05.03.2018 | „Loslassen“?

„“Loslassen“ als beständige Antwort auf Konzentrationsbewegungen in Richtung Weniger hat durchaus zynische Aspekte. Für einen kurzen Moment erlebt sich das prekäre Individuum als (wirk-)mächtig. Es ist vermögend und läßt etwas los und wenn es seine zweite Niere ist. So läßt es sich auch noch die letzten Reste seiner legitimen Daseinswünsche entwinden – seine Gesundheit, sein Leben, sein Obdach oder seine Bindungswünsche und seine Vergangenheit. Laß einfach los.
Diogenes bleibt ja in der Stadt, er hat ein Obdach, er bleibt gebunden – sozial, denn er will mit seinem Beispiel einwirken auf das, woran er sich gebunden fühlt. Das prekäre moderne Individuum verurteilt sich nun auch für diesen letzten Rest Beharrungsvermögen. Es gibt alles freiwillig und leicht her. Wo der Stoiker mit seiner Überzeugung etwas anstrebt, nämlich die stabile Grundlage für Sozialität, wirft der erfolgreich Vereinzelte nun selbst diesen Besitz, oder zumindest Wunsch, gern und leicht über Bord. Hier wird um nichts mehr gerungen. Jeder Außenanspruch ist eine illegitime Anklammerung an etwas, worauf nicht im mindesten Anspruch besteht. So – gänzlich allen Strebens entkleidet, muß es sich mit Schmerz nicht mehr auseinandersetzen. Es läßt ihn einfach los. Denn Leben und Sterben ist gleich und einerlei. Das ist die demütige Bewegung des Gedemütigten, der dem Leben nicht einmal mehr Eigensinn abtrotzt.“

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