19.03.2016 | Zum Equal Pay Day: Divide et Impera* oder die „Mütter sind sowieso immer schuld“

Heute ist wieder „Equal-Pay-Day“ insofern ein schmerzlicher Tag für uns Frauen, weil er uns daran erinnert, dass wir von der Emanzipation, der (Selbst-)Befreiung und gerechter Lebensverhältnisse weltweit, quer durch alle „Kulturen“ soweit entfernt sind, wie die Sonne vom Mond. (Wobei ich sagen muß, dass mich persönlich Männer „anderer“ Kulturen weit wertschätzender und freundlicher behandeln, als die meisten Altersgenossen/-innen meiner Peergroup). Und das wird so bleiben, solange Frauen auf das Prinzip Hoffnung setzen, solange wir uns aufspalten lassen und nicht gemeinsam voran gehen. Neid und Mißgunst untereinander, die Verinnerlichung des Konkurrenzprinzips, macht es den „Herrschenden“ möglich, dies fortzusetzen und fortzusetzen. All der Stolz in der westlichen Welt auf die Errungenschaften der Emanzipation ist eine Form von Selbstbetrug. Prekäre Beschäftigungsverhältnisse und (Alters)-Armut, Verhinderung von Zugang zu Bildungschancen sind weltweit (zwar nicht nur) „Frauen“-Probleme, doch überwiegend. Solange wir uns einreden lassen, dafür trügen wir schliesslich selbst die Verantwortung, solange wir mitmachen bei der systematischen Entmutigung und Entwertung und Entrechtung, solange wir unseren Müttern die Verantwortung für unser Unglück zuschreiben, solange wird sich daran auch nichts ändern. Solidarität, ein Begriff, der weil nicht erfahren, bei „uns“ nur müdes Achselzucken hervorruft.
Wir lassen uns in ein „Hauen-und-Stechen“ hineinziehen, dabei werden verschiedene Lebensmodelle zum Teil mit religiösem Eifer vertreten und einander gegenseitig übergestülpt oder angetragen. Es gibt dafür viele Beispiele, wir erledigen dabei das Geschäft der „Herrschenden“.

Ein Beispiel aus der jüngsten Zeit – die Kritik an dem Film „Suffragette“, soweit ich das verfolgt habe, ist zum größten Teil einfach dümmlich. Ein Hauptvorwurf, die Story anhand einer Arbeiterinbiografie zu erzählen, sei verfehlt, schliesslich sei die Bewegung „bürgerlichen“ Ursprungs. Ja, selbstverständlich ist der Ursprung „bürgerlich“, das hat was mit dem Zugang zu Bildung zu tun. Auch Karl Marx hatte einen bürgerlichen Bildungshorizont, deswegen ist die Arbeiter(innen)bewegung doch nicht bürgerlich oder liesse sich anhand Marx Biografie erzählen. Der Film zeigt aber nicht nur kämpferische Frauen, sondern vor allen Dingen solidarische Frauen quer durch alle Schichten/Klassen und alle Altersstufen.
Was mich persönlich sehr berührt hat in dem Film, waren die Druckmittel und Entwertungsstrategien der „Herrschenden“, die sich in all den vielen Jahren kaum geändert haben. Frauen versuchen durch Bettelei, Unterwürfigkeit und Wohlverhalten zu retten, was zu retten ist – andere Frauen, ihre Kinder. Sie werden dumm gehalten, konkret und subtil bedroht, dämonisiert und pathologisiert oder verniedlicht. (Meist folgt dann daraus der Vorwurf, sie seien manipulativ und intrigant). Solange Frauen keinen Zugang zu ökonomisch angeglichenen Verhältnissen haben, wird sich daran nichts ändern und dafür werden Frauen solidarisch eintreten müssen, sonst ändert sich daran nichts. Hierbei geht es nicht um existenzsicherndes Netzwerken, sondern die Einsicht, das wir Frauen uns miteinander global solidarisieren (und kämpfen ;)) müssen.

Welche von uns glaubt, das sei Schnee von gestern, sitzt der Täuschung auf, die das „Heilsversprechen“ der neoliberalen Wirtschaftsordnung ist – „jede(r) ist seines Glückes Schmied“ und unterwirft sich dem gnadenlosen, isolierten und für Frauen nicht zu gewinnenden Wettkampf, um die besten Plätze an der Sonne, bei dem die Frauen die Verlierinnen sein werden – aus dem einfachen Grund, dass die „Herrschenden“ etwas anderes zu verhindern wissen. Liebe Frauen, laßt Euch nicht ins Bockshorn jagen, schweigt einander nicht tot, zieht Euch mit. All die „schlimmen, bösen“ Mütter und Frauen vor Euch, die starken „verrückten“ und weniger starken Frauen sind für Euch eingetreten von Hedwig Dohm über Simone de Beauvoir, bis Rosa Luxemburg und Emiline Pankhurst. Aber auch die vielen unbekannten, namenlosen. Keine ist besser oder schlechter.

Solange wir einander sagen: „Du hast blaue Flecke – das ist doch nichts, andere werden noch viel mehr geschlagen, geh‘ zurück nach hause.“, solange wir uns gegenseitig entwerten und Entwertungen zulassen, solange wir zulassen, dass Mädchen ausschließlich für ihre Niedlichkeit gelobt werden, solange wir zulassen, dass bei Frauenäußerungen in der Öffentlichkeit auf Nebengleise, wie „Attraktivität“ abgehoben wird, solange Frauen sich für blöd und als „feministische“ Theorie verkaufen lassen, Frauen hätten sich den (erotischen) Projektionen der Männer zu unterwerfen, um diese zu befreien (nichts anderes als Prostitution), solange Männer damit bei Gericht durchkommen, dass sie Gewalt gegenüber Frauen zu deren eigenem Schutz ausüben, solange Frauen sich sagen lassen „Du hast blaue Flecke, er auch“, wenn sie sich gegen Gewalt wehren, solange sie sich sagen lassen: „Sei froh, dass Du überhaupt etwas bekommst, Du bist ja nicht einmal Mutter“, wenn sie nach einem prekären Berufsleben vor die eheliche Tür gesetzt werden, solange wir auf uns selbst projezieren, wir seien schlechte, verdorbene, verschlingende, manipulative Frauen, Menschen und Mütter, solange wir einander nicht die Hand reichen, sondern auseinander dividieren lassen, solange wir glauben unser Recht auf Menschenwürde „gut verpacken und verkaufen“ zu müssen, statt dafür klar, direkt und ohne Umwege und miteinander einzustehen, solange wird sich auf diesem Planeten nichts ändern.

Und das hat mit narzistisch-egozentrierter „Selbstverwirklichung“ nichts zu tun, es geht hier um Lebensnotwendigkeiten, um Gerechtigkeit und Menschenwürde.

* Teile und Herrsche

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Ergänzungen:
„Analysen der Berufe zeigen typische Mechanismen: immer dann, wenn ehemals den Frauen zugeordnete Berufe zu einer Männerprofession wurden, erhöhte sich der Status dieser Berufe, während der umgekehrte Prozeß, bei dem ein ehemaliger Männerberuf zu einem Frauenberuf wurde, immer zu einer Statusminderung des neuen Frauenberufes führte (Gildemeister, Wetterer, 1993). “ – was mit einem Absinken der Löhne, Gehälter und Honorare einhergeht und gegangen ist. Beispiel – Architekten/-innen http://library.fes.de/fulltext/asfo/00545002.htm

Die Abwertung eines Berufes als „Frauenberuf“ führt direkt über den Statusverslust zu geringerer Bezahlung – Beispiel: „Der Chef des Berliner Unfallkrankenhauses Axel Ekkernkamp befürchtet eine Abwertung des Arztberufs, wenn vor allem Frauen im Arztberuf arbeiten. “ „Zum anderen wird davor gewarnt, dass Männer in andere Tätigkeitsbereiche abwandern, die bessere Karrierechancen und vor allem bessere Gehälter versprechen, und der Beruf des Arztes oder Richters so an gesellschaftlichem Ansehen verliert.“ http://www.boeckler.de/43284_43293.htm

„Gerade im Alter zwischen 30 und 50 Jahren werden viele Frauen zunehmend vom Einkommen ihres Partners oder staatlichen Transferleistungen ökonomisch abhängig und können trotz beruflicher Qualifikation und hoher Motivation ihren Lebensunterhalt nicht erwirtschaften“, schreiben die Autoren der Studie.

Nur zehn Prozent der Frauen dieses Alters und nur sechs Prozent der verheirateten Frauen haben ein eigenes Nettoeinkommen von über 2000 Euro, bei den Männern sind es 42 Prozent. Die Spanne zwischen den Bruttostundenlöhnen von Frauen und Männern wächst in dieser Altersgruppe von neun auf 27 Prozent an – auch deshalb, weil nur noch 39 Prozent der Frauen in Vollzeit erwerbstätig sind.“
http://www.welt.de/politik/deutschland/article153425567/Frauen-fuerchten-existenzielle-Abhaengigkeit-im-Alter.html

Empfehlung: http://www.mathilde-frauenzeitung.de/archiv%281%29/084-02amanfang.html

Fazit: Höhere Einkommen sichern gesellschaftlichen Status, Ansehen, Macht und Einfluß. Es ist ein Vorurteil, dass die Unterschiede und Ungleichheiten hier mit unterschiedlichen Fähigkeiten und Begabungen der Geschlechter begründet werden können. Es geht um eine Absicherung patriachaler Macht innerfamiliär, wie gesellschaftlich. Solange Frauen hier auf das Prinzip Hoffnung setzen, statt auf Solidarisierung (Nachtrag: Und Kampf, danke MD), solange wird sich daran nichts ändern.

Honigquellen 22-32 & Severn Cullis-Suzuki

Webfundperle
Severn Cullis-Suzuki at Rio Summit 1992

Dokumentationen: Gustl Mollaths Fall und water makes money

Hier die unbedingt sehenswerte ARD-Dokumentation um Gustl Mollaths Fall der unter skandalösen und erschütternden Umständen in die Psychatrie abgeschoben wurde und der aktuell mindestens noch ein weiteres Jahr dort verbleiben soll, ohne Chance auf ein Wiederaufnahmeverfahren. Wurde Gustl Mollath seiner Freiheit und seines Hab und Guts beraubt, weil er mutig kriminelle Machenschaften aufdecken wollte? Welche Rolle spielen Justiz und Steuerbehörden Bayerns in diesem Fall?
Wer Gustl Mollath unterstützen möchte, kann dies unter anderem mit seiner Unterschrift bei der laufenden onlinepetition tun: https://www.openpetition.de/petition/online/freiheit-fuer-gustl-mollath

Mein zweiter Tipp ist diese arte-Dokumentation über das Geschäft mit dem Wasser und wie die Bürger und Kommunen dabei skrupellos über den Tisch gezogen werden und um den Zugang zu dieser Resource fürchten müssen: Weiterlesen

Perle vom 14.11.12

Hier zum Nachgucken: Erwin Pelzig erklärt die internationalen Verflechtungen und den Einfluß von Goldman Sachs (wichtigstes Bankhaus der USA) auf die Politik und umgekehrt (Neues aus der Anstalt, 13.11.12).

Auf eine ähnliche Analyse warten wir noch für die deutsche Bank…