52 | Um ein Wort

Bat um Worte,
wie andere um
eine Brotkrume
im Bahnabteil –
eine verwundete Bitte,
die Mienen versteinert
und durch die, die nun
zur Unsichtbarkeit
verwandelte Bittende,
bös stierender, brennender
Ignoranz anheim fiel.

So blickte ich
im erleuchteten Waggon
in das Spiegelbild
in den Scheiben
der Fenster gegenüber,
um zu prüfen,
ob ich doch da sei.
Wie das Haar
um den Kopf stand
und ob die grasgrüne,
schimmernde Jacke
mich kleidete.

Dann sah ich
auf den Widerschein
meines Telefonbildschirms
und suchte
nach Morsezeichen
aus geteilten
Botschaften,
hinter den Spiegelungen.
Und so vertiefte
ich mich in das
Bitten anderer
Fremder, bis es
besonders originell
vorgetragen wurde
und ich den Daumen
zur Belohnung hob.

Dann erreichte der Zug
die Station, ich steckte
den Leuchtschirm
in die Tasche,
trat aus dem Wagen
und verliess
die Plattform.

51 | Nicht

Ich will mich nicht mehr umwenden.
Es verging ja auch schon fast ein Jahrzehnt.
Doch vorwärts sehe ich auch keinen Weg.

Nur anderen schüttle ich die Betten auf.
Bei mir wohnt Staub.
Was in meinem Tagen noch lebendig ist

blüht rosig und genügsam.
Und in meinen Nächten wärmt
die schwere Decke
aus Wolle vom Yak.

Ich freue mich über
die Metamorphosen der Wolken
am Himmel

und den Fahrtwind, der die Locken
aus der Stirn weht.

Und die bewegten Schatten
an der Zimmerdecke.

50 | Im Flur vor der Küchentür

Da im Flur vor der Küchentür –
meine Mutter hatte die
verschlossene Eingangstür
schräg links hinter sich,

blickte sie auf mich herab –
ich reichte gerade
bis zu ihrer Hüfte –
und bestätigte mir,

dass mein Vater
nie wiederkäme.
Nein, nie wieder
und umarmte mich.

Ich glaube, ich weinte nicht,
sagte aber, ich sei traurig.
Sie antwortete, Sie auch.
Ich denke, ich habe ihn dann
noch fünf bis sechsmal gesehen.

Einmal für ein paar Tage.
An deren Ende wurden
wir einzeln verhört,
wir hätten für die Mutter
in seinem Hause spioniert.

Vielleicht waren wir sechs und zehn.
Verbissen kämpfte ich später darum,
nie wieder in meinem Leben
auf eine ähnliche Weise
lieblos verlassen zu werden.

Aber gerade das tritt
dann unvermeidlich ein
und das große Schweigen –
brutal und unerbittlich.

Es gibt Verheerungen
in eines Menschen Leben,
die eine gewaltige Sprengkraft haben
und ihn für den Rest seiner Tage zeichnen.

Zum 01. Mai: Das Recht auf Arbeit – ein Menschenrecht

Die Menschenrechte verbriefen ein Recht auf Arbeit. Und tatsächlich kann sinnerfüllende Tätigkeit und Auslastung das Leben bereichern und beglücken.
Nicht nur die Lebenserhaltung – auch die weitere Stiftung von Zusammenhang und das Erleben der eigenen Wirksamkeit, schaffen die Grundlage für eine gewisse Zufriedenheit inmitten einer fragmentierten, absurden Welt und tragen zur Gesundheit bei – immer vor dem Hintergrund, dass die Bedingungen der Arbeit günstig sind und die Arbeiterin wertgeschätzt wird. Das Eliminieren von Eindrücken, die die Mühe nachvollziehbar machen, die hinter der Produktion steht. Also das Verschwinden der Alltäglichkeit der Beobachtung tätiger Menschen, führt dazu, dass der Wahrnehmungshorizont des Anteils menschlicher Arbeit am Produktionsprozeß gesamtgesellschaftlich klein wird und dieser Teil – die menschliche Produktivkraft – dann auch gering geschätzt wird, ähnlich wie die Naturprozesse, die an Produkten nicht mehr ablesbar sein sollen. Dies führt zu einer Scheu, wenn nicht Abscheu, vor/von menschlicher Arbeit und Naturprozessen. Diese Entfremdung schliesslich, führt dazu, dass Arbeit an sich gering geschätzt und abgewertet wird. Es stellt sich Ekel ein, wo der Mensch direkt einen Rückbezug zu seinem naturhaften Anteil herstellen muß und kann. Was ebenfalls zu einer Geringschätzung von Arbeit am Menschen – siehe Pflege, Kinderbetreuung und Ähnlichem, beiträgt. Daher führt das Design und Angebot standardisierter Normprodukte, zu einer Entwöhnung des Menschen von seiner eigenen Naturhaftigkeit, was ihn wiederum von der Erkenntnis seiner Verletzlichkeit und Sterblichkeit entwöhnt, deren Bedrohlichkeit aber gleichzeitig über alle Maßen heranwächst, je weiter der Mensch sich von seinen Lebenszusammenhängen entfernt. Selbstverständlich gehört zu einem erfüllten Leben darüberhinaus auch, dass der Mensch Freundschaften und kulturelle Aktivitäten und weitere Interessen verfolgen kann und nicht völlig erschöpft von allem Abstand gewinnen möchte. Das Leben sollte jederfraus persönliche Heldinnenfahrt sein und sich anreichern mit Erfahrungen und Erlebten mit glücklichem Ausgang. Drum habt keine Scheu zuzupacken, denn auch wenn wir keine Chance haben – ergreifen wir sie. Am Ende wird vielleicht eine Geschichte oder Gedicht daraus.
https://www.die-dorettes.de/dorettes/august-2022-august-2023-friedrich-engels-dialektik-der-natur-anteil-der-arbeit-an-der-menschwerdung-des-affen/

Ein Sonntag Ende April

Nun endlich – Jahre später – lese und geniesse ich Mandevilles geistreiche Bienenfabel, die ich im Studium aus irationalen Gründen nicht rezipieren wollte. Aus heutiger Sicht – ein großer Fehler. Amüsiert und der Eindruck des Gelesenen frisch, frage ich mich auch – ist der Mensch überhaupt liebesfähig? Mischen sich hier nicht Begehren und Besitzerstolz, statt selbstloser Liebe? Wer ahnt schon, wer der Lebensbegleiter neben ihm wirklich ist? Die Entdeckung seiner wahren Natur ist doch allzu mühsam, wenn man auch mit einem idealisierten Bild von ihm vorlieb nehmen und seine Wünsche darauf projezieren kann. Zu welcher Tat, als der Schmeichelei ist der Mensch in Beziehungen überhaupt fähig, wenn er andere wohlstimmen und für sich einnehmen möchte? Im Tausch für Geselligkeit und „den Austausch von Körperflüssigkeiten“ macht man allerlei Verrenkungen, um das Objekt der Begierde für sich zu vereinnahmen und an seiner Seite zu halten, was letztlich bequemer ist, als den Aufwand zu treiben, sich jedesmal neu orientieren zu müssen. Das sind zwar nachvollziehbare Motive, doch mit dem Liebesideal hat das wohl recht wenig zu tun.

Ein Donnerstag im April

Die Frauentach Gang* von Mizza Caric hat das T-Shirt vor rund 10 Jahren gestaltet. Heute wiedergefunden. So habe ich damals auch die Künstlerin und Autorin *Sandra Rummler getroffen und freue mich, dass in einigen Tagen bei mir ihr Buch „Seid befreit“ ankommt:
https://www.avant-verlag.de/comics/seid-befreit-1/#cc-m-product-9183167420

Was Kunst vermag…

Die Kunst lehrt einen das bewußte Sehen, Hören, (Denken) und Fühlen. Sie wirkt bewußtseinserweiternd. Die frische, reine Luft, die einen – angereichert mit Blütenduft –  nach einem Regentag im April umweht, tritt um so deutlicher hervor, je schärfer die Wahrnehmungsfähigkeit geübt ist. Nicht nur Meditation, auch die Auseinandersetzung mit guter Kunst, weitet den Blick auf Kompositionen, die sich beiläufig im Vorbeigehen ergeben. Gewandelt durch die Auseinandersetzung mit einer pointierten Präsentation einer Betrachtung in einem Gedicht, einer Musik, einer Prosa sehen, riechen, schmecken oder hören wir plötzlich deutlich und klar und die Wirklichkeit selbst wird bedeutsamer. So wird nicht nur die Künstlerin durch den Schaffensprozeß gewandelt, sondern auch die Rezipientin. Wie unter einem Vergrößerungsglas wird das Unscheinbare sichtbar und die Fragmente der Alltagswahrnehmung fügen sich zu Sinn.

Aprilfreuden | Aprilsorgen

Nach einer fordernden Woche erfreut die Lust, in der Sonne zu sitzen, dem Rauschen des Pappellaubs im Wind zuzuhören und den Duft des Flieders schon Mitte April aufzunehmen. Andererseits erscheint einem dies alles an diesem 14. April 2024  auch frivol und fragil. Wird die Gewalt, der muskulöse Körper, die Kampfbereitschaft, nicht inzwischen unablässig und omnipräsent zum Ideal erhoben? Gleichzeitig beschwören neue Eskalationsstufen gewaltsame Antworten herauf. Außerdem sind März und April zu warm gewesen, wenn auch der März segensvoll regenreich war. Welche Kämpfe wird die Menschheit noch austragen, wenn sich die Zukunftsaussichten durch das veränderte Klima verschlechtern? Meine Tage sind nun bestimmt von der Verpflegung begüterterer Kreise und es ist schon beruhigend, dass einem das Gute beinahe aus den Händen gerissen wird. Die Tätigkeit der Speisezubereitung ist sicher eine der ältesten Kulturtechniken seit den frühen Tagen der Menschheit. Sie wird auch künftig weiter nachgefragt werden und das ist eine recht sichere Zukunftsperspektive für mich – hier wird mein Einsatz nachgefragt sein und der Erfolg rechtfertigt den Aufwand.

 

49 | Damit – oder heroisch leben

Damit ich nicht innehalten muß,
zertrete ich die Tage
bevor sie mir lästig werden können.
Unter meinen schweren Schritten
zermalme ich Stunden und Sekunden.

Dämmert dann die Nacht herauf
reißt der Strom in die Tastatur gehämmerter Worte,
die Erinnerungen mit sich,
so dass ich von ihren Gefühlsannexen
überwiegend unbehelligt bleibe.

In den stilleren Momenten
mäste ich mich mit Nahrung,
die die Leere in mir stopft.
Schliesslich zerpflüge ich im Schlaf
meine Träume und treibe schwitzend des Nachts
die Restanflüge von Sehnsucht aus.

Jede Sentimentalität reisse ich
mit der Wurzel heraus
und herrsche mich in aller Frühe
von der Schlafstatt hoch.
Mit schwarzem, ungezuckerten Kaffee
brenne ich dann die Behaglichkeit und Süße aus.

Dann werfe ich mich zum Vermessen
und Zerschreiten des neuen Tages
auf’s Fahrrad und zuvor zur Tür hinaus.
So zerschlage ich meine Zeit
und hoffe, für Gefühligkeit bleibt in ihr kein Raum,
so gelingt’s und ich halte sie im Zaum.

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