Die Schatten der Wolken

Dunkel huschten die Schatten der Wolken über die Ebene. Bereits seit ein paar Tagen war es trüb und regnerisch und sie hatte keine Regenjacke. Der Wind zerrte an den weißgeblichenen Locken über ihrer Stirn. Wenn sie nicht bald einen Unterstand fand, würde sie der Schauer bis auf die Knochen naßregnen. Es wäre nicht das erste Mal seitdem sie aufgebrochen war – nach Norden hinaus, ihr Glück zu finden zum Ende des Winters. Sie hatte kaum noch Geld und die Menschen in diesem Landstrich waren nicht sehr gastfreundlich. Im Straßengraben lagen einige fortgeworfene Äpfel. Manche hatten matschige Stellen, aber sie war sehr hungrig. Sie war jetzt schon mehrere Stunden unterwegs und konnte es sich nicht leisten, irgendwo in einer Raststätte einzukehren. Sie schob ihr Fahrrad an den Strassenrand und las zwei Äpfel auf. Dann suchte sie in ihrem kleinen, rindsledernen Rucksack nach dem Taschenmesser, klappte es auf und schnitt die dunklen Stellen weg. Die Äpfel waren süß und aromatisch und beruhigten ihren Magen etwas. Sie sah sich um. Sie war auf einen Umweg in der hügeligen Landschaft Seelands geraten und mußte auf die Hauptstrecke zurückkehren. Heute konnte sie die Fähre nicht mehr erreichen, obwohl es erst später Vormittag war. Mit dem Fahrrad kam sie nur langsam voran in dem Sturm. Auf einer Koppel in der Ferne, lief ein Pferd wiehernd am Zaun entlang. Es schien sie auf ihrem Weg zu grüssen. Sie hatte sich wieder auf den Sattel gesetzt und trat gleichmäßig in die Pedale. In zirka eineinhalb Stunden würde sie die Brücke nach Fühnen erreichen. Ein leichte Niesel setzte ein. Sie dachte an den Schulkameraden in Frankfurt, der als einziger neben ihrem Bruder wußte, wo sie war. Er war sauer geworden, weil sie ihn in ihrer Einsamkeit mehrfach kontaktiert hatte und hatte sich weitere Anrufe verbeten. Wer sollte auch etwas mit einer verwirrten Frau anfangen können? Sie erreichte die Etappe und lief in einem fauchenden Sturm, der alle Schleusen öffnete, über die Brücke nach Fühnen. Sie würde um Hilfe bitten müssen, durchnäßt wie sie war. Sie mußte ausruhen und trocknen. Morgen war es dann nicht mehr weit bis zur Fähre, die sie nach hause bringen würde. In einer Gastwirtschaft fragte sie nach Obdach für eine Nacht im Tausch gegen ihre Visitenkarte. Eine freundliche junge Frau lud sie und ihr Fahrrad in einen Transporter und brachte sie in ein Motel. Vor der Tür verabschiedete sie sich und fuhr davon. Zum Glück war die Hotelbesitzerin eine freundliche Frau. Sie konnte für eine Nacht bleiben und später zahlen. Erschöpft legte sie sich in das ruhige, warme Zimmer und schlief ein. Am nächsten Morgen aß sie zusammen mit anderen Gästen ein Hotelfrühstück und verabschiedete sich nachdem sie ihre noch feuchten Sachen angezogen hatte. Wieder geriet sie in einen heftigen Schauer. Alles an ihr tropfte und sie begann neben ihrem Rad herzulaufen und jeden diffusen Strahl Sonne aufzusaugen bis sie wieder getrocknet war. Gegen Abend erreichte sie den Hafen. Es war schon spät, aber die Seeleute waren bereit, sie nach Deutschland zurückzuschmuggeln. In der Nacht erreichte sie Fehmarn und gelangte am nächsten Morgen früh mit der Bahn nach Lübeck. Ihre Tante war nicht erfreut, als sie klingelte. Doch kochte sie einen Tee und dann verabschiedeten sie sich zeitig. Sie würde mit dem Zug nach Berlin zurückkehren und sich von ihrem Abenteuer erholen.

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