70 | Vor der Wand



Ein bleierner Ring aus Schmerz
bedrückt und beengt das Herz.

Trat’st aus unserem lichten Schein

in das samtene Schwarz der Dunkelheit hinein.

Liess Dich ziehen
und folgte Dir
in gemessener Distanz
bis das Dunkel Dich verschlang.

Blieb in der Stille zurück
stand vor einer Wand.
Habe Dich nicht mehr erkannt
und mich eine Närrin genannt.



Ein kalter Hauch

streicht über die Haut

in meinem Gesicht.

Der sprühfeine Niesel

rinnt über die Stirn.



Du bist fort.
Nichts bringt Dich zurück.

Du fehlst

Doch ich vergesse es nicht

– das Glück.

Weihnachten – ein Beitrag von Peer Scherenberg

Wußten Sie, daß die Puritaner 1647 in England Weihnachten verboten haben? Und zwar weil Weihnachten gar kein christliches Fest ist! Daß Jesus Nazarenus am 25.12. geboren wurde, ist nämlich unerwiesen. Vielmehr werden hier heidnische Feste, wie die Saturnalien und die Wintersonnenwende gefeiert! Zudem wird zuviel gegessen, getrunken und es geht unzüchtig zu! Deshalb mußten alle Kirchen zu Weihnachten schließen und alle Geschäfte öffnen!
Und Krippenspiele, das ging gar nicht! Alle dramatischen Aufführungen waren verboten.

Hingegen war die Aufführung der ersten Oper „The siege of Rhodes“ erlaubt, darin gewannen die Ottomanen über christliche Ritter. Ach, ich liebe die Puritaner! Ganz hervorragende Kultuspolitik!

Die Krippengeschichtslüge ist auch mit zuviel Zucker übergossen, die ist ad usum Delphini, während die Geburt von Apollo und Artemis doch eine ganz andere Nummer ist, die erschießen erstmal die Niobiden, ein ganz hervorragendes Thema für die Kunst. Hätten sie doch auch Christkind und Weihnachtsmann erschoßen, was wäre uns alles erspart geblieben!

Weihnachten verbieten! Das ist so schön, daß man davon nur träumen kann. Wie schön wäre das! Keine Weihnachtsmärkte, kein Advent, keine Geschenke, keine geschlossenen Läden, keine Feiertage, keine Tannenbäume und keine Gottesdienste, alles verboten!
O, so schön!

69 | Narbengewebe



Treten barfuß auf einen Teppich
aus messerscharfen, funkelnden Splittern.
Zerschlitzen mit tiefen Ritzen
empfindsame Fingerspitzen.

Verbrennen samtene Haut an glühenden Flammen.
Rupfen an Knoten in verkletteten Haaren.
Spülen schorfigen Grind mit Salzwasser aus.
Qietschend knarzen klingelnde Töne aus
unseren gepeinigten Leibern heraus.

Wie der Meersaum aus dem Strandsand
löschen wir die Spuren an gleissende Freude
aus unserem Gedächtnis aus.

Und endlich erscheint uns das Leben
als das Leid, das es ist,
weil Freundschaft und Liebe
nur amorphe Schemen aus
trügerischen Fieberträumen sind.

68 | Sprache

Sprache und die in ihr ausgedrückten Gedanken

fügt Leben zu Sinn zusammen.

Sie faßt unverbundene Betrachtungen

zu einer Melodie und ahmt

mit ihren Klängen malend

Bilder zu verdichteten Epen.



Manchmal liegen ihre Farben

in schroffen Kontrasten,

ein anderes Mal in wärmender Harmonie.

Sie hilft mit beissendem Spott 

und gutmütiger Ironie.



Wir durchstreifen mit ihr die Leere

und erschaffen Gebilde

von schillerndem Glanz.

Sie ist in einer bewegten Welt 

ein Zuhause, das unsere Geschichte enthält.

Mit ihrem Feinsinn vertilgt sie elegant

wüste Öde und dumpfe Ignoranz.

67 | Warten



Der Herbst ist da,

also auf den Frühling warten.

So wie die Bäume 

durch den Winter schlafen.

Du weilst in der Ferne,

ich betäube meine Lust,

denn nur nach Dir sehne

ich mich gerne

und will nur Deine Hand

an meinem Fuß.



Ich laß den Regen

auf der Kopfhaut kitzeln

und denk mir,
dass es Deine Fingerspitzen sind.


Der Wind darf mich streicheln,

als ob Du mit sensiblen Küssen

bedeckst mein hungerndes Gesicht.

66 | Wanderschaft

Im Winter durchstreifte ich einige Tage
einsam
 die frostigen, schattigen Strassen

der dänischen Hauptstadt Kopenhagen.

Mir begegneten viele ausgehungerte,

magere Gestalten.



Vergeblich suchte ich ein warmes Lachen.

Erleichterung fand ich nur in der Weite des Hafens,
wo es windstille, geschützte Plätze zum Sonnen gab.


Die Härte und Rohheit der Menschen

erschreckte mich.


Bis dahin dachte ich
,
die Gastfreundschaft Skandinaviens 

kenne keine Grenzen.

Nun hatte ich zum ersten Mal

eine ganz andere Sicht.

Es gibt in Dänemark

hart kämpfende Menschen.

Die Besitzenden interessiert das nicht.

Sie bedenken solche mit Hohn und Aggressionen

und glauben, für einen Schlafplatz prostituieren sie sich.



Mir scheint es allerdings wahrscheinlich,

dass es hierzulande nicht viel anders ist.

Konkurrenzkampf macht die Herzen eng.

Güte gilt für die, die Verkörperung 

und Versprechen von Wohlstand und Glanz sind.

65 | Herbstmontag



Heute nimmt ein trübes Licht
vorm Fenster jede weitere Sicht.
Auf Fensterbleche klopft es sacht.
Es pocht und tropft.

Fahl strahlt der Monitor.
Suchend huschen die Finger
über die Tastatur.
Wolkenfetzen ziehen am Himmel vorbei.

Der erste Herbststurm ist da,
der Blätter von den Wipfeln reisst.
Du bist in L..
Ich hoffe sehr, 
Du schickst Dich
als 
wärmende Glut zu mir.

Was suchst Du draussen?
Komm herein.
Ich bedecke Deine Nacktheit
mit der Wolle meiner Locken.

So sitze ich und träume vom Glück
mit dem Du mich im Frühjahr
so hinreissend verzückt.
Du bist mein Löwe.
Ich Deine Braut.

Jetzt singe ich leise
und denke zurück.
Ich habe dem Herbstwind
meine Melodie anvertraut.

Statt Deiner Hand
streichelt er sanft
mein Haar und bläst
betörend die Erinnerung
an Deinen Duft heran.

Er weiss bereits,
dass selbst im Winter,
die Sehnsucht Liebe 
wahrmachen kann.

So ist der Hauch des Windes
bis ich Dich wiedersehe
mein strahlend schöner Mann.