Gedicht 18 aus „Nachwendezeit“ | Fernsicht, 19 | Nachtrag


Sich Dir mit geöffneten Augen zu nähern,
kommt dem Schälen ein scharfen Zwiebel gleich.
Deinem Glanz
zu verfallen,
gleicht dem riskanten Tanz
einer Motte um ein helles Licht.

Nur in der Ferne
kommt man Dir friedlich nahe,
weil man dann
Deinem Trotz und
den abwehrenden Armen
ausweichen kann.

Als Scheme am Horizont
sieht man Dich deutlich.
Deine Konturen zeichnen sich klar ab.
Wenn man auch auf die Lust,
Dich zu berühren, so nicht hoffen darf.

Erst in der Distanz
bist Du gut zu erkennen,
weil keine der Tränen,
die der Nähe entspringen,
den Blick verschleiert.

Man kann Dich dann leise
bei Deinem Namen nennen
und innerlich das melodische Echo
Deiner unverstellten Antwort hören.

19 | Nachtrag

Tösend fällt hinter Dir
die Tür ins Schloß.
Ich verfluche von Herzen den Tag,
an dem ich Dir diese Tür geöffnet hab.

Still umbrandet mich das Schweigen,
der gleichmäßig tickenden Uhr.
Leise segeln in der glühenden Hitze
gelbe Lindensamen von dorrenden,
herabgeneigten Zweigen.

Flüchtig steigen
schillernde Blasen
zum gleissenden
Himmel auf.

Sie zerspringen wie Glas.
Denn sie können die Spannung nicht halten.
Durstig gurgelnd rinnt der Bach.
Kein Tropfen stillt sein Verlangen.

Zornig fühle ich zärtlich nach,
wie es war, als ich in Deinen Armen lag.
Bitter lecke ich die Süße ab,
die wir einander gaben.

Sinnend denke ich über die Fragen nach,
die die verlassenen Räume füllen.
Zögernd gehe ich Dir nach,
um meinen Hunger nach Antworten zu stillen.

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