Grüner Donnerstag

An der Kreuzung steht ein Auto.
Das Fiepen der gehaltenen Bremse tönt schrillend in meinem Ohr.
Auf der anderen Seite kram ich tastend meinen Schlüssel
aus der Tiefe meiner Hosentasche vor.

Unter dem Baugerüst, einige Häuser weiter,
treten fünf Männer aus dem Haus.
Zögernd und prüfend, wer von uns ausweicht,
nehme ich drosselnd Tempo aus meinen
vorwärststrebenden Schritten heraus.
Nun, etwas langsamer, gehe ich weiter
und höre mir ihre untereinander ausgetauschten,
scherzenden Abschiedsformeln an
– mir erscheinen sie munter und heiter.
Sie necken einander und wirken erleichtert,
freuen sich auf’s Wochenende
und den Urlaub, der schliesst schon morgen
an diesen grünen Donnerstag sich an.

Ich passier sie mit einem großen Schritt,
um dem Unrat unter mir zu überbrücken,
dann schlägt die Haustür hinter mir zu.
Durch ihre geriffelten Glasfenster fällt nur spärlich Licht.
Daran muß ich meine Augen kurz gewöhnen
bevor ich mich vorwag – geradezu.

So klettere ich, fast im Dunklen, die alten Stiegen
in den ersten Stock hinauf
und schliess die Tür zu der mir so wohlvertrauten,
wenngleich gerade winterlich verstaubten,
zur Hälfte südausgerichteten Wohnung auf.

Zuweilen erscheint sie mir finster
als ein einziges und elendes Verlies.
Jedesmal, nach kurzer Dauer, wieder graue Schleier
auf den gerade geputzten Scheiben
und draussen laut rumpelnd und
– bis in vorgerückte Stunde anhaltend –
stetig geschäftiger Betrieb.

An sonnigeren und ruhigeren Tagen
verschafft sie mir hingegen
Geborgenheit und ein diesseitiges Paradies.
Dann hab ich sofort vergessen,
was mich an ihr, an schlechten Tagen,
so sehr ärgert und verdriesst.
Dann reiss ich mich sowieso leicht zusammen
und weiss zu schätzen, was mir von uns verblieb.

Ja, Du sollst über mich nicht sagen,
dass ich – wie immer – viel zu viel verlange,
völlig verwöhnt und elend undankbar bin
– so ein altes, dauernd heulend, jaulend
und sich selbst bejammernd,
schrecklich scheußlich maulendes,
sackermentverlassenes Biest.

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