161 | Segen

Sei behütet und beschützt,
wo immer Du auch bist.
Sei glücklich, heiter und froh.
Möge Dein Schicksal
Dir freundlich gestimmt sein.

Mögest Du einen fernen Tages
auf ein reiches Leben zurückblicken.
Mögest Du von Kummer
immer wieder genesen.

Möge Dein Geist reich und weit sein.
Mögest Du ein farbiges Leben geniessen.
Möge ein günstiger Wind
Dich vor Ungemach behüten.

Mögest Du die unwiederholbare
Einmaligkeit des Daseins lieben.
Mögest Du die Mühen gelassen tragen.
Möge Dein Herz noch lang
warm in Deiner Brust schlagen.

171 | Umarmt

Sind zerstäubt vom grauen Herbstdämmerlicht.
Haben wenig Hoffnung und Zukunftszuversicht.
Umarmen uns selbst und warten schlicht,
dass die Tage wieder heller sind und es Frühling ist.

Fröstelnd ziehen sich schmerzende Schultern zusammen.
Die freundlichen Spätsommertage sind vergangen.
Der Himmel finster und wolkenverhangen,
schlummert in uns ein sachtes Verlangen.

Die Blätter fallen im zugigen Wind.
Wir krängen auf der Strasse,
weil wir von ihm angeblasen sind.
Vor uns mit dampfendem Tee die Tasse,
versinken wir im Blues der dunstigen Tage.

Sans, Souci.

Wir treffen uns Bahnhof Wannsee.
Gottt sitzt schon im Zug –
im zweiten Wagen oben.
Die Bahn bringt uns direkt zur Station Sanssouci.

Noch ist der Park leer, die Wege nass,
die Schatten lang und tief.
Verliere eine Wette, wer Bauherr des neuen Palais ist.
Dort gefallen mir am besten die Kandelaber mit ihren Allegorien.

Wir spazieren zum botanischen Garten,
dann am chinesischen Teehaus vorbei zu den römischen Bädern
mit dem wunderbaren Herkules.
Dann ergattern wir im Park-Café „Eden“
Liegestühle in der Sonne.

Als der Himmel sich bedeckt, flanieren wir zu den Terassen
und dem schönen Skulpturenrondell am Schloß „Sans, Soucis“.
Wir erkennen Diana, Apoll, Merkur, Mars, Venus, Ceres und Zeus.
Wir gucken bei den kartoffelbelegten Gräbern Friedrichs
und seiner Hunde und bei dem betenden Knaben vorbei.

Dann sehen wir uns den holländischen Garten
und die Kirche im italienischen Stil an
und beschliessen unseren Spaziergang am Terrcotta Tor,
bevor wir durch die Potsdamer Innenstadt
und am Marstall entlang zum Bahnhof gehen

170 | Gefährten

Eine Weile waren wir Gefährten
– bis alles gesagt war
und der Winter sich ankündigte.
Dann blieb nur ein Schatten zurück.

Von da an maschierten
wir getrennt.
Du warfst auf unseren gemeinsamen Weg
keinen Blick zurück.

Seit jener Zeit geh ich einsam
und bitter schmeckt
die Erinnerung an unsere Gefährtenschaft,
als jeder Tag voller Glanz und Licht war.

Doch von der Wärme blieb nichts,
was für die Kälte meiner Winterwanderung reicht.
So bleibe ich fremd auf vertrautem Terrain
und frage mich nach unserer Begegnung Sinn.

166 | Dunkelheit

Eingesponnen in den nachtblauen Kokon der Dunkelheit
träumen wir den wärmenden Strahlen der Frühlingstage entgegen.
Schemen des Glücks in den Erinnerungen an die Vergangenheit
lassen uns die kalte Finsternis winterlicher Einsamkeit überleben.

Ob alt, ob jung, tauchen wir mit unseren Gesichtern
in kühle Spiegelseen ein und waschen unsere Häupter mit blanken Versen.
Frostig steht über uns am Himmel die Milchstrasse mit ihren stumpfen Lichtern.
Hohl und ängstlich schlagen in unserer Brust die schmerzenden Herzen.

Morgens gleiten wir in die fahlen Tage
und sinkt früh am Nachmittag die Dämmerung,
taumeln wir wieder in die nächste, endlose
Düsternis eines langen Abends.

164 | Oktoberschatten

Golden quillt über das warme Herz
im blauen Schatten einer Kastanie,
die noch einmal blüht – jetzt im Herbst –
und gleichzeitig ihr Laub abwirft.

Eine silberne Locke kitzelt die heisse Stirn
im lauen Oktoberwind.
Sehnsüchtig schweift inwendig der Blick
in vergangenes Sommerglück zurück.

Kühl streift die Dämmerung
die Haut des Gesichts.
Die kurzen Tage nähern sich.
Dem weit entfernten Wanderer,
der einsam seinen Hunger auf Abenteuer stillt,
der vergebliche Gedanke gilt.