Perle des Tages | Norbert Hummelt „Der Atlas der Erinnerung“

Der Dichter Norbert Hummelt über die Berliner, ihre Reisen und ihre Flughäfen:
„Heute sind Sie froh, daß sie noch Tegel haben, wenn das Fliegen denn unbedingt sein muß. 2013“ Der Atlas der Erinnerung, NIMBUS Verlag, 2018.

Vermutlich entspricht es nicht den Gepflogenheiten, ein noch nicht ganz fertig gelesenes Buch zu rezensieren, und in den weiterwischenden Zeiten oberflächerlicher Rezeptionen größerer Textmengen, bestätigt das nur die Rechtmäßigkeit aller Vorurteile gegenüber der Generation „neue Medien“. Andererseits, soweit dass ich unbedingt empfehlen möchte, sich dieses Werk nicht entgehen zu lassen, habe ich schon gelesen.

Tatsächlich ist die Prosa des Dichters Norbert Hummelt – die Reflexionen, Schilderungen und Beobachtungen eines zeitgenössischen – teilweise fahrenden – Flaneurs und teilnehmenden Beobachters – so kostbar, köstlich und einnehmend, dass ich mich ungeheuer freue, diesen Schatz entdeckt zu haben und empfehlen zu dürfen. Unter den vielen angebotenen Büchern auf der Buchmesse hätte ich keinen besseren Griff tun können. Hier sind geteilte und beschriebene Erinnerungen auch Gedenken.
So leicht, fein, lakonisch, klug, wissenserweiternd und mit unaufdringlicher, aber nie zwanghaft eingesetzter, Ironie erzählte Würdigungen, wie in den schönsten Traditionen der jüngeren Literaturgeschichte, die hier ebenfalls angesprochen wird und an die Norbert Hummelt selbst stilsicher anknüpft. Wir erfahren viel vom Erzähler und dem, was Leser und Autor verbindet und gemeinsam ist – dem Leben, das sich vor der Möglichkeit und Notwendigkeit der Erinnerung erst leben läßt.

Gleich der erste Abschnitt löste bei mir zum Ende – angelegt durch die Dramarturgie des Textes – eine unvorhergesehene Trauerreaktion aus, die mir in meiner eigenen parallel verlaufenen Lebenswelt zu ähnlichem Anlaß direkt nicht möglich gewesen war. Damit hatte Norbert Hummelt meine Dankbarkeit und mich für sein Buch gewonnen. Nun wollte ich mich, Aufmerksamkeitsspannen verlängernd, auf das einlassen, was weiter geschildert wird. Die einzelnen, nicht chronologisch nach Datum ihrer Verfassung geordneten Abschnitte sind alles andere als schlichte Tagebucheinträge. Nichts kann falscher sein als etwas an ihnen für Banalitäten zu halten. Sie sind Reflexionen dessen und über das, was es heißt zu leben und der dazu notwendigen Erinnerung Raum zu geben. Klug hat der Autor nicht die Erfindung aufdringlich sensationeller Ereignisse gewählt, um zu erzählen, was des Erzählens und Aufhebens wert ist. Solche Erfindungen hätten abgelenkt und sich vor die Wahrnehmung und Fähigkeit zur Betrachtung der Gegenwart im Angesicht der Erinnerung selbst geschoben und letztlich nichts Substanzielles zum Alltag der Leser hinzufügen können. Hier wird jedoch die Alltagsrealität mit ihren gesellschaftlichen, geschichtlichen Verwobenheiten und biografisch-teilfiktionale Schilderungen aus dem Leben anderer Literaten des kulturellen Gedächtnisses so verdichtet ineinander geschoben, dass Gegenwart, die ihr angemessene Einordnung erhält. – Das wirkt sich auch auf den Zeitverlauf für den Leser während des Lesens aus – die Texte helfen eine ruhige Gangart einzulegen und die Geschäftigkeit zurücktreten zu lassen.

Bei mir stehen Meter ungelesener Bücher der Weltliteratur im Regal, die noch weiter warten müssen. Geerbt von meiner Mutter. Aber sie sind schon keine Gegenwartsliteratur mehr. Ich lobe das glückliche Schicksal und die ansprechende Arbeit des NIMBUS Verlags, der dieses Buch herausgebracht und adäquat gestaltet und so meine Aufmerksamkeit auf das Werk eines Autor gelenkt hat, der meiner Generation angehört. Die scheinbare Einfachheit der Aufmachung als fadengeheftete Brochur und die dazu gekonnte Gestaltung des Bucheinbandes senkte die Schwelle – trotz oder wegen der vor tiefer Schwärze sich in Knotenpunkten kreuzenden, feinen weissen Linien –, es lesen, in den Händen halten und aufschlagen zu wollen. Da wußte ich noch nicht, was sie bedeuten.

Ich bin dankbar, dass gerade dieses Buch es vermochte, mich – unter unüberschaubar vielen Angeboten, die in Leipzig in endlosen Gängen präsentiert wurden, – als eines der ganz Wenigen anzuziehen und mich zum Wagnis seiner Entdeckung zu verlocken. Es mitnehmen zu dürfen ohne Erwartung, worum es sich inhaltlich entwickelt oder zuvor je ein Wort Norbert Hummelts gelesen zu haben, hat mir von Zeile zu Zeile Glück gebracht. Gut, dass ich meine Schüchternheit überwand und bat, es in diesem Blog rezensieren zu dürfen und mir dies überaus freundlich gewährt wurde.

Ein Buch, das es lohnt zu lesen. Dem ich wünsche, dass bald überall gesagt wird, dass man es gelesen haben muß, wenn man sich für einen Leser hält und zwar auch gerade dann, wenn man Gelegenheitsleser oder -leserin ist. Eines, das zu den Orten der Erinnerung mitnimmt und Erinnerung in die Gegenwart trägt – das hilft zu leben, weil man die Erinnerung aufsucht und mit ihr nicht zuletzt das Trauern.

Norbert Hummelt:
Der Atlas der Erinnerung.
160 Seiten, Fadenheftung, Broschur.
CHF 28.80/ Euro 24.80
ISBN 978-3-03850-048-3

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