114 | Illusions perdu

Sitze da und fröstel im grauen, zerschossenen November. Keine Liebe, kein Gott, kein Mutterland. Nackte Erde bloß, kein spriessendes Blattwerk spendet Trost. Die Lichter der vergangenen Träume, sie leuchteten so herzerwärmend honiggolden.

Einst hatten die Malocherinnen, wenigstens Klasse. Komm’ salzige Luft des Novembersturms am Meeresstrand, wasche meine Wunden rein. Schimmere bleicher Mond. Erhelle die dunklen Schatten.

Mein Reichtum ist die Bitterkeit der Willkür. – Nein!
Werde die Glut im Ofen schüren und alle Fremdheit vernichten. Wer bist Du? Erzähle Dein Los. Tritt heran. Sag, was Dich plagt. Was hast Du zu berichten?

113 | Lügen

Wenn Du weinst, wie ein Kind,
verletzt und trauernd,
was tischt man Dir auf?
Reinen Wein
oder ein geschöntes Wort?

Ach, all die Lügen
über zauberische Begegnungen
erschweren Dir die Sicht.
Was es auch sei,
was man verspricht –
glaub’ es nicht.

Habe die Fragen
und die Zweifel lieb
und nicht wer Dich betrügt.
Am Anfang ist es bitter
die Welt so nackt
und bloß zu sehen.
Doch wenn Du Dich gewöhnt
hast, wirst Du gerad, sanft,
zornig und aufrecht
durch das Meer von Verstellung
und Lüge gehen.

112 | Frost

Einzelne letzte gelbe Blätter flattern
an den dunklen Zweigen der Linde
vorm Haus, wie Fähnchen im Winde.
In den Kriegen und der Dürre dieser Welt
entbehrt Mitgefühl
ein junger, hungernder Mensch.

Es zündeln an Flüchtlingsunterkünften
rohe, verblendete Gesellen.
Längst herrscht wieder Sozialdarwinismus
und wer schwach ist
wird bekämpft.

Ja, die Heiterkeit und Nonchalance,
die Selbstvertändlichkeit mit der
die Begüterten nehmen
und ihre Privilegien geniessen,
verdeckt den Schrecken
von Raub, Mord und Denunziation.

Aber das alles wird gefühlig abgefedert
und Sentimentalität bestimmt den Ton.
Man hüllt sich ein in Lichterglanz
und lauscht dem Klang
der Chöre
und weiss doch nicht,
was es zu feiern gäbe.

111 | Nicht Liebeszauber

Nein, nicht der schmachtende Kuß und Blick
heilt die Wunden der Einsamkeit,
sondern die Verständigkeit eines guten Freundes,
der mit echter Kritik zum Gelingen beiträgt.

All die Sehnsucht, verstanden zu werden,
läßt sich nur mit Verständnis stillen
und der klaren Kraft von Ansicht und Einsicht.
Es lebe, die Mühe, die in einem frischen Wort liegt.

Es lebe, der Mensch, der für sich sorgt,
seine Grenzen kennt und alle Indifferenz ausräumt.
Auf solche ist Verlaß.

110 | Erinnerungen an meine Großmutter

Da oben am Meer, hinter der Promenade,
in den Dünen entdeckte ich die wilden Löwenmäulchen.
Im Kurhaus sah ich “Des Kaisers neue Kleider”.
Ein leuchtender Stein im grauen Kiesel
war der erste Donnerkeil, den ich fand.

In Kiel gingen wir auf den Friedhof,
Gräber von toten Verwandten besuchen.
Ich glaube, Viktor Hensens Grab war auch dabei.
Am Himmel zeigte sie mir den Abendstern –
in den Strassen das Lyceum, das sie besucht hatte.

Bei unseren langen Spaziergängen an der Trave,
sah ich zum ersten Mal eine Mandarin-Ente.
Sie machte Bratäpfel in ihrem Ofen.
Im kalten Schlafzimmer schliefen wir unter Daunen.
Nach der Schule sollte ich Mittagschlaf halten.

“Deine Mutter kann Dich nicht lieben,
weil Du vorehelich geboren bist.”
Ich war geschockt.
Wir gingen schwimmen
und trugen Badekappen aus Gummi.
Lebende Fische in Eimern auf dem Markt.
Frische Champignons.

In Lübeck sah ich Karfunkel im Puppentheater Fritz Fey.
Nachmittags naschten wir Eiskonfekt.
Eierwärmerpüppchen.
Eierlöffel aus Perlmutt.
Der wippende hölzerne Esel im grünen Innenhof.
Das Kind der Nachbarin.

Bahnfahrten durch die holsteinische Schweiz.
“Hier ist die Schlucht in der der Freischütz spielt.”
Verklebte Augen, die sich nicht öffnen liessen,
ein Fröschlein, das aus seinem Glas verschwand.
Die Kammer unter’m Dach im Altenteil am Dahmerhof.
Im Garten zeigte mir die Urgroßmutter
den Fingerhut und warnte mich, er sei sehr giftig.

Der Melkmann, der mich auf dem Pferdewagen
mit zum Melken nahm.
Bei Franz am Haus das aufgehängte Wild.
Tante Lenes Standuhr in der Stube.
Der Jagdhund in der Stube vom Dahmer Hof.

Das Reitpferd auf dem Hof.
Der elegante türkise Hut.
Die Obstschale mit den Äpfeln im Flur.
Das Bild von Blunck im Wohnzimmer.
Dreigroschenoper auf Vinyl von der Tante zurückgelassen.

Sie hatte einen Todesmarsch auf ihrer Flucht gesehen.
Sie durfte nicht Kindergärtnerin werden,
weil man sie als “rassisch unwert” einstufte.
Meine Mutter, ihre jüngste Tochter,
war wie Hund und Katze mit ihr.

Die Krokusse vor dem Fenster ihrer
letzten Wohnung – der Nummer 13.
“Mein Glückstag – da habe ich Geburtstag”
Der Buckel von der Osteoporose.
Der Rollator.
In der Dämmerung im Zimmer sitzen,
reden und das Licht nicht andrehen.

109 | Lebe mehr in der Gegenwart, sagt Gottt

Lebe mehr in der Gegenwart, sagt Gottt
und er hat recht. Doch wie gelingt mir das?
Sicher – das Schichten hilft – dabei kann
ich die Vergangenheit ganz vergessen.

Es gibt nur das Glas, das zu putzen ist
und mich. Es gibt nur die Melonen,
die zu teilen sind und mich.
Es gibt nur die Regale und die Ware
im Kühlhaus, die zu verräumen ist
und mich.

An diesen Tagen bin ich abends platt.
In meiner Freizeit aber bin ich traurig und matt.
Dann sind nur die Treffen mit Gottt
Medizin für mich.

Doch nachts in meinen Träumen
holt mich das Gestern ein.
Wie lasse ich nur
Vergangenes vergangen sein?

108 – Unter der gelb getäfelten Decke

Unter der gelb getäfelten Decke
am schwarzen Kaminofen
vor dem roten Feuer
blicke ich hinaus auf den bleichen Mond.

Mein Ushapti wartet auf den Brand.
Da ich ganz lebendig bin,
fürchte ich den Tod nicht,
aber ich suche ihn auch nicht.

Einst begehrte ich die blaue Blume
und fand duftende Rosen.
Doch jetzt ist die Zeit der Rabenfedern
auf Novemberwegen.

107 | Gottt hat Geburtstag

Gestern am Abend vor Gotttes Geburtstag
waren wir in der Oper.
Die Sängerinnen waren ganz ausgezeichnet
und Verdi hat in seiner Musik, dem fahrenden Volk
ein Denkmal gesetzt. Es wurde zu Unrecht verfolgt.

Anschliessend haben wir indisch getafelt
und danach einen kleinen Vorrat Getränke gekauft,
um den neuen Flaschenöffner für’s Schlüsselbund zu probieren,
den Gottt um Mitternacht zum Geschenk erhielt.

Wir haben dann noch
bis drei Uhr früh
im Wohnzimmer parliert
und sind zuvor durch Kreuzberg spaziert.

Des Nachts im Park,
wenn der Mond halb scheint,
wandert es sich vortrefflich,
wenn man ihn an seiner Seite hat
– einen guten, lieben Freund.