100 | Augustnachmittag

Die S-Bahn klingelt von
Station zu Station.
Am Wannsee wartet die Fähre schon.
Sie gleitet über den See nach Kladow.

Der Ausblick über’n Bug ist
mit Segeln bestückt.
Die Boote stehen still,
weil kaum ein Wind wehen will.

Vom Anleger geht’s im Slalom
um die dunklen Pfützen herum.
Am Ufer der Havel stapfen wir
durch den Wald.
Die Wolkendecke reisst auf.

Wir ziehen unsere Jacken aus.
Hinüber zum Sacrower See müssen
wir einen steilen Hügel hinauf.
An der Badestelle watest Du nackt
in das kalte, klare Wasser.

Du drehst fröstelnd um bevor
es Deinen Bauch erreicht.
Eine schöne Göttin,
die den Fluten entsteigt.

Wir gucken in der Gärtnerei,
ob es Schmorgurken gibt
und da es nicht so ist,
nehmen wir eine dralle,
grüne Zucchini mit.

Im Sommergarten des Rittersaals
machen wir Rast
und schmausen Pilzgerichte
und einen kleinen Salat.

Warmer Apfelstrudel rundet
unser Mahl ab
und gestärkt lenken wir unsere
Schritte auf den Pfad,
den wir gekommen sind,
zurück nachhause.

Regenwolken ziehen auf,
doch wir werden nicht nass.
In Kreuzberg glänzt
der feuchte Asphalt,
als ich aus der Bahn aussteige.

Ich atme die frische, feuchte Luft
während ich mit dem Gemüse in der
Hand über die Monumentenbrücke
meiner Wohnung zueile.

So muß das Leben sein.
Das war eine schöne Weile.

98 | Schatten

Der Schatten umfängt mich
wie ein kühles, feuchtes Tuch.
Ich lieg‘ in seinen Armen
und atme den vetrauten Geruch.

Es strömt in ihn aus der Ferne
der Honigduft der Sommerwärme.
Hinter seinem Rand
beginnt das gleissende Land.

Ich aber lagere matt
in meinem Grab
aus blauem Schein
und lass‘ mich von der Melancholie
ins Nirgends treiben.

95 | Diamant

Ein Tropfen perlt in
Deinem rotgelockten,
widerborstigen Haar.
Er glitzert blank,
wie ein Diamant.

Ein feiner Duft strömt
aus Deiner Haut.
Du riechst so gut,
so fein gewürzt
und wohl vertraut.

Ein Strahlen leuchtet aus
Deinem milchgetönten Gesicht.
Der Augen Blau
vergißt man nicht.

Hingegossen liegt Dein Leib.
Die Lippen flüstern leis
eine liebevolle Zärtlichkeit.
Ich blicke Dich an
– Du schweigst.

94 | Lieber Freund

Lieber Freund, so sitzen wir
abgeschieden, jeder in seinem Verlies.
Draußen dräut die Sommerluft.
Die Welt schmückt sich mit Blumenkränzen
als diesseitiges Paradies.

Uns aber in unserer Gruft
ist die Leichtfertigkeit der warmen Zeit
schal und trüb.
Der Überdruss hat sie uns vermiest.

All die leuchtenden Elfen und Gnome
sollen heimwärts ziehen.
Denn wir können sie nur
aus unserer Gefangenschaft
vom Fenster aus besehen.

93 | Vor der Tür

Vor der Tür ist Lärm
– Rattern, Knattern und Poltern.
So dröhnt der Sommer
unter dem Sonnenstern.
Geschäftiges Treiben
– laut und munter.

Jedoch – ich lagere matt
hinter zugezogenen Gardinen
in meinem weichen Grab
aus Decken und Daunenkissen.
Auch wenn ich einen Körper hab‘
– ich will mich nur strecken und niesen.

Schon nimmt die Länge der Tage ab,
bald kann ich den Winter geniessen.