Heute in „Philosophie“ auf g+ – Das ausgedachte Leben im Imperium des Schönen

Ich lege diese Besprechung einer Inszenierung in Stuttgart von Christof Zimmermann auf g+ in „Philosophie“ ans Herz:

Das ausgedachte Leben im Imperium des Schönen

Wenn der Denker forscht, dann sollte er sicherlich bei der Deutung seiner Erfahrungen auch an der jeweiligen Materie bleiben und nicht zu distanziert interpretieren oder auch einfach die eigenen Perspektiven und Bilder keines Falls aus romantischen Gründen produktiv, beziehungsweise aus kulturimperialistischem Ansinnen einfach schön reden.

Die persönliche Berührung und das Gefühl sind es, die wir aufgehört haben in den Begriff des Denkens einzuschließen. Eine wissenschaftliche Doktrin, die nach Objektivität verlangt, ist eben nicht in jedem Fall der Königsweg, sondern nur dann als Denken gefragt, wenn es aus rein erkenntnistheoretischen Abwägungen heraus, um reine Objektivität zu gehen hat.

All die anderen vorzüglichen, willkürlichen Bewegungen, welche wir den Pflanzen offensichtlich voraus haben, gehören möglicherweise ebenso dazu, wie das Hören auf ein triviales Rauschen des Orts und der Zeit während unseres stets reisenden Daseins. Ganz bestimmt aber ist das Mögen, also unser Liebhaben und somit die Umarmung des Anderen und selbst des Fremden, durch das handelnde Moment mitunter auch eine komplexere Denkbewegung. Das mag uns dann die Inszenierung, gleich zu Anfang des Stücks vorgeturnt und somit vorweggenommen haben.

Wenn Nis-Momme Stockmann mit seinem neuen Stück auf die Spurensuche geht, warum es im Imperium des Schönen trotzdem hässlich zugeht, dann möchte ich behaupten, dass er und die Inszenierung in Stuttgart am Kammertheater diesbezüglich durchaus fündig geworden sind. Die Uraufführung des Stücks gestern Abend sowie die Premiere des Stuttgarter Schauspiels am Kammertheater der Stadt, war nun doch noch zustande gekommen, nachdem sie bereits für den 16.01.2019 geplant, jedoch verschoben wurde. In stark zwei Stunden wird uns das Scheitern eines Familienausflugs nach Japan vorgeführt.

Ohne jedes Bühnenbild und mit spärlichen Requisiten, ist der Zuschauer aufgefordert dem reinen Spiel und einigen exzessiven Sprechakten zu folgen. Das eigene Japanbild des Zuschauers soll wohl nach dem Willen der Regie (Tina Lanik), mit den dokumentarisch gegebenen Aufsätzen und Vorträgen der reisenden Dozentenfamilie ergänzt und konterkariert werden. Ob das gelingt, setzt in jedem Fall voraus, dass ein solches Japanbild beim Publikum überhaupt konsistent existiert und nicht all zu große Lücken zwischen Sushi, Samurai und Saigai aufweist.

Letzteres ist dann auch das vorhersehbare Ende des Stücks, worauf es hinauslaufen muss, in Japan, wenn die große Rede von wahrer Schönheit und damit der ganze Mythos von der Macht des Imperialen, sich versucht in Gestallt des Patriarchen und gelehrten Intellekts, bezüglich aller Belange durchzusetzen. Dem Wissenden und damit Reichen obliegt es, zu sagen was schön ist und von Bedeutung, was jeder zu tun und was er zu lassen hat, wann, wie und wo er zu sein hat, was letztlich gut für alle ist. Genau das dünstet aus jeder Pore des selbsternannten Familienoberhaupts, namens Falk (Marco Massafra), dem Philosophieprofessor, gestützt durch eine ökonomische Generalvollmacht, im Wert von 15.000,- Euro.

15.000,- Euro nämlich, kostet ihn die Japanreise, die er mit Frau und Kindern und den im alkoholisch motivierten Überschwang eingeladenen kleinen Bruder mit samt Freundin unternimmt. Gerade eben die Freundin passt ihm nicht wirklich. Sie ist nicht genau das, was er sich für seinen Bruder und als seine Schwägerin in Spe überhaupt vorstellt und will. Er leidet und erträgt sie kaum, mit all ihren anderen Vorstellungen vom Sein.

Es wird in Stockmanns Stück als auch in der Inszenierung explizit die Welt Schopenhauers, als die Welt des einander und aneinander Leidens in das Zentrum des Geschehens gesetzt. Dieser Komplex als Motor des bürgerlichen Lustverbots, wird damit treibende Kraft im mikrokulturellen Klima der familiären Auseinandersetzung. Nicht Lust und Liebe also, erneuern die zwischenmenschlichen Bindungen, sondern Last und Leiden und damit ein sinnloses, schmerzhaftes Aushalten in jeder Hinsicht.

Dass ein solches Konzept des gemeinschaftlichen Lebens überholt ist und allein nur dort überdauert hat, wo der Standesdünkel weiter vorherrscht, kann auch Stockmann nicht wirklich deutlich machen, wenn er sich der überkommenen Ethik vom Höheren und Niederen des neunzehnten Jahrhunderts mit Zitaten aus Schopenhauers Philosophie bedient.

Die Ungleichheit letztlich zwischen der Bäckereifachverkäuferin Maja (Nina Siewert) und dem Akademiker Falk (Marco Massafra), ist es dann auch, welche das Elitäre als ein Prinzip des Leidens und Aushaltens erst in die höhere Position setzt, aus der sich am Ende dann auch die Reibungsenergien in Gewalt und Gegengewalt entladen. Während das Niedere von der lästigen Güte und Spende leben muss und das sogenannte Obere und Höhere von der Bürde der Trägerschaft des sozial Niederen, ist selbst verständlich jede Bindung in einer solchen Gesellschaft leidvoll und erzeugt unentwegt Ab- und Ausgrenzung.

Das elitär Imperiale speist sich deshalb auch aus dem Design eines konzipierten, gelenkten und im Detail geplanten Lebens, das nichts mehr dem Zufall überlassen kann. Nichts wird gesucht, alle Antworten sind bereits gefunden, der sinnliche Dialog mit dem Lebendigen, wird durch die objektive Theorie ersetzt. Alles zu wissen bedeutet absolute Überlegenheit und die Intelligenz dieser allwissenden Systeme und Dienste, sichert letztlich jede imperial, patriarchale Überlegenheitsdenkfigur im Bewusstsein Aller ab.

Das zeigen uns die abgerichteten, in der Inszenierung komplett uniformierten Kinder des Professors, Ignaz (Daniel Fleischmann) und Ismael (Marielle Layher) möglicherweise all zu überdeutlich, mit ihrem übertrieben mechanistischen Gestus und Habitus an. Selbst deren Drucker wurde denn auch vom Professor eigens nach Japan verschifft, oder eingecheckt wie es heißt, um der medialen Dressur mit schwarzen Lettern auf weißem Papier, wo möglich sowas wie unbedingten Wahrheitsgehalt und ewigen Geltungsanspruch zu verleihen.

Wie leicht aber diese reine Hypothese von der Überlegenheit des Wissens als patriarchistische Propaganda zu überführen ist, wird dann auch bei Stockmann genau an dem Punkt deutlich, wo Maja, die Freundin des Bruders, dessen Bruder, dem Professor ins Gesicht sagt, dass nichts in seinem Leben echt und sein ganzes Leben nur etwas Ausgedachtes und damit ein fremdes Leben sei. Damit hat sie Falk dann endlich auch zu sich heruntergeholt, ihn in seinen Augen degradiert und der Unreife überführt. Er steht als seelenloser Mitläufer da, dem seine soziale Schutzposition in dem Moment abhanden kommt, in dem das Lügengebäude von jenem höheren Wert des rein Proklamierten, jedoch nie wirklich empfundenen Schönen zusammenfällt.

Nichts ist mehr schön oder war jemals schön gewesen und es hagelt am Ende, die den auf die Charakterpanzerung reduzierten Faschisten endgültig entlarvende Ohrfeige und schließlich Fausthiebe als Gegenreaktionen, vom bisher stets unentschlossenen Bruder Matze (Martin Bruchmann). Die Katastrophe einer übermäßigen Gewaltentladung und der totale Krieg, bricht sich wieder einmal und auch dieses Mal in der japanischen Fremde Bahn.

Umarmungen als wiederholte Chance, anfangs noch offen ausgesprochene Angebote oder doch nur Nagelproben einer Wendung zum Guten, bleiben schließlich irgendwann aus und der familiären Bindung mag der Autor so gar keinen Ausweg bieten. Der Täter wird somit zum schlechten Ende selbst zum Opfer. Der Zirkelschluss von Sühne, Reinigung und Neuanfang bleibt mit der Zersetzung der familiären Strukturen im Individuellen aufgehoben.

Freiheit und Gemeinschaft werden als eine gleichzeitige Möglichkeit im Realen so leider negiert. Als Lösung scheint der Autor mir eine etwas unklar definierte japanische Oberflächlichkeit als günstige Sicht auf die gesellschaftliche Wirklichkeit anbieten zu wollen – wie es die Interpretation eines Interviews im Programmheft der Inszenierung zulässt. Ob diese aber ausreicht den bereits übermächtig klaffenden Abgrund zwischen oben und unten, zwischen reich und arm, hier in Europa und auf globaler Ebene zu überwinden, darf bezweifelt werden.

Was jedoch als ein echter Fund des Stücks und seiner Bearbeitung in der Aufführung herausgestellt werden kann, ist der Zusammenhang der zwischen dem imperialen Ansinnen einer rein ausgedachten Ästhetik, dem ausgedachten Leben also und der patriarchalen, imperialistischen Logik besteht. Wenn alles als Design vorherbestimmt und vorhergesagt wird und mit Berechnungen sowie Wahrscheinlichkeiten das wahre und unverstellte Leben, kaum noch rein sinnlich befragt werden darf, dann sind wir auch am Ende der Möglichkeiten von Politik angelangt. Dann letztlich kann auch nur noch Gewalt die faktische und untrügliche Gleichwertigkeit im individuellen sinnlichen Erleben, zwischen den Menschen wieder herstellen.

Stockmann stellt hier die Probleme am Ende einer globalen gesellschaftlichen Entwicklung als eine natürliche Bedingung aus der Keimzelle des Familiären dar und löst damit die Verschwörungstheorien vom elitären, politischen Plan gewissermaßen in Wohlgefallen auf. Das ist neu und beachtenswert!

Wenn die Japaner demnach eines ein klein wenig besser beherrschen, als wir Europäer, dann ist es der Umgang mit dem dominanten Kulturimperialismus amerikanischer Prägung. Sie können diesen, nach der Analyse Stockmanns, ohne dass er in der Tiefe zu hinterfragen wäre, fast wie eine Modeerscheinung auftragen, während wir hier weitaus mehr darunter leiden, wenn die Autos und die Kühlschränke immer größer werden müssen und die Kunst von immer wenigerer Künstlern um ein Vielfaches teurer. Wie allerdings die Japaner nun, den drei Prozent Anteil vom BSP, welcher in den imperialen Rüstungssektor umgeleitet werden soll, ohne traumatische Nachwehen aufbringen werden, bleibt abzuwarten.

Ob die Regie von Lanik dieser neuen Denkfigur des Stücks immer folgen konnte, wage ich zu bezweifeln. Fest steht nur der mutige Verzicht auf jede Langsamkeit und damit auf eine deutliche Dramatisierung der bereits umfangreich in den Dialogen angelegten Spannungen. Ein klein wenig mehr Zeit zum Schmerz hätte möglicher Weise auch dem zur Premiere durchweg passabel aufspielenden Ensemble, etwas mehr Raum zur Darstellung der Charaktere und ihrer individuellen Entwicklung, im Verlauf der Eskalation gegeben. Diese durchaus angelegte Entblößung, war keiner Rollenentwicklung zu entnehmen und so büßte die Inszenierung neben einem neuen, zudem auch visuell inszenierten Japanbild, einige Potenziale des Stücks ein. Das Fremde kann sich vielleicht nicht nur in einer lückenhaften Meme als seltsam und fern erweisen. Was soviel heißen soll, dass Japan im Stück möglicher Weise mehr Raum einnehmen kann, als es der Text hergibt.

Die schauspielerische Leistung war ausgewogen und damit noch entwicklungsfähig, auch wenn die reine Präsenz d.h. besonders durch die tänzerisch leicht wirkende Körperarbeit von Nina Siewert in der Rolle der Maja, ein ums andere Mal heraus ragte. Die Regie mag gerade an dieser Rolle die Herausforderung der Arbeit am Detail gefunden haben, wo der gleichen ansonsten vermisst werden konnte. Die Rolle des Falk in der Darstellung von Marco Massafra entwickelte sich demnach weit weniger zwingend wie die der Maja. Hier wäre zugunsten einer Ausgewogenheit mehr möglich gewesen und dort ist vermutlich auch für weitere Aufführungen erhebliches Potenzial.

Martin Bruchmann als Matze versteckt seine Zwangslage zwischen dem zu hoch geachteten Bruder und der Geliebten, etwas zu verstohlen hinter einer komischen Fassade. Das könnte ebenfalls besser funktionieren, würde er bei erheblich langsameren Tempo insgesamt noch etwas daran feilen. Daniel Fleischmann als Ignaz, brüllte die leider zuweilen wesentlich zaghaftere Marielle Layher, in der Darstellung des Ismael, zeitweise in den Hintergrund, wobei die rein körperlichen Unterschiede, der an sonsten sehr gut einstudierten Synchronpassagen, durchaus einen schaurigen Reiz auslösen konnten.

Katharina Hauter in der Rolle der Ehefrau von Falk, Adriana, heuchelte von Anfang an etwas zu viel devote Loyalität und ließ eine glaubwürdige Entwicklung des unterschwelligen Leidens unter den herzlosen Ansprüchen Falks kaum spüren, was ihren letzten Entschluss, Falk nach dem Ohrfeigeneklat ebenfalls zu verlassen, hätte letztlich auch rechtfertigen können.

DAS IMPERIUM DES SCHÖNENZwei ungleiche Brüder – erfolgreicher Intellektueller der eine, Lebenskünstler der andere –…

Gepostet von Schauspiel Stuttgart am Donnerstag, 31. Januar 2019

Erstveröffentlichung des Beitrags von Christof Zimmermann 02.02.19: https://plus.google.com/112869175993739224106/posts/XANqAVhP2UF

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

*