.

Da hat sich trübseliger Kummer
mir in meinen Weg gestellt.
Doch denke ich an Deine Lippen – zart,
hab ich was, das mich
wieder fröhlich macht.

Drum sei Dein Pfad
von Güte und Glück beschienen,
wenn auch Deine lieben Wangen
auf fernen Kissen liegen.

So wünsche ich Dir nun,
Du mögest friedlich von
Deinen Wanderungen ruhn,
um dann munter und in aller Frische
zu mir zurückzulenken – Deine Schritte.

82 | Mondgedanken

Im silbernen Licht des Mondes
fluteten die süßen Momente
unseres Gesangs.
Den blanken Spiegel des Wassers
teilte ein einsam kreisender Schwan.

Golden regneten trudelnd
reife Lindensamen.
Drei tugendhafte Prinzen
tanzten auf Zehenspitzen.

Am hohen Himmel blinkte
der leuchtende Abendstern.
In Mildheit und in Ruhe grüßte
die Dämmerung von fern.