Der Brief


Ich saß eines Mittags im frühen September
auf harten, von der Brandung rundgeschliffenen Steinbrocken
am Fuß einer steil aufragendenden, schroffen Felsklippe
nahe dem Meer an der Küste Bornholms und schrieb
einen aufgeregten, verwirrten und naiven Brief
an meinen – mir fast unbekannten – Vater.

Ich war zu jener Zeit von Sorgen und Ängsten bedrückt
und habe wohl ein letztes Mal,
aber, wie ich heute weiss – vergeblich, gehofft,
dass er vielleicht doch
auf diese Weise – für einen Moment –
aus seiner– für mich unerreichbaren – Ferne
etwas näher zu mir heranrückt.
Ich habe den Brief am darauffolgenden Tag
am Hafen von Rønne
in den Postkasten gesteckt.

Es sind inzwischen seither ein paar Jahre ins Land gegangen.
Selbstredend – und auch mir vollkommen verständlich – sandte
er mir auf das wirre Schreiben nie eine Zeile zurück.

Vermutlich sollte es mir peinlich sein.
Doch wenn ich daran denke, erinnere ich mich gern.

Mich vergnügte, als ich so schreibend
in der Mittagssonne an der felsgerahmten Küste brütete,
die Härte der gerundeten Steine auf denen ich saß
und die leichte Brise, die mir über das Gesicht,
die Schultern, den Hals und den Nacken strich
und welche, ein wenig die Schläfen kitzelnd,
mit meinen vorzeitig weissgeblichenen Locken spielte.
Auch das heimelige Glucksen des plätschernd leckenden
Meeressaums vor meinen Füssen freute mich.

Die Klippe reckte sich hoch neben mir
in das leicht vom Dunst getrübte Blau
des Himmels hinauf.
Die – von der Reflexion auf dem Wasser verstärkte –
Spätsommerwärme zwackte mich brennend auf der Haut.
Schweisströpfchen perlten auf meiner Stirn und salziger Duft
von Tang strömte in der Hitze der mittäglichen Inselluft.

Damals war mir das tägliche Schweigen noch unvertraut
und so habe ich in jener Spätsommerwoche
– zum Ende August und Beginn des Septembers,
die gerade mal zwei, drei Worte, die ich während meines Aufenthalts
mit dem Campingwart sprach, sehr genossen.

Doch auch und wegen dieser lebendigen und deutlichen Erinnerung,
habe ich die Reise auf’s glänzende und in satten Farben leuchtende,
zeitweilig stürmisch umtoste, in die Weite der skandinavischen Ostsee
entrückte Bornholm,
wie aufgelesenes, geheimnisvoll verlockendes Strandgut
und die kostbare Preziose, die sie mir seither war,
gut verwahrt und unauslöschlich,
in mir mitgenommen.

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