170 | Gefährten

Eine Weile waren wir Gefährten
– bis alles gesagt war
und der Winter sich ankündigte.
Dann blieb nur ein Schatten zurück.

Von da an maschierten
wir getrennt.
Du warfst auf unseren gemeinsamen Weg
keinen Blick zurück.

Seit jener Zeit geh ich einsam
und bitter schmeckt
die Erinnerung an unsere Gefährtenschaft,
als jeder Tag voller Glanz und Licht war.

Doch von der Wärme blieb nichts,
was für die Kälte meiner Winterwanderung reicht.
So bleibe ich fremd auf vertrautem Terrain
und frage mich nach unserer Begegnung Sinn.

166 | Dunkelheit

Eingesponnen in den nachtblauen Kokon der Dunkelheit
träumen wir den wärmenden Strahlen der Frühlingstage entgegen.
Schemen des Glücks in den Erinnerungen an die Vergangenheit
lassen uns die kalte Finsternis winterlicher Einsamkeit überleben.

Ob alt, ob jung, tauchen wir mit unseren Gesichtern
in kühle Spiegelseen ein und waschen unsere Häupter mit blanken Versen.
Frostig steht über uns am Himmel die Milchstrasse mit ihren stumpfen Lichtern.
Hohl und ängstlich schlagen in unserer Brust die schmerzenden Herzen.

Morgens gleiten wir in die fahlen Tage
und sinkt früh am Nachmittag die Dämmerung,
taumeln wir wieder in die nächste, endlose
Düsternis eines langen Abends.

164 | Oktoberschatten

Golden quillt über das warme Herz
im blauen Schatten einer Kastanie,
die noch einmal blüht – jetzt im Herbst –
und gleichzeitig ihr Laub abwirft.

Eine silberne Locke kitzelt die heisse Stirn
im lauen Oktoberwind.
Sehnsüchtig schweift inwendig der Blick
in vergangenes Sommerglück zurück.

Kühl streift die Dämmerung
die Haut des Gesichts.
Die kurzen Tage nähern sich.
Dem weit entfernten Wanderer,
der einsam seinen Hunger auf Abenteuer stillt,
der vergebliche Gedanke gilt.

163 | Seidenfäden

Die Spinnen weben Seidenfäden.
Von den Bäumen flattert das Laub.
Fallobst liegt auf den Apfelbaumwiesen.
Auf den Balkonmöbeln sammelt sich Staub.

Rund steigt der Mond über den Dächern auf.
Heiser schallt das Gebell eines Hundes
durch die Gasse zum Fenster herauf.
Rot leuchten späte, süße Tomaten

im Terracotta-Kübel des Topfgartens.
Des Feigenbäumchens Früchte werden reif.
Bei einem Landausflug gleiten gigantische
Pilze auf Weiden am Zugfenster vorbei.

So kannst auch Du unschwer erkennen,
obwohl es mild ist und kaum ein Lüftchen weht,
dass es nun Herbstzeit sei.

162 | Kaleidoskop

Als sei’s ein Kaleidoskop gleiten Lichter und Schatten
des brummenden Verkehrs auf der Strasse
im Dunkeln über Zimmerdecke und Wände.

Der farbige Schein der Ampel
läßt sie kurz innehalten,
dann huschen sie weiter.

Eine Choreografie aus Licht.
Ein Tanz der Schatten der Blätter und des Geästs
der Weidenbüsche vor dem Haus.

Innehalten und weitergleiten,
ineinanderschieben und verschwinden,
anschwellen – abebben – rauschen.

Anrennen gegen die Dunkelheit.
Anmalen der Einsamkeit.
Ballett der Geschäftigkeit.

160 | Melancholie

Treibe durch Sekunden,
Minuten, Stunden.
Vertändele die Tage.
Die Zeit kriecht beständig voran.

Nur im Moment des Augenblicks
ist ihre Haltlosigkeit zu ertragen.
Greife nicht zu und erfasse nichts,
was ausserhalb des Sichtfeldes liegt.

Schwarz und samten wie Ruß
ist der Ausblick auf das,
was auf mich zukommt
und ich erkenne in der Finsternis nichts
von der unbestimmten Zukunft.