16 | Zaubertränke

Eine dunkler Schatten umwölkt
Deine blasse Stirn.
Der verwunschene Ruf eines Käuzchens
klingt von fern.

Mein warmer Mantel
reicht nicht an Dich heran,
so dass ich Dich
nicht bergen kann.

Du stehst verloren
hinter einer gläsernen Wand.
Ich sehe Dich am anderen Ende
eines langen, leeren Gangs.

Vergeblich strecke ich
Dir die Hand entgegen.
Die Zaubertränke versteinern
in Deiner Miene das Leben.

Heinrich Heine | Auf Flügeln des Gesanges,

Herzliebchen, trag ich dich fort,
Fort nach den Fluren des Ganges,
Dort weiß ich den schönsten Ort.

Dort liegt ein rotblühender Garten
Im stillen Mondenschein;
Die Lotosblumen erwarten
Ihr trautes Schwesterlein.

Die Veilchen kichern und kosen,
Und schaun nach den Sternen empor;
Heimlich erzählen die Rosen
Sich duftende Märchen ins Ohr.

Es hüpfen herbei und lauschen
Die frommen, klugen Gazell’n;
Und in der Ferne rauschen
Des heiligen Stromes Well’n.

Dort wollen wir niedersinken
Unter dem Palmenbaum,
Und Liebe und Ruhe trinken,
Und träumen seligen Traum.

15 | Wirrnisse

Ich habe gehaust am Grunde einer Schlucht.
Das Haar hing mir in Zotteln
über Hals und Brust.
Kein Sonnenstrahl ist zu mir
da unten vorgedrungen.

Nur Nacht und Schatten kannte ich,
bittere Kälte und einsame Stunden.
Habe Rinde und Lumpen
um meine Füsse gebunden.

Ich irrte wirr
durch jene Schlucht
bis ein Pfad in den hellen Tag
vor mir lag
– an dessen Ende ich Dich,
mein Liebster, gesucht
und gefunden hab.

Ich nahm ein Bad,
schnitt Rosenblüten ab,
flocht sie ins Haar
und salbte meine Schrunden,
so habe ich hinauf ins Licht gefunden.

14 | Mein Liebster

Mein Liebster tut mir wohl und gut.
Er trägt zum Gehen
einen geschnitzten Stock,
schmückt sich mit Blumen
an seinem Rock
und setzt auf seine Locken
einen Wanderhut.

Er tanzt gewand
durch Tal und Land
und ist ein rechter Wandersmann,
den langes Rasten nicht verlocken kann.
Wenn er vom Flanieren eine Pause macht,
sucht er sich einen Sonnenplatz.

Wenn ihm ein Mensch zu essen gibt,
geht er darauf gestärkt auf seinem Weg
und pfeift sich dazu fröhlich
ein Lied.

Und bläst der Frühling dann
sein buntes Band
nimmt er mich zärtlich
mit an seiner Hand.

Wir ziehen mit dem lauen Wind,
auf Strassen, die vor uns
nur wenige gegangen sind.
Wir laufen bis zum Horizont,
wo Veilchen blühn
und die Sonne wohnt.

13 | sacht

Liebster, ich streife Dir ganz sacht,
die Fesseln ab.
Wir lassen hinter uns,
was uns gebunden.

Liebster, ich begegene Dir nicht nur
im Traume nachts,
ich habe auch am Tag,
in Deine lieben Arme gefunden.

Liebster, ich knüpfe Dir ein Seil
aus meinem Haar.
Mit ihm steigst Du hinauf ins Himmelreich
und federweiche Zärtlichkeit
heilt Deine Wunden.

Liebster, vergiß, dass man Dich presst.
Morgen schon bist Du frei
und kleinherziger Leute Urteil,
ist dann einerlei.

Liebster, sieh‘ nach der Neumondsichel
heute abend.
Ich tu es auch.
Wir denken an die gleiche Silbersichel
vor zwei Jahren
und träumen uns in seine Barke
in den Sternen hinauf.

12 | Feuervogel

Aus der matten, schwarzen Asche
wirst Du bald schon Dich erheben
und befreit von stählernen Gitterstäben
wirst Du in den hohen Himmel schweben.

Heute bist Du vielleicht einsam,
doch schon morgen steigst Du
in das weite Firmament empor
und singst Dein Lied gemeinsam
mit dem Feuervogelchor.

Es mag sein, dass viele
nur den Staub der Asche sehen.
Doch bald schon kommt ein Wind –
mit ihm wirst Du mit den Wolken ziehen.

Aus dem Kargen Deiner Tage
steigst Du in das Morgenrot.
Feurig gleitest Du zum Horizont,
malst ein hoffnungsvolles Lichterband
bis der Kummer ganz verbrannt ist
und die Zuversicht neu entflammt ist.

11 | Tanz

Wir stehen mit heissem Kakao
in den Händen auf der Strasse.
Weisse Sterne sinken an diesem kalten Tage
aus den Wolken auf unsere Häupter
und das der Aufpasserin herab.

Im Café drehen sie Musik an.
Und Du tanzt.
Ich sehe das Lächeln
in Deinem Gesicht
und wie Du Dich
um die eigene Achse wiegst.
Und ich tanz.

Wir blicken in den Himmel
aus dem die Flocken fallen.
Und sie tanzen.
Wir drehen uns umeinander im Schnee
und tanzen unseren Tanz
nach der Wintermelodie.

10 | Vertrauen

Vertrauen – Du warmer Strom,
der Schnee und Eis
zum Schmelzen bringt.
Vertrauen heisst das Glück,
das mir in Deinen Armen singt.

Wer müde ist von Lebenslast
wird munter, wenn er neu Vertrauen fast,
dass Regenwolken bald vorüber ziehen,
dass blanke Sterne dann am
ungetrübten Abendhimmel stehen.

Dass auf die Finsternis des kalten Winters
ein lichtes Frühjahr und die milde Brise
des Sommers folgt,
dass Fortunas Füllhorn bunte Blumen streut.

Dass der Kummer nach und nach verblasst,
dass jeder nimmt, bis alle satt,
dass man auf seine Fragen Antwort hat,
dass Freundschaft blüht und Freude lacht.

09 | Auf Deinem Weg

Nimmst Du mich mit
auf Deinem Weg zum Horizont?
Gehen wir gemeinsam auf dem gleichen Pfad,
ob krumm, ob grad?

Mit Dir möchte ich alle mondenen Silbersicheln
vom Himmel pflücken
– die Erbeersommer schmecken.
Und weisses Wiesenschaumkraut und rosa Schafgarbe
zwischen den Fingern winden.

Dir möchte ich Schneesterne in die
roten Locken stecken.
Dir eine Flaumfeder aus Deinem Schopf
vom Mantelkragen nesteln.

08 | Still fallen Sterne

Vom Himmel fallen still Sterne herab.
Sie pudern die Welt und sinken torkelnd hinab.
Die kahlen, schwarzen Äste
mit fedrigen Hütchen bedeckt.

Die dunklen Wege
unter weisser Decke versteckt.
Die Strassenlaternen haben Hauben auf.
Verzaubert sitz ich am Fenster
und sehe in die Wolken hinauf.

Ich denke an einen Engel
dort im weichen, weissen Bett.
Er schüttelt die Federn
und die Flocken stieben weg.

Ich stelle mir vor,
ich kletterte zum ihm herauf
und pustete ihm zärtlich
ins linke Ohr:
Es lugte vorwitzig
zwischen seinen roten Locken hervor.