68 | Horizont

Unser Weg war gepflastert
mit den Myriaden Sternen
der Milchstrasse.
Wir hatten alle Zeit.
In Nächten sahen
wir in der Feuer Leuchten.

Wir zogen flußabwärts
mit dem Strom.
Gute Menschen
reichten uns die Hände.
Doch unser Glück glitt davon.

Und sehe ich heute
Sternschnuppen fallen,
zwinge ich meine Gedanken
an jenen Spätsommertag,
als Du fortgegangen warst.

Die dunklen, schweren Wasser
der Gegenwart fliessen
ohne Deinen Abdruck
und so nehmen –
äußerlich unberührt vom Gewesenen –
meine Zehenspitzen in ihnen
ein kühleres Bad.

66 | Zwei Sterne und ein Satellit

Kurz vor dem Morgengrauen
standen heute Nacht zwei Sterne
am Himmel über der Strasse.
Und ein Satellit glitt hell
über den Streifen Firmament.

Nicht ganz still
schwieg die Stadt.
Ein rastloser Autofahrer rauschte fern vorbei.
Es war nicht leicht, unter dieser
unvertrauten Mondlosigkeit zuhause zu sein.

Heute wurde Deine Stiefnichte geboren,
mein Kind. Du hingegen hast beschlossen,
dass die Welt kein guter Ort ist,
um Nachkommen
in sie zu setzen.

Ich suchen nach einem Haus für uns in Schonen.
Am Liebsten mit Öfen und Garten.
Ich sollte nicht träumen
und kann es nicht lassen.

65 | Lüfte

Benzingeruch verdrängt den Lindenduft,
der am Abend zu meinem Fenster hereinströmt.
Oft schon dachte ich – am Meer
wäre ich viel glücklicher.

Doch diese Stadt aus Backstein, Putz und Granit
ist im Winter mein Verliess
und im Sommer mein Paradies.

Immerhin habe ich ein Zuhause,
das ich so nennen kann.
Das reine Glück.

Man darf gar nicht um die Ecke sehen,
sonst müßte man sich angesichts der grossen Menge
Glücks wohl schämen.

64 | Was siehst Du?


Was siehst Du, wenn Du dieses Bild betrachtest?
Siehst Du das Krankenzimmer und die Einsamkeit?
Siehst Du die Freundin, die mich mit einem Strauß
gelber Ranunkeln hat erfreut?
Siehst Du das Herz am Hirtentätschelkraut?
Riechst Du den Duft der Rosen aus dem Garten?
Siehst Du den Abdruck im Bett, den Adolf Menzel zeichnete,
so wie ich es auch als junge Studentin in Kassel plante?
Kannst Du den Kaffee in der angeschnittenen Tasse raten?
Meinen rothaarigen Jüngling siehst Du nicht.
Das war eine märchenhafte Geschichte.
Ich hoffe, er ist heute nicht zu sehr verhärmt.
Das Bild ist frisch. Siehst Du seine poetische Kraft,
oder ist es für Dich durch die Jahre seither verblasst?

63 | Fragen

Hinter den Giebeln der Mietshäuser
leuchtet der Mond mit silbernem Licht.
In einer hermetisch verschlossenen Stube
grübele ich an einem Gedicht.

Die guten und die schlechten Tage
sind versunken in der Dämmerung,
die der Schatten der Erde wirft.
Liege über den Fragen danach
noch lange wach.

Als ich nach dem Straucheln erstarkt war,
reistest Du mir nach.
Als ich angekommen war,
gingst Du fort.

In mir klingen die Hummeln.
Sie summten am Dach aus Eternit.
Sie schwebten unterm First
und brummten ein Sommerlied.

Uns trennen die Gedanken
und auch das Gefühl.
Unsere Rose ist ausgerissen
mit Stumpf und mit Stiel.

Es wächst noch eine weitere
auf öffentlichem Land.
Im Frühling blüht und duftet sie viel.
Sie wird Jahr für Jahr stärker.

Ich bleibe bei Ihr.

Müde | Otto Julius Bierbaum (1865 – 1910) alias Martin Möbius

Ich schließ die Thüre hinter mir,
Will ohne Gäste sein;
Ich hab mich selbst verlassen,
Drum bin ich so allein.

Ich mache alle Läden zu,
Was soll mir Tag und Licht.
Das Feuer ist verglommen,
Die Sonne brauch ich nicht.

Ich fühle gar kein Leben mehr;
Die Liebe ist vorbei.
Ich kann nicht einmal weinen,
Aus mir ringt sich kein Schrei.

Ich habe keinen Gott und Freund
Und bin so sinnenleer,
Daß, wenn das Glück jetzt käme,
Ich fühlte es nicht mehr.

Ich schließ die Thüre hinter mir,
Bin nur für den zu Haus,
Von dem es heißt, er fächelt
Das letzte Flämmchen aus.

62 | Die Sommer

Es war schön
mit Dir auf’s
Firmament zu sehen.
Der Duft der frischen Tasse Kaffee
liess mich in die Morgen gehen.

Einst waren wir beieinander zuhaus.
Heute drückt sich die Verbitterung
in Schweigen aus.

Eines Tages war ich Dir verhasst.
Und langsam sind die Erinnerungen
an unsere Liebe verblasst.

Doch wenn ich unser Kind ansehe
und wie sich ihre Locken drehen,
dann kann ich unser Glück
und all die Leichtigkeit fühlen,
die es zwischen uns mal gab.

61 | Midsommar

In den dunklen kontinentalen Wintern
dachte ich noch, ich würde den Duft der Kiefern,
das Rauschen der Wipfel und die langen hellen Tage
nie wieder genießen.

Umso überwältigender sind der Hummelflug
und die seidene Luft.
Wir waren auch am Haus und fanden nur
die Milane wieder.

“Du kannst nicht zurückkehren.“ zitierte Gottt Klaus Mann.
Doch Simrishamn duftet noch nach Rosen
und der Strand von Vitemölla ist menschenleer in der Vorsaison.
Katia hat ein neues Glück gefunden
und auch wir waren sehr zufrieden.

60 | Wozu warten?

Die Tage verstreichen,
doch es geht nicht voran.
Worauf noch warten?
Und was kommt dann?

Die einen beten
und wenden sich an Gott.
Das ist mir nicht gegeben.
Ich bin ohne besser dran.

Wir träumen kleinlich
und gönnen dem anderen
nicht die Butter auf dem Brot.

Doch denke ich dankbar
an jenen Herrn, der mir
zwanzig Euro schenkte
einst in meiner Not.

Mir sind diejenigen lieber,
die sich Witz bewahren
und nicht zu Kreuze kriechen
und keine Helme tragen.