Lebe wohl.


An einer Küste im Sturm wandere ich.
Du gehst auf der anderen Seite des Meeres
im strahlenden Sonnenlicht.
Mein Herz ruft Dich jetzt nicht mehr,
das tat es sehr lange und unerhört,
es zu lassen fiel schwer.
Manch einer nannte das allerdings
– absurd, sinnlos und töricht.

Doch mir blieb für Jahre die folgende Frage unbegreiflich:
Wie leichthin konntest Du mich vergessen
und findest nun was Du suchst
in einem fremden Gesicht?
Ist die Erinnerung an mich denn damit getilgt?
Ich hingegen glaube nicht,
dass meine Sehnsucht nach unseren
guten gemeinsamen Tagen irgendwann erlischt.

Hier oben, an diesem Meer, hatte ich meine
Heimat mit Dir gefunden.
Hier haben für mich die zartesten und farbigsten
Variationen von Glück geklungen,
auch wenn mir nun klar ist
– tatsächlich kannte ich Dich wohl all diese Jahre nicht.
Du hingegen willst nichts mehr wissen
von all dem gelebten Leben, was hinter uns liegt.
Du fühlst kein Bedauern und keinen Schmerz
und kannst daher auch nicht sagen,
Du hättest beides besiegt.

Der brausende Wind in meinem sturmzugewandten Gesicht – ich bin ihm dankbar –
bläst mit unwiderstehlicher Kraft meine Traurigkeit fort
und schenkt mir so unabweisbar meine Freiheit zurück.
Ich erfasse es nun ganz deutlich:
Du hast damals meine Freundschaft und Liebe
mit generöser Selbstverständlichkeit und in dümmlicher Einbildung genommen
und schlendertest dann vor dem Schnee,
ganz ohne zu zögern und zurückzusehen wieder davon.
Daran zerbreche ich nicht.
Doch ich frage mich schon,
hast Du das ganz recht besonnen?
Wie ist Dir die Welt und Du selbst
jetzt noch ein freundlich heimatlicher Ort?
Da wo auch für Dich nun kein Schwur und Versprechen
mit belastbarer Verbindlichkeit rechnet?
Was kann Dir denn auf solch unverdaute Weise
in diesem begrenzten Leben
noch mal begründet Vertrauen und ein Zuhause geben?
Doch auch diese Gedankenfetzen reisst der Sturm mit sich fort.
Der Himmel klart auf und die leuchtenden Farben
wischen die letzte Bitterkeit und mit ihr das Bild von Dir fort.

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