115 | Wende

Wir gingen miteinander stetig, Jahr um Jahr, voran,

bis wir an einen Abgrund gelangten.

Dort wandten wir uns zum anderen zurück,

doch rückwärts waren wir blind.



Wir konnten nicht mehr zu einander gelangen

und sind auseinander gegangen

– von da an von Schweigen umfangen.
Das Unsagbare zwischen uns haben 

wir seither sprachlos getragen.



Wir können uns nicht mehr beim Namen nennen.

– keine Glut mehr aus der Asche entfachen.

– der Stille kein Zeichen entnehmen.

Wir müssen einander gehen lassen.

116 | Benzinblues

Die Luft geschwängert vom Benzingeruch
überdeckt den zarten Hauch des Rosendufts.

Autotüren schnappen blechern ins Schloß.
Ein Brummer summt surrend im Zimmer herum.



Die tellergrossen Dolden der Holunderbüsche 

stehen im weissen Schaum ihrer Sternenblüte.

Ein Kilo Erdbeeren und Malai Kofta – Festtagsspeis.

Blechkisten rollen rauschend vorbei.



Die Vogeltränke auf dem Balkon randvoll gefüllt.
Den Tisch gewischt.

Den Laptop aufgeklappt.

Liegend die Beine angewinkelt aufgestellt.



Ein Kissen hinter den Nacken gestopft.

Platons Ideenlehre durch die Philosophiegeschichte des Herrn Precht erhellt.

Die Tomate ist noch nicht eingetopft.

Musik Vorbeifahrender schallt hallend durch die Strasse.


Ein Motorrad steuert vibrierend auf die Kreuzung zu.

Tönende Männer unterhalten sich.

Der Freund der Tochter liess sie heute im Stich.

Es ist Sonnabend vor Pfingsten.

Die Feiertage haben noch gar nicht angefangen.

112 | Morgen III

Dem Kaffee nachschmecken.

Morgenkühle von den Schultern schütteln.
Das Frühstück aufdecken.
Das Telefon annehmen.

Von den nackten Füssen her frösteln.

Nach der Morgensonne sehen.
Auf die Spatzen und Meisen lauschen.

Das Rauschen der Blechlawine hinnehmen.



Nervös die Handrücken kratzen.

Pläne für die nächste Zeit anpassen.

Verse in einem Gedicht einfassen.

Musik andrehen.



Minuten beim Vergehen zusehen.

Jobofferten anzeigen lassen.

Nachrichten verstehen.
Auf Dein Foto sehen.

113 | Unwiederbringlich

Wir haben tagelang erwartungslos leer in die Ferne geblickt.

Sind desillusioniert auseinandergerückt.

Haben die Hände nach einander ausgestreckt,

uns voneinander abgestossen und schliesslich versteckt.



Uns bringt kein Tag mehr das Verlorene zurück.

Wir streifen ruhelos umher 

und suchen sehnsüchtig das ungenannte Glück.
Erschöpft schwanken wir voran, von Bitterkeit schwer.

Könnte ich, ich würde Deine Seele einfangen.

– Durch Dein Augentor bis auf ihren Grund gelangen.
– Dich mit Sanftheit und Wärme umfangen.
Doch ich finde Dich längst nicht mehr.

114 | Damals

Als die Tage heil waren und ganz.

Als ich unter dem Schutzmantel Deiner Liebe stand.

Als der Himmel frei war und weit.

Als wir einander küßten und lachten und zum Tanz waren bereit.



Als die Möglichkeiten grenzenlos waren.

Als wir Hindernisse lernten zu umfahren.

Als wir auf schwankenden Stegen

balancierten.



– Waren wir Riesen.

111 | Morgen II

Eine Amsel jubiliert.
Spatzen tschilpen blechern.
Ein Moped knattert aggressiv und fährt
zögerlich vorbei.

Autos brummen wartend an der Kreuzung.
Quietschend hält ein Lastzug.
Monteure hämmern schallend
auf dem Dach gegenüber.

Zum Bewerben habe ich heute keine Lust.
Ein Arbeitsplatz auf den ich pass
ist nicht zu finden.
Bald duften wieder die Linden.

Schlurfend kurvt eine Kehrmaschine vorüber.
Türen schlagen, Autos starten.
Die Menschen haben Ziele.
Mir bleibt Verdruss und warten in der Kühle.

110 | Morgen

Einen Faden aufheben.

Pläne spinnen.

Kaffee trinken.

Horizonte ersinnen.



Einsamkeit überwinden.

Der Zeit entrinnen.

Grüße aussenden.
Hochgelagerte Füsse ansehen.



Gedanken, die im Kreise gehen.
Aus dem Schwingstuhl aufstehen.

Nach den Freunden bei Facebook sehen.

Die Schallplatte umdrehen.



Nur Gegenwart kennen.

Das Jetzt benennen.

Kurz an Dich denken.

Vom Verdruss ablenken.



Verse reimen.

Geräusche belauschen.

Wünsche – aufkeimend.

Das Nachtkleid eintauschen.



Mit dem Kind sprechen.

Annoncen lesen.

Frühstück machen.
Tageinwärts leben.

109 | Hier oben

Langsam kehrt Abendruhe in die

Betriebsamkeit vor der Tür ein.

Unterm Fenster ebbt der Verkehr ab.

Hin und wieder knattert ein Moped 

durch die enge Straße.



Unablässig schallt das Ticken 

der Zeitschaltuhr am Thermostat.

Kein Plan hat heute geklappt.

Eine gefangene Fliege brummt 

nervös durch den Raum.



Der Duft des Parfums steigt
warm 
vom Hals zur Nase auf.

Zum Schreiben hole ich die Brille raus,

halte den Atem an und lausch.

Ein Nachbar holt klappernd die Post
aus dem Kasten heraus.



Die Sohlen quietschen treppauf
über das Linoleum.

Verbringe so Stunde um Stunde,

Jahr um Jahr,

abgeschieden im stummen Turm
der Isolation.

108 | In der Stille

Wir kleideten uns in die Seide meiner Locken,

und verbargen so unsere Nacktheit vor anderer Leute Blicken.

Wir sahen hinab bis auf den Grund des anderen Aug’s

und schufen so die Zeit, uns aus der Zeit zu entrücken.



Dein frohes Lachen hallt 

noch in die Stille.

Seit Du verschwandst,

geh ich nicht mehr gern hinaus ins Helle.



Die Stunden mit Dir waren 

des Lebens reine Fülle.
Um die Erinnerungen dran zu bewahren,

warte ich auf des Herbstes Regenkühle.

107 | Frühlingstage

Ich hasse diese schönen Tage, 

an denen windstill herab die Sonne gleisst.

Mein Herz will, dass ich Trauer trage.
Nimm doch bitte all die Frühlingsboten und den hellen Schein

und lass mich allein und verbittert sein.


Einzig will ich von Verlust, Sehnsucht und Kummer

in meiner dämmrigen Kammer 

dunkelblaue Verse schreiben. Darin

ist mir mehr Befriedigung,

als wenn die Vögel wieder singen.

105 | Klage

Trotz Sonnenschein und Amselgesang

kenne ich die Welt nicht mehr.
Ich setze Schritt um Schritt im Moos des Waldes

– das Gehen fällt mir schwer.



Trotz Honigtau im Blütenmeer

ist die Richtung mir verstellt.

Trotz Frühlingsduft in milder Luft

finde ich meinen Weg nicht mehr.

Ich tappe voran

und weiss doch nicht wohin.
Die Rosen sind mir einerlei,
kein Lerchenruf dringt mir in meinen Sinn.



Gelang ich an des Feldes Rain

tröstet mich kein Mohn.

Dort sinke ich durstig in den staubigen Sand

– vom Irren auszuruhn.



Ich wünschte mir einen Wolkenbruch,

doch der ist nicht zu sehen.

Verflucht ist mir die Frühlingsluft,

verbittert bleibe ich stehen.



Was einst mir vertraute Pfade waren

führt nun nach nirgendmehr.

Wo wir zusammen im Grase lagen,

gehe ich allein umher.

106 | Rushhour

Vorm Fenster auf der Strasse – das Getöse rührt mich nicht.

Lagere hier drinnen hinterm Vorhang im Dämmerlicht 

und weiss, später am Tage gibt es sich. Darüber bin ich nicht böse.

Die Eiligen eilen schnell dem Ziele zu, sind ganz erfüllt von ihrem Tun.



Sie lagern nicht dumm in der Gegend rum, sind gebraucht und nützlich.

Der eine schafft sich Hund und Katze an, der andere Familie.

Er jagt von Punkt zu Punkt auf seinem Lebensplan. Ist im Einsatz für ganz viele.

Was fangen wir mit dem Leben an – zwischen Chrom, Lack, Eichenfurnier und Diele?

102 | Was Frau Kaléko

Was Frau Kaléko schrieb

berührt mich tief.

Ihr Wort macht mir noch heute Freude.



Auch die Gedichte von Herrn Hesse

lese ich mit Genuß und Interesse.

So überdauern gut gereimte Vers
e
und sind im Leben Hilfe.



Ihr Beispiel ermuntert mich,
so dass auch ich

Gedanken lyrisch fasse

und im Meer aus Worten 

gesalzene Hymnen hinterlasse.

103 | Ich kann nicht

Ich kann nicht sagen,

dass wir so täten,
als wäre nichts geschehen.

Denn zwischen uns ist Schweigen,
seit jenem Einbruch in das dünne Eis.

Was so stabil schien 

hat uns nicht getragen

und alle Güte ist ertrunken.

Wir haben einander

dem anderen entwunden

– der stumpfe Phantomschmerz bleibt.

104 | Die Stiege

In unser altes Haus

führt noch immer 

die hölzerne Stiege hinauf.

Inzwischen ist ihr rosa Linoleum 

etwas liederlich, aber sonst

sieht es ganz, wie damals aus.

Ich hebe hinter der Wohnungstür 

den Staub von früher auf.

Die Schlieren auf den Fensterscheiben

halten die Sonnenstrahlen der Zwischenzeit auf.

Den kleinen, hölzernen Tisch mit den Brandflecken 

stellte ich auf die Strasse hinaus.

So komme ich schneller 
vom Sofa
zur Tür heraus.

Die Wände und die hohen Zimmerdecken 

sind bisher nicht gestrichen.

Ich suche für sie noch 
neue Farben aus.

Mascha Kaléko | Sozusagen grundlos vergnügt

Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen.
Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt, das Feuer ist geschürt.
An solchen Tagen erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben,
– Weil er sich selber liebt –
den Nächsten lieben.

Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!

Ich freu mich, daß ich …

Daß ich mich freu.