62 | Nichts anderes



Es gibt nichts Schöneres im Hiersein,
als unsere Liebe zu beschwören.
Du magst am anderen Ende der Welt sein,
doch ich hoffe, auch dort wirst Du mich hören.

Der Herbst ist da und
singt sein Lied voller Sehnsucht.
Ein neuer dunkler Winter wird kommen,
doch ich nehme bei dem Bild von Dir
vor der Düsternis Zuflucht.

In dieser ach so umtriebigen Welt
ist mir nichts so wichtig,
wie die Stunde mit Dir,
die mit ihrer Wärme und ihrem Glanz
mein Herz unter Deinen Schutzmantel stellt.

Wie froh wir waren
und wie freundlich.
Wie glücklich wir scherzten.
Wie wir zitternd bebten,
wenn wir nebeneinander schwebten.

Dir bin ich zugetan 
– für ewig,
all der graue Alltag
ist mir unerheblich.

Ich webe einen Teppich
aus Worten und Versen.
Er leuchtet rot und silbern,
wie unser Haar.

Ich kleide mich in die Seide
Deiner milchigen, sommersprossenen Samthaut
und sehe vor mir,
wie Du mich eindringlich anschaust.
Falle in die Tiefe Deines Blicks.
Stoße mich dort vom Grund ab,
wie vom Boden eines klaren Sees.

Das Frühjahr und der Sommer umtanzen uns
und unser Glück.
Sie prägen sich in die Lächelfalten unseres Gesichts.
So gelingt mir, wenn ich an Dich denke,
zu preisen das günstige Geschick,
das Dich mir über den Weg führte
und das mich befreite
aus 
der Umklammerung der Finsternis.

61 | Vermögen



Mit der Tastatur dem Dasein

Glück und Sinn abringen.

Pochendes Leben aus
Gedanken 
und Worten spinnen.



Der Dunkelheit Farben entreissen.

Glockenklang der dumpfen Stille verheissen.

Silbertöne aus Asche schmieden.

Blauseidene, schimmernde Samtbögen biegen.



Klappernd die Finsternis zerschneiden.

Leere Wortwüsten zerpflügen.

Ironiegift spritzen.

Den Sarkasmus spitzen.



Federleicht die Trübsal ausharken.

Poliertes, lackiertes Plastik zerkratzen.

Tremolierend Stumpfsinn demaskieren.

Schmerzende Herzen massieren.



Mit dem Federkiel Dummheit aufspiessen.
Der Lustfeindlichkeit volltönend entgegentreten.

Bedenken herzhaft verlachen.

Das ist mit Poesie zu machen.

60 | Endlich duftet’s nach Erde durch die geöffnete Balkontür.




Von den Blättern der Weiden
vorm Fenster lecken die Tropfen.
Die Pfützen spritzen
unter den Reifen.

Der bleierne Himmel
trägt nasse Lasten.
Das pochende Klopfen
des Regens auf den Fensterblechen
mischt sich mit Blicken
auf das feuchtglänzende Laub der Linden.

Mühsam huscht der blinkende Cursor
über das Weiss des Monitors.
Leise klappern die Tasten,
wenn die Finger Worte setzen
und von stillen Geschichten berichten.

Ein Kaffee bringt Konzentration
und einen roten Faden
in geschriebenes Vortragen.
Die Verse kennen nur eine Melodie.
Sie gestalten Dein Bild als Poesie.

Welche Bedeutung hat Moral in einer amoralisch verfaßten Welt?

„Zwei Dinge erfüllen das Gemüt mit immer neuer und zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und anhaltender sich das Nachdenken damit beschäftigt: Der bestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir. Ich sehe sie beide vor mir und verknüpfe sie unmittelbar mit dem Bewusstsein meiner Existenz.“
Immanuel Kant, Kritik der praktischen Vernunft, 1788. Kapitel 34. Beschluß

59 | Wünschte Dich hier.

Dein bittersüßes Lächeln.

Dein rotgelocktes Haar.

Das Blitzen Deiner Augen.

Die spottgekräuselten, vollen Lippen.
Das Zwirbeln Deines Barts.

Dich möchte ich wieder küssen.

Dir in die blaue Iris sehen.

Mit meinen lüsternen Blicken,
Deine Apfelbacken fassen.
Ich lasse die anderen stehen.



Wir tanzen wieder Reigen.

Wir schwingen uns wieder auf.

Mit unseren Gedanken reichen

wir bis zum Himmel hinauf.


Wir schmelzen mit unseren weichen Lippen

und der rosenen Zunge,

den anderen wie einen Karamellutschbonbon.
Wünschte Dich hier oben
auf meinem
 Mondbalkon.

Wir könnten herrlich schweigen

und lachten alles Dumme frech davon.

58 | Mit Dir.



Wir haben geplant nach
Hongkong zu wandern.
Wann geht es los?
Macht man einen Umweg
über die Seidenstrasse?

Zuerst sollten wir hinauf ans baltische Meer
und dort entlang über Polen und Litauen
nach Russland.
Dann Kasachstan, Kirgistan, 
China.
Vielleicht bleiben wir im Maisfeld stecken,
wie Tschick.

Wir gehen Seite an Seite.
Stehen Rücken an Rücken.
Mit Dir möchte ich das erleben.
Wir würden auch Hunger 
und Durst überstehen.
Und Weihnachten in Hongkong 
einen
gelben und einen grünen 
Regenschirm nehmen.

Noch sitze ich in meiner Wohnung 
und hoffe,
Du bist wild genug.
Jetzt wird es wieder kühler,
dann ist man gut zu Fuß.
Komm Du.
Sei Dir nicht zu schade.
Wir tanzen zum Dach der Welt.

Das war der Frühschoppen VI der Berliner Poetenoffensive.


Wir saßen bei herrlichem, mildem Wetter im Garten und sprachen über die Bedeutung des Glücks und Wolfgang Weber präsentierte seinen Gedichtband „haus & strasse“ im kleine Welten Verlag, 5,- €. Nächster Frühschoppen VII am Sonntag, den 20.10.2019 im Tomasa/Villa Kreuzberg um 15.30 Uhr. Wir freuen uns über Poesieinteressierte und Poeten.

58 | Klares Wasser.

Für Dich.
Für Dich schöpfe ich.
Für Dich schöpfe ich klares Wasser.
Für Dich schöpfe ich klares Wasser
in der hohlen Hand.

Damit Du Deinen Durst 
gesegnet löschen kannst.
Dir streiche ich die verschwitzte 
Locke
aus der Stirn.
Denn das Ernste an Dir,
das habe ich gern.

Dir halte ich die hohle Hand
vor die aufgerissenen Augen,
damit Deine Entzündungen genesen.
Dir lege ich die beruhigende Hand auf’s
verkrampfte Herz, damit sich die Spannungen lösen.

Neben Dir wandere ich
am Tag und ruhe in der Nacht,
um unseren Raum auszumessen.
Ich tunke Dein Brot in das Öl
und reiche Dir ein Stück Käse vom Schaf.

57 | Der Mond

Geliebter, so schön hell scheint der Mond.
Der Mond scheint hell.
Er ist fast voll.
Wir waren klug, drum haben wir
das Glück zu fassen bekommen.

Geliebter, wer stört das Glück?
Glück wird gestört, denn es stört
die Finsternis.
Der Unglückliche gerät unter das Joch.

Geliebter, Dir gehört mein Herz.
Mein Herz, Geliebter, gehört Dir.
Man hat mich gedrängt unters Joch zu gehen.
Unterm Joch kann ich nicht gehen.
Ich bin frei.

Fragt man ein Rotkehlchen
den Wagen zu ziehen?
Es erfreut doch mit seinem Gesang.
Du und ich, wir gehören einander.
Nur Dir gehöre ich an.
Es gibt nicht anderes,
was so schön scheint, mein Freund,
nur Liebe hat diesen Glanz.