Täglich

Täglich kämpfe ich mich durch Kreuzbergs Häusermeer und trage die Sendungen zu den Briefkästen der Stadtbewohner. Wenn ich Päckchen bringe, ist die Freude der Empfängerinnen meist groß. In den letzten Tagen sind die Krokusse aufgeblüht und die blauen Sternhyazinthen. Heim komme ich meist erst, wenn die Sonne versinkt. Oft nehme ich die 47, das ist ein Rad, das niemand sonst will. Wenn es geregnet hat, quilt aus dem Sattel die Nässe und er läßt sich nicht mehr fixieren. Aber mit seinem Elektromotor macht es ganz gut Tempo. Ich versuche der Melancholie davon zu fahren, aber es gelingt mir nicht immer. Ich bin trotzdem froh, am Abend zu müde zum Nachdenken zu sein. Ich sinke in meine Kissen und vergesse die Verluste. Die Kriege und Naturkatastrophen laße ich nicht an mich herankommen. Meinen Durst löche ich mit dem Geschmack von alkoholfreiem Bier. An meinen freien Tagen treffe ich mich mit meiner Tochter oder Gottt, meinem Bruder oder Freundinnen oder ich ruhe einfach aus. Aber meine Sehnsucht holt mich immer wieder ein und ich denke an Hendryks Liebreiz und die verzauberte Zeit. Wie er fröhlich auf Spitzen tanzte und alle auf dem Flur umgarnte. Plötzlich umwölkte sich seine Stirn und er schlief Tag und Nacht. Jenes Frühjahr war im Flug vergangen und als der Sommer gekommen war, war Hendryk wieder verschwunden und ich mußte ohne meine Schwingen weiterziehen.

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