36 | Schwelgerei

Ich möchte in Umarmungen schwelgen,
von holden, süßen Lippen trinken,
den Wein und mein gebuttert Brot will ich mit Dir teilen,
Dir Träubchen und Walnüsse schenken.

Ich möchte ohne Sorge mit Dir glücklich sein
und nicht an den finsteren Winter denken.
Es soll nur Hollerblütensterne schneien.
Ich will mich in Dein Lachen senken.

Wir tanzen durch ein Rosenblütentor
und kramen die alten Schallplatten hervor.
Wir waschen die Holzböden mit duftender Seife aus
und gehen erst zur Nacht nach haus.

Wir freuen uns – fliegen die Tauben auf.
Wir sehen den Sichelmond über unserem Haus
und benetzen die Hände mit der Morgensonne Tauperlen.
Wir rasten im Schatten des Häusermeeres,
vergessen, was in unserem Schicksal von Unglück beschwert ist.

35 | Rätsel

Seitdem Du gingst, starre ich in einen Abgrund.
Die Welt ist mir seither ein dunkles Rätsel.
Du hast Trost in einer anderen Armen gesucht.
Ich hielt Dich für boshaft, weil Du mir nichts von Bedeutung
liesst.

Du sahst Dich nicht um, als Du eine andere Richtung
einschlugst.
Was fang ich mit den Wunden an,
die Du in mein Herz hinein grubst.

Wie flicke ich die Fetzen zusammen,
die mir von uns verblieben?
Wie ziehe ich den Dolch aus der Brust,
den Deine Lieblosigkeit hineingetrieben?

Ich treibe ohne Sinn im Strom der Zeit.
Es ist mir kein Ziel geblieben.
Mir ist von der Kälte des Universums kalt.
Ich bette mich zur Ruh, am Abend um halb sieben.

34 | Gen Norden

Schüchtern strahlt die Frühjahrsmorgensonne vom Himmel.
Gottt steigt am Gesundbrunnen in den Zug zu.
Wir frühstücken zwei Marzipancroissant.
Die Landschaft gleitet vorbei, wie im Flug.

Kiefernwälder säumen den Bahndamm.
Auf den Äckern steht schon das grüne Laub der Rüben hoch.
Die Kornweihe schlägt eine Maus.
Nach zweieinhalb Stunden steigen wir in Güstrow aus
und laufen zur Agentur.

Der Chef sagt, er habe ja gar nichts gegen Ausländer, aber…
Schon bin ich aus dem Bewerbungsgespräch wieder auf die Strasse hinaus.
Ein unflätiger Möwenschiss auf dem Mantelärmel.
Wir treffen uns am Gleis
und fahren noch nach Warnemünde.
Eine weitere Möwe
schnappt sich am Durchgang zur Düne Gotttes Eis.

Es fällt zu Boden.
Gottt vertreibt die Möwen mit Geschrei.
Wir laufen durch den Sand zum Wasser.
Gottt spaziert in seinen Allwettersandalen in die Dünung rein.

Ein kühler Wind peitscht über’s Meer.
Wir gehen zur Promenade am Hotel Neptun.
Auf einer Bank betrachten wir
die hereinkommenden Fähren aus Schweden.
Die „Nils Holgerson“
– ich kenne sie gut.

Der Himmel zieht sich zu.
Im Kurgarten sind Windschatten, eine Kurmuschel
und ein paar nackte Skuplturen,
darunter ein Geiger.

Auf dem Weg zum Bahnhof
entdeckt Gottt ein Plakat von einer Ausstellung
Triegels in Rostock.
Die sehen wir uns noch an
und den Skulpturengarten.
Dann nehmen wir die Bahn.

In Oranienburg bittet mich Gottt
nun ihn mal zu unterhalten.
Nach einigem Zögern erzähle ich
von meiner Reise mit Zug und Fahrrad
im winterlichen März nach Kopenhagen
vor zwei Jahren.

Wir steigen zusammen am Gesundbrunnen aus.
Nehmen die S-Bahnen.
Sie bringen uns in verschiedene Richtungen nach haus.

Magister Scherenbergs geistiger Werkzeugkasten

mit Gebrauchsanweisung für Anfänger im Denken
Magister Scherenbergs geistiger Werkzeugkasten

„Kenntnisse kann jeder haben, aber die Kunst zu Denken ist das seltenste Geschenk der Natur.“
Friedrich II. von Preußen zugeschrieben.

Dieses Geschenk möchte ich Ihnen hiermit machen.
Hierin finden Sie die wichtigsten Werkzeuge die zur richtigen Ausführung geistiger Arbeiten erforderlich sind. Ich habe sie persönlich in jahrelanger Arbeit akribisch aus der Vernunft extrahiert und bin daher nun in der Lage, nicht nur die Werkzeuge, sondern auch deren erfolgreichen Gebrauch zur Verfügung stellen zu können. Dabei ist es besonders angenehm, daß das gewonnene Werkzeug überaus einfach und leicht zu gebrauchen ist, obwohl es durch so lange Zeit, so mühsam und durch komplizierte Abwägungen erworben ward.

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33 | Zuckerschnute

Geliebte Zuckerschnute, ich schrieb Dir wohl tausend gereimte Briefe,
doch war’s – scheint’s – vergebliche Mühe
– meine Flaschenpost erreichte Dich nicht.
Ich hoffe, dass Du nicht in ernsten Schwierigkeiten steckst.

Mit Dir durchquerte ich gerne die Wüste.
Wir erklömmen wilde Berge
und übernachteten in einem Adlernest,
umschlängen einander und hielten uns fest.

Wir rasteten bei den Nomaden,
vergäßen Krankheit und Sorgen,
das Leben wäre ein grosses Fest.

Bitte melde Dich – liest Du meine Zeilen – gleich –
wir gingen heute noch auf Reisen
und wäre es nur zum Grunewald
am Wannsee-Ententeich.

31 | Zwischen zwei Wolken

Zwischen zwei Wolken
zwischen den Zeiten
fällt Licht auf mein Gesicht.
Die Tage atmen flach.

Bin unduldsam gegen das Schweigen,
weil es nicht gutmütig ist.
Kann nicht am Fuß der Birke bleiben.
Ihre hängenden Zweige
streifen mein Haupt nicht.

Kann die Landschaft der Einsamkeit
nicht begreifen.
Zwischen den Wolken
summt mich kein Lied.

30 | Barbar

Die Zeichen der Zivilsation
sind an Dir vorbeigestrichen.
Du wirfst Dich in den Staub.
Im Schmutz sind all die
guten Geister zurückgewichen.
Rasiert hast Du Dein Haupt.

In Trance und Raserei gefangen.
Trübe der Blick und glasig Dein Aug‘.
Erschöpft vom Tanz bist Du
in die Gosse gesunken.

Es hellt kein Leuchten
Deinen Schein auf.
Als magerer Schatten Deiner selbst,
hat man Dich am Weg gefunden.

Kein Licht erleuchtet Deinen Pfad.
Hast Finsternis und kalten Hauch gefunden,
doch nichts, was Dein Leid in der Sonne schmilzt
– nur Frost und Nacht, die auf Dich fällt.

29 | An den Ufern des Ganges

Im Traume war’s – da trugen mich schon oft,
die Flügel des Gesanges
hinfort zu den Ufern des Ganges.
Dort trank ich süße Liebesluft
und blühte in Eintracht mit den Knospen des Lotus.

Des Morgens bin ich dann aufgewacht
und habe den Tag im Duft
des Traumes verbracht
und um die Blumen zu begiessen,
habe ich manch salz’ge Träne
über den harschen Tag vergossen.

So strichen die Monde und Jahre ins Land,
um honigfeine Fantasien
von Glück und Liebe zu begrüßen,
wie sie nur an den Fluren
des heiligen Stromes spriessen.
So ist’s mit dem Glanz
von zuckrigen Paradiesen,
man kann sie im Traume geniessen.