Nur keine Panik!

In unserer Gesellschaft, und in mehr oder weniger intellektuellen Kreisen, ist eine heftige Debatte um die Deutungshoheit des aktuellen Weltgeschehens nicht zuletzt anhand der Geschehnisse in der Ukraine entbrannt, dabei werden Differenzierungen selten zugelassen. Das dient zwar der Entlastung der Psyche, fördert aber nicht unbedingt die Reflexion. Weil es über Jahrzehnte verpönt war, sich mit der grundlegenden, marxschen Analyse des Kapitalismus und den Mechanismen der Kapitalakkumulation auseinanderzusetzen, brechen sich immer wieder Fehlinterpretationen oder -analysen bahn.

Verschwörungstheorien
Selbstverständlich gibt es keine jüdische Weltverschwörung, es hat sie nie gegeben, sie ist eine Erfindung und Diffamierung bei der ein Popanz für schlichte Gemüter aufgebaut wird und über die Sündenbockmechanismen denjenigen, die auf der vermeintlich richtigen Seite stehen, die vermeintlich „Schuldigen“ präsentiert werden.
Sie dient der Aggressionslenkung und der Manipulation und wurde in der deutsche Geschichte als Rechtfertigung für den Holocaust mißbraucht.

Damit aber auch auszuschliessen, dass es Verschwörungen gibt (um zum Beispiel Antisemitsmus zu verbreiten) ist ebenso unreflektiert. Wer die Realitäten erfassen möchte, der kommt um eine Auseinandersetzung mit den imperialistischen Mechanismen des Kapitalismus nicht umhin. Welchen Eindruck, als den Gedanken an verschiedene Verschwörungen, soll der politisch denkende Mensch im Zusammenhang mit dem #NSA-Skandal, #INDECT oder den Vorgängen an aktuellen politischen Schauplätzen, wie der Ukraine oder den Ermittlungen um die #NSU gewinnen? Ich vermute dahinter keine gezielte, internationale Verschwörung – verschiedene Interessenlagen, Manipulationen der öffentlichen Meinung und Propaganda aber schon.

Auf das Bedürfnis solche Hintergründe aufzudecken, wird dann gerne mit einfachen Konzepten der Kritik am Kapitalismus, wie der Kritik an Zins und Zinseszins geantwortet, wunderbar einleuchtend und entlastend einfach, wer aber etwas tiefer gräbt, wer denn Vertreter dieser Theorie ist, findet schnell einen Zusammenhang zu einem gewissen Prof. Bernd Senf, der in widerlichster Weise Antisemitismus verbreitet und mehr oder weniger die Rückkehr zur Ständegesellschaft propagiert, jaaa, da war die Welt noch in Ordnung!

Rosa Luxemburg ging davon aus, dass der Kapitalismus sich selbst abschaffen wird, wenn er auch den letzten Winkel der Erde erreicht hat, weil er dann in seiner expansiven Ausdehnungsbestrebung an sein Ende gelangt und sich selbst aufzehrt. Sie nahm eine Antinationale Position ein und damit eine andere ganz Position als der Leninsche Bolschewismus.

Nun ja, Däumchen drehen und abwarten, wie der Kapitalismus sich selbst aufzehrt, in einer Zeit in der wir in der Globalität ankommen, ist vielleicht doch zu wenig, angesichts der Tatsache, dass dabei die Lebensgrundlagen auf dem Planeten Erde zerstört werden könnten und sich womöglich anschliessend Barbarei und Diktatur statt Humanität bahn bricht. Für etwas mehr als unsere APPs, unseren Urlaub und unseren Komfort müssen wir uns schon interessieren.

Eine gute Zielsetzung könnte dabei sein, uns stets zu hinterfragen, wenn uns einfache Konzepte zur Wirklichkeitsbewältigung angeboten werden oder wir sie (er)finden und mit dem Finger auf „Schuldige“ gezeigt wird. Dient das der Verständigung, dem Abbau von Vorurteilen, dem Überwinden von Grenzen? Oder züchten sie Angst und Mißtrauen. Ganz einfach ist, dabei zu beherzigen, dass zwar jeder etwas Einzigartiges und Besonderes ist, dabei aber niemand mehr oder weniger Recht auf ein Leben auf dieser Erde hat. Wir sind eine Menschheit, gleich an Rechten (auch, wenn das nicht verwirklicht ist), gleich an Pflichten, wer das Privileg hat, in einer Region beheimatet zu sein, in der er Zugang zu Bildung, ausreichend Nahrung und Wasser hat, trägt Verantwortung, dies auch den anderen Teilen der menschlichen Gemeinschaft zugänglich zu machen, wer sich hinter „nationalen“ Bedürfnissen verschanzt oder diese zur Identifikation anbietet ist ein Demagoge.

Es ist eine Lebensaufgabe Hass und Feindbilder zu überwinden, sie sich sichtbar zu machen. Vor ein paar Wochen habe ich in einer Publikation des Dalai Lama gelesen, wer heute Dein „Feind“ ist, kann morgen Dein Freund sein, daher sei es wichtig, sich eine prinzipiell mitfühlende und offene Haltung seinen Mitmenschen und seiner Umwelt gegenüber zu erarbeiten, die Vorurteile und Feindschaft abbaut und Respekt und Achtung fördert. Wenig später mußte ich die Meinung zur Kenntnis nehmen, wer sich mit dem Dalai Lama und dem tibetischen Buddhismus auseinandersetze, unterstütze unhinterfragt, dass dieser davon ausgehe, als Führer des totalen Krieges um die buddhokratische Weltherrschaft im Jahre 2424 reinkarniert zu werden. Aha. Außerdem stecke der tibetische Buddhismus mit den Faschisten, Nazis und dem CIA unter einer Decke, der Dalai Lama sei aber auch ein Zögling Maos. Ja gut, jetzt ist ja alles klar, wer für Verständigung und Friedfertigkeit eintritt, hat in Wirklichkeit ganz andere Interessen. In Wirklichkeit hofft er auf eine Reinkarnation als Führer und verschwört sich mit Faschisten, Katholiken, Maoisten und dem CIA um uns alle am Ende zu beherrschen. Danke für die Aufklärung, hinter diesem Blick auf den Dalai Lama steckt selbstverständlich keine Verschwörungstheorie, ist ja klar, sondern die einzige wirkliche Wahrheit.

Ich sehe viele Äußerungen – links, vermeintlich links, offensichtlich rechts, die Feindbilder und Ressentiments bewußt provozieren, um in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden. Dabei werden teilweise Mobs und Pöbel(eien) organisiert um Feindbild-Popanze aufzubauen, die dann von der Öffentlichkeit hingerichtet werden. Dabei sind die Opfer der Pöbeleien, zum Teil auch dieselben Menschen, die andere auf das Schafott stellen. Dient das der Aufklärung?

Ich wünsche mir mehr Platz für den friedlichen Austausch von Argumenten in der öffentlichen Diskussion. Wer hätte gedacht, dass ich einmal Helmuth Kohl zustimmen würde, der kürzlich äußerte: Krieg ist kein Mittel der Politik. Hoffentlich komme ich jetzt nicht unter Faschismus-Verdacht, ich bin nämlich überzeugt, dass Pazifismus richtig ist.
Ich habe gelesen, das sei ganz iiiee und faschistoid und stünde durchaus unter Antisemitismus-Verdacht.
Ich bin selbstverständlich ebenso der Meinung, dass jedem Faschisten, Rassisten und Antisemiten offensiv und mutig entgegengetreten werden muß. Ich komme aber manchmal schon durcheinander: Herr Broder klatscht Herrn Sarrazin Beifall, Muslime sind zwangsläufig faschistoid, Akif Pirinci, der lange bei achgut.de (dem Blog von Henryk Broder) veröffentlichte, hat ein „faschistisches“ Pamphlet veröffentlicht, das angeblich Hitlers „mein Kampf“ in nichts nachsteht und wünscht sich mehr „Deutschtum“. Irre Verschwörungstheoretiker sind immer die anderen, die versifften rot-grünen nationalbolschewistischen, ultranationalsozialistischen, zionistischen, ökoterroristischen, antiimperialistischen, antiamerikanischen, veganen Muslime, die die Führung einer buddhokratischen Weltherrschaft anstreben. Aber das darf man in der Öffentlichkeit nicht äußern, denn alle Medien sind gleichgeschaltet und gemainstreamed, es herrscht bleierne political correctness und überall Gutmenschentum all überall und das wirklich wahre, kritische Bewußtsein ist nirgendwo, als nur bei einem selbst aufzufinden, aber psst – nicht weitersagen, das kann lebensgefährlich sein – siehe Möllemann, der vom Himmel fiel.
Die Allerschlimmsten aber sind Ken Jebsen, ein Mann mit deutsch-iranisch-jüdischen „Roots“, Jutta Ditfurth, eine Frau mit Faschisten in der Familiengeschichte, Serda Sumuncu – stammt aus der Türkei und hat öffentlich „mein Kampf“ gelesen und Ken Jebsen ein Interview gegeben – oder doch Herr Broder, der den Mut von Herrn Sarrazin so bewundert, sich gegen den „medialen Mainstream“ zu stellen.

Jetzt möchte ich und vielleicht der oder die Leser_in abwinken und sagen, ’ne is klar, Alte(r), komm mal klar. Aber damit ist es wohl auch nicht getan. Und ich krieg doch schweres Kopfweh, – kein Wunder, ich komme mit meiner tussi-matronenhaften, feministischen, radikalpazifistischen, buddhokratischen, teilzeitiranischen Hausfrauenphilosophie nicht mehr hinterher. Ist doch logisch, ich sehe meiner NAZI-Oma und meiner marxistischen Mutter auch sowas von zigeuner( Entschuldigung, für den Ausdruck, stammt nicht von mir, ist in Bezug auf mein Aussehen zitiert)-jüdisch (auch zitiert) ähnlich, dass der mir genetisch übertragene Verstand natürlich nicht dafür ausreichen kann, trotz Inelligenztraining, das ist doch einleuchtend, bei dem Vater.
Nicht zu vergessen, der wahre Grund – weil ich eine Frau bin und in der öko-faschistoiden-biedermeierlichen Landlust regelmäßig mein Horoskop lese, deshalb kann ich nur hysterisch-esoterisch schulßfolgern. Schlußendlich fehlt es mir an akademischen Weihen, ordentlicher Bildung und soziologischem Verständnis, um an einer öffentliche Diskussion überhaupt auf einem angemessenen Niveau teilnehmen zu können.
Ich hoffe, ich habe in meinem kruden Text nichts Wesentliches vergessen und ausgelassen.
Ach, doch einen habe ich noch: Israel geht in der Ukrainkrise auf Distanz zu den USA, so liebe Chefideolog_innen, jetzt seid Ihr dran…

One thought on “Nur keine Panik!

  1. Du hast leider völlig vergessen auf die Chemtrails ein zu gehen…. so kann das mit dem Shitstorm nicht recht werden.

    Im Ernst: sehr geiler Text!

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