Die Taugenichtsin

Erneut schien dies ein prachtvoller Tag zu werden. Die Morgensonne strahlte über der Stadt und ein paar Tauben pickten Krumen auf, als sie von der S-Bahn Station auf den Vorplatz trat. Alles in allem war sie zufrieden mit sich und der Welt. Zwar kannte sie den Status ihrer Ehe in und auswendig und glaubte, nichts an ihrem Mann könne sie mehr überraschen – aber man mußte die Dinge nehmen, wie sie waren. Die Gewöhnung hatte auch ihr Gutes – trotz der Eintönigkeit, die sie begleitete, denn sie verschaffte ein Gefühl von behaglicher Sicherheit.
Sie übersah die schattenhaften Gestalten, die ihr Hab und Gut in den Nischen des Bahnhofsgebäudes verstaut hatten und hastete auf die Ampel an der Kreuzung zu. Das Leid der weniger Glücklichen ertrug sie nicht. Obgleich auch eine gewisse Faszination davon für sie ausging. Doch der Anblick dieser Menschen in ihrem bejammernswerten Zustand trübte ihre Laune und sie wollte sie schnell hinter sich lassen. So informierte sie sich auch nicht mehr aus Zeitungen und Nachrichten. Nichts sollte sie in ihrer Beschaulichkeit stören.
Während sie darauf wartete, dass das Signal auf Grün umsprang, fiel ihr Blick auf die Uhr am Eingang des Bahnhofsgebäudes. Sie mußte sich beeilen, um pünktlich bei ihrem Vor-stellungsgespräch zu erscheinen. Zwar machte sie sich wenig Hoffnung, die Stelle zu ergattern, aber es war trotzdem wichtig, es zu versuchen. Schnell lief sie die Strasse hinunter, den vielen Entgegenkommenden ausweichend. Das Büro ihres potentiellen Arbeitgebers lag in einer belebten Gegend, die sie sonst mied. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte sie längst in einem Landidyll inmitten eines ausgreifenden Gartens, umstanden von blassblauen Hortensien und alten Bäumen, gelebt. Um sich ein Wenig Gärtnerglück zu erfüllen, pflegten sie seit einiger Zeit ihr ungespritzes Gemüse in einem saisonalen Mietgarten. Wenn es auch ihr Gewissen belastete, dass die Ackerscheibe eigentlich nur mit ihrem Auto gut zu erreichen war.

Am Ende des Gesprächs bedankte man sich höflich bei ihr für die freundliche Unterredung und schickte sie recht umstandslos wieder fort. Da sie schon einmal hier war, betrachtete sie die noblen Auslagen der exklusiven Geschäfte in der Umgebung. Der hier zur Schau gestellte Wohlstand beruhigte sie. So wie die heimeligen Cover der Gartenzeitschrift, die sie regelmäßig kaufte. Der Gedanke, dass dort draussen vor den Toren der Stadt eine, von den Jahreszeiten in einem endlosen Zyklus rhythmisierte, Welt lag, liessen das Leben als fortgesetzten Strom gut vorhersehbarer Ereignisse erscheinen.

Ohne recht zu wissen wie, war sie in eine Seitenstrasse voller Geschäfte gehobener Eleganz und bürgerlicher Cafés geraten. Das Lärmen des Verkehrs und das Gedränge auf den Bürgersteigen war einer gediegenen Atmosphäre gewichen. Und sie kam sich in ihrer schon ein wenig abgetragenen Kleidung unpassend angezogen und leicht schäbig vor. Sie überlegte, ob sie sich an einen der Tische mit weissen Damastdecken setzen konnte, aber die Ober erschienen ihr blasiert und sie wagte es nicht, näher zu treten. Linkisch passierte sie die feinen Bistros und war froh als sie ein weniger prätentiöses Lokal an der nächsten Ecke ausmachte. Sie liess sich an einem der Strassentische nieder, bestellte einen Kaffee und sah sich verstohlen nach den anderen Gästen und den Passanten um, während sie am Amarettino knabberte. Ungewollt wurde sie Zeugin eines Gesprächs zwischen einem Herrn, den sie als einen mäßig bekannten Schauspieler erkannte und einer Bewunderin. Er sprach laut, gestikulierte ausladend und blickte sich dabei um, als halte er nach Publikum Ausschau. Als er ihren zudringlichen Blick bemerkte, reagierte er jedoch irritiert und brach seine Rede abrupt ab. Es war um nichts Besonderes gegangen, nur um die Genüsse eines mehrwöchigen Aufenthaltes an der Cote d’Azur. Doch er hatte die volle Aufmerksamkeit seiner Begleitung, bis er sich durch die Blicke gestört fühlte und floh. Sie trank zügig aus, zahlte und stand hektisch auf. Im Gehen überlegte sie, welche Verbindung sie nach Hause nehmen konnte und bedauerte ein wenig, dass sie sich nicht nonchalant zu benehmen wußte. Ihre Hemmungen liessen sie sich nirgends länger allein niederlassen. Sie entschied sich für den Bus. Während der Fahrt dachte sie noch eine Weile über die Eitelkeit des Schauspielers nach. Sie hatte ihn tatsächlich indiskret angestarrt und in einer Art Machtkampf hatte sie ihn immer fort angeblickt, obwohl er offensichtlich unangenehm berührt war, bis er das Weite suchte. Dies verschaffte ihr einige Genugtuung und sie empfand nur leichte Scham über ihre Unhöflichkeit. Sie hatte das unbestimmte Gefühl, als Siegerin aus der Situation hervorgegangen zu sein. Warum hatte er sich nur so in der Öffentlichkeit produziert?

In dem Vorstellungsgespräch hatte sie keine gute Figur gemacht. Das wußte sie. Es fehlte ihr an Spannung und Überzeugungskraft und so verwunderte sie es wenig, als sie einige Tage später eine Absage mit den besten Wünschen für ihre weitere berufliche Zukunft erhielt. Sie war jetzt nicht mehr so jung, dass sie allein durch ihre Anmut überzeugen konnte und im Grunde ihres Herzens war sie auch wenig bereit, sich in die Abläufe eines Betriebes mit voller Kraft einzufügen. Doch sie stand unter Druck, eine Perspektive zu entwickeln, denn ihr Mann wurde immer mürrischer und verdrossener, je weniger sie mit ihm beruflich mithalten konnte. Alles, was sie erstreben konnte, hing mehr oder weniger von seinem guten Willen ab. Fand sie die richtigen Worte, ihn zu überzeugen, bestand Hoffnung, dass sie ihre Pläne, als ihre gemeinsamen umsetzen konnte. Aber in letzter Zeit war er immer übellauniger geworden und brachte kaum noch die Geduld auf, sich auf ihre Vorschläge und Ideen einzulassen. Kürzlich hatte sie ihn überreden können, für die weite Strecke zum Garten das Fahrrad zu nehmen, aber er hatte während der gesamten Fahrt protestiert. Ihre Situation war prekär und sie war ganz von seiner Stimmung abhängig, da sie keinen eigenen Wohlstand besaß und weder Phantasie, noch Kraft und Willen hatte, diesen zu erobern. Daher überlegte sie, wohinein sie sich in die Zukunft entwerfen konnte und plante wieder an die Universität zu gehen, um Philosophie zu studieren und das geordnete Denken und schreiben zu lernen. Ein naiver Plan mit dem sie hoffte, die Familie im Alter zu ernähren. Obwohl ihr Mann nur mäßig begeistert war, hielt es sie nicht ab sich zum Wintersemester zu immatrikulieren.

Im Oktober erschien sie zu den Einführungen und saß begeistert in den Veranstaltungen zur Philosophie. Trotz grosse Versagensängste, überwog die Neugier und schon bald fand sie sich in den Strukturen ein. Da sie jahrzehntelang keine eigenen Gedanken ausgearbeitet hatte, fielen ihre ersten Arbeiten sehr schlecht aus, aber sie war voll guten Willens. Ihre jungen Mitstudierenden akzeptierten sie, als sie merkten, dass sie interessante Beiträge einbrachte, sich auch in Kant und Descartes eindachte und sich nicht scheute, eigene Fehler zu machen. Sie war von der Atmosphäre auf dem Campus angeregt und fühlte sich lebendig. Der Auftritt in einem Seminar einer übelriechenden, zerlumpten Frau, die den Dozenten inkquisitierte und die sich auf Nachfrage als Promovendin vorstellte, bewegte sie nachhaltig.

Zum Ende des Jahres erkrankte sie ernsthaft. Nachdem sie zunächst fehldiagnostiziert worden war, mußte sie mehrfach operiert werden. Sie geriet ganz aus dem Tritt und erholte sich schleppend. Schliesslich verließ ihr Mann sie, überfordert von ihrer Schwäche. Als er ihr sagte, dass sie sich eine Bleibe suchen solle, ergriff sie der Trotz. Kampflos wollte sie sich nicht vertreiben lassen. Sie kehrte in die gemeinsame Wohnung zurück und wechselte das Schloß, als sie allein zuhause war. Er tobte. Binnen Wochen hatte er eine neue Beziehung und nach kurzer Zeit zog er aus der Stadt heraus in ein Haus mit Garten. Sie verlor völlig die Orientierung und es fiel ihr schwer das Studium fortzusetzen. Haltlos irrte sie durch ihre Tage, wurde mehrfach in die Psychiatrie eingeliefert und fand sich in keinen neuen Alltag ein. Schließlich beendete sie ihr Studium ohne Abschluss und suchte eine Anstellung in ihrem früheren Beruf. Zwar hatte sie ihr Vorhaben zu schreiben nicht ganz aufgegeben, aber wer sollte schon Interesse an der Prosa einer älteren, gescheiterten Frau haben? So verfaßte sie Gedichte und freute sich über die überschaubare Zahl Likes bei Facebook, die ihr das einbrachte.

Die Freude über das feste Einkommen währte nicht lange. Nach kaum einem Jahr wurde ihr betriebsbedingt gekündigt. Das Zeugnis fiel nur mäßig aus, gleichzeitig befand sich die Wirtschaft in einem Abschwung. So flüchtete sie sich in ihre Phantasien. Konnte sie zu einer Wanderung in die Welt aufbrechen, würde sie sich Erfolg erschreiben können oder mußte sie sich mit ihrem Scheitern abfinden? Die praktischen Erfordernisse des Lebens lasteten erdrückend auf ihr. Sie hatte immer von dem gelebt, was von den Tischen der Erfolgreichen für sie abfiel. Sie übersah den Staub in ihrer Wohnung und lag stundenlang mit dem aufgeklappten Laptop in ihrem Bett. Online orakelte sie sich auf kostenfreien Tarotplattformen eine bewegte Zukunft herbei, doch in ihrem Leben hatte sich Stagnation breit gemacht. Auch der Rückzug in ihr Schneckenhaus zementierte dies. Mit ihrer Ärztin hatte sie verabredet, jeden Tag eine halbe Stunde an die frische Luft zu gehen. Aber das gelang ihr kaum. Abgekoppelt vom Lebensfluß zerlegte sich die Zeit in schmerzhaft langsam verstreichende Minuten. Zerstreuungen konnten ihr keine Freude bereiten und sie spürte eine starke Sehnsucht, mit einem Federstrich aus ihrer beengten Lage auszubrechen.

Schliesslich nahm sie eines Tages im März einen Gutteil ihres Schmuckes und versetzte ihn. Ausgestattet mit Fahrrad, einer geringen Barschaft, einem Daunenmantel und ihrem kleinen ledernen Rucksack fuhr sie gen Norden. Kurz hinter der Stadtgrenze endete ihr Weg an der Autobahnauffahrt und sie mußte ihn schiebend neben dem Seitenstreifen fortsetzen. Ob man ihr in Dänemark Asyl gewähren würde, würde sie sehen. Nicht weit von einer Abfahrt stoppte ein Streifenwagen und zwei unfreundliche Polizisten forderten sie auf, auf die Landstrasse auszuweichen. Als sie sich widersetzte, drückte der eine sie mit eingedrehtem Arm zu Boden. So gab sie klein bei und schlüpfte durch ein Loch in einem Zaun auf den Abzweig zu einer Bundesstrasse. Da sie keine Karte und kein Smartphone besaß, war es schwieriger die Orientierung zu bewahren, als wenn sie der Autobahn folgen konnte und sie kam langsamer voran. Als es dunkel wurde, suchte sie in einer kleinen Stadt nach einer Übernacht-ungsmöglichkeit. Doch waren die Strassen wie ausgestorben und sie fand nichts. Erst eine halbe Stunde außerhalb der Ortschaft entdeckte sie ein hellerleuchtetes Gebäude an der Landstrasse, wo man ihr Unterkunft gab. Im Hof befand sich ein Nebenhaus mit einem schmuddeligen Zimmer. Sie zog die Vorhänge zu und sank erschöpft und unbekleidet in das Doppelbett. Von draussen drangen gedämpfte und unheimliche, Geräusche herein. Ein heiseres Hundegebell war dicht vor ihrem Fenster zu vernehmen und sie lauschte mit angehaltenem Atem in die Nacht. Doch die Müdigkeit siegte und so fiel sie in einen tiefen Schlaf. Im Morgengrauen verliess sie das Quartier durch das Hoftor und radelte zum Bahnhof. Ein Bus brachte sie zur Bahnlinie nach Rostock. Der Zug war voll mit Menschen, die mit Gepäck und Rucksäcken befrachtet waren. Sie wurde von Kopfschmerzen gequält. Haltlos wanderte ihr Blick durch den Waggon und streifte mißbilligend eine Frau, die ihr Kleinkind mit einem vulgären elektronischen, bunten Plastikspielzeug beschäftigte.

Von Rostock nahm sie das Schiff nach Trelleborg und kam am späten Abend die Südküste Schonens an. Sie verlud ihr Fahrrad in ein Lasttaxi und liess sich in das Hotel „Continental“ in Ystad bringen. Am nächsten Morgen rollte sie früh zum Fähranleger nach Bornholm und erreichte vormittags Rønne. Dort irrte sie durch die Strassen und kletterte schliesslich in den ersten Stock eines offenstehenden alten Hauses in der Nähe des Hafens. Von der engen Stiege gingen viele Zimmer ab, die mit zusätzlichen Schlössern versehen waren. Sie beobachtete, was in der Eiseskälte auf der Kreuzung vor dem Fenster geschah. Nach einer Weile verliess sie jedoch wieder ihren sicheren Platz und ging hinaus. Sie suchte nach einem Ort an dem man ihr weiterhelfen würde, doch sie konnte niemandem ihr wirres Anliegen verständlich machen. Auf der Polizeiwache, wo sie ihre Bitte um Asyl vortrug, riet man ihr nach hause zurückzukehren. Sie klingelte an verschiedenen Haustüren. Schliesslich fuhr sie jemand in eine Unterkunft für Frauen mit Gewalterfahrungen. Dort verschlang sie hungrig die kalte Pizza, die man ihr gab. Schliesslich bot man ihr an, sie könne für eine Nacht in einem Hotel am Marktplatz unterkommen. Dort stand im Flur auch ein frei zugänglicher Computer an dem sie eine Mailadresse einrichtete, um einem Restaurant, in dem sie auf dem Weg zum Hotel nach Arbeit gefragt hatte, eine Bewerbung zu schicken. Über Nacht hatte sie jedoch das Passwort vergessen und so beschloss sie, die Bornholm Richtung Køge zu verlassen, um nach Kopenhagen zu gelangen. Die lange Fahrt auf dem kleinen Schiff ertrug sie nur schwer. Im Dunklen erreichte sie die Hafenstadt. Am späten Abend gelangte sie per Zug zum Hauptbahnhof der dänischen Hauptstadt. Die Ausstrahlung und Schönheit der Halle des Jugendstilgebäudes betörte sie. So setzte sie sich eine Weile an den Rand um dem Treiben zuzusehen. In einem grösseren Kiosk kaufte sie für ihre letzten Kronen eine Zimtschnecke. Ein Zeitschriftentitel mit dem Dalai Lama brachte sie auf die Idee, sich zu erkundigen, wie sie zu einem buddhistischen Tempel gelangen konnte, um dort zu übernachten. Grob verstand sie die Richtung und radelte fröstelnd vor Müdigkeit in die eisige Nacht. An einer Tankstelle beschloss sie sich aufzuwärmen und sich umzusehen, ob sie jemanden nach dem Weg fragen konnte. Ein junger Mann war sehr von ihr angetan und lud sie zu einem Kaffee ein. Er besaß ein Smartphone, schlug ihr Ziel nach und bot an, sie dorthin auf ihrem Weg zu geleiten. Sie liess sich sein Avancen gern gefallen und, nach ein wenig süßer Erotik in Kopenhagens Strassen, gelangten sie an das Haus in dem der Tempel untergebracht war. Es war zwar verschlossen, doch befand sich auf der Rückseite ein Garten mit einer offenen Laube. Sie verabschiedete sich und betrat die kleine Hütte. Hier schob sie drei Klappstühle zusammen und schlief erschöpft ein. Als eine Amsel in der Morgendämmerung sang, erwachte sie und verliess in guter Stimmung das gepflegte, von einer dichten Hecke umgebene Grundstück. Unsicher nicht von den Handwerkern, die hier so früh in dem umliegenden Strassen unterwegs waren, beobachtet worden zu sein und ob sie neugierigen Tadel in ihren Blicken entdeckte, huschte sie nun selbst schattengleich und frierend durch die Strassen gen Hafen in den neuen Tag.

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