110 | verschieden

Was haben Wind und Blatt
am Ast gemeinsam?
Was teilen Tag und Nacht?
Wie gehen Du und ich
zusammen auf Fahrt?

Der eine kichert,
die andere weint.
Wie sind wir
auf unserem Weg vereint?

Der eine flüstert,
die andere schreit.
Finden wir uns trotzdem
ohne Streit?

Ist es das Dunkel,
das das Helle heilt?
Sind es die Antworten,
die vereinen,
was sich in Fragen teilt?

109 | Oktober

Vor dem Fenster tragen die Linden goldenes Laub.
Ein neuer Mitbewohner erobert das Haus.
Schlafe gemütlich den Rausch vom Federweissen aus.
Verweile im Bett
bis abends um sechs.

Kuschle – muß ich dann doch hinaus –
mich in meinen Herbstmantel ein.
Sehe auf Balkonien die Blätter
vom rotgefärbten Wein.

Die possierlichen Spatzen
flattern vor den Scheiben herbei.
Sie treiben ihre Scherze.
Ihnen ist das Wetter,
ob Sonne, ob Regen,
ganz einerlei.

107 – Im Fluss

Wir treiben im Fluss der Zeit —
Von Herzschlag zu Herzschlag.
Wir driften vom Frühlicht
Zur Abenddämmerung —
Fahren durch die Nacht zum Tag.

Wir singen die Legenden
Unserer Leben.
Das Pochen in der Brust
Trommelt den Rhythmus dazu.

Wir branden auf den Strand
Der Entwurzelten und
Schlagen ihren Kahn leck.
Wir sinken auf den Grund
Der uferlosen Geschichten.—
Verlassen unsere Gefährten
In Zorn und Streit.
Zur Versöhnung fehlt uns
die Kraft und Gelegenheit.

Wir treiben im Fluss der Zeit.
— bis ein Hauch uns zerstäubt.

106 – Sternenhimmel

Wir navigieren einsam durch das Dunkel der Nacht.
Unser Weg ist vom silbernen Leuchten der Sterne
und der Mondsichel beschienen.
Ein milchiger Schleier liegt über den Wiesen
am murmelnden Bach.

Wir trinken durstig den Tau
unter dem sich die Halme biegen.
Am Tag strahlt auf uns die Sonne herab.
Der Weg zum Horizont schlängelt sich zu unseren Füßen.

Es drängt uns kein Tagwerk.
Es ist schon zu viel getan.
Wir ziehen mit den Wolken voran.
Wie sie die Pflanzen begießen,
werden wir das, was uns begegnet, begrüßen.

105 – Schleier

Tonnenschwer lastet der Schatten
Auf Brust und Magen.
Schleier legen sich vor die Augen.
Schorf bedeckt die Ohren.

Rissig und spröde dürsten die Lippen.
Fahrig bürsten Finger die Strähnen.
Strauchelnd die Beine gehen.
Am Ende des Weges nur dämmriger Schein zu sehen.

Verblichen die Blätter.
Trübe die Lichter.
Verblasst der Sommer.
Keine Romanze hebt Herzen höher.

resistance, futile, assimilation – Dan K. Sigurd

you have no voice

you have no choice

your assimilation

into this nation

will happen

if you

want to

or not

just wait a little while

longer

resistance is futile

so just let go

and smile

as you enter the hive mind

trust us

we’re kind

Übertragung aus dem Englischen von Peer Scherenberg:

Widerstand, zwecklos, Assimilation

Du hast keine Stimme
Du hat keine Wahl
Deine Assimilation
In diese Nation
Wird geschehen
Ob du
Willst
Oder nicht
Warte nur ein kleines Weilchen
Länger
Widerstand ist zwecklos
Also laß fahren dahin
Und lächle
Während du in das kollektive Bewußtsein eintrittst
Vertraue uns
Wir sind freundlich.

104 | Laß mich vergessen

Laß mich an Deiner Seite vergessen,
dass nichts hinreicht.
Ich möchte mein Gesicht
in Deinen Armen vor dem Antlitz
der Sonne verbergen.

Wecke die blauschwarz gefiederten Vögel
der Nachtstunden und geniess‘ den rubinroten Trunk
in Deinem zarten Schlund.
Lies‘ meine Küsse auf mit Deinem Mund.

Das Meer wiegt uns in seinen salzigen Wellen.
Der Sichelmond sieht zu
und stichelt Sternenpunkte in den Himmel.
Laß mich vergessen, was ich doch nicht ändern kann.
Sing‘ mir ein Lied.