135 | Sommertag

Schön ist es in der Mittagsglut unter einem
alten, hohen Baum im Schatten zu sitzen.
Glücklich summt ein Sommertag.
Leicht klingen unsere Herzen von freundlichen Scherzen.

Dann aufstehen und durch die Duftpolster
der blühenden Wiese streifen.
Gottt erzählt von der Via Appia
bis wir die Eschen am anderen Ende des Parks erreichen.
Ein paar Liegestühle stehen für uns da.

Ein anderer Sommerabend
unter denselben Eschen
und Du so fremd.
Es war Dir nichts mehr recht zu machen.
Du hast mich sehr beschämt.

Obwohl seither viel Zeit vergangen,
verlischt die Erinnerung nicht.
Wir waren damals in neue Leben aufgebrochen,
doch das wusste ich noch nicht.

Und am Himmel oben wohnt
heute ein halber Mond.
Zitronengelb seine Sichel über den Dächern thront,
umwölkt von einigen zarten Schleiern.

131 | Strandgut

Treibholz auf dem Sand des Strandes
– verblichen und geschliffen.
Ist so weit gereist.
Kennt das Meer und seine Klippen.

Harmonisch liegt es Ton in Ton
an heller, sandiger Küste
– ihr Saum mit trockenen,
schwarzen Algen dekoriert.

Mit den Jahren gleichen
wir dem knorrigen Holz,
das ausgewaschen von der Flut
durch die Gezeiten weit gereist ist.

Befreit von Rinde
liegt blank
der Kern
im Sand
angelandet
bis zum nächsten Sturm
ruhig an einer Küste.

132 | Zeitlos

Süß und mild wie Honigtau
tropft zäh der Tag.
Ich lecke den klebrigen Sekundensaft
von den Stundenzeigern ab.

Leuchtend golden rinnt der Sirup
der Sommerweile tropfend vom Stundenglas.
Von der Holzbank weht eine Daune,
die ein Vogel dort vergaß.

Über den milchblauen Himmel
segeln getürmte, wattige Wolkenschiffe.
Hummeln brummen summend in Blütenstauden
im dunkelgrünen Gras.

Die Mittagssonne schmilzt die Luft überm klebrigen Asphalt.
Ich sehe mich um nach der kühlen Brise,
die herüberweht aus dem Schatten im dunklen Wald.
Die Zeit zergeht gelinde
und ein strahlender Tag
macht erst am Sonnenuntergang halt.

133 | Schmetterling

Lau weht der Sommerwind
und bläst lind
den Duft einer unbestimmten Sehnsucht heran.
Ich denke an diesen Schimmerschmetterling,
der für eine kurze Weile sass auf meinem Arm.

So kurz nur währte mein Glück,
schon gaukelte er davon.
Ich liess ihn ziehen,
wäre sonst zerdrückt.

Hat in seinem Tanz
mein Herz mit sich genommen.
Ich halt noch Ausschau nach ihm
— kommt er zurück? —
an jedem Sommerabend.

134 | Wo?

Welche Träume träume ich noch,
die ich umherstreif ohne Rast und Ruh?
Welch matter Glanz lockt mich fort?
Über welche Schwellen muss ich noch?
In welchem Haus wohnst Du?

Ich kenne keinen Ruheort.
Mich zieht die Sehnsucht zu Dir fort
und so seh ich den im Wind wiegenden Halmen
auf jenem Hügel zu.

Es gibt für mich
die Stille nicht.
Ich streif umher
und suche Dich
und weiß, Du liebst mich
längst nicht mehr,
doch stört mich das
genau genommen nicht so sehr,
denn die Erinnerung an Dich gibt genug zum Träumen her.

129 | Sinn II

Duftende Rosenblütenblätter sind mir die Erinnerungen an Dich.
Mit dem Gefühl des kostbaren Samts Deiner Haut
kleide ich die Träume meiner Tage aus.
Blau strahlt Dein Augenlicht
in mich zurück.

Diese eine Stunde, die wir beieinander lagen,
gibt all den anderen Sinn.
Ich gebe meine Tage mit der Rück-
schau an sie hin.

Wir schenkten einander ein zärtliches Glück,
das mein Herz auch jetzt noch vollkommen verzückt
und mich aus der monotonen Tristesse des Alltags entrückt.
Du bist mir am Horizont der hellste Stern,
trotzdem Du weilst genauso fern.

130 | Meine Tage

Ich bin auf Wanderschaft
von Ruheplatz zu Ruheplatz.
Und dann das Gleiche an jedem Ort
– ich denke mich fort.

Ich träume ständig.
Nur dann bin ich lebendig.
Von einem kleinen, ebenerdigen Haus
mit Stockrosen am Fenster draussen.

Vom Meer – glitzernd und blau
im gleissenden Sonnenlicht.
Vom Verfassen eines glühenden Liebesgedichts.
Von Deinem schönen Gesicht.

Ich blicke zu den Wattewolken hinauf
und folge mit den Augen ihrem Himmelslauf.
Das Leben hier drunten
ist ohne Zeit und Stunden.

So verstreichen meine Tage
ohne Ziel und Plan.
Was von mir zu tun ist, wird von mir getan,
worauf ich wieder träumen kann.

128 | Einsam

Einsam wandere ich Tag um Tag,
seitdem ich Dich verloren hab‘.
Auf meinem Weg stolpere ich voran
und komme nicht mehr zuhause an.

Es geht ein frostiger Wind,
seitdem wir auseinander gegangen sind.
Die Welt ist mir ein wüster Ort,
so leichtfertig gingst Du von mir fort.

Ich steh im Schatten,
die Böen rupfen an Kleid und Haar.
Weiß färbt die Asche Jahr für Jahr
mein Haupt.
Ich beuge das Schicksal nicht,
es bleibt mein Los,
dass Du in eine andere Richtung schaust.

127 | Schiffbruch

An der Klippe Deines Schweigens
bin ich im Finsteren zerschellt.
Dein verwaschenes Phantombild hat mich
in die Dunkelheit gestellt.

In der Brandung Deines Stillseins
ist mein Boot zerschlagen und gekentert.
In der Böe Deiner Sprachlosigkeit
ist mein Mast mit der Takelage gebrochen.

An den Riffen Deiner wüsten Küste
sank mein Schiff mit Mann und Maus.
Ich geriet in Seenot und drifte
auf den Ozean der Einsamkeit hinaus.

126 | Sehnen

Gewitterschwüle weht schweren, süßen Lindenduft heran.

Die Strasse schallt vom Lärmen der Passanten.

Aus allen Poren quellen Tropfen des Verlangens.

Die Bäume rascheln rauschend in der Böe.

Das Herz zieht sich zusammen.

Der Puls pocht unter der Haut. Vom Sehnen 

beginnen sich die Sekunden

zu Stunden auszudehnen.

Tappe hinaus vor die Tür

– heute noch, dem Glück zu begegnen.

125 | Brennglas

Die Zeit umbrandet mich tosend.

Sie kriecht zäh und träg voran.

Sie hält mich in ihren scharfen Klauen.
Ich erfasse keinen Ankerpunkt
mit den getrübten Augen.

Schwarz rieselt das Phlegma

aus meinen Wunden.

Minuten werden mir zu Stunden.

Was einst stolz und schön gewandet war,

schleicht nun in zerschlissenen Flicken und Lumpen.



Nervös fiebere ich auf einen Gesang,

der tief getränkt von purpurner Melancholie,

anstimmt ein Lied mit schwebender Melodie.

Die feinen Töne, die in ihm wohnen,
werden gespeist aus dem Gespinst der Fantasie.

122 | Am Bach, 123 | Was Du mir seist, 124 | Mond

Es gurgelt munter ein Bach
am Grunde des Waldes.
Er plätschert – lustig
über Felsen glucksend –
in seinem Bett hinab.
Eine Forelle springt an
tieferer Stelle auf
Fliegenfang heraus.
Sein Wasser spült die Erlenwurzeln aus.
Der Bach quilt murmelnd über sein Ufer hinaus.
– Zieht an herabhängendem Gras.
– Trägt mit sich ein trockenes Blatt.
Ein Eisvogel jagt 
flink
in seinem blauen,
rostig angehauchten Kleid.
Das sprudelnde Wasser
ruht sich von seinem schnellen Lauf
im Mühlteich
aus.
Hier wärmt es die Strahlen 
der Sommersonne auf.

123 | Was Du mir seist

Sei mir alles
oder sei mir nichts.
Sei mir Heim, Hof und Herd.
So lang wanderte suchend ich
und war von Kummer schwer.

Sei mir entzückte Lust
oder zornentbrannter Fluch.
Sei mir Tag und Nacht,
Sonne und Wind,
die süßen Sternblüten am Hollerbusch
und das beissende Chili
im roten Curry.

Oder lass’ mich los,
damit ich mich nie mehr
zu Dir umwenden muß.

124 | Mond

Des bleichen Mondes Scheibe ist umschleiert.
Er steht rund und ruhig da oben
– ein unbewegter Beweger.
Sein Widerschein erhellt die Zimmer fahl.
Wie oft ist er schon an uns vorbeigezogen?
Durchlief den dunklen Himmel ein ums andere Mal.
Ihn rührt nicht unser Schicksal unten.
Spendet Licht uns durch die Nacht auf unserem Pfad
indem er uns den Spiegel zum Licht der Sonne hält.
So können wir einander auch im Dunkeln finden,
weil er uns den irdischen Schatten lampengleich erhellt.

121 | Tagsüber

Wie wohltuend war
doch 
die klingende Stille

vergangener Nacht,
als ich durstig aufgewacht.

Wie anders ist das

bohrende Schweigen am Tag.



Wie nervtötend nervös tönt 

das summende Brummen 

einer mit mir gefangenen Fliege

in dem Zimmer in dem ich liege.

Wie lahm hängt mein Kiefer,
der früher zum Sprechen diente.



Wie schal ist der Geschmack,

der auf der Zunge liegt.

Wie langsam kriecht die Zeit.

Wie horche ich auf die Laute,
die vor den Mauern sind.

Wie präsent sind die Gestalten 

der Vergangenheit.