Über die Doretten

Meine Familie mütterlicherseits, entstammt einer Tradition von, je nach Betrachtung des Zeitgeists, weiblichen Underdogs mit Streben nach „höherer“ Bildung – den Doretten.

Zurückverfolgen können wir die erste und sehr ungewöhnliche Dorette in dieser Linie zu unserer Ururgrossmutter Ida-Dorette Mumm, geb. Michels, die einer schleswig-holsteinischen Kaufmannsfamilie entstammte  Sie wurde, laut Familienlegende, auch „Gemeinde Dorette“ genannt, da ihr Mann August Mumm, zwar qua seines Amtes der Gemeindevorsteher war, sie jedoch die Geschicke der Gemeinde in Wahrheit lenkte und dies ausserordentlich tüchtig und geschickt. So lag im Spitznamen „Gemeinde Dorette“ , den ihr die Mitglieder des Landkreises gaben, sicher eine Mischung aus Anerkennung und Spott, natürlich auch für ihren Mann. Dorette erstaunte ihre Zeitgenossen überhaupt mit ihrem ungewöhnlichen und ungebührlichen Verhalten, so verdiente sie als eine der ersten Frauen am Ort ihr eigenes Geld, was an sich in der 2. Hälfte des 19. Jhdts schon etwas sehr besonderes war. Sie tat dies indem sie im Sommer Badegäste aufnahm – heute ist der Ort Dahme ein bekannter Badeort an der ostholsteinischen Ostseeküste. Echtes Erstaunen löste sie aber dadurch aus, dass sie dabei erkannt wurde, als sie im Winter in einer Postkutsche gen Italien abreiste, um auf Goethes Spuren zu wandeln – allein ohne Mann und Kinder! Sie kam am Ende Ihrer Reise wieder, doch muss sie eine außergewöhnliche und unabhängige Frau gewesen sein. Der nächsten Generation war sie ein Dorn im Auge, besonders ihre Schwiegertochter ließ kein gutes Haar an Ihr, was diese aber nicht daran hinderte ihre einzige Tochter „Elisabeth Dorette“ zu nennen. Allerdings rieb sie ihrer Tochter auch bei jeder Gelegenheit deren Ähnlichkeit mit ihrer Großmutter unter die Nase und das war nicht als Kompliment gemeint, insbesondere deshalb nicht, weil die Familie schon auf ein streng deutschnationalen Kurs eingeschwenkt war und bei der Ergründung über die Abkunft der Ahnen in Richtung Ida Dorette lieber nicht weitergeforscht wurde, da sie eine jüdische Abstammung vermuteten und das paßte peinlicherweise nicht zu ihrem Antisemitismus…

Elisabeth Dorette – „Elise“ , die Enkelin, hatte es zuhaus nicht leicht, a) weil sie ein Mädchen war – wenn auch das einzige neben drei Brüdern und b) weil sie Flausen im Kopf hatte, die auch die Dorfjugend gegen sie aufbrachte: Einmal war eine Opernsängerin unter den Sommergästen gewesen, mit großen Augen und Ohren hörte Elise diese am Strand singen und üben. Während sich das ganze Dorf belustigte, wünschte sie sich nun sehnlichst Opernsängerin zu werden. Da war sie natürlich verschrien und man fiel aus diesem und anderen Gründen über sie her, verdrosch und verlachte sie. Das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter war ein Leben lang gestört und von großer Lieblosigkeit unserer Urgroßmutter ihr gegenüber gekennzeichnet. Besser wurden die Zeiten für Elise erst, als Sie zu einer Gastmutter nach Kiel geschickt wurde, um dort das Lyceum (eine reine Mädchenschule) zu besuchen und das Abitur zu machen. Sie kostete ungeahnte Freiheiten, hatte ein liebevoll inniges Verhältnis zu der Kielerin und genoss, von dieser geduldet und ermutigt, auch so manches Tanzvergnügen. So lernte sie unseren Großvater kennen. Er entsprach ganz dem Schöhnheitsideal des deutschnationalen Zeitgeistes dem leider auch Elise anhing und verliebte sich in die junge Frau mit den dicken, dunklen, krausgelockten Haaren. So wurde Elise Dorette leider nicht Opernsängerin, sondern  BDM-Führerin aus Überzeugung und in dem barbarischen Kapitel der jüngeren Geschichte, lebte sie als Frau eines Offiziers ein relativ sorgenfreies Leben bis zum Ende des Krieges, da kehrte sie als Flüchtling mit ihren Kindern und später auch ihrem Mann an den Ort ihrer Kindheit in eine Zeit der Not zurück.
Im hohen Alter berichtete sie, unter den Offiziersfrauen hätte sie sich immer unsicher gefühlt und sich für ihre Erscheinung geschämt, so wie sie ihr Leben lang ihren zweiten Namen „Dorette“ verbarg.
Zwar wäre sie zu Beginn der Nazizeit statt Opernsängerin auch gern Kindergärtnerin geworden, doch das wurde ihr verwehrt. Stattdessen tat sie, was damals erwartet wurde, sie gebar vier Kinder – zwei Mädchen und zwei Jungen. Das dritte Kind, meine Mutter, nannte sie nicht Dorette, aber Doris. Wie sie es selbst erfahren hatte, zog sie ihre Kinder zwar pflichtbewusst groß, doch ein herzliches, liebevolles Verhältnis gelang ihr nicht. *)

Unsere Mutter Doris floh daher schon mit 14 von zuhaus in eine landwirtschaftliche Lehre und holte höhere Bildungsweihen dann im Laufe ihres Lebens bis zum Studium der Philosophie und Pädagogik nach. Aus ihren 2 Ehen stammen meine zwei Geschwister und ich. Teilweise erzog uns unsere Mutter allein und das stets meinungsfreudig und diskussionsfördernd.

Sich nicht anzupassen, den Mainstream kritisch zu durchleuchten, sich selbst und Rollenerwartungen zu hinterfragen, das waren die Prinzipien ihrer Erziehung. Sie stellte irgendwann ernüchtert fest, das ihr diese Erziehung gründlicher als erwartet gelungen war und fand sich damit ab, dass wir Kinder nun unsere und nicht ihre Vorstellungen von unserem Lebensweg verwirklichten.

Ursprünglich war dieser Blog als Projekt meiner Schwester und mir geplant, doch die Dinge haben sich anders entwickelt. Trotzdem möchte ich in diesem Blog mit meinem – zugegebener Weise – sehr subjektiven Blick auf die Welt und auf die weniger stark im Fokus der (ver)öffentlichten Meinung stehenden Nachrichten und Gedanken – zur Diskussion, zum Nachdenken und zum Lächeln oder Lachen einladen, gerne mit Gastbeiträgen von  Menschen, die meinen, sie haben einen Beitrag dazu.

Sabine Rahe

*) Ich füge an, dass ich das Beispiel der Elise-Dorette abschreckend finde, es aber exemplarisch für ihre Zeit anführe: Es ist scheint leichter, sich für die Täterseite zu entscheiden. Und das macht die Auseinandersetzung mit der Generation unserer Grosseltern, die den Faschismus und Barbarismus auslebten, auch in unserer Zeit wichtig, weil es auf uns selbst verweist.
Hierzu möchte ich auch auf den Film: Meine Familie, die Nazis und ich aufmerksam machen.

Nachtrag, 15.04.14
Der obige Text stellt allein meine Sicht auf die genannten Persönlichkeiten dar, er erhebt weder Anspruch auf Vollständigkeit, noch als einzig mögliche Sicht und Wertung der Persönlichkeiten der Doretten. Trotz aller „wir“ und „uns“ im Text, möchte ich betonen, dass ich hier weder im Namen, noch in einer durch meine Geschwister autorisierten Weise über unsere Herkunft schreibe.