90 | Wir gehen hinaus

Jeden Tag gehen wir zur Tür hinaus
und stellen uns dem Leben.
Zu lang haben wir im Schatten verbracht,
jetzt wollen wir vorwärts streben.

Noch sind wir der Herren Magd,
doch eines Tages wird sich ein Sturm erheben,
dann wischen wir die Knechtschaft fort
und werden schwesterlich leben.

Wir werden die Zentner Melonen verteilen
und unsere Becher zum Trinkspruch erheben.
Wir werden nicht länger im Staub verweilen
und hier auf Erden schon stolz und würdig leben.

Art-Kreuzberg, ein Sonnabendnachmittag in KB

Wir haben Pflaumenkuchen mit Sahne genascht. Gottt hat Sachen gefunden und ich habe die Idyllen in Kreuzberg entdeckt. Nach einer Flasche Federweisser bin ich schläfrig und habe mich vor einer Malereiaktion gedrückt. Ich denke, ich gehe bald nickern. Einen geruhsamen Abend, Euch Lieben.

Hätte ich…

Hätte ich bisher nicht ein gutes Leben gelebt, ich würde wohl sehr mit meinem Schicksal hadern. Aber mein Weg war sonnenbeschienen, wenn ich auch häufig unglücklich war, weil es sich nicht meinen Wünschen fügte. Aber bin ich nicht als Solitär wahrhaftiger, als völlig zurückgenommen in einer Beziehung mit einem latent aggressiven Partner? Kein Sex kann so schön sein, dass er über den Jähzorn eines frustrierten Mannes hinwegtröstet. Nun stehe ich, gesegnet mit einem lieben Bruder, wunderbaren Nichten und Neffen, wenigen, aber richtig guten Freunden und meinem erwachsenen Kind mitten in meinem abenteuerlichen Leben und gebe mein Bestes, um auf beiden Beinen dazustehen. Das hätte ich vor sieben Jahren noch nicht gedacht. Die Trennung war ein Schock. Aber ich habe schöne Reisen erlebt, beruflich Erfahrungen gesammelt und bin in einer schwierigen Zeit voller Optimismus, dass ich klarkomme. Meine Trauer hat sieben Jahre gedauert. Ich denke, sie ist nun überwunden. Niemand aus meinem Umfeld konnte sich vorstellen, was es bedeutet, Abschied von dreiunddreissig gelebten Jahren zu nehmen.
All die friedlichen und ruhigen Jahre haben mich für diesen Sturm genährt. Es ist sehr kränkend verlassen zu werden, wenn man verblüht ist, aber man ist noch nicht am Ende seines Weges, weil der Jugendschmelz weg ist.

Malocherinnen-Ehre, Malocherinnen-Stolz

Noch ist die körperlich für mich sehr herausfordernde Arbeit ungewohnt, aber zusehends werde ich nicht nur physisch, sondern auch mental immer kräftiger. Nachmittags schleiche ich zwar in kleinen Tippelschritten nachhause, aber ich weiss auch, was ich geschafft habe. Heute habe ich zum Beispiel etwa drei Kilo Erdbeeren geputzt und geteilt und zwanzig Kilo Wassermelonen in einer halben Stunde zerlegt. Morgens trinke ich einen grossen Pott Espressokaffee, um wach zu werden und abends etwa einen halben Liter alkoholfreies Bier, das ich wegen seiner Bitternis schätze, um meinen Durst zu löschen. Zum Ende der Arbeitszeit schmerzen meine Füsse und mein Rücken. Und besonders schwierig wird es für mich, wenn ich etwas vom Boden aufheben muß. Aber das wird in ein paar Wochen sicher viel einfacher gehen, wenn ich trainiert bin. Nicht alles klappt gleich gut, wie die Bedienung von elektronischen Geräten um den Warenfluß zu protokollieren und als Computerfrau komme ich mir dann dumm dabei vor. Lieber hantiere ich mit den scharfen Messern, auch wenn meine Kollegin – eine Fleischereifachverkäuferin – mir dabei weit überlegen ist. Wenn ich dann am Nachmittag ausruhe, habe ich noch den Duft der Melonen in der Nase.

Unnützes Wissen:

Unnützes Wissen: Eine Kiste mit Wassermelonen wiegt zwischen 16 und 19 kg. Ich schaffe es – noch untrainiert – ca. 4 Kisten in 3h Stunden mundgerecht zu zerlegen und in grossen Bechern zu verteilen. Diese werden gedeckelt, versiegelt, ettiketiert und in der Kühltruhe ausgestellt.

Und ich habe dann 36 Euro brutto verdient. Meine Kollegin, eine gelernte Fleischereifachverkäuferin, ist deutlich schneller. Schliesslich muß ich die Ware entweder auslegen oder in den Kühlraum fahren und die Küche und das Besteck reinigen. Nach 5,5 Stunden mache ich eine halbe h Pause.

Dann versorgen wir die Salatbar – Ware aus dem Kühlraum holen, nachfüllen, die Salatbar richten und kontinuierlich reinigen. Besteck und Salatschalen, sowie Deckel und Salz, Pfeffer, Öl und Essig nachlegen und die Waren verwalten. Gegen 14.00 alles saubermachen und 14.30 Uhr

Schichtende. Abgerechnet werden an dem Tag für mich 90,- Euro brutto. Davon zahle ich Krankenkasse, Arbeitslosenversicherung, Pflegegeld und Rentenbeiträge und Lohnsteuer. Ich lande trotz der schweren Arbeit in der Altersarmut und werde im Alter entweder Flaschensammeln oder

arbeiten müssen. Ich muß GEZ zahlen, Miete, Energiekosten, die Monatskarte für 89,- Euro, mich kleiden, Kommunikation tragen, meine Schriftstellerei und meinen Blog in Eigenproduktion finanzieren und steigende Lebensmittelpreise aufbringen. Ich habe kein Auto, rauche nicht, habe aber ein Kind großgezogen.

Zwar freue ich mich, mit so stolzen Menschen zusammenzuarbeiten, bin froh Arbeit zu haben und ich sehe den Marktleiter auch selbst anpacken, aber ich frage mich schon, welche Zukunft uns Lowperformern zugedacht ist. Uns Frauen der Babyboomergeneration – “Nomadland” läßt grüssen.

89 | Am Abend zuvor

Mit meiner Sonne
Ofengemüse zubereiten.
Den letzten Abend vor
der ersten Schicht geniessen.

Die Sonne zieht bald weiter
in ihr eigenes Heim
und G. wird der neue
Mitbewohner sein.

Der Sommer liegt schon
in seinen letzten Zügen
und die langen Schatten
nahen wieder heran.

Die Welt wird sich drehen –
halte ich mit ihr auch nicht Schritt
und leiste stur Widerstand.
Meine Worte werden verwehen.