01 | Januar

Die Passanten ziehen die Köpfe in die Kragen.
Die längste Zeit des Tages herrscht Dunkelheit.
Ein kalter Hauch aus Ost weht durch die Strassen.
Auf den Fersen folgen die Schatten der Vergangenheit.

Das neue Jahr startet langsam.
Es ist erst ein paar Tage alt
und beim Spazieren
wird die Nasenspitze feucht und kalt.

Um Glanz, Licht und Träume einzufangen
kann man auf brilliante Monitore starren,
die millionenfache Farbexpositionen starten.
Trotzdem wiegt der Klang des Schweigens
in der Finsternis um vieles mehr
und ein jeder trägt daran
unaussprechlich schwer.

Mascha Kaléko | Nekrolog auf ein Jahr

Nun starb das Jahr.
Auch dieses ging daneben.
Längst trat es seinen Lebensabend an.
Es lohnt sich kaum, der Trauer hinzugeben,
Weil man sich ja ein neues leisten kann.

Man sah so manches Jahr vorüberfliegen,
Und der Kalender wurde langsam alt.
Das Glück gleicht eleganten Luxuszügen
Und wir der Kleinbahn ohne Aufenthalt

Im Wintersportgebiet hat’s Schnee gegeben.
Wer Hunger hat, schwärmt selten für Natur.
Silvester kam. Und manches Innenleben
Bedarf jetzt fristgemäß der Inventur.

Wir gossen Blei und trieben Neujahrspossen.
(Minister formen meist den Vogel Strauß)
Was wir im letzten Jahr in Blei gegossen,
Das sah verdammt nach Pleitegeier aus.

Das Geld regiert.
Wer hat es nicht erfahren,
Dass Menschenliebe wenig Zinsen trägt.
Ein braver Mann kann höchstens Worte sparen. …
Wenn er die Silben hübsch beiseitelegt.

Die Freundschaft welkt im Rechnen mit Prozenten.
Bald siehst du ein, daß keiner helfen kann.
Du stehst allein. Und die dir helfen könnten,
Die sagen höchstens: „rufen Sie mal an!“

Nun starb ein Jahr.
– Man lästre nicht am Grabe!
Doch: Wenn das Leben einer Schule gleicht,
Dann war dies Jahr ein schwachbegabter Knabe
Und hat das Ziel der Klasse nicht erreicht.

195 | Antwort

Ich rufe in die Welt,
aber sie antwortet nicht.
Vermutlich, weil die verkaterte Welt
gerade vor dem „Tatort“ sitzt.

Schopenhauer und Kaléko
haben heute meinen Kopf besetzt.
Durch den jetzt abends der Gedanke an
die Absurdität des Lebens flitzt.

Habe Jahrzehnte mit Dir
an einer Familie gebaut
und den klanglosen Abschied
daraus noch nicht verdaut.

Wozu war, was ich tat, gut?
Wo find ich Sinn und Mut?
Ich legte Stein auf Stein,
trotzdem – mein Haus brach
unvermittelt ein.

Und auch im Raffen
liegt kein Schaffen.
Haltlos im Strom der Zeit
ist „Heute“ morgen schon
„Vergangenheit“.

194 | Die Nacht fällt früh

Es ist Winter.
Die Nacht fällt früh.
Tappe in die Küche.
Greife einen Löffel
aus der staubigen Schublade.

Der Zeiger der Uhr schleicht
langsam in der Dunkelheit voran.
Puste in die bunte Suppe.
Schlürfe die heisse Brühe.
Stelle den leeren Teller
auf den Schrank.

Es ist still.
Niemand ruft an.
Höre dann Stings „Englishman“.
Die Zeit vergeht, bis ich
schliesslich in mein Bett kriech‘.
Morgen fängt dann
ein neuer Tag von vorne an.

193 | Zwei Schollen auf dem See

Zwei Schollen treiben in der Dämmerung
auf dem eisigen See.
Ein Silberreiher landet in der Astgabelung.
Gottt und ich stapfen
auf dem morastigen, schwarzen Weg.

Die Bude ist uns zu teuer.
Wir trinken bei mir Tee.
Ein Jahr klingt langsam aus.
Wir sprechen von Renovierungs-
und Reiseplänen.

Im nächsten Oktober
soll’s nach Sizilien gehen.
Dann sind wir hoffentlich alle geimpft
und können der Welt wieder begegnen.
Die Aussicht macht uns Lust,
ins neue Jahr zu sehen.

192 | Wenn ich

Wenn ich morgens
in den Spiegel schau
und den Schlaf mit kaltem
Wasser austreibe,
erkenne ich das Gesicht
vor mir nicht.

Ich wende dann schnell den Blick
und sehe mich stumm suchend um,
ob ich mich irgendwo erblicke.
Doch als Du damals gegangen bist,
hast Du mich mitgenommen.

Hier wohnt nur noch die Hülle,
die leer zurückgeblieben ist.
So muß es wohl sein,
denn tagaus und tagein,
finde ich mich nicht ein.

Ich sehe in die fremde Miene
und entdecke mich nicht.
Wenn ich dann am Abend
Zähne putz,
bin ich in tausend
Splitter zerstreut
und meine Seele gurgelt
mit dem Spuckwasser in den Abfluß.

Und ruhe ich dann
auf dem Kissen,
hat die Nacht
keine Träume mehr.
So sind die Tage,
wie die Nächte – leer.