05.08.2017 | Nachdenken über eine Leitkultur II


Elise Dorette, meine Grossmutter, ca. 1916

Was einem alles in unserem Land passieren kann.
Als ich als junge Frau vor circa 30 Jahren meine erste, eigene Wohnung bezog, wollte ich, um mich gegen einen Stalker zu schützen, einen Sperreintrag beim Melderegister beantragen, um meine Anmeldung nicht ohne weiteres suchbar zu machen.
So etwas muss beim Amtsleiter begründet und beantragt werden, ist aber eigentlich eine Formsache. Zu der Zeit trug ich einen ungewöhnlichen Nachnamen.
Ich saß also vor dem Herren und trug ihm mein Anliegen vor. Er legte den Kopf zu Seite und sagte: „Sind Sie denn überhaupt Deutsche?“ „Ja, selbstverständlich. Von Geburt an. Es steht in sämtlichen Dokumenten, einschliesslich Geburtsurkunde, meinem Personalausweis und Pass.“ Er antwortete: „Das ist kein Beweis. Sie müssen nachweisen, dass bereits ihre Mutter von Geburt an zu recht die deutsche Staatsangehörigkeit besaß – also ihr Grossvater bereits Deutscher war.“ Nun befinden wir uns zeitgeschichtlich in der Generation der Nazizeit. Ich war erschüttert und zutiefst verängstigt, gleichzeitig empört.

Ich hatte also plötzlich einen sogenannten Staatsangehörigkeitsausweis zu beantragen. Das ist ein Dokument, das mit erheblichen Kosten zu seiner Ausstellung verbunden ist und dann lediglich für den Zeitraum von zehn Jahren dokumentiert, dass man die deutsche Staatsangehörigkeit zu recht besitzt. Dieser Schikane begegneten wir, indem wir den noch vorhandenen Ahnenpass (Ariernachweis), den meine Grossmutter aufgehoben hatte, vorlegten und den sie mir mal als Zeitdokument gegeben hatte, als ich sie zu der Vergangenheit in der Nazizeit befragte. Daraufhin erhielt ich nach einiger Zeit den Staatsangehörigkeitsausweis.
Begründung für den Vorgang war, als Amtsleiter hätte er zu ermitteln.

Als ich dies meiner Tante kürzlich erzählte, meinte sie, der Sohn eines Cousins meiner Mutter würde immer wieder bei Einlaßkontrollen aufgrund seines Phänotyps abgewiesen.
So setzen sich Rassismen fort. Dabei läßt sich schwer erkennen auf welcher Basis solche „exotisierenden“ Reduktionen auf Äußerlichkeiten, wie  – dickes, lockiges Haar stattfinden.

04.08.17 | Nachdenken über deutsche Leitkultur I

Was einem mit meinen Landsleuten passieren kann…

Neulich auf der Strasse in der glühenden Mittagshitze eines Tages Anfang Juli an der Kreuzung am Platz der Luftbrücke beobachtete ich eine Gruppe angestrengter, älterer, behelmter, offensichtlich ortsunkundiger Fahrradlerinnen, die nach Orientierung suchten. Ich machte einen Schritt auf sie zu, hielt aber gebührend Abstand und fragte freundlich, was sie denn suchen würden, vielleicht könne ich helfen.
Zunächst keine Reaktion.
Dann, nachdem ich mein Angbeot wiederholte, antwortete eine Frau mit ziemlicher Herablassung: „Nein,“ Verweis auf einen verbissen im Plan suchenden Herren – „der ist Berliner, der kennt sich aus.“
Ich lachte und sagte – „Ich bin auch Berlinerin.“
Sie – nachdrücklich:
„Das sieht man.“

Ich war verdattert und ging weiter. Ich, etwa gleichen Alters, graues Haar, trug recht unauffällige und gepflegte Kleidung an diesem Tag, war ob des Sonnenscheins bestens gelaunt und ärgerte mich über meine Hilfsbereitschaft, die mir so vergolten wurde. Ob wir Deutschen je ein Maß zivilisierter Höflichkeit und guten Benehmens erreichen? Wieso sollen wir da überhaupt über Leitkultur diskutieren?