Doris

Doris, dieser Säugling, den man nicht nähren konnte, weil es kein Milchpulver gab und der die Muttermilch nicht vertrug. – Dieses Kind, das ein Flüchtling auf dem Hof der Großeltern mütterlicherseits war. Doris, die mit 14 eine landwirtschaftliche Lehre begann, weil sie das Leben zuhaus nicht ertrug. Doris, die mit 20 eine Familie gründete und mit 21 den Vater ihrer Tochter heiratete, weil sie nun volljährig war und allein entscheiden durfte. Doris, die mit 25 alleinerziehende Mutter von zwei kleinen Kindern war. Doris, die schichten ging, um ihre Familie zu ernähren. Doris, die im Sommer am Meer Versteinerungen sammelte. Doris, die noch einmal eine Familie mit 34 gründete und Mutter ihres dritten Kindes wurde. Doris, die eine Hochbegabtenzulassung errang und Philosophie und Pädagogik studierte. Doris, die Gedichte und Aphorismen in Vokabelhefte schrieb und an ihre Kinder verschenkte. Doris, die mit 62 Jahren verstarb.
Heute wäre sie 80 geworden – meine Mutter. Ich habe Lehren aus ihrem Lebenslauf gezogen. Meine Gedichte kommen in die Nationalbibliothek.

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